Der dicke Reibach

Um die Tatsache, dass Taxifahren ein Glücksspiel ist, kommt wohl kein Kollege herum. Man kann seinen Umsatz nicht vorhersagen. Man kann ihn längerfristig abschätzen, aber was man an einer einzelnen Tour oder einem einzelnen Tag verdient, ist letztlich dem Glück geschuldet.

Und Glück ist ja sowas, was grundsätzlich eher bei anderen auftritt. Aber nicht immer.

Ich hab meine Gurke also mit ganz guter Laune durch Friedrichshain gelenkt. Ich hatte Glück, denn ich hatte am Bahnhof schon nach 5 Minuten Wartezeit eine Tour bekommen. Zugegeben, sie war jetzt von der Länger her nicht lukrativ, aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich nicht nur 3,50 € Trinkgeld bekommen habe, sondern kurz darauf auch noch eine Kurzstrecke, die mir insgesamt auch nochmal einen Fünfer in die Kasse gespült hat, konnte ich doch recht zufrieden sein mit der Ausbeute.

Von der Warschauer Straße, die ich in der Hoffnung abgefahren habe, aller guten Dinge seien drei, bog ich ab in die Mühlenstraße und wurde mir dabei sogar mit all den Radfahrern irgendwie einig, die meinen Weg kreuzten. Also auf zum Ostbahnhof, eine Runde anstehen mit gemütlicher Zigarettenpause – vielleicht geht es ja wieder so schnell!

Es ging sogar noch schneller: Gegenüber, am Speicher, winkten plötzlich zwei Gestalten. Ich sah eine größere Gruppe mittelalter Gestalten, vielleicht 6 oder 7 an der Zahl, die sich um einen Kollegen mit einer E-Klasse drängten. Entweder eine Großraumtour für mich, oder aber eine Tour für uns beide. Super! Nummer Drei!

Bis ich wenden konnte, kam mir tatsächlich kein Kollege entgegen, der die Tour hätte wegschnappen können, und so fand ich mich am rechten Fahrbahnrand wieder. Der Kollege mit dem Daimler schien schon ein paar Minuten mit dem quackenden Haufen zu tun zu haben, half eher unmotiviert beim Einsteigen und wartete lange, bis die zwei Senioren der Gruppe ihre Lieblingsplätze gefunden haben.

Aus der Gruppe löste sich ein älteres Ehepaar, beide vielleicht 65, in lockerer Bekleidung und mit Sonnebrillen wetterfest ausgestattet, das sich dann in meinen Wagen setzte.

„Fahrn ’se uns doch bitte nach Rudow! Die Straße sag ich ihnen dann.“

Oh wie schön! Mal kurz 20 €. Saubere Tour. Aber kurz sichergehen wollte ich noch:

„Äh, bleiben sie alleine? Oder kommt von da vorne noch jemand mit?“

Sonderlich organisiert sah die Gruppe nicht aus, und außerdem war bei mir im Auto ja nun mehr als genug Platz. Es war ja schlicht nicht nötig, dass sie sich da vorne zu fünft in die Kiste zwängen, während ich mit zweien alleine auf Tour ging. Die Antwort zeigte mir aber, dass ich in doppelter Hinsicht Glück hatte:

„Nee nee, die fahren alle nur zum Auto vom Manfred. Das hat der hier irgendwo ums Eck geparkt. Sie haben jetzt die lange Tour bekommen, heute machen sie den dicken Reibach!“

OK, Deal! 🙂

Jährliche Hommage

Auch wenn es niemanden wirklich interessiert und sich nicht einmal jemand gewundert hat: Ich hab auch an diesem 25. Mai wieder zu Ehren von Douglas Adams ein Handtuch dabei gehabt – und das natürlich auch im Taxi.

42, Quelle: Sash

42, Quelle: Sash

Was es damit auf sich hat, und warum Handtücher so unglaublich nützlich sind, das erfährt man außer in den außerordentlich lehrreichen Büchern von Adams auch auf der deutschen Handtuch-Tag-Seite.

So long, and thanks for all the fish!

Wiedersehensfreude

Juhu! Die 1925 ist wieder da!

Seit der letzten Schicht fahre ich wieder die 1925, und ich kann kaum beschreiben, wie froh ich bin. Die 5144 war ein würdiger Ersatz, aber so wie ich die 1925 zurückbekommen habe, kann ich mir durchaus noch hunderttausend Kilometer mit ihr vorstellen 🙂

Fotos habe ich zwar keine gemacht, aber es hätten auch zu viele werden müssen. Was ist nun also alles neu an der 1925?

  • Die Front: Unsere Stoßstange hing auf Halbmast, der Kühler hat seine Chrom-Applikationen verloren gehabt und alles in allem sah das einfach scheiße aus. Ein bisschen schief sitzen die Teile zwar immer noch, aber das ist wahrscheinlich nicht zu beheben. Auf den ersten Blick sieht das Auto von vorne aus wie neu.
  • Die Kennzeichen: Unsere Kennzeichen waren kaum noch lesbar, weil allerorten die Farbe abgeblättert ist. Das ist jetzt wieder top in Ordnung.
  • Die Kratzer: An der linken Seite hat die 1925 ein paar Treffer abbekommen. Das ist zwar nicht komplett behoben, aber immerhin sind die Kratzer überlackiert und sehen weit nicht mehr so schlimm aus.
  • Die Scheibenwischer: Angeblich waren die Scheibenwischer ja noch die ersten überhaupt. Jedenfalls haben sie geschmiert. Ziemlich. Jetzt sind sie ausgetauscht, und alles ist ok 🙂
  • Die Kupplung: Mir persönlich ist noch gar nicht aufgefallen gewesen, dass die Kupplung den Geist aufgibt – jetzt jedenfalls ist eine neue drin!
  • Das Türgummi: An der Fahrertüre hat sich unten vor etwa einem Jahr ein Türgummi gelöst. Das wurde mit Panzertape notdürftig geflickt, ist jetzt aber komplett ausgetauscht und neuwertig.
  • Der Teppich: Hinten rechts (wo die meisten Kunden einsteigen) löst sich bei allen Zafira an der gleichen Stelle der Teppich ab. Das wurde bei unserem jetzt mit Panzertape überklebt. Das ist vielleicht die einzige fragwürdige Aktion…
  • Die Fußmatte: Die Fußmatte im Fahrerfußraum war komplett durchgelatscht. Mit Loch. Hier haben wir jetzt eine neue.
  • Die Sitze: Im Fahrersitz klaffte ein riesiges Loch, und auf dem Sitz hinten rechts ist das Leder auch aufgerissen. Die defekten Teile sind ausgetauscht und neu bespannt worden.
  • Die Gurtschlösser: Zuletzt sind sie zwar in Ordnung gewesen, allerdings sind die Plastikschalen bei den Gurtschlössern schon mehrmals auseinandergebrochen. Das mindert zwar nicht die Funktionalität, sieht aber scheiße aus. Die Teile sind nun mit farbenfrohen Umhüllungen verstärkt.
  • Das Lenkrad: Ob man es glaubt oder nicht: Das Lenkrad war abgenutzt: Überall bröselte einem das Gummi von der Grifffläche entgegen. Der Austausch selbst wäre unwirtschaftlich gewesen (man muss das wohl als ganzes inkl. Airbag und so austauschen), aber nun haben wir einen Überzug
  • Die Kindersitze: Die im Kofferraum herumliegenden Kindersitze waren stark abgenutzt und einer sogar gebrochen. Hier haben wir Ersatz bekommen, und zudem sind sie nun an der Heckklappe mit Klettverschlüssen befestigt und liegen nicht mehr einfach nur so im Kofferraum herum.
  • Die Zentralverriegelung: Bei der hinteren rechten Türe sorgte bisher ein Kabelbruch dafür, dass wir sie manuell schließen mussten. Das geht inzwischen wieder mit dem handelsüblichen Funkschlüssel.
  • Das Putzzeug: Neuerdings haben wir eine Tasche im Kofferraum, in der das Putzzeug zugänglicher ist, als im Fach darunter.
  • Der Stadtplan: Selbst den alten zerfledderten Stadtplan haben meine Chefs gegen ein neues Exemplar ausgetauscht.
  • Der CD-Player: Musikhören ging in der 1925 fast gar nicht, da der CD-Player laufend Discs nicht angenommen hat, bzw. den Abspielvorgang unterbrochen. Das ist jetzt Vergangenheit.
  • Das Navi: Statt der bisherigen Navi-CD von 2006 ist jetzt immerhin eine von 2008 im Auto. Die kennt zwar immer noch nicht die Rudi-Dutschke-Straße, dafür aber wenigstens die Adresse vom Berghain.

Um es zusammenzufassen: Auch wenn unser Hausmechaniker sich diesbezüglich beschwert hat, und auch wenn einige unwichtige Sachen dabei waren: Meine Chefs haben es geschafft, ALLE mir bekannten Mängel des Fahrzeugs zu beheben, bzw. die Probleme zu lösen. Und sie haben sogar ein paar Punkte mehr umgesetzt. Da muss ich doch einfach mal danke sagen! (Hab ich natürlich auch schon!)

Ein paar tiefergehende Dinge hab ich nun nicht beurteilen können. Ist der Wackelkontakt bei der Fackel behoben und sind die rostigen Scheinwerferfassungen ausgetauscht? Wenn ich mir den Rest so ansehe, schätze ich, dass es so ist…

Füße, hart wie Kruppstahl

Mit der Beförderungspflicht ist es ja so eine Sache. Eine Auslegungssache. Im Grunde muss ich ja alle Leute mit einem Beförderungswunsch bei mir im Taxi mitnehmen. Es sei denn, sie stellen eine Gefährdung dar. Genau genommen schreibt die BOKraft zum Thema Beförderungspflicht vor:

“ […] können sie die Beförderung ablehnen, wenn Tatsachen vorliegen, die die Annahme rechtfertigen, daß die zu befördernde Person eine Gefahr für die Sicherheit und Ordnung des Betriebs oder für die Fahrgäste darstellt.“

(BOKraft §13)

Ich bin ja keiner der Taxifahrer, die die betriebliche Ordnung gleich gefährdet sehen, wenn sie zu wenige Einnahmen machen, und deswegen kurze Fahrten ablehnen. Was Betrunkene angeht: Naja… bei manchem Kotz-Kandidaten war ich kurz vor einer Ablehnung, aber letztlich gebe ich den Leuten dann doch eine Chance. Und nach wie vor würde ich sagen, dass die Falsch-Positiv-Liste meinerseits (mit derzeit 4 Einträgen) durchaus rechtfertigt, dass ich meist ein Auge zudrücke.

Manchmal kann ich aber auch einfach nichts mehr machen. Berlin als Partyhauptstadt Deutschlands hat bisweilen Drogenopfer zu bieten, deren Birne so aufgeweicht ist, dass ich sie wirklich nicht mal eben ins Taxi packen kann, weil ich letzten Endes die Sauerei mit der Leiche habe, wenn sie plötzlich vergessen sollten, einzuatmen.

Kompliziert wird das Ganze dann, wenn man an der Straße auf Leute trifft, die diesen Zustand schon vor dem Drogenkonsum haben.

Als ich neulich durch Schöneweide in Richtung Innenstadt zurückgefahren bin, fand ich mich vor einer einschlägig bekannten Lokalität plötzlich mehr oder minder in Gesellschaft von etwa 15 besoffenen Neonazis.
Alleine die Anzahl lässt ja darauf schließen, dass sie zu dieser Versammlung bundesweit mobilisiert haben, für mich hat das die Sache nicht unbedingt angenehmer gemacht.

Ich hab die Situation ohne äußere Gemütsregung kurz überflogen und bin beim ersten Grünton der umschaltenden Ampel mit Vollgas davon. Sollen die Jungs ruhig mal einen züchtigen deutschen Wanderabend machen!

Um rechtlichen Missverständnissen vorzubeugen: Die Gefährdung hab ich natürlich ausschließlich in ihrem offensichtlich überzogenen Alkoholkonsum gesehen. Tatsachen, die dafür sprechen? Na wenn ein Nazi mal beide Arme hebt! Und der hat echt wie blöde mit denen rumgefuchtelt… 😉

Werkstattmarathon

Mit meinem Auto ist es ja keine leichte Sache gerade. Die 1925 ist zur Generalüberholung wegen allerlei Kleinigkeiten und so manchem gröberen Schnitzer zur Behandlung bei diversen Blechdoktoren – und zu allem Überfluss hat dann natürlich die 5144 vorgestern bewiesen, dass sie nicht nur laut quietschen, sondern geradezu fauchen kann. Was insbesondere in Kundennähe für mich inakzeptabel ist. Ich hatte ja zuerst die Hoffnung, dass das Quietschen nicht so schlimm ist, und wollte es unbedingt meiner besseren Hälfte zur neutralen Beobachtung zeigen. Naja, die neutrale Beobachtung endete in einem Lachanfall… 🙁

Die Mängel an der 5144 nahm mein Chef natürlich nicht gerade mit Begeisterung auf, aber nachdem ich die Kiste am Mittwoch nach nur einer Tour (und dem Lachanfall) wieder abgestellt habe, bot er mir gleich einen Ersatzwagen für Donnerstag an. Da die 1925 aber bis heute, Freitag, schon wieder startklar sein sollte, hab ich gesagt, dass ich mir jetzt für einen Tag keinen neuen Wagen hole, sondern frei mache. Arbeite ich halt Sonntag statt Donnerstag! Falls das wer nicht nachvollziehen kann: Zur Firma fahren bedeutet für mich erstmal anderthalb bis zwei Stunden früheres Aufstehen, dazu muss man sich ja auch an jede Kiste erstmal gewöhnen. Zum einen wegen der technischen Umstellung, neue Kupplung, anderes Taxameter, und irgendwelche Macken hat ja jede Kiste 😉
Dann aber auch die ganze Innenausstattung. Meine Chefs machen das ja eigentlich ganz gut und vergeben die Autos meist wirklich fest an die Fahrer, sodass aber in den Autos meist auch die Ordnung der jeweiligen Fahrer vorherrscht. Wenn man dann aber erstmal zusehen muss, wo man das Portemonnaie unterbringt, weil sich da jetzt plötzlich die Ersatzsicherungen befinden, und dort wo man die Quittungen am liebsten hat, plötzlich ein Stapel Kreuzworträtsel liegt… man glaubt nicht, was manche Leute nicht aus dem Auto räumen…

Naja, und heute sollte es ja dann mit der 1925 auf Tour gehen. So der letzte Stand bis dato.

Und nun? Tja, die 1925 muss nochmal in die Werkstatt! Unter anderem die Kupplung wird jetzt auch noch ausgetauscht. Cheffe meinte dazu:

„Ist zwar teuer, aber uns reicht es jetzt! Der Wagen soll jetzt einfach mal wieder top in Ordnung sein!“

Danke.

Dass ich nun eigentlich gar keinen Wagen hätte, um die Wochenendschichten zu fahren, macht die Sache natürlich ein wenig unschöner. Aaaaaber: Es ist ja nicht so, dass man bei uns auch im Büro nicht nachdenkt, und so wurde die 5144 gestern schon repariert. Das dürfte meinen Tagfahrer zwar geärgert haben, denn der fährt nach Aussage der Kollegen jedes Auto, solange das Taxameter in Ordnung ist, aber mir soll es nur Recht sein.

Also kann ich heute (weiter) die 5144 fahren, mit neuen Bremsen und neuen Stabilisatoren, und dazu muss ich keinen Schlüssel irgendwo holen, und das Auto hat ja inzwischen bereits die Ordnung von mir und meinem Tagfahrer.

Der Termin für die Übernahme der 1925 ist inzwischen auf Dienstag verschoben, und bei allem, was da offenbar gemacht wurde, bin ich ja gespannt, ob ich das Autochen überhaupt noch wiedererkenne, wenn ich es dann sehe 🙂

Soll nochmal einer sagen, dass das alles einfach wäre.

Jemanden ansprechen…

Aufgefallen ist sie mir schon ein paar Ausfallschritte vorher. Ich stand vor der Kulturbrauerei und wartete an zweiter Position auf Kundschaft,

„Hi. Sag mal, kanns‘ du, du kanns‘, du kanns‘ sicher was sagen.“

„Ähm, ja: Guten Abend erstmal!“

Betrunken. Kein Problem. Das Schwanken alleine war schon deutlich, aber aus ihren Taschen ragten gleich noch zwei Bierflaschen Wegzehrung, die offensichtlich nicht mehr nötig waren, um das allgemeine Absturzlevel zu erreichen. Sie floss geschmeidig um meinen Wagen, lehnte sich an die Fahrertüre und konzentrierte sich darauf, mich anzusehen.

„Nein nein nein! Ich wollte fragen: Wo ist denn hier noch was los?“

„Naja, hier in der Kulturbrauerei ist offenbar noch der ein oder andere Laden und Club offen.“

„Ja aber weissdu, versteh mich nich falsch. Ich will ja nur wissen, wo man jemanden ansprechen kann.“

„Also ich würde es da drinnen versuchen.“

Also es ist ja so – versteh mich nich falsch! – ich wohne ja eigentlich gleich da drüben. Aber ich will heute Nacht nicht alleine sein…“

„Das verstehe ich, keine Sorge!“

Ich hab unauffällig meinen Blick schweifen lassen. Ihr Alter war schätzungsweise Ende 30, die Klamotten ließen sie jünger wirken. Über der Hose trug sie einen einfachen Rock, unter ihrem offen getragenen Kapu hing das lange Shirt heraus. Ganz dem Wunsch entsprechend, die Nacht nicht alleine zu verbringen, hatte das 3 Nummern zu große Shirt einen beachtlichen Ausschnitt, der immerhin gar nicht die Frage aufkommen ließ, ob sie einen BH trug.

Sie kramte in ihren Taschen und stellte erstmal 2 Bierflaschen und 2 kleine Flachmänner auf meinem Autodach ab.

„Weissdu, manchmal is es einfach schwer, jemanden zum Reden zu finden. Ich will doch VERDAMMT NOCHMAL nur, dass jemand mit mir redet!“

Au Backe! Ich ziehe die Irren ja mal wieder an!

„Du, ich bin ja nich immer alleine gewesen. Weissdu, ich war ja auch schon im Knast, ich hab sogar mal 4 Wochen Therapie in der Psychiatrie gemacht…“

Ein großer Schluck aus der Bierflasche lockerte ihre Zunge noch weiter:

„Un es is ja nur so, dass ich… also ich will ja heute nur noch jemanden finden. Is da drin denn noch was los und was? Warum stehst du mit deinem Taxi hier?“

„Naja, ich hoffe eben genauso, dass da drin irgendwas los ist.“

„Ja, aber WARUM STEHST DU HIER?“

„Ich warte auf Kunden. Und da hier einige Leute rein und raus gehen, nehme ich an, dass ich hier Kundschaft bekommen werde.“

„Halt mal!“

Sie versucht mir, die Bierflasche anzudrehen.

„Nee, ich stell sie besser auch hier…“

Mein Dach. Mir ist ja bewusst, dass das Dach meines Autos nicht wirklich in Mitleidenschaft gezogen wird, wenn da jemand eine Flasche abstellt. Andererseits kann ich dann nicht vorrücken, wenn der erste Kollege frei wird – und überhaupt stehe ich nicht auf Bierduschen beim Einstieg…

„Ich denke, wir stellen die besser mal hier auf den Gehweg!“

„Mir egal, ich muss pissen. Sorry kurz!“

Ganz ungeniert zog sie sich die Hose herunter und hockte sich an den nächsten Baum, der bedauerlicherweise keine 2 Meter entfernt stand. Ich bemühte mich also – während ich die Flaschen vom Dach auf den Gehsteig verfrachtete – möglichst nicht weiter ihre Intimsphäre mit meinen Blicken zu verletzen.

Die Szene dauerte aber auch nicht lange, und so hatte ich sie kurz darauf wieder neben mir stehen, äußerst verärgert über meine Alk-Umpflanz-Aktion.

„Ich muss dir eine Geschichte erzählen.“

„Bitte!“

(Fuck, hab ich das wirklich gesagt?)

„Es is, also die Geschichte is eigentlich ziemlich traurig. Aber ich weiss nich, wem ich sie sonst erzählen kann.“

„Hmm… das ist doof. Aber ich höre ja zu!“

„Ja, also die Geschichte. Das is weil wegen die Geschichte. So. Und das is so…“

Sie bricht in Tränen aus und kauert sich dabei an mein Auto. Sie jammert noch desöfteren, dass sie etwas zu erzählen hätte, arg viel mehr an Inhalt höre ich indes nicht. Inzwischen fährt der erste Kollege weg und ich möchte gerne seinen Platz übernehmen.

„Hey, ich höre mir die Geschichte gerne an. Aber ich bin ja leider auch zum Arbeiten hier. Ich würde gerne vorrücken“

Sie starrt mich wutentbrannt an, packt ihre auf dem Boden stehenden Alkoholika und… folgt mir. Als ich eine Position weiter vorne angekommen bin, schmeisst sie sich mehr oder minder unfreiwillig gegen das Auto und meint:

„Ich will doch nur wissen, ob da drin noch jemand zum Reden ist…“

„Das kann ich nicht sicher sagen. Da müsste ich lügen. Aber ich vermute: Ja!“

„Weissdu, es is ja nicht so, dass ich dich verführen will. Ich will… obwohl… vielleicht will ich dich ja verführen… ach scheiße!“

„Was ist denn jetzt?“

„Ich, ich… sag mal: Wie kann es eigentlich sein, dass du hier einfach arbeitest?“

„Wie?“

„Wie kannst du den Job hier machen, ohne zu heulen oder einfach mal zuzuschlagen?“

„Ganz ehrlich: Manchmal ist mir durchaus nach Heulen zumute. Aber Zuschlagen halte ich einfach nicht für eine Lösung…“

An diesem Punkt sammelt sie alle ihre Getränke ein und torkelt in die Kulturbrauerei…
Endlich.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Wo wir bleiben…

Das Taxigewerbe ist für Außenstehende manchmal wie jede andere Branche ein Buch mit sieben Siegeln. Es gibt so einiges, das auf Anhieb komisch wirkt. Ein gutes Beispiel ist da der Autor Tom König vom Spiegel, der unterstellt, an Bahnhöfen und Flughäfen stünden nur diejenigen Fahrer, die

„zu dumm, zu faul oder zu inkompetent sind, um anderswo eine Fuhre zu bekommen.“

Sein Ausweg, um nicht auf diese „Galgenvögel“ zurückgreifen zu müssen, ist, sich ein Taxi zu bestellen. Sollte er das in Berlin machen, dann wird er erstaunt feststellen, dass sein Fahrer just einer von diesen komischen Vögeln ist, da man an den Taxihalten nicht nur auf Einsteiger, sondern auch auf Funkaufträge wartet.

Ich habe mir mehrmals überlegt, ob ich seinen Artikel hier verreissen soll, aber zum einen spricht er tatsächlich für sich, zum anderen würde eine Beschäftigung mit jedem krummen Satz in diesem „Artikel“ das Zitatrecht dann doch etwas überstrapazieren. Meine Lust auf Ärger mit einem Journalisten zu bekommen, der möglicherweise zu der Reihe Galgenvögel gehört, die entweder zu dumm, zu faul oder zu inkompetent sind, um einen einfachen Sachverhalt zu recherchieren, hält sich in engen Grenzen. Er hat eine Mail von mir erhalten, auf die ich wahrscheinlich keine Antwort kriegen werde. Damit ist es dann in meinen Augen gut.

Aber bleiben wir beim Rumstehen: Viele Kunden verstehen nicht, weswegen wir überhaupt „blöd rumstehen“, während anderswo die Hütte raucht.
Ganz einfach: Es gibt derzeit nicht genügend Kundschaft für alle Taxen, folglich sind wir immer eine gewisse Zeit unbesetzt. Wenn wir nicht mit 7000 Taxen den ganzen Tag wie irre sinnlos durch die Gegend fahren wollen, um ein bis zwei Kunden stündlich zu bekommen, bietet es sich an, auf Touren auch im Stillstand zu warten.

Natürlich sind wir aber froh, wenn wir vom Stand wegkommen. Stehenderweise verdient man nichts, und letztlich machen wir den Job ja auch für Geld. Manchmal versucht die werte Kundschaft es dann aber doch, diese Situation unangemessen auszunutzen.

„Alter, machste mal Kurzstrecke zum Maria?“

„Nein. Kurzstrecke mache ich sicher nicht vom Stand aus. Aber wahrscheinlich kostet es sowieso auch nur 4 €.“

Die Kurzstrecke hat als wesentlichste Einschränkung, dass man sie nur nutzen kann, wenn man sich ein Taxi heranwinkt. So böse das vielleicht für Kunden wirken mag, aber letztlich ist der Tarif nicht gemacht worden, um alle kurzen Taxifahrten billiger zu machen, sondern um zusätzliche Kundschaft ins Taxi zu locken. Natürlich müssen wir vom Stand aus auch Touren fahren, die vielleicht nur 4 € bringen – rentabel ist das natürlich für uns nicht. Deswegen ist der Startpreis schon bei (durchaus abenteuerlichen) 3,20 € und eine Fahrt von 2 Kilometern Länge kostet im Normalfall eben 6,60 €. Damit halten wir unsere Verluste niedriger, und im Gegenzug wird die Fahrt pro Kilometer ja auch günstiger, wenn sie länger wird.
Da ich das (über die Zahlen darf man sich zweifelsohne Streiten) für eine grundsätzlich faire Regelung halte – und diese zudem den aktuellen Stand der Gesetze wiedergibt – bin ich eisern und mache keine Fahrt zum Kurzstreckentarif vom Stand aus. Auch wenn es vom Geld wie im vorliegenden Fall keinen Unterschied macht.

„Ey komm, Kurzstrecke sind mal 2 Kilometer und das Maria ist ja nichtmal da vorne, Alter!“

„Ich hab auch nicht gesagt, dass ich dich nicht hinbringe, oder dass ich die 4 € nicht für angemessen halte – aber ich kann eben nicht ausschließen, dass es auch 4,20 € werden.“

„Ach ja, is ja gut! Machste?“

„Nicht mit Kurzstrecke, ansonsten gerne.“

Kleine Lügen erhalten die Freundschaft. „Gerne“ ist jetzt nicht wirklich das, was bei einer so kurzen Tour und ziemlich fragwürdiger Kundschaft die Gedankengänge wiedergibt, die mir so zu eigen sind.

Aber ich stand sowieso recht weit hinten und 4 € sind 4 €, mein Gott!

„Weissdu, das Maria hat ja mal nur noch bis 24. diesen Monat offen. Da kannst du mal froh sein, dass du da hinfahren kannst.“

„Ich sag ja nichts dagegen. Auf der anderen Seite: Schade ums Maria, aber für mich ist das nur ein Club von vielen.“

„Aber der hat nur noch bis Mitte des Monats offen!“

„Ja, das ist zweifelsohne scheiße, aber eher für die Clubgänger, weniger wegen mir.“

„Schon klar, Alter. Du stehst hier und wartest, weil du lieber nach Kreuzberg willst…“

Kreuzberg? Also wenn man 10 Kollegen am Ostbahnhof fragt, welches die unbeliebten Touren sind, dann die kurzen nach Kreuzberg. Ich denke da eher an Marzahn, Hohenschönhausen, Mahlsdorf, Köpenick, die Flughäfen…

„Aber Alter, weissdu: Nach Kreuzberg fahr ich vielleicht morgens um 5, nicht jetzt! Da ist mal völlig fürn Arsch, wenn du hier stehst. Du solltest mal froh sein, dass das Maria noch offen hat!“

„Na wenn du meinst…“

„Ja, ich meine: Das Maria hat nur noch bis zum 24. offen. Und dann? Wo bleibt ihr dann?“

Einen größeren Anfall von Egozentrik hab ich in den letzten Jahren wirklich nicht erlebt. Der hat ernsthaft geglaubt, seine Tour – für 4 € – sei das Beste, was am Ostbahnhof bis 5 Uhr früh anfällt, und außerdem sind wir ansonsten wohl nur fürs Maria zuständig. Also sowas beklopptes hab ich noch nicht mal von den größten Gegnern der Ostbahnhof-Halte gehört. 🙂

„Und weissdu, dann ist mal richtig Schicht! Wenn das Maria nicht mehr ist. Dann könnt ihr euch die Kurzstrecke mal voll in Arsch schieben. Dann ist ja hier gar nix mehr drin für euch. Ich meine, die machen ja nur noch am 24. auf. Verstehste? Ja, das ist mal Sache! Was meinst du?“

„Ganz ehrlich: Ich meine, dass das der größte unzusammenhängende Quatsch war, den ich je auf einer so kurzen Tour gehört habe. Macht im Übrigen genau 4 €.“

Mit einem Euro Trinkgeld hab ich mich zwar nur bedingt entschädigt gefühlt, aber was will man machen? Und falls es jemanden interessiert: Das Maria hatte zu…