Nach meiner wohlverdienten Kippenpause bin ich etwas ziellos durch Lichtenberg gegurkt. Nein, wirklich ziellos war es nicht. Ich hab genau genommen immer Richtung Heimat gezielt.
Ich mache das immer wieder gerne, wenn ich eigentlich zufrieden bin: Ich fahre Richtung Marzahn (oder Abstellplatz) und nehme einfach die Leute mit, die mir unterwegs vors Auto laufen. Das klappt natürlich nur an guten Tagen, ansonsten ist man sofort zu Hause, und das schmälert den Überraschungseffekt doch merklich 😉
Naja, unweit des neuen Ikea hab ich endlich (waren fast 5 km leer) neue Fahrgäste gefunden. Gleich 6 auf einmal. Na denn. Ich hatte mir vor der Schicht überlegt, ob ich überhaupt große Gruppen mitnehmen sollte an diesem Abend. Immerhin bedeutet es einen Mehraufwand, und es ist ja so oder so immer schwierig, Leute einzuschätzen. Da hinten kommt ja keiner schnell mal zum Kotzen raus.
Aber die Jungs waren recht nett, wenngleich das Raumkonzept im Auto mal wieder hinten und vorne nicht funktionierte, da einer der größten sich gegen meinen Rat ganz nach hinten gesetzt hat. Dadurch wiederum konnte die vordere Rückbank nicht ganz nach hinten geschoben werden, wodurch die Leute dort keinen Platz hatten. Und somit war selbst der einzig vernünftig platzierte Mensch im Auto – der große Dicke neben dem anderen großen Dicken am Steuer – eingeengt, weil er seinen Sitz nicht weiter nach hinten schieben konnte.
Aber besser Sardinenbüchse als gar kein Taxi – so etwa war die Losung der Nacht, und auf ging es in den Süden des Bezirks. Der Große war reichlich angetrunken und erzählte einen Haufen unzusammenhängendes Zeug, was nicht weiter aufsehenerregend war für eine Schicht, in der gefühlte 115% der Kundschaft betrunken sind.
Unweit des von mir immer mit Vorsicht angefahrenen Weitling-Kiezes stieg die komplette Heckmannschaft aus und ich war mit dem Wohlbeleibten alleine. Während er mir allerlei sich widersprechende Fahrtziele nannte, wurde mir von seinen Freunden eine Adresse in Karlshorst zugesteckt. Und ein Zwanziger.
Auf der Uhr standen da Pi mal Daumen 15 €, inklusive der Zuschläge schon. Würde so in etwa reichen, und der Typ selbst sollte dann den Rest zahlen.
Er war blendender Laune. Nachdem ich ihn vom Joch des zu engen Sitzplatzes befreit hatte, füllte er zwar immer noch den ganzen Platz aus, wirkte aber wesentlich weniger zerknittert. Die Fahrt verlief reibungslos, er freute sich, mir noch ein zwei Straßen zeigen zu können, die man als Abkürzung hinten rum nehmen könne.
„Das sind jetzt, sagen wir mal, die, die nennen wir hier die Nebenstraßen von Karlshorst…“
Ach so 🙂
Er wollte sich dann zum Zwecke der Frischluftzufuhr ein paar Meter vor der Haustüre, an einer Kreuzung absetzen lassen. Wie immer in solchen Fällen mit seltsamster Liebenswürdigkeit mir gegenüber:
„Dann kommste hier auch direkt wieder auf die Hauptstraße…“
Viele Fahrgäste sind irgendwie der Meinung, es störe uns Taxifahrer, in Nebenstraßen zu fahren. Klar, wenn sie Sackgassen ohne Wendemöglichkeit sind, meterhoch zugeschneit, zu eng für Fahrräder, dann ist das nicht so schön. Normale Nebenstraßen gehören aber eigentlich zu unserem Job und das Taxameter zählt da auch ganz normal weiter…
Ach ja, das Taxameter! Was ich denn jetzt bekommen würde von ihm?
„Ähm…“
Ich hab aufs Taxameter geschaut, auf das Geld, dass ich von den Freunden hatte, und hab innerlich ein ziemlich langes Gesicht gemacht.
Fahrpreis: 17,00 €
Zuschläge: 3,00 €
„Ich bekomme, wenn ich ehrlich bin – und wegen guter Vorsätze bin ich das heute mal – ganz genau Null komma Null Euro! Die Fahrt kostet 20 € und ich hab 20 € von ihren Freunden bekommen. Damit sind sie fein raus!“
Er kramt in seinem Portemonnaie. Juhu. Doch noch Trinkgeld!
Er reicht mir einen Schein, Nominalwert: 20 €. Kurswert in dieser erstaunlich trinkgeldarmen Nacht: exorbitant!
Aber er hat es ernst gemeint. So wie ich meine dankenden Worte. Dann geht es weiter. Ist ja schließlich Silvester.