Dreister als dreist

Ich hab’s grad nicht so mit der Arbeit. Die macht mich gerade fertig, ich krieg’s nicht gebacken. Also hab ich mich heute nach einem viel zu kurzen Besuch auf Berlins Straßen gleich wieder vom Acker machen wollen. Ich schielte im Vorbeifahren auf die Anzeige der Straßenbahnhaltestellen. Noch 4 Minuten bis zu meiner Bahn! Das ist das praktische daran, dass der Weg zum Abstellplatz parallel zu meiner Bahnlinie verläuft. Ich kann immer sehen, wie viel Zeit ich haben werde, wenn ich heimfahre.
Gut, ich kann bei den letzten paar Stopps ein bis zwei Minuten rausschlagen, aber ein wenig Eile wäre bei 4 Minuten schon angebracht. Der ganze Papierkram im Auto benötigt ja auch seine Zeit …

Nun aber: rote Ampel. So weit, so gut. Ampeln liegen natürlich auch auf dem Weg, aber die sind in der Rechnung schon mit drin.

Dann aber das Beste: Winker vor der Ampel. Drei … hmm, Jugendliche? Zumindest aber mal junge Erwachsene. Da sich meine Arbeitsunlust ganz bestimmt nicht gegen Kunden richtete, hab ich mich sogar gefreut. Na gut, also doch noch eine Tour! Finanziell mehr als notwendig – und zudem sind Winker immer ein Glücksfall. Touren, auf die man nicht warten muss, reißen das Ergebnis immer nach oben raus, da spielt es – außer vielleicht an Silvester – überhaupt keine Rolle, wie weit es letztlich geht.

Ich halte an der Ampel und damit direkt vor dem Winker. Der Rest der Truppe scheint sich gar nicht für das Taxi zu interessieren. Na gut, dann will wohl nur er heim.
Ich lasse einfach mal das Fenster runter und er beugt sich tatsächlich herab, anstatt gleich die Türe aufzumachen. Dann mal schauen …

„Sorry? Haste vielleicht Feuer?“

Ich bin ein lieber Mensch. Ich hab ihm also Feuer gegeben und es hat auch alles so gepasst, dass ich als es grün wurde durchstarten konnte. Aber mal im Ernst: Leute, das ist wirklich scheiße! Schön und gut, dass wir Taxifahrer tatsächlich fast immer reagieren, wenn man uns den Arm hinhält – aber wir machen das, um Geld zu verdienen! Wenn wir anhalten und ein ebenfalls freier Kollege an uns vorbeizieht, dann versaut uns das die Chance auf den nächsten Kunden. Diese Nettigkeit kann uns empfindlich Geld kosten. Und es ist reichlich unfair, dass ausgerechnet die netten Fahrer am Ende draufzahlen, oder?

In dem Fall war wie gesagt die Ampel rot und mir war es ohnehin recht egal, was aus diesem Abend noch wird. Ich hätte trotzdem in dem Moment gerne die Zeit gehabt, dem Kerl mitzuteilen, was ich nun hier geschrieben habe. Aber das hatte ich eben nicht. Bahn in 4 Minuten und so …

11 Kommentare bis “Dreister als dreist”

  1. Wahlberliner sagt:

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser „Winker“ sich um die hier beschriebene Tatsache nicht nur keine Gedanken gemacht hat, er wusste es natürlich auch einfach nicht – und die meisten Leute sehen heute davon ab, sich genügend in andere Personen und deren Welt hineinzuversetzen, um von selbst auf sowas zu kommen.
    Von daher ist es gut, dass Du das hier geschrieben hast.

  2. Leonard Wolf sagt:

    Ich kann verstehen, dass du dich da aufregst! Aber vermutliche hat die Person nicht in böser Absucht gehandelt.
    Noch eine Frage: Hast du die Bahn bekommen?

  3. Sash sagt:

    @Wahlberliner:
    Davon gehe ich auch aus. Und wie gesagt: Er hat sein Feuer ja bekommen. 🙂

    @Leonard Wolf:
    Natürlich, es passiert selten, dass ich das nicht schaffe bei 4 Minuten. Am Abstellplatz waren es dann schon 6, das ist mehr als genügend Zeit.

  4. AxelF sagt:

    Denken wird heutzutage überbewertet!!!
    Ich beobachte sowieso, das immer weniger gedacht wird, Logik fehlt ganz.
    Wissen hat man immer in Wikipedia dabei, denken kann doch auch das Smartphone!!!

    Mich wundert eh, dass noch keiner ein Feuerzeug ins Telefon integriert hat! Weil Feuer fehlt dauernd, das Telefon fast nie!

  5. Sash sagt:

    @AxelF:
    Die Feuer-App für’s Smartphone fehlt mir leider auch noch. 🙂

  6. Sven-Erik sagt:

    Ich benötige 8 Minuten, denn Schichtzettel ausfüllen und für den nächsten Tag die Grundsummen aufschreiben, dauert halt.
    Spiegeltaxamter löschen und ausschalten.
    Navi verstecken, da trotz Tiefgaragen Platz vor 5 Jahren mal die Scheibe eingeschlagen wurde.
    Die Halterung wurde nicht geklaut, da Diebe oft dumm sind.
    4 Minuten in Berlin möglich ?

  7. Sash sagt:

    @Sven-Erik:
    4 Minuten ist sauknapp. Ich fühl mich auch erst ab 7 Minuten wirklich wohl und hetze nicht. Aber rein faktisch reicht es. Ich hab auf dem Schichtabschreiber folgendes einzutragen (alles weitere, Name usw. fülle ich zu Beginn schon aus):
    1. Uhrzeit Schichtende
    2. Gesamtkilometer laut Tacho
    3. Gesamtkilometer laut Taxameter
    4. Besetztkilometer laut Taxameter
    5. Gesamttourenanzahl
    6. Gesamtzuschläge
    7. Gesamteinnahmen
    Die Summen notiere ich mir nie. Ich hab meinen eigenes Buch, in dem ich die Touren vermerkte – und mein Chef rechnet elektronisch ab. Abgesehen von der Uhrzeit trage ich das dann alles noch auf den neuen Abschreiber ein, den mein Tagfahrer dann nimmt. Ohne Rechnen geht das alles recht schnell. Dann noch schnell am Taxameter abmelden und Zeug einpacken. Wenn ich allerdings wirklich nur 4 Minuten Zeit hab, dann stopfe ich schon an den Ampeln vorher ein Teil meines Zeugs in meine Tasche, damit ich das schon weg hab – gerade so Sachen wie die CD aus dem Player, Bücher, Trinken usw.
    Navi hab ich ja glücklicherweise eingebaut. 🙂

  8. Aro sagt:

    Deshalb fahre ich auch nie an Nazi-Demos vorbei: Man weiß nie, ob sie sich gerade grüßen oder ein Taxi winken 🙂

  9. PMK74 sagt:

    Feuer vom Taxifahrer kann er doch bestimmt bekommen – dafür reicht sogar ’ne Kurzstrecke. 😉

  10. Sash sagt:

    @Aro:
    Ja, sehr missverständliche Gesellen. Die sind es sicher auch leid, dass überall Taxen anhalten, wo sie rumlaufen. 😉

    @PMK74:
    Stimmt schon. Aber ich hasse es, solche Ansagen ohne nötige Erklärungen zu machen. Wir haben sicher einen Gutteil unseres Rufs mit den Kollegen versaut, die bei sowas einfach „Kost drei Euro!“ sagen. Das ist nämlich aus Sicht der Leute nicht wirklich nachvollziehbar.
    Ich hab mich in jüngeren Jahren, noch völlig ohne Plan vom Taxifahren auch mal aufgeregt über einen, als mir am Hauptbahnhof in Stuttgart das Auto liegengeblieben ist. Ich also einen von den Taxifahrern wegen Starthilfe gefragt – und er gleich: „Macht’n Zwanni.“
    Kam mir reichlich unverschämt vor, aber ich wusste ja auch nicht, dass der da jetzt nicht einfach mal kurz beiseite fahren kann, sondern dass er da seine Warteposition aufgibt usw. usf.
    Deswegen ist die Idee mit der Kurzstrecke zwar gut, aber auch nur mit etwas Zeitaufwand sinnvoll umsetzbar.

  11. highwayfloh sagt:

    @Sash:

    da hat wohl einer das mit der „Starthilfe“ die meines Wissens nach 20,– Euro pauschal kostet, sofern sie von Taxlern kommt, etwas falsch verstanden….

    ich wär so schlagfertig gewesen diesen Betrag zu verlangen, nur um das dumme Gesicht zu sehen… *schallend lach*

    Auch wenn Du verständlicherweise verärgert drüber warst, aber das bist eben „Du“ und das zeichnet sich aus:

    ein ECHTER Mensch!

    Davon gibts in unserer „Ellenbogengessellschaflt“ leider immer weniger!

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