Man muss als Taxifahrer ein dickes Fell haben. Von Rücken und Bauch kann ich das von mir behaupten, und im seelischen Bereich kann ich mir doch immerhin attestieren, dass mich persönliche Beleidigungen meist weniger kratzen, als ich es hier kundtue.
Bei anderen Dingen ist es oftmals so, dass ich nicht gleich die Ohren auf Durchzug stellen kann. Also prinzipiell bin ich ein sehr pragmatischer Mensch. Ich würde mir zutrauen, Menschen den Tod eines Angehörigen näherzubringen, und danach lecker essen zu gehen. Während des Gesprächs allerdings Schema F abzuspulen ist nicht mein Ding. Folglich hatte ich heute ein wenig zu kämpfen.
Am frühen Morgen kehrte ich gerade aus Köpenick zurück und fuhr dabei meinem Kollegen J. über den Weg. Wir verabredeten uns an einer Ampel für den Ostbahnhof, aber eigentlich ist das egal, denn kurz darauf wurde ich rangewunken.
“Bringen sie mich nach [StehtgeradenochimOrtskundekatalog]?”
Eine Frau, ein paar Jahre älter als ich.
“Na klar, sehr gerne doch!”
Das waren so ziemlich die letzten unbeschwerten Worte für die nächste halbe Stunde. Sie war ziemlich fertig mit den Nerven, und das hatte natürlich auch einen Grund. Sie war das erste Mal seit längerem offenbar ausgegangen und ihr Abend in der Disco endete damit, dass sie von einer “Tussi” nur um des Stresses wegen zusammengeschlagen wurde. Die Verletzungen schienen sich im Rahmen diverser Prellungen zu bewegen – äußerlich war ihr zumindest in der Dunkelheit der Nacht nichts anzumerken. Keine Platzwunden im Gesicht, nichts auffälliges. Ich hätte es nicht bemerkt.
Aber wie so oft wenn es um Gewalt geht, waren die körperlichen Auswirkungen auch nicht das Schlimmste. Dass sie geschlagen wurde, machte sie nicht annähernd so fertig wie die Tatsache, dass sie sich – trotz besserer Vorsätze – nicht hat wehren können und zuletzt “voll peinlich” auch noch in Tränen ausgebrochen ist. Dieses miese Gefühl, dass jemand sich durchsetzen konnte, dessen Überzeugungskraft bei Null liegt, dessen soziale Kompetenz bei der von Feldsalat liegt, dessen Tritte einfach ein paar Joule Energie zu viel hatten. Das war das Problem. Und dann auch noch alles, als sie “einmal” versucht hat, “aus dem Dorf rauszukommen”…
Und wenn sie die ganze Zeit nur dort bliebe, würde sie das doch “auch umbringen”…
Sie hat die meiste Zeit geweint, und wenn sie nicht erwähnt hätte, dass ihr Mann zu Hause ist, dann hätte ich wahrscheinlich versucht, sie zu einem Arztbesuch zu überreden. Aber ich war auch froh, dass ich diese Ausflucht hatte, es nicht tun zu müssen. Ich bin vielleicht nicht schlecht im Trösten, aber ich kannte die Frau nicht einmal. Mir anzumaßen, derart in ihr Leben einzugreifen, wäre wirklich nicht mein Ding gewesen.
Ich bin viel zu wenige wirklich aufbauende Sätze losgeworden, weil mir immer wieder ein Kloß im Hals stecken blieb, wenn einmal mehr klar war, wie sehr sie diese Demütigung mitnimmt. Was will man sagen als 2-Meter-Mann, der seit der Grundschule keine Prügeleien mehr hatte, weil sich niemand getraut hat? Natürlich kenne auch ich solche Situationen, aber die meisten sind lange her.
Ihr könnt mir glauben, dass das an und für sich schon reicht, um das ganze als die schlimmste Tour des Abends abzutun. Aber als sich dann folgendes Gespräch ergeben hat, war ich innerlich wirklich kurz vor dem Ausrasten:
“Aber sie bringen mich doch nach Hause, oder?”
“Selbstverständlich. Wieso denn auch nicht?”
“Naja, der Taxifahrer vorher hat mich rausgeschmissen!”
“Wie, der hat sie rausgeschmissen?”
“Ja, der wollte mich nicht mitnehmen und hat mich wieder rausgeschmissen…”
“Ähm, und weswegen?”
“Keine Ahung. Ich glaub, der hat mich nicht verstanden, und gedacht, ich sei betrunken…”
Mir ist mehr als nur bewusst, dass das keine angenehme Tour ist. Und dass der ein oder andere nicht mit so viel Feinfühligkeit ausgestattet ist… vielleicht noch in Ordnung…
Aber welches verfickte Arschloch wohnt mit mir in meiner Stadt, nennt sich “Kollege” und schmeisst in den frühen Morgenstunden eine heulende Frau aus dem Auto, ohne nach einer Lösung zu suchen? Geht’s noch? Dieser Kollege kann sich sicher sein, dass ich ihm diese Form der Hilflosigkeit eindrucksvoll vermitteln werde, sollte ich je rausfinden, wer er ist – das ist aber mal ganz klar!
Wir Taxifahrer sind mit Sicherheit nicht verpflichtet, einen Psychiater zu ersetzen. Wir können uns auch nicht alles antun und irgendwo hat die Hilfsbereitschaft auch ein Ende – das ist klar. Aber es will mir nicht in den Kopf gehen, wie man eine fertige hilflose Person aus dem Auto schmeißen kann. Und wenn die Hilfe beinhaltet, dass man auf ein paar beschissene Zehner Umsatz verzichtet: DAS IST NICHT DRIN! ENDE! Keine Diskussion!
Ich hab sie dann vor der Haustüre abgesetzt, und ich schwöre, als ich von ihr den Satz
“…und jetzt darf ich die Blessuren auch noch meinem Mann erklären, na klasse…”
gehört habe, hätte ich sie ungeachtet aller Umstände, die dagegen sprechen könnten, am liebsten doch wieder eingepackt und irgendwo anders hingefahren. Und gleichzeitig hätte ich ihr das nicht antun können. Scheiß Situation, echt!
Auf der anderen Seite hat sie zuletzt einen wesentlich besseren Eindruck gemacht und mir aufrichtig und ehrlich ihren Dank ausgedrückt. Dass ich zuletzt auch noch um die 7 € Trinkgeld bekommen habe, schreibe ich nur, weil ich hoffe, dass dieses Arschloch von Pseudo-Kollege hier mal zufällig landet. Und all das “nur” mit geduldigem Zuhören, dem Reichen eines Taschentuches und – mein Chef möge mir verzeihen – der Erlaubnis, im Auto eine Zigarette zu rauchen.
Das ist es doch allemal wert gewesen!
Man muss als Taxifahrer ein dickes Fell haben. Von Rücken und Bauch kann ich das von mir behaupten, und im seelischen Bereich kann ich mir doch immerhin attestieren, dass mich persönliche Beleidigungen meist weniger kratzen, als ich es hier kundtue.
Bei anderen Dingen ist es oftmals so, dass ich nicht gleich die Ohren auf Durchzug stellen kann. Also prinzipiell bin ich ein sehr pragmatischer Mensch. Ich würde mir zutrauen, Menschen den Tod eines Angehörigen näherzubringen, und danach lecker essen zu gehen. Während des Gesprächs allerdings Schema F abzuspulen ist nicht mein Ding. Folglich hatte ich heute ein wenig zu kämpfen.
Am frühen Morgen kehrte ich gerade aus Köpenick zurück und fuhr dabei meinem Kollegen J. über den Weg. Wir verabredeten uns an einer Ampel für den Ostbahnhof, aber eigentlich ist das egal, denn kurz darauf wurde ich rangewunken.
"Bringen sie mich nach [StehtgeradenochimOrtskundekatalog]?"
Eine Frau, ein paar Jahre älter als ich.
"Na klar, sehr gerne doch!"
Das waren so ziemlich die letzten unbeschwerten Worte für die nächste halbe Stunde. Sie war ziemlich fertig mit den Nerven, und das hatte natürlich auch einen Grund. Sie war das erste Mal seit längerem offenbar ausgegangen und ihr Abend in der Disco endete damit, dass sie von einer "Tussi" nur um des Stresses wegen zusammengeschlagen wurde. Die Verletzungen schienen sich im Rahmen diverser Prellungen zu bewegen - äußerlich war ihr zumindest in der Dunkelheit der Nacht nichts anzumerken. Keine Platzwunden im Gesicht, nichts auffälliges. Ich hätte es nicht bemerkt.
Aber wie so oft wenn es um Gewalt geht, waren die körperlichen Auswirkungen auch nicht das Schlimmste. Dass sie geschlagen wurde, machte sie nicht annähernd so fertig wie die Tatsache, dass sie sich - trotz besserer Vorsätze - nicht hat wehren können und zuletzt "voll peinlich" auch noch in Tränen ausgebrochen ist. Dieses miese Gefühl, dass jemand sich durchsetzen konnte, dessen Überzeugungskraft bei Null liegt, dessen soziale Kompetenz bei der von Feldsalat liegt, dessen Tritte einfach ein paar Joule Energie zu viel hatten. Das war das Problem. Und dann auch noch alles, als sie "einmal" versucht hat, "aus dem Dorf rauszukommen"...
Und wenn sie die ganze Zeit nur dort bliebe, würde sie das doch "auch umbringen"...
Sie hat die meiste Zeit geweint, und wenn sie nicht erwähnt hätte, dass ihr Mann zu Hause ist, dann hätte ich wahrscheinlich versucht, sie zu einem Arztbesuch zu überreden. Aber ich war auch froh, dass ich diese Ausflucht hatte, es nicht tun zu müssen. Ich bin vielleicht nicht schlecht im Trösten, aber ich kannte die Frau nicht einmal. Mir anzumaßen, derart in ihr Leben einzugreifen, wäre wirklich nicht mein Ding gewesen.
Ich bin viel zu wenige wirklich aufbauende Sätze losgeworden, weil mir immer wieder ein Kloß im Hals stecken blieb, wenn einmal mehr klar war, wie sehr sie diese Demütigung mitnimmt. Was will man sagen als 2-Meter-Mann, der seit der Grundschule keine Prügeleien mehr hatte, weil sich niemand getraut hat? Natürlich kenne auch ich solche Situationen, aber die meisten sind lange her.
Ihr könnt mir glauben, dass das an und für sich schon reicht, um das ganze als die schlimmste Tour des Abends abzutun. Aber als sich dann folgendes Gespräch ergeben hat, war ich innerlich wirklich kurz vor dem Ausrasten:
"Aber sie bringen mich doch nach Hause, oder?"
"Selbstverständlich. Wieso denn auch nicht?"
"Naja, der Taxifahrer vorher hat mich rausgeschmissen!"
"Wie, der hat sie rausgeschmissen?"
"Ja, der wollte mich nicht mitnehmen und hat mich wieder rausgeschmissen..."
"Ähm, und weswegen?"
"Keine Ahung. Ich glaub, der hat mich nicht verstanden, und gedacht, ich sei betrunken..."
Mir ist mehr als nur bewusst, dass das keine angenehme Tour ist. Und dass der ein oder andere nicht mit so viel Feinfühligkeit ausgestattet ist... vielleicht noch in Ordnung...
Aber welches verfickte Arschloch wohnt mit mir in meiner Stadt, nennt sich "Kollege" und schmeisst in den frühen Morgenstunden eine heulende Frau aus dem Auto, ohne nach einer Lösung zu suchen? Geht's noch? Dieser Kollege kann sich sicher sein, dass ich ihm diese Form der Hilflosigkeit eindrucksvoll vermitteln werde, sollte ich je rausfinden, wer er ist - das ist aber mal ganz klar!
Wir Taxifahrer sind mit Sicherheit nicht verpflichtet, einen Psychiater zu ersetzen. Wir können uns auch nicht alles antun und irgendwo hat die Hilfsbereitschaft auch ein Ende - das ist klar. Aber es will mir nicht in den Kopf gehen, wie man eine fertige hilflose Person aus dem Auto schmeißen kann. Und wenn die Hilfe beinhaltet, dass man auf ein paar beschissene Zehner Umsatz verzichtet: DAS IST NICHT DRIN! ENDE! Keine Diskussion!
Ich hab sie dann vor der Haustüre abgesetzt, und ich schwöre, als ich von ihr den Satz
"...und jetzt darf ich die Blessuren auch noch meinem Mann erklären, na klasse..."
gehört habe, hätte ich sie ungeachtet aller Umstände, die dagegen sprechen könnten, am liebsten doch wieder eingepackt und irgendwo anders hingefahren. Und gleichzeitig hätte ich ihr das nicht antun können. Scheiß Situation, echt!
Auf der anderen Seite hat sie zuletzt einen wesentlich besseren Eindruck gemacht und mir aufrichtig und ehrlich ihren Dank ausgedrückt. Dass ich zuletzt auch noch um die 7 € Trinkgeld bekommen habe, schreibe ich nur, weil ich hoffe, dass dieses Arschloch von Pseudo-Kollege hier mal zufällig landet. Und all das "nur" mit geduldigem Zuhören, dem Reichen eines Taschentuches und - mein Chef möge mir verzeihen - der Erlaubnis, im Auto eine Zigarette zu rauchen.
Das ist es doch allemal wert gewesen!