Ich will’s nicht wissen…

Man kommt nicht umhin, sich gelegentlich Gedanken zu machen über seine Kundschaft. Das ist mitunter sogar sehr angenehm. Da sitzen dann glücklich turtelnde Pärchen im Auto oder Rentner die im Casino gewonnen haben. Manch einer schwärmt von seinen Kindern oder freut sich, dass er ein anstrengendes – aber erfolgreiches! – Geschäftstreffen hinter sich hat.
Den Gegenpol bilden die eher traurigen Gestalten, die von Trennungen, Streit, Arbeitslosigkeit und Stress berichten.

Beides auf einmal gibt es selten.

Derletzt enterte eine resolute junge Frau mein Gefährt und wünschte sich aus dem Straßenkatalog ein Ziel in einiger Entfernung weit im Südosten der Stadt. Mir sagte die Adresse zunächst nichts, aber sie klärte mich auf, dass man am Besten das Adlergestell hinunterführe, ansonsten zeigt sie mir gerne, wo ich dann lang muss.

Gang rein, Taxameter an, los geht’s!

Die Stimmung an Bord war locker. Ich hatte bereits eine brauchbare Schicht hinter mir, sie eine längere Reise. Plauder, laber, quatsch. Dann klingelte das Telefon. Ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich und dann ging es los:

„Ey, wat? Nerv nich! Ey du, ich komm jetz nach Hause. Wat bis du? Wo?  Ey, ich bin im Taxi. Ja genau, mit meinem Liebhaber!“

Moooment! Als einzige anwesende Person, unglücklicherweise auch noch männlich, hab ich erst mal schlucken müssen. Nicht, dass der am anderen Ende das nachher noch für bare Münze nimmt. Auf der anderen Seite – Blick in den Rückspiegel – gar keine schlechte Idee! Darf halt meine Freundin nicht mitkriegen. Dann müssten wir…
Aber das Telefonat war beendet. Ziemlich aprupt. Von ihr.

Zweiter Auftritt des Telefons: Dingelingeling!

„Ey wat? Pass bloß auf du! Ich komm jetz nach Hause. Und dann kannst du dich sowieso mal warm anziehen! Ja, wie? Nix wie! Dann fliegen deine Sachen vom Balkon und dann verpiss dich, du Drecks-Junkie! Ja, halt’s Maul!“

Wow! Klare Ansage.

Wer jetzt davon ausgeht, dass das irgendeine Auswirkung auf das Gespräch im Taxi hatte, der wird unweigerlich enttäuscht. Denn ihre Stimme war mir gegenüber sofort wieder auf Normalniveau und die mehr oder minder muntere Plauderei übers Wetter und ihre mehrwöchige Abwesenheit ging einfach weiter. In einem einzigen Nebensatz auf der recht langen Tour erwähnte sie, dass es halt „nicht sonderlich toll“ wäre, wenn man heimkommt, und es gleich Stress gibt. Da konnte ich ihr nur beipflichten und verwarf die Umsetzung der Liebhaber-Geschichte wieder.

Ab da lief die Fahrt auch wirklich angenehm. Wir unterhielten uns über dies und das, wohlweißlich mit wenig Tiefgang, aber wenigstens ohne das nahezu obligatorische eiserne Schweigen nach solchen Ausbrüchen.

Mit 21,20 € auf der Uhr erreichten wir das Ziel, und wie eigentlich zu erwarten war, lümmelte vor dem besagten Hauseingang eine wenig vertrauenserweckende Person herum.

„Boah, wat will denn der Vogel jetz hier?“

entfuhr es meiner Kundin, woraufhin sie sich schnell ans Bezahlen machte und äußerst großzügig auf 25 € aufrundete. Noch während ich das Geld entgegen nahm, öffnete der „Vogel“ die Beifahrertüre und fragte mich:

„Wo haste sie denn aufjegabelt?“

„Ähm, wieso wollen sie das bitte wissen?“

„Na, von wo haste se denn herjebracht? Wieviel haste gekriegt? N‘ Zehner?“

Während er auf die in meiner Hand befindlichen Scheine stierte, steckte ich sie schnellstmöglich ein und sagte ihm, dass ich ihm die Frage nicht beantworten werde, und er das gefälligst mit ihr zu klären hätte. Ich hab zwar durchaus befürchtet, mal kurz unbezahlte Überstunden für den zuständigen Sozialarbeiter zu übernehmen, aber so wie sich mein Fahrgast am Telefon geriert hatte, vermutete ich, dass eine Einmischung unnötig wäre. In der Tat:

„Ick will doch nur det wissen. Kommste vom Hauptbahnhof? Oder vom Ostbahnhof? Is doch meene Frau hier!“

„Tut mir leid, aber dann können sie sie das ja auch selbst fragen!“

Die überaus stimmgewaltige Hilfe von der Rückbank ließ nicht auf sich warten:

„Ey, hörste wohl uff! Des geht dich gar nüscht an! Hör mal auf, mein‘ Taxifahrer hier anzumachen!“

Ich selbst bekam noch ein freundliches „Schönen Abend noch!“, darauf wird der interessierte Kerl wohl vergeblich gewartet haben in dieser Nacht. Sicher würde mich der Ausgang der Geschichte eigentlich interessieren, aber ich hielt einen taktischen Rückzug doch für das Beste, um mir die Laune nicht auch noch zu verderben.

5 Kommentare bis “Ich will’s nicht wissen…”

  1. ednong sagt:

    Och schade,
    an der interessantesten Stelle den Rückzug antreten …

  2. Bernd sagt:

    Hier würde mich wirklich mal interessieren, warum die beiden eigentlich geheiratet haben. Andererseits – man kennt sich ja in den Köpfen der Menschen nicht aus – könnte das ja auch ein besonderes Ritual sein, so ne Art Vorspiel.

  3. Aro sagt:

    Warum biste denn nich noch mit hochgegangen? 😉

    Mich erinnert das an den Spruch einer Fahrgästin, nach einem ganz ähnlichen Telefongespräch::
    „Boah, Männer, kannste aller vergessen. Alle! Zum Glück sind sie ja nicht so einer.“ Wie jetzt…?

  4. Zacki sagt:

    @ Aro
    getreu dem Alten Sprichwort: „Widersprich nie einer Frau, warte bis sie es selbst tut“

  5. Sash sagt:

    @ednong:
    Ach, ich berufe mich gerne darauf, dass ich nur der Fahrer bin. Irgendwo ist einfach Schluss.

    @Bernd:
    Und wer weiss, wie lange das her ist…

    @Aro:
    Ok, das ist schräg. Ich kenne das meist in der Frage-Form: „Warum seid ihr Männer eigentlich alle so scheiße? Also jetzt nicht sie…“

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