Wellenlängen und Einheiten

Ich hab’s nicht so mit der „High Society“. Da gibt’s sicher nette Menschen wie überall sonst auch, aber ich hab bisher keinen Grund gefunden, mich privat oder als Taxifahrer auf irgendwo in deren Kreisen zu bewegen. Am Ende gibt’s doch nur Knatsch, weil ich „nur“ Opel fahre. Entsprechend skeptisch war ich, als ich heute Nacht hinter dem SonyCenter zwischen den geparkten schwarzen Maybachs und Pheatons rangewunken wurde. Aber natürlich hab ich mich über Kundschaft gefreut.

Diese Kundschaft bestand aus einem zusammengezählt 150 Jahre alten Paar, dessen Abendgarderobe mich schätzungsweise 2 Jahre Vollzeit-Arbeit gekostet hätte. Statt aber streng die Rostflecken am Türschweller der 72 zu bemängeln, hüpften die beiden fast schon ins Auto und gaben gutgelaunt das Hilton als Fahrtziel an. So denn! Hätte eine Kurzstrecke werden können, aber ich hab mir schon gedacht, dass Nachfragen nicht nötig sein würde.

Das Eis war schnell gebrochen, als die Dame mir irgendwas von „Rosenstraße“ sagte und ich verdutzt nachfragte, ob sie wirklich das Hilton meinten oder gar ein anderes als das von mir angedachte. Sie lachte über ihr schlechtes Deutsch, ich erklärte ironisch, dass ich natürlich gerne eine Stadtrundfahrt machen würde … wie sowas halt passiert. Auf der kurzen Strecke scherzten die beiden über die Kleinwagen der Polizei in Berlin und es war wohl sowas wie eine Seniorenzote, als der Mann erklärte, ich solle heute pünktlich Feierabend machen, um zu Hause nett zu meiner Freundin zu sein – weil doch Tag der Einheit wäre.

Es war tatsächlich meine letzte Tour und sie hat Spaß gemacht, muss ich ja zugeben. Am Ende bin ich zum Bezahlen tatsächlich schnell aufgesprungen, um dem Herrn die Türe zu öffnen. Natürlich nicht, um mich einzuschleimen:

„Vielen Dank, junger Mann. Sehr guter Service.“

„Vielleicht auch. Aber eigentlich ist auf dieser Seite die Kindersicherung drin und ich wollte verhindern, dass Sie das persönlich nehmen.“

Wenn man einmal auf der richtigen Wellenlänge ist, geht alles. 🙂

7 Kommentare bis “Wellenlängen und Einheiten”

  1. breakpoint sagt:

    Als ich den Titel gelesen habe, dachte ich, es ginge darum, dass man üblicherweise Wellenlängen in der Einheit Meter angibt.
    War das beabsichtigt?

  2. ichso sagt:

    Bei der Überschrift hab ich Blaulicht und Bußgeld befürchtet.

  3. elder taxidriver sagt:

    Apropos ‚High Society‘:

    Die Moserei der Fahrgäste über Fahrzeugtyp, Wegstrecke, dass man die Straße nicht kennt, dass man nicht den ‚ kürzesten Weg‘ fährt
    ( so wie der Bus immer fährt..) und und und.. das ist ja etwas typisch Kleinbürgerliches. Die ‚besseren Kreise‘ wissen meist doch wie man sich benimmt und machen sich nicht wegen solcher Kleinigkeiten zum Kasper.
    Und wenn doch: Dann sind es eben keine besseren Kreise..

    Nach meiner Privat-Definition ist ein Fernseh-Promi per se natürlich keine High Society.
    Vielleicht aber ein Mitglied der Akademie der Wissenschaften, oder der Direktor der Staatlichen Schlösser und Gärten oder der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ( incl. Ehefrauen) um nur diese drei Beispiele zu nennen.

  4. Sash sagt:

    @breakpoint:
    Natürlich war das beabsichtigt. Es hat so gut gepasst mit „der Einheit“ und „derselben Wellenlänge“, da konnte ich mir diese falsche Fährte nicht verkneifen. 🙂

    @ichso:
    Auch eine interessante Interpretation. 🙂

    @elder taxidriver:
    Ja, „bessere Kreise“ sage ich auch nur ungern. Es ist ohnehin ein Unding, Menschen nach ihrem Geld in Gut oder Schlecht einteilen zu wollen. Auch „High Society“ ist da schwierig, wobei sich ein gewisses Machtgefälle anhand von Einkommensverläufen ja durchaus nachweisen lässt, deswegen find‘ ich es gemäß der natürlich auch kritisierbaren Einteilung zwischen oben und unten immerhin ein bisschen besser. Da gibt es aber zweifelsohne fundiertere und komplexere Analysen und Einordnungen, die mich aber ehrlich gesagt allenfalls am Rande interessieren. Wir haben vermutlich alle verschiedene Bilder im Kopf bezüglich der Begriffe und müssen wohl damit leben. 🙂

  5. hrururur sagt:

    Ich finde schon, dass es eine „höhere Gesellschaft/high society“ gibt. Und das hat mal gar nix mit Geld zu tun, sondern mit Wertschätzung von Dienstleistungen. Auch im billigsten All-Inklusiv-Hotel findet man Gäste, die wertschätzen, dass die Putzfrau hinter ihnen her putzt und nicht alles voll müllen und sich auch bei Sprachproblemen zumindest mit einem Lächeln bedanken, wenn sie sie sehen. Und auch in den teuersten Kreisen findet man Leute, die ihren Chauffeur seine Cola am Katzentisch selbst bezahlen lassen.

    Mein Opa ist mehr oder weniger zufällig Mitglied eines sehr sehr exklusiven Golfclubs. Dort stehen btw ganz selbstverständlich klapperige alte Polos neben nagelneuen Lambos, je nachdem, ob der Halter adlig ist(klappernder Auspuff gehört da zum guten Ton, glaube ich. Das sind echt Schrottmühlen, die vorm nächsten Tüv zittern oft) oder Geldadel(die fahren aber eher unauffällige teure Autos, Maybach(:herzchen: ) und so) oder eben neureich. Egal, auf jeden Fall sind da ja immer mal Weihnachtsfeiern und da die selten trocken sind, lässt man sich fahren. Im Allgemeinen vom Chauffeur. Ich hatte auch die Ehre, Chauffeur haben meine Großeltern nicht, nur ein Mädchen für alles, mich(immerhin zahlen sie ganz gut 😛 ). Und weil wegfahren nicht lohnt und auch nicht üblich ist, sitz ich immer mit den Chauffeuren(egal ob gemietet oder fest angestellt) am Katzentisch und hab Spaß. Manchmal darf ich auch mit den Autos ne Runde um den Block fahren. So’n junges Mädel fasziniert die irgendwie, obwohl ich Sashs Ausmaße hab ungefähr(sorry Sash). Bis auf den Maybach war ich immer froh, wenn ich da wieder raus war, gerade Sportwagen sind definitiv nicht meins. Auf jeden Fall haben die viele gute Geschichten auf Lager und ja eigentlich nur aus den „höheren Kreisen“ und teilweise ist das echt krass, was gerade die Neureichen oder die „Berufssöhne/-töchter“ sich so leisten ihrem Personal gegenüber. Ich muss mein Klo selber putzen und gelte als arm, aber ich hab trotzdem gelernt freundlich zu allen zu sein, gerade zu denen, die für mich arbeiten müssen. Seit ich da einige Storys gehört habe(ich möchte davon nicht unbedingt was öffentlich preis geben, deswegen die Colageschichte) definiere ich „höhere Gesellschaft“ nur noch über das Benehmen und nicht über Geld und Status. Benehmen kostet nix. Und damit meine ich nicht mal Knigge(den es in der Form eh nicht gibt), sondern einfach nur normalen guten Umgang.

    Und so Leute hattest du im Taxi. Denen ist es total egal, ob das Auto rostig ist oder vorhin noch wer reingekotzt hat. Du hast sie mit einem sauberen Auto abgeholt und warst freundlich und das zählt und sonst gar nix. Ein sehr angenehmer Typ Mensch, wie ich finde

  6. elder taxidriver sagt:

    Sauber beobachtet und Kurzroman daraus gemacht, da kann man nicht meckern.

    Und obwohl es Sash nur am Rande interessiert, hier noch ein Graf Bobby-Witz über das Verhältnis zwischen Adel und Mensch:

    ‚Herr Graf, ich glaube, wir kriegen Regen‘.

    ‚Sie kriegen vielleicht Regen, Johann, und ich kriege Regen, aber bestimmt nicht wir beide‘.

  7. hrururur sagt:

    Jaa, ich laber halt gerne

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