Mitdenken

„So, hier ist die Tanke, da kriegen Sie sicher ihre Zigaretten …“

„Oh, wow! Schön, dass Sie da mitgedacht haben. Ich hatte das schon vergessen!“

Ein gutes Beispiel für dieses abstrakte Wort „Professionalität“. Die Kundin hatte zu Beginn gesagt, sie wolle noch irgendwo halten, wo sie Kippen holen könne. Ich hatte die Tanke kurz darauf auch als Vorschlag angebracht, aber für sie war es nur ein „irgendwo“ von vielen. Mir indes war das wichtig, weil meine Arbeit darin bestand, auf dem kürzesten Weg zu ihr zu kommen – und davor Zigaretten zu kriegen. Also war das erstmal mein Ziel. Natürlich haben wir uns während der Zeit gut und über ganz andere Dinge unterhalten, aber während für sie das Gespräch alles bestimmte, wusste ich, dass ich zu dieser Tankstelle fahren musste. Und dann weiter, schon klar.

Das soll mitnichten heißen, dass mir die Gespräche im Taxi egal sind – und auch ich hab hier und da im Eifer des (Verbal-)Gefechts schonmal vergessen, abzubiegen – aber Kunden unterschätzen beizeiten auch mal, wie professionell und fokussiert wir Taxifahrer unsere Arbeit machen. In Fällen wie diesem ist das schön, hat extra Trinkgeld gebracht, alles super, keine Frage.

Manchmal aber muss man auch das Gespräch unterbrechen, um sich nochmal zu versichern, ob man über diese oder jene Straße jetzt nicht doch noch abkürzen könnte. Da ist das Verständnis leider nicht immer so hoch.

Ich bin ja ein großer Freund „lockerer Kundschaft“, aber man sollte trotz aller Empathie nie vergessen, dass wir nebenbei auch einfach unseren Job machen müssen und gerade nicht auch feiern oder dergleichen.

Das nur mal nebenbei.

8,70 €

Die Fahrt vom Sisyphos war nur kurz. Bis an den Rand von Karlshorst, weiter sollte es nicht gehen. Den Rest wollten die beiden Jungs laufen. Was das denn dann mache?

„8,70 €.“

„UUUIIII!“

OK, die Strecke war nicht weltbewegend lang, aber so sonderlich viel sind 9 € im Taxi dann doch eigentlich auch nicht. Der Typ neben mir, der mich anhalten ließ (um auf dem weiteren Weg noch eine Kippe rauchen zu können), sah das aber lockerer als sein Kumpel vom Rücksitz:

„Das teilen wir!“

Besagter Kumpel kramte schnell einen Fünfer raus.

„Das ist ja mal ein guter Anfang!“,

sagte ich, noch unwissend ob dem, was kommen würde. Denn der Typ auf dem Beifahrersitz bemerkte nun, dass er gar kein Geld mehr hatte:

„Alter, ich hab 100 Euro ausgegeben! In vier Stunden! Alter, wie gibt man 100 Euro in vier Stunden aus?“

Das fragte er mich ernsthaft. Ich hatte in den vergangenen vier Stunden noch keine 20 Euro verdient. Nun aber verkündete der Typ im Fond, dass er auch nichts mehr hätte. Na schöne Scheiße! Der auf dem Beifahrersitz fragte auch gleich nach:

„Na, wie sieht’s aus? Machste ’n Fünfer?“

Ich war ausnahmsweise nicht auf den Mund gefallen:

„Ernsthaft jetzt? Ihr gebt mal schnell 100 Euro in ein paar Stunden aus und ausgerechnet ich soll jetzt mein Geld nicht kriegen!? Nee, so nicht!“

Da kam der Kumpel auf der Rückbank wieder ins Spiel:

„Sieben! Ich hab noch zwei Euro! Ich hab sieben!“

Dann der andere:

„Sieben? Machste sieben?“ Komm schon!“

„Nein! Es sind läppische 8,70 €, und die muss ich auch so meinem Chef geben!“

„Ach komm, Digger!“

„NEIN!“

Dann rief es wieder von hinten:

„ACHT! Ich hab acht Euro!“

Ich mischte mich wieder ein:

„Na also, nur noch 70 Cent!“

Während der Typ auf der Rückbank sich völlig verbog, um nachzusehen, ob vielleicht nicht doch noch hier oder da eine Münze zu finden war, stieg mein Beifahrer aus. Er entschuldigte sich für den inzwischen dreiminütigen Stopp und schwor Stock und Bein, dass ihm das wirklich leid täte. Aber verdammt, er hätte ja nun auch 100 Euro verprasst …

Der hinten Sitzende sackte zusammen:

„Ich hab nix mehr …“,

woraufhin der von vorne plötzlich lauthals schrie:

„STOP! STOP!“,

und mir mit furchtbar selbstbewusstem Grinsen 50 Cent gab. Mir war sehr nach einem „Verpisst Euch!“ zumute, aber da brüllte der Typ abermals:

„STOP!“

Er hatte eine weitere Münze in seiner Hosentasche gefunden – und die stellte sich recht schnell als ein Zwei-Euro-Stück heraus. Anstatt es mir nun einfach zu geben, begann er, einen Vortrag zu halten:

„Alter, heute haste Glück, Alter! Das sind zwei Euro. Ist also nicht nur genug, sondern – peng! – du kriegst sogar Trinkgeld! Was sagste dazu? Na sieh an, auf einmal biste sogar ganz zufrieden, was? Haste erst gedacht, dass dich die zwei Spinner abzocken würden … aber weit gefehlt! Jetzt machste sogar gut Kasse mit uns, hätteste das gedacht!?“

Nein, hatte ich tatsächlich nicht. Andererseits sind 1,80 € Trinkgeld zwar durchaus ansehnlich, aber keinesfalls die Erfüllung einer meiner feuchten Träume. Und schon gar nicht, wenn ein inzwischen fünfminütiges Bangen um wenigstens den Fahrpreis dazu gehört.

Mein Beifahrer meinte dann zuletzt sogar noch:

„Alter, war geil, oder?“

Ich glaube, ich hab sowas das erste Mal seit fast 7 Jahren unbeantwortet gelassen. Und zugesehen, dass ich Land gewinne.

Der letzte in der Kette

Taxis sind ja selten erste Wahl. Es ist eben teuer, sich einen Fahrer mit eigenem Auto zu gönnen. Bus und Bahn sind billiger. Die können das auf mehr Leute umlegen und werden ggf. subventioniert, beim Fahrrad muss man selber treten, laufen ist noch anstrengender und für einen Leihwagen muss man nüchtern sein. Wenn überhaupt alles genannte vor Ort verfügbar ist.

Was in Berlin natürlich prinzipiell für die meisten Leute irgendwie hinkommt.

Trotzdem haben wir Touren. Oft geht’s um Bequemlichkeit und Geschwindigkeit. Manchmal um das Plus an Sicherheit und manche merken erst am Ziel, dass sie im Taxi sitzen. Sei es wie es ist, ich fühle mich als Nischendienstleister wohl. Und manchmal staune ich auch nicht schlecht, WIE VIEL schiefgehen muss, bis Menschen ins Taxi steigen.

So hatte ich nun eine Kundin, die mich am Treptower Park rangewunken hat. Und ich schwöre: Da hat mich noch niemand rangewunken. In sechseinhalb Jahren. Und ja, sie fahre sonst eigentlich nicht Taxi … also wie kam es dazu?

„Ich war ja eigentlich in Köpenick …“

Weite Strecke, verstehe …

„Normalerweise fahre ich selbst Auto, aber heute wollte ich was trinken …“

Die Nüchtern-sein-Geschichte, ok.

„Dann hab ich den falschen Nachtbus genommen und bin einmal im Kreis gefahren, bis ich wieder dort war, wo ich eingestiegen bin …“

Das … ähm, also immer noch die Nüchtern-sein-Geschichte. 😉

„Dann hab ich endlich den richtigen Bus gefunden, musste dann aber unglaublich dringend pinkeln, weswegen ich hier ausgestiegen bin.“

OK, mal was neues.

„Und jetzt hab ich trotz Google Maps den S-Bahnhof nicht gefunden, der hier irgendwo sein soll …“

Die Ortskenntnis-Sache, schon klar.

Und – schwupps! – sitzt man im Taxi. 😀

Ursprünglich sollte ich sie gar nicht bis ganz nach Hause, sondern nur zum Schlesischen Tor bringen, wo sie dann in die U-Bahn steigen wollte. Aber nachdem unweit von dort auch noch ein Unfall, vielleicht kurz darauf sogar eine Massenschlägerei (Keine Ahnung, aber die Zahl der Einsatzfahrzeuge war beeindruckend!) stattfand, bat sie mich, sie aus diesem Irrenhaus einfach nur weg und bis vor die eigene Wohnung zu bringen.

Die Misanthropennummer. Selten, aber auch nicht ungewöhnlich. 😉

Und ja, ich bleibe dabei: Irgendwann braucht jeder mal ein Taxi.

 

Müggelseedamm

Ich hätte heute Nacht eine Menge Geld verdienen können, wäre ich öfter zur Wuhlheide gekommen. Das Konzert von Linkin Park hat im Südosten die Taxikapazität gesprengt. Ich war natürlich immer wegen irgendwelcher Kurztouren woanders. Aber weil die Zentrale so gebettelt hat, bin ich dann doch mal hingefahren. Statt reihenweise Fahrgäste kamen mir aber bereits jede Menge leere Taxis entgegen. Damn!

In Köpenick dann aber Winker. Auch Konzertgänger, etwas älter schon.

„Zum Hotel am Müggelsee.“

„Welches?“

„Na, Müggelsee. Müggelseedamm!“

Na dann is‘ ja klar. Neben dem großen Hotel gibt es noch diese und jene Pension, die den Müggelsee im Namen führt und alles kennt man soweit draußen ja auch nicht. Die Nummer, 145, bekam ich auch noch nachgereicht. Also dann …

Aber da standen wir dann. Kein Hotel, ratlose Gesichter, ganz dumm gelaufen halt. Am Ende hab ich Onkel Google befragen müssen und es kam raus, dass es doch das große Hotel war. Am Müggelheimer Damm. -.-

Ich hatte die Uhr schon gestoppt, weil ich versehentlich an der 145 vorbeigefahren war – und jetzt lag das Hotel etliche Kilometer entfernt am anderen Ufer des Sees. Na klasse! Ich hab dann wegen des erneuten Startpreises noch eine kurze kostenlose Fahrt eingefügt, nach mehr war mir aber nicht zumute. Dass die Tour am Ende bei fast 30 € lag, wo ca. 15 locker gereicht hätten, hat mir persönlich natürlich eher gefallen – aber auf dem Weg ist das alles andere als lustig gewesen. Denn natürlich ist an all dem der Taxifahrer schuld:

„Jungs, das ist der Müggelheimer Damm, nicht der Müggelseedamm!“

„Hab ich doch gesagt. Du kennst Dich doch aus hier!“

„Jaja. Schon klar.“

„Björn wär geil!“

Er war schneller mit mir ins Gespräch vertieft als ich ihn überhaupt wahrnahm:

„Na, was‘ mit Dir? Du bist, das sehe ich schon, ganz kleinlich. Pedantisch. Ja, irgendwie pedantisch …“

„Ach!? Weil ich jetzt gleich gewendet hab und nicht weiter vorgefahren bin oder was?“

„Nee, nee, ich seh‘ das einfach. Aber ehrlich: I like, I like! Mag ich. Wirklich. Pedantisch. Super!“

„Schnelle Analyse für 20 Sekunden Kennenlernzeit …“

„Ja ja, ich weiß. Wie heißte denn? Bitte sag Björn! Björn wär echt geil, Björn wär super, ich fänd Björn klasse!“

„Ähm … das könnte ich jetzt sagen, würde aber vermutlich auch nicht helfen. Sascha.“

„Sascha? Sascha! Na das ist doch auch, also …“

„Was?“

„Also ich find Sascha mal extrem geil!“,

meinte dann eine der Damen von der Rückbank.

Hab meine persönliche Taxiphilosophie umgehend erweitert: Höre lieber auf die sympathischen zurückhaltenden Fahrgäste auf der Rückbank als auf die Prolls neben Dir! 😉

„Glückwunsch“, „Kollege“!

Wenn mein Kunde nicht gelogen hat, wird ein bestimmter „Kollege“ bald unangenehme Post bekommen. Der Kunde jedenfalls war nicht nur sauer, sondern auch sehr überzeugt:

„Versteh‘ dit nich falsch! Ick bezahl‘ Euch jerne, keen Ding. Ick hab die nötjen Penunzen. Jeb auch imma Trinkgeld. Aba wenn mir eener verarschen will … nee, dit kriegt mein Anwalt, der macht dit schon, is mir ooch ejal jetze …“

Mein Kunde hatte laut eigener Aussage bisher 29 € berappen müssen. Für diese Strecke:

Tour für 29 € beim "Kollegen". Quelle: osrm.at

Tour für 29 € beim „Kollegen“. Quelle: osrm.at

Den Rest der Fahrt hat der Kunde dann mit mir gemacht (gleicher Maßstab), für 17,90 €:

Meine Tour für 18 €. (Zwischenziel wg. derzeitiger Baustellen) Quelle: osrm.at

Meine Tour für 18 €. (Zwischenziel wg. derzeitiger Baustellen)
Quelle: osrm.at

Sollte das alles stimmen und auch irgendwie nachzuweisen sein … dann sollte der Kollege die 29 € vielleicht besser sehr (!) gut verzinst anlegen …

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Tolle Gesprächsthemen

Natürlich werde ich als Nachtfahrer immer mal wieder aufs Kotzen im Taxi angesprochen. Das Thema hat ja nun schon so ein bisschen Einzug in die Folklore gehalten, da sind Nachfragen klar. Aber dass ich mich wie heute auch einfach mal mit einem Kunden quietschvergnügt 10 Minuten über nichts anderes unterhalten kann und wir das beide am Ende irgendwie lustig finden, das ist dann doch irgendwie neu.

Mein Lieblingssatz „Das Auto für 5 Minuten anhalten kostet 2 €, ins Auto kotzen 200.“, ist ja spätestens, seit der zweite Teilsatz im Stern in Schriftgröße 200 gedruckt wurde, etwas überlebt. Im heutigen Gespräch hab ich einen neuen gefunden, den ich fortan vielleicht benutzen werde:

„Wer selber putzt, zahlt nur, was danach auf der Uhr steht!“

Gedankenaustausch ist ja auch immer Inspiration. 🙂