Neujahr, 3:20 Uhr

Nach meiner wohlverdienten Kippenpause bin ich etwas ziellos durch Lichtenberg gegurkt. Nein, wirklich ziellos war es nicht. Ich hab genau genommen immer Richtung Heimat gezielt.

Ich mache das immer wieder gerne, wenn ich eigentlich zufrieden bin: Ich fahre Richtung Marzahn (oder Abstellplatz) und nehme einfach die Leute mit, die mir unterwegs vors Auto laufen. Das klappt natürlich nur an guten Tagen, ansonsten ist man sofort zu Hause, und das schmälert den Überraschungseffekt doch merklich 😉

Naja, unweit des neuen Ikea hab ich endlich (waren fast 5 km leer) neue Fahrgäste gefunden. Gleich 6 auf einmal. Na denn. Ich hatte mir vor der Schicht überlegt, ob ich überhaupt große Gruppen mitnehmen sollte an diesem Abend. Immerhin bedeutet es einen Mehraufwand, und es ist ja so oder so immer schwierig, Leute einzuschätzen. Da hinten kommt ja keiner schnell mal zum Kotzen raus.

Aber die Jungs waren recht nett, wenngleich das Raumkonzept im Auto mal wieder hinten und vorne nicht funktionierte, da einer der größten sich gegen meinen Rat ganz nach hinten gesetzt hat. Dadurch wiederum konnte die vordere Rückbank nicht ganz nach hinten geschoben werden, wodurch die Leute dort keinen Platz hatten. Und somit war selbst der einzig vernünftig platzierte Mensch im Auto – der große Dicke neben dem anderen großen Dicken am Steuer – eingeengt, weil er seinen Sitz nicht weiter nach hinten schieben konnte.

Aber besser Sardinenbüchse als gar kein Taxi – so etwa war die Losung der Nacht, und auf ging es in den Süden des Bezirks. Der Große war reichlich angetrunken und erzählte einen Haufen unzusammenhängendes Zeug, was nicht weiter aufsehenerregend war für eine Schicht, in der gefühlte 115% der Kundschaft betrunken sind.

Unweit des von mir immer mit Vorsicht angefahrenen Weitling-Kiezes stieg die komplette Heckmannschaft aus und ich war mit dem Wohlbeleibten alleine. Während er mir allerlei sich widersprechende Fahrtziele nannte, wurde mir von seinen Freunden eine Adresse in Karlshorst zugesteckt. Und ein Zwanziger.

Auf der Uhr standen da Pi mal Daumen 15 €, inklusive der Zuschläge schon. Würde so in etwa reichen, und der Typ selbst sollte dann den Rest zahlen.

Er war blendender Laune. Nachdem ich ihn vom Joch des zu engen Sitzplatzes befreit hatte, füllte er zwar immer noch den ganzen Platz aus, wirkte aber wesentlich weniger zerknittert. Die Fahrt verlief reibungslos, er freute sich, mir noch ein zwei Straßen zeigen zu können, die man als Abkürzung hinten rum nehmen könne.

„Das sind jetzt, sagen wir mal, die, die nennen wir hier die Nebenstraßen von Karlshorst…“

Ach so 🙂

Er wollte sich dann zum Zwecke der Frischluftzufuhr ein paar Meter vor der Haustüre, an einer Kreuzung absetzen lassen. Wie immer in solchen Fällen mit seltsamster Liebenswürdigkeit mir gegenüber:

„Dann kommste hier auch direkt wieder auf die Hauptstraße…“

Viele Fahrgäste sind irgendwie der Meinung, es störe uns Taxifahrer, in Nebenstraßen zu fahren. Klar, wenn sie Sackgassen ohne Wendemöglichkeit sind, meterhoch zugeschneit, zu eng für Fahrräder, dann ist das nicht so schön. Normale Nebenstraßen gehören aber eigentlich zu unserem Job und das Taxameter zählt da auch ganz normal weiter…

Ach ja, das Taxameter! Was ich denn jetzt bekommen würde von ihm?

„Ähm…“

Ich hab aufs Taxameter geschaut, auf das Geld, dass ich von den Freunden hatte, und hab innerlich ein ziemlich langes Gesicht gemacht.

Fahrpreis: 17,00 €
Zuschläge: 3,00 €

„Ich bekomme, wenn ich ehrlich bin – und wegen guter Vorsätze bin ich das heute mal – ganz genau Null komma Null Euro! Die Fahrt kostet 20 € und ich hab 20 € von ihren Freunden bekommen. Damit sind sie fein raus!“

Er kramt in seinem Portemonnaie. Juhu. Doch noch Trinkgeld!

Er reicht mir einen Schein, Nominalwert: 20 €. Kurswert in dieser erstaunlich trinkgeldarmen Nacht: exorbitant!

Aber er hat es ernst gemeint. So wie ich meine dankenden Worte. Dann geht es weiter. Ist ja schließlich Silvester.

Neujahr, 2:45 Uhr

Bis ans westliche Ende von Lichtenberg! Wow!

Das Fahrtziel, das mir die gemischte Mannschaft in Biesdorf nannte, war gar nicht so weit weg. Eine Tour zwischen 15 und 20 € wie so einige in der Silvesternacht. Bis dato hatte ich allerdings alle 6 Touren in den anderthalb Stunden Arbeitszeit östlich der Nord-Süd-Verbindung Rhinstr./Am Tierpark/Treskowallee/Sterndamm abgearbeitet. Letztes Jahr bin ich sogar in der ganzen Nacht außer nach Kreuzberg nie in „den Westen“ gekommen.

Jetzt aber bis quasi zum S-Bahnhof Landsberger Allee. Na denn.

Die Fahrgäste waren sehr nett und abgesehen davon, dass ich ihre teilweise übertrieben langen Streckenwünsche behutsam zurückgestutzt habe, könnte ich über die Fahrt kaum etwas erzählen.

Außer, dass ich so langsam eine Kippenpause wollte. Und immer noch kein Feuerzeug hatte. Aber es ist Silvester, alle feiern sie heute, da kann man mal fragen:

„Sagen sie, darf ich sie ganz dreist etwas fragen?“

Und was soll ich sagen? Ausgerechnet die alte Mutti, die von ihren längst erwachsenen Kindern begleitet wurde, reichte mir mit strahlenden Augen ein Feuerzeug. Dafür hab ich ihr artig einen Euro vom Fahrpreis erlassen und kein Trinkgeld genommen. Und wahrscheinlich hat sie jetzt auch noch was zu erzählen 😉

Neujahr, 1:50 Uhr

„Ein Glück, dass ich sie hier gefunden hab!“

Wie wahr. Ich sollte diesen Satz noch öfter hören in dieser Nacht, und wann wenn nicht in der Silvesternacht ist er gerechtfertigt? Taxen sind Mangelware, Kunden ausnahmsweise nicht.

Er müsse nur ums Eck, zu einer Apotheke.

Wow! An Silvester ein Notfall – noch dazu einer, der nichts mit weggesprengten Händen, Verbrennungen, Alkoholvergiftungen oder Depressionen zu tun hat. Also gut. Auf ums Eck, für Wärmepflaster und Schmerzmittel!

Der Hinweg dauerte tatsächlich nur runde 4 Minuten, mein Fahrgast beteuerte, er wäre eigentlich davon ausgegangen, er müsse sowieso die ganze Strecke laufen. Mir war das nur recht. Die kurzen Touren sind an Silvester das A und O. Der Umsatz pro Kilometer ist höher, man ist schneller wieder frei für die nächsten 3,20 € Einstiegspreis, bei Fahrgästen an jeder Ecke sind lange Touren gar nicht so toll. Wenn ich über Silvester meckern wollte, würde ich sagen: Natürlich kriegt man aber ausgerechnet in dieser Nacht die langen Touren. Ist aber ehrlich so.

Ich setzte meinen Fahrgast vor der Apotheke ab, und wartete wie mir geheißen wurde. Ich war nun noch keine Stunde unterwegs, hatte bereits knapp 40 € Umsatz gemacht, aber eine Pause brauchte ich noch nicht wirklich. Doch wer will meckern an diesem Tag?

Gleich zu Beginn verscheuchte ich potenzielle Neukunden, obwohl es rein vom Geld her klasse gewesen wäre, nicht die sonst gerne gesehenen 25€/Std. an Wartezeittarif kassieren zu können, sondern gleich mit neuer Kundschaft über die gar nicht so glatten Straßen davonzubrezeln.

Eine wunderschöne Situation übrigens, um die Kunden mit dem Tarif zu versöhnen, die sonst gerne den Spruch „Sei doch froh, wenn du wenigstens nen Fünfer verdienst!“ bringen, um ihre 7€-Tour etwas billiger zu bekommen.

Dann stand ich an der Ecke, völlig verkehrswidrig, und wartete auf meinen Kunden. Ich versuchte, eine Zigarette zu rauchen, aber mein dämliches Feuerzeug hatte den Dienst quittiert. Na klasse! Als ob ich Lust und Zeit hätte, nachher an einer Tanke zu halten! Mein halbseitig auf einem Schneehügel auf im Parkverbot, Kreuzungsbereich und wahrscheinlich auch vor einer Feuerwehrzufahrt stehendes Gefährt blinkte monoton im Warn-Modus, als sich nahezu lautlos im Vergleich zum langsam verhallenden Getöse des Feuerwerks ein Passat der Gesetzeshüter nähert.

Ich hab meine Zigaretten-Anzünd-Versuche eingestellt und gehofft, mein Kunde käme gleich wieder. Die Uhr stand bei etwa 6,40 €, nichts was Ärger wert gewesen wäre.

Die Polizei rollt auf mich zu, stellt sich quer auf die Straße, behindert nun ihrerseits allen möglichen Verkehr an der T-Kreuzung und das Fenster gleitet (wesentlich lautloser als das an meinem Taxi) in die Versenkung. Der junge Ordnungshüter hat einen fragenden Blick aufgesetzt, ich befürchte, nach dem Zweck meines ungebührlichen Verhaltens gefragt zu werden, schiele nervös zu meinem Kunden, der auf der anderen Straßenseite gerade zum dritten Mal von der Apothekerin verlassen wird.

„Entschuldigen sie…“

Ach nee, ich kann nicht anders. Der Rest der Straße ist gesprengt! Sie stehen selbst verkehrswidrig! Der Kunde wollte es so! Verhaften sie ihn! Lassen sie mich in Frieden! Ich hab einen Platten! Ich muss weg! Da hinten, ein Mörder!
Keine Chance, jetzt darf ich an Silvester 15 € abdrücken für meine Kundenfreundlichkeit. Nee, eher 25, wegen gemeingefährlichen Parkens (wäre ja berechtigt, ich gebe es zu!) oder ich gehe in den Knast wegen Terrorgefahr.

„Entschuldigen sie…“

Andere Taktik, Pokerface, ich weiss von nix!

„Entschuldigen sie, könnten sie uns sagen, wo die Dringendstraße 1 ist?“

Nicht im Ernst.

Dummerweise hab ich es ihnen nicht sagen können, weil der Straßenverlauf dort tatsächlich ein wenig blöd ist. Ein bisschen peinlich, wenn man bedenkt, dass das Büro meines Chefs keine 50 Hausnummern weiter ist, aber ich war mir nicht sicher. Allerdings hab ich ihnen meine Vermutung mitgeteilt, die sich im Nachhinein als richtig herausgestellt hat. Die beiden Beamten hatten allerdings wenig davon, sie kamen mir 3 Minuten später an selber Stelle abermals entgegen.

Ich brauch irgendwoher ein Feuerzeug, jetzt brauch ich eine Kippe!

Aber mein Kunde war schon wieder da.

„Haben die nach dem Weg gefragt, oder was?“

„Ja, Gott sei dank!“

Bei 9,20 € bekam ich liebenswerte 2,80 € Trinkgeld, und hoffte, möglichst bald ein Feuerzeug auftreiben zu können.

Neujahr, 1:15 Uhr

Ich habe die Silvesterschicht nach einer ausgiebigen Fotosession mit viel Feuerwerk gerade begonnen. Die Luft ist noch schwefelgesättigt und die zahllosen Kanonenschläge künden vom Beginn des neuen Jahres.

Bereits nach rund 300 Meter Fahrt (mehr als ich erwartet hatte) werde ich am Marzahner Bahnhof angehalten. 3 Junge Leute, zwei männlich, eine Frau, sprinten von der Straßenbahnhaltestelle zum Auto.

„Darf ich bei dir rauchen?“

ruft es über die Straße. Ach nee, nicht gleich Stresser zu Beginn! War aber Fehlanzeige. Das Rauchverbot wurde beachtet, die Stimmung war gut.

„Wo soll es hingehen?“

„Na da, wo Adda wohnt!“

Klasse, so kommen wir ins Geschäft. Denke nach, kenne jemanden, der so ähnlich heißt. Knapp 700 km. Ist mir eigentlich zu weit.

„Und wo genau wohnt Adda?“

„Fahr mal Schöneweide!“

Na also, das ist doch schon mal fast sowas wie eine vernünftige Ansage. Die Fahrt vergeht mit gemütlichem Smalltalk, bis verhalten die Frage gestellt wird, ob Musik machbar sei. Klar, wer will schon Silvester feiern ohne Musik. Mein Geschmack ist es nicht, die Kundschaft dagegen rockt ab, nur der Kollege direkt hinter meinem Sitz mümmelt sich auf dem Sitz zusammen und möchte lieber schlafen.

„Mach doch mal Party, Schaaatz!“

brüllt es vom Beifahrersitz. Dem uninteressierten Neujahrsschläfer wird Alkohol angeboten, beim nächsten Lied schon sind sie beim kollektiven Kopfnicken auf der Rückbank. Es wird laut, bleibt aber friedlich, die Party geht wohl bei Adda noch ein bisschen weiter. Meine Schicht auch. Nur nicht bei Adda.