Der normale Stress

Eigentlich lasse ich mich ja aus Prinzip nicht stressen. Deswegen mache ich diesen Job ja. Ich muss nicht mehr Straßenbahnen hinterherrennen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen, ich bringe die feiernden Leute gemütlich nach Hause, während sie ohnehin in einer anderen Dimension schweben und die Straßen sind frei.

Aber:

Das ist natürlich auch nur der Optimalzustand. Irgendeinen Stress gibt es immer mal. Hier Hektik, dort ein aufdringlicher anderer Verkehrsteilnehmer und nicht zuletzt auch manchmal Kundschaft mit Sonderwünschen oder Auswurfanstalten. Aber im Normalfall verteilt sich das alles auf zig Schichten.

Heute hatte ich so eine „Glückssträhne“, die ihresgleichen gesucht hat. Der eine Winker fischt mich an einer vielbefahrenen Kreuzung ab und hat es eilig, obwohl ich ihmzuliebe auf dem Fußgängerüberweg angehalten hatte und nun eine 270°-Drehung ohne die Gefährdung anderer zu praktizieren hatte. Die nächsten erwischten mich in einer einspurigen Straße ungefähr 10 Sekunden vor dem Ums-Eck-Schießen eines Feuerwehrlöschzuges und gaben als Ziel allen ernstes irgendeine „Da-wo-Onkel-Paul-mal-besoffen-hingeschifft-hat-Straße“ an. Auf meine zackige Nachfrage sagten sie dann, dass das direkt an der Ecke der „Da-hat-sich-im-Jahr-1853-mal-wer-laut-geäußert-Allee“ liegt.

„OK, dann so: Welcher Stadtteil denn überhaupt?“

„Ach so. Na hier ums Eck!“

-.-

Die dritten hatten es ganz eilig und mussten zu genau dem Flughafen, der mir ein legales Wenden erst nach anderthalb Kilometern erlaubt hätte. Bei Feierabendverkehr mitten in der Nacht. Was halt so passiert.

Natürlich: Hat alles geklappt, haben wir hingekriegt, inklusive kürzestem Weg, Freundlichkeit und nur marginaler Beeinträchtigung der Berliner Rettungsdienste. Muss ja. Irgendwie.

An dieser Stelle einmal mehr ein herzliches Danke an all die Kollegen, die den Job tagsüber machen und das sicher zehnmal öfter haben als ich. Ich will nicht tauschen, ehrlich nicht!

Völlige Verplanung

Eine Sechsertruppe als Winker aufgabeln und mit ihnen eine 30€-Tour haben? Fuck, yeah! Aber wenn dann alle rumflippen, Festpreise erörtern wollen und bei der erstbesten Möglichkeit gleich mal das Taxameter ausschalten? Holy Fuck!

Um ehrlich zu sein: Abgesehen von der Fehlfahrt zu Beginn ist leidlich wenig passiert, wenn man mal blödes Gelaber von der Liste nimmt. Ich war zwar trotz der finanziellen Aussicht froh drum, sie doch nicht anschließend zu ihrem Hotelbesuch zum Club fahren zu dürfen/müssen, aber auch dankbar, die Tour gehabt zu haben. Nachtschichtstress, passiert halt auch mal.

Beim Bezahlen allerdings gingen sie ähnlich clever vor wie beim Versuch, meine Sympathie zu erwerben. Es fing an mit:

„Dann sind wir bei 31,10€.“

„Mach mal 35.“

„Oh, danke.“

„Hier sind schon mal sieben.“

Bei allem folgenden Hin und Her wurde ich gefragt, was noch fehlen würde, und ich hab versehentlich eine leicht zu meinen Gunsten ausfallende Zahl genannt. Es lag mir fern, jemanden zu bescheißen, aber am Ende hat mir das statt 1,90€ wesentlich eher berichtenswerte 6,90€ Trinkgeld gebracht.

Aber wenn selbst ich da nüchtern nicht mehr mitgekommen bin, wird es dem Jungesellenabschied von ein paar Touris sicher auch nix angehabt haben.

Sündenbock

Als ich nach dem Winken angehalten hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich mir mit der Fahrt einen Gefallen getan hatte. Vier Jungs, allesamt Brecher meiner Größe und ziemlich laut unterwegs.

„Mach mal Kurzstrecke, Digger!“

Während einer gleich angefangen hat, mir zu beschreiben, wie genau ich fahren soll, meinte ein anderer:

„Ey, mein Bruder is‘ auch Taxifahrer, weisste, Digger?“

Damit war alles ok. Im Ernst. Die größte Sorge bei einem Rudel Betrunkener ist, dass sie irgendwie Ärger machen, wegen Bullshit. Leute aber, die von Bruder, Vater, Tante oder Großcousine wissen, wie der Job so ist, sind  fast automatisch immer lieb. Die sehen in uns halt nicht einfach irgendeinen potenziellen Abzocker am Steuer, wie manch andere in angespitztem Zustand.

Der junge Mann holte dennoch verbal bedrohlich aus, brachte dann aber eine 1A-Pointe:

„Aber weisste, Digger, wenn ich mir anschau, wie so manche Taxifahrer heizen … weisste, die so glauben, dass ihnen die Straße gehört … wenn ich sowas seh, Digger, dann … dann würde ich am liebsten zu meinem Bruder fahren und ihn schlagen!“

😀

Das Ende vom Lied waren zwei Euro Trinkgeld auf eine Kurzstrecke und gute Laune. Und der Bruder hat diese Nacht vermutlich auch nix abbekommen. 😉

Ich, das Arschloch auf dem Fahrradweg

„Das is’n Fahrradweg, Du Arschloch!“

Hab ich neulich wieder gehört und der eloquente junge Mann hatte sogar recht. Der Sicherheit wegen werden immer mehr Fahrradwege, bzw. -Spuren direkt auf der Straße angelegt und ich begrüße das auch sehr. Man sieht sich wirklich besser. Wenn ich allerdings Kunden auslade, fahre ich auch auf diese Spur, „ganz“ rechts ran.

Liebe Radler, ich tue das nicht, weil ich denke, dass man Euch eher behindern sollte als die Autofahrer. Das ist mir egal, da hab ich keine Präferenzen. Da ich allerdings nicht dafür garantiern kann, dass meine (gerne mal angetrunkene) Kundschaft beim Türöffnen auf Euch achtet, versperre ich diesen Weg mit voller Absicht.

Sicher ist es nervig und gefährlich, um ein so haltendes Taxi herum zu fahren. Aber Ihr seid die, die gerade aktiv am Straßenverkehr teilnehmen. Ihr müsst schon dem Gesetz nach nüchtern und aufmerksam sein, meine Kundschaft nicht. Links ist die Kindersicherung drin, da springt keiner unerwartet raus, das Halten am äußersten rechten Rand bietet sich da einfach an.

Wir alle ärgern uns über unnötige Hindernisse, schon klar, ich auch. In dem Fall versuche ich aber eigentlich nur dafür zu sorgen, dass die berühmt-berüchtigte plötzlich geöffnete Tür –sicher der Radler-Horror schlechthin – nicht passieren kann. Ich mach’s also auch für Euch, also bitte weniger Beleidigungen!

Don’t judge a book by its cover!

Er machte die Tür auf, tat zwei bis fünf Ausfallschritte und stand dann erst einmal orientierungslos in der Gegend rum. Und das junge Pärchen, das fünf Meter entfernt stand, rief aus zweierlei Kehlen:

„AH! OH MY GOD!“

Ja, man konnte den Typen schon leicht mit einem psychopathischen Serienmörder verwechseln. Ich sag nur: „Trevor Philips“. Für mich indessen war längst klar, dass der Kerl völlig ok war. Natürlich hatte er zu viel getrunken und das hatte er mir auch unnötigerweise schon gebeichtet. Aber er war ein extrem Lieber. Er hat mit mir um den Namen einer Straße gewettet (ich hab gewonnnen), mir das höchste Trinkgeld der Nacht vermacht und hätte wahrscheinlich einen Cage-Fight gegen zwei fünf Wochen alte Kätzchen verloren.

OK, wollen wir ehrlich bleiben: Niemand würde den zwei Kätzchen was tun, aber trotzdem!

Obwohl ich die Angst des Pärchens nachvollziehen konnte: Ich hab mich gefreut, es besser zu wissen. 🙂

Wortfindungs … äh, -Dingsbums

„Wo ist denn dein Tempomat?“

„Äh … wieso?“

„Na, Du bist doch Taxifahrer?“

„Du meinst das Taxameter?“

„Äh, ja.“

„Hier oben.“

Tss! Ich zeige Kunden doch nicht meinen Tempomat. Den zu entdecken hat mich schließlich selbst über zwei Jahre gekostet! 😉

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Wenn’s so richtig schief läuft

Ich hatte eine paar Runden durch den Osten der Stadt gedreht und dank mitternächtlichem Starkregen kam dabei am Ende sogar sowas ähnliches wie ein normaler Schichtumsatz raus. Der Anfang war nämlich eher mies gelaufen. Nun aber hatte ich seit rund fünf Kilometern nix mehr zu tun und obwohl es vergleichsweise früh war, steuerte mein Auto wie von Zauberhand in Richtung Heimat.

Am S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße stand dann ein Typ im Regen, die Augen aufs Handy gerichtet, ein paar LP’s in der Hand. Der wird doch hoffentlich … und zack, war die Hand von ihm oben! Nice.

„Abend. Wo darf’s denn hingehen?“

„Steglitz.“

WTF?

In jedem anderen Bundesland landet man mit so einer Strecke in einer Nachbarstadt. Ich hab mir ganz ehrlich sogar „Scheiße!“ gedacht, weil mir eine Tour für 10 € ums Eck eigentlich viel besser gepasst hätte. Aber gut, nun also Steglitz. Auch mit dem Preis war er erst einmal zufrieden und ich will auch gar nicht auf seine halblebigen Feilschereien gegen Ende der Fahrt hin eingehen. Er hat den Preis auf der Uhr zuzüglich eines kleinen Trinkgelds gezahlt, damit ist gut. Nein, viel interessanter war ja die Frage, wie jemand aus Steglitz mit drei Punkrock-Platten nachts in Marzahn landet.

Und wie erwartet: Er hat’s wirklich rausgehabt!

Er war im Cassiopeia bei einem Konzert. Im Glauben, von dort mit der S2 heimzukommen (was auch Blödsinn ist) ist er in die S7 Richtung Ahrensfelde gestiegen und hat sich dann etwas gewundert, dass das nicht so ganz geklappt hat. Und nicht nur das: Er hat auch noch die letzte Bahn erwischt, nach der folglich keine mehr zurück wenigstens in Richtung Innenstadt fährt. Ist natürlich ein unschönes Tagesende, unfreiwillig 40 € im Taxi liegenlassen zu müssen, aber  bis wir bei ihm waren, hatte ich ihn immerhin soweit, dass er wenigstens froh war, dass ich gerade vorbeigekommen bin und er nicht auch noch 20 Minuten auf ein bestelltes Taxi warten musste. Was durchaus hätte passieren können.

Dass das für mich eine Spitzentour war, brauche ich jetzt ja nicht gesondert erwähnen, oder? 😉