Tochterpflichten

Eine schöne Tour neulich:

Ich stehe so mit Nico und Geri redenderweise am Ostbahnhof. Es ist schon spät, ich habe mich mit ausgeschalteter Fackel weit hinter den wartenden Kollegen am Stand hingestellt. Mal sowas wie offizielle Pause…

Dann kommt ein Mann mittleren Alters (40 – 60 Jahre) und mittleren Alkoholpegels (1 – 3 Promille) an und mustert uns gründlich. Dazu mustert er gleich noch mein Auto mit und meinte: „Ist die Taxe einsatzbereit?“ Ich habe mit „Ja“ geantwortet. Es war eh mies gelaufen bis dato, und wenn ich schon während der Arbeit kein Geld verdienen kann, dann doch wenigstens in der Pause…

Er wolle nur eine kurze Strecke, einen Fünfer gibt er mir dafür…

Ich hab das als Kurzstrecke interpretiert, und in Anbetracht der Tatsache, dass ich nicht am Stand anstand, kann man das ja mal gelten lassen 🙂

„Wohin soll es denn gehen?“

„Ist egal, ich kenn den Weg!“

„OK, hier geradeaus?“

„Ja, da vorne dann rechts!“

Gesagt, getan.

„Hier geradeaus?“

„Ja! Zum Strausberger Platz, den kennste doch, oder?“

Na also, warum nicht gleich so? Unterwegs hat er mir dann kurz erzählt, dass er seinen Schlüssel im Auto hat liegen lassen, das er wiederum – verantwortungsbewusst wie er ist – des Pegels wegen hat stehen lassen. Und da seine Frau deswegen mords den Terror machen würde, hat er also nun vorgehabt, zu seiner Tochter zu fahren. Fragt mich nicht, inwiefern das einen Sinn gibt, aber so war es eben.

Dort angekommen, stellte er nach einer ungelogen 4 Minuten dauernden Suche fest, dass er gar kein Geld dabei hat. Das übliche Geschwurbel „Aber ich hatte hier einen Zehner… ich hab doch 15 dabeigehabt… und ich hab nur 5 ausgegeben…“ inklusive. Alles kein Drama! Wäre nicht der erste, den ich noch zur Bank fahre. Aber er wollte ja eh zu seiner Tochter! Also rief er dort an, und das Gespräch verlief (ich kenn ja nur seine Seite) ungefähr wie folgt:

„MOONIKA*! MOONIKA! Monika, ick brauch mal nen Fünfer! Ja, ick steh hier! Vor der Tür! Wie? Ja neeheee! HINTEN! Ich bin hier inn Taxi. Ick steh hier! Hinten! Vor der Tür! Du, ick hab kein Geld mehr! Ick muss doch das Taxi bezahlen. Bring mal nen Fünfer runter! Kriegste von mir ja wieder, weisste doch! MOONIKA! Dein Nachthemd sieht doch hier keiner! Ick brauch nen Fünfer! Für die Taxe. Monika, bring mir einfach nen Fünfer!“

Das Ganze dauerte dann fünf Minuten, nicht ohne dass Monika noch einmal zurückgerufen hätte, und festgestellt hat, dass „hinten vor der Tür“ kein Taxi steht (wir standen wohl ausser Sichtweite eines Busches wegen). Er hat x-mal beteuert, mich nicht bescheissen zu wollen, hat mir Freikarten für Union Berlin angeboten und mir beim kurzen Aussteigen (um zu Monika zu eilen) alles dagelassen, was er hatte. Damit ich weiss, er bescheisst mich nicht…

Selten so eine lange und stressige Kurzstrecke gehabt… aber 1,50 € Trinkgeld sind dann ja auch nicht soo schlecht.

*Name von Sash geändert

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7 Kommentare bis “Tochterpflichten”

  1. Marcus sagt:

    Ob Monika es wohl gewohnt is, von vati mitten in der nacht wach geklingelt zu werden….loool

    Simply the best……Originellstes Trinkgeld: Freikarten für Union 😉

  2. Sica sagt:

    Das ist aber echt witzig heute…Sag mal, Sash, hast du so ein fotografisches Gedächtnis, oder lässt du ein Tonband mitlaufen, weil du alles immer wortwörtlich wiedergeben kannst?

  3. Sash sagt:

    @Marcus:
    Ich hab die Karten ja nicht angenommen. Ich hab doch lieber aufs Geld gewartet… wobei es sich vom Wert natürlich gelohnt hätte. Aber irgendwie kenne ich keine Fußballfans und bin auch selber keiner. Da sinkt der Wert solcher Angebote dann doch irgendwie 🙁

  4. Sash sagt:

    @Sica:
    Naja, das Telefonat ist schon eher frei wiedergegeben. Bis auf so Klassiker wie „Dein Nachthemd sieht hier niemand“ – sowas lässt sich ja gar nicht vergessen, ob man will oder nicht 🙂
    Ansonsten ist mein Gedächtnis eher mau.

  5. Marcus sagt:

    @Sica
    Nach jeder spannenden Tour, holt Sash den Notizblock raus…….an Zeit dürfte es ihm ja nicht mangeln 😉

  6. Sash sagt:

    🙂
    Nee, so ist das auch nicht. Nur wenn ich mal zwei Tage nicht zum Bloggen gekommen bin, schreibe ich mir Stichworte auf, um nicht zu vergessen, über was ich noch schreiben wollte. Die Details dazu kriege ich aber zumeist noch zusammen. Hier hätte ich mir wohl nur „Monika!“ notiert 😉

  7. Tasha sagt:

    ob das nun pflichtbewusst ist lasse ich mal dahin gestellt aber es ist ziemlich dämlich und somit geil!

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