Warschauer …

Das ist so in etwa das, was die Kollegen einander zurufen, wenn sie wegen einer Fahrt vom Ostbahnhof aus unglücklich sind. Und wenn man es nicht mit absolut deprimierten Tonfall tut, dann ist das ja sogar eine nette Möglichkeit, zwar dem Kollegen zu signalisieren „Naja, nicht so toll – bin gleich wieder da!“ ohne dass es die Kundschaft mitkriegt, bzw. versteht.

Ich mache das in der Regel nicht, ich hab nämlich nichts gegen kurze Fahrten. So gesehen hab ich mich auch gar nicht gewehrt, als die Mädels vor meinem Taxi ins Gackern verfallen sind und wild gestikulierten, dass sie gerne in die Warschauer Straße wollten, aber zu fünft wären, blabla, geile Party, eilig, S-Bahn doof, BITTÖÖÖÖ!

„Alles kein Problem, ehrlich! Ich hab 5 Sitzplätze. Der hintere ist zwar etwas eng, aber wir kriegen das alles ohne Probleme hin!“

„Des is ja auch noch Kurzstrecke, oder?“

*plopp*

Das ist das Geräusch, wenn die Hoffnung auf Trinkgeld zerplatzt. Und die Hoffnung auf gut gelaunte Kundschaft noch dazu. Die Kurzstrecke kann man nicht vom Stand aus fahren. Und während ich die Idee sonst ziemlich gut finde, sind die ständigen Anfragen danach das einzige, was ich nicht leiden kann. Dieser Spezialtarif ist für Ausnahmefahrten gemacht, aber kaum dass man ihn aus gutem Grund ablehnt, denkt die Kundschaft, man wolle sie über’s Ohr hauen, ihnen was verwehren, etc.

Aber gut, erst einmal Ruhe in den Haufen bringen!

„Nein.“

„Nein?“

„Schön, dass ihr zuhört. Also: Kurzstrecke vom Taxistand aus ist nicht. Da braucht ihr mich auch nicht zu überreden versuchen, das ist nicht erlaubt, Ende! Aber …“

Da haben sie dann wirklich gespannt zugehört. Sehr schön. 🙂

„… man kann mit der Kurzstrecke maximal 2,60 € sparen. Das sind für jede von euch vielleicht 50 Cent und mir hilft’s, halbwegs mein Geld zu verdienen, also seid bitte nicht böse deswegen. Die Fahrt zur Warschauer – je nachdem, wohin – wird zwischen 6,50 € und 8,00 € kosten. Und das ist immer noch billiger als ein Einzelfahrschein für jede von euch. Wie sieht’s aus?“

Ich weiß nicht, was an dem Vortrag so sympathisch oder überzeugend war. Sie sind jedenfalls außerordentlich gut gelaunt eingestiegen, nachdem ich kurz den fünften Sitz ausgeklappt hatte. Die Tour selbst war schnell erledigt und nicht der Rede wert. Am Ende stand die Uhr bei 7,10 €. In Anbetracht der Tatsache, dass sie mich ohnehin von der letzten Rücke aus rausgepickt hatten, störte mich das gar nicht.

„So, jeder jetzt zwei Euro!“

hörte ich eine verkünden, die zumindest in diesem Moment die Chefansagerin spielte. Das Sammeln ging schnell, nur die aus der letzten Reihe musste erst aussteigen zum Bezahlen. Während ihre Freundinnen bereits dabei waren, von dannen zu ziehen, sah sie mich mit einem Blick an, den nicht einmal alle Hunde so knuffig hinbekommen.

„Ich, ich … ich hab aber nur noch ein‘ Euro klein. Und des is‘ doch jetzt, weil und ach, Du warst doch so’n netter Taxifahrer, da will ich doch und …“

„Hey, ist doch ok, da hab ich doch immer noch Trinkgeld. Vielen Dank! Ehrlich.“

„Aber, ich … ach Menno! HEY, HAT MIR JEMAND NOCH’N EURO?“

Und so war das dann ein Zehner. Zur Warschauer. Nichts dramatisches, nichts, dass mir das Leben rettet oder eine schlechte Schicht ausgleicht. Aber ja, ein schöner Moment. Ein Moment, in dem dann – quasi – Knuddeln mit mir nur einen Euro gekostet hat – ähnlich günstiger Tarif wie z.B. die Kurzstrecke für Taxifahrten. Nur dass fürs Knuddeln glücklicherweise keine Tarifordnung existiert …

4 Kommentare bis “Warschauer …”

  1. elder taxidriver sagt:

    Am unterhaltsamsten fand ich immer die Szene, wenn drei oder vier Mädels, Jungs, am Ende der Fahrt , wo man total überraschend immer bezahlen muss, ihre Portemonnaies rauskramten , dann laut ihren jeweiligen Münz- oder sonstigen Bargeldbestand ausriefen und die ganze Sache sich mit der Zeit doch erfolgreich zu dem verdichtete, was man Bezahlen nennt. Manchmal habe ich mich beteiligt , in mein Portmanee gekuckt und gesagt: ‚Ich hab noch zwei Euro ‚. Oder so.

  2. Kieler Taxe 107 sagt:

    Ich schliesse mich elder taxidriver an: das Bezahlen kommt doch immer wieder überraschend 😉 Aber auch das ist für die einen oder anderen durchaus schwierig. Meist einmal pro Wochenend-Nachtschicht taucht die äußerst komplizierte Frage unter drei (meist) weiblichen Discogängern auf, wie nun die 4,10 € durch drei zu teilen wäre. Ich misch mich da nicht ein – das bei der Rechnung ohnehin nicht zu erhoffende Trinkgeld fiele wegen zu guter Mathematik-Kenntnisse erst recht flach!
    @ Sash: die Tour ist ein sehr gutes Beispiel dafür, warum auch kurze Fahrten gerne genommen werden sollten 🙂

  3. Postenbremse sagt:

    Ganz einfach, ohne kurze Touren gibts noch weniger Touren. Und nicht selten (wie z.B. letztens wieder bei mir) gibts halt als Ausgleich ein gutes Trinkgeld.
    3-5€ sind da schon mal drin, warum also nicht…verdien ich gut dran da alles an mich geht.
    1€ Trinkgeld sind ungefähr 3-4€ Umsatz die ich fahren muss um das gleiche in die Netto-Lohntüte zu bekommen.

  4. Sash sagt:

    @elder taxidriver:
    Darauf bin selbst ich noch nicht gekommen. 🙂
    Je nach Gruppe versuche ich aber gerne den Tipp loszuwerden, dass mich ruhig auch erst einmal einer bezahlen kann und sie das doch einfach danach regeln könnten.

    @Kieler Taxe 107:
    Jepp, so sieht es aus!

    @Postenbremse:
    Ganz so krass ist der Unterschied bei mir zwar nicht, aber von der Sache her stimmt es natürlich.

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