Überraschendes Trinkgeld

Sicher: Wirklich verlässliche Regeln gibt’s beim Trinkgeld nicht. Man kriegt gutes Trinkgeld von Menschen jeder Gehaltsklasse und schlechtes, egal ob die Fahrt gut lief oder nicht. Ebenso wird einem manchmal erzählt, man werde gutes Trinkgeld bekommen – was dann nicht stimmt (und sei es nur, weil die Leute keine Ahnung von der durchschnittlichen Trinkgeldhöhe haben) – und zu guter Letzt gibt es eben auch Tips, die man einfach nicht erwartet hat. Und auf letzteres hofft man natürlich immer, wenn man besonders nett zu den Leuten ist. Man hat oft genug das Gefühl, dass es am Trinkgeld gar nichts ändert, wie man sich verhält; da weiß man als netter Dienstleister eben zu schätzen, wenn Kunden mit Begründung mehr geben.

In dem Fall waren es drei Jungs aus England. Sie hatten schon leicht einen im Tee, waren nicht ins Sisyphos reingekommen und wollten nun ihr Glück am Berghain versuchen. Dass die sich überhaupt für mich interessiert haben, wundert schon. Aber ja, ich hab auf ihre Anfrage hin kurz nach einem Radiosender mit elektronischer Musik gesucht und die Lautstärke hochgedreht. Wie ich immer sage: Für fünf Minuten könnte mir nichts egaler sein. Die abgesehen vom Musikgeschmack eigentlich recht sympathischen Briten aber hatten nicht einmal damit gerechnet, dass man auch im Taxi ernsthaft Musik hören könnte und waren Feuer und Flamme für diese Sonderbehandlung, die eigentlich (mit Einschränkungen) in der Berliner Taxiordnung schriftlich festgehalten ist. Und so wurde mir die Fahrt von 9 € (wir sind nicht am Sisyphos gestartet, sie haben mich rangewunken) mit amtlichen 15 € beglichen. Da streift einen dann doch das Gefühl, das Richtige zu tun.

Naja, trotzdem wird irgendwann mal wieder jemand Trinkgeld geben, der mich gleichzeitig beschuldigt, einen Umweg gefahren zu sein. Oder ich bekomme keines, obwohl ich in höchsten Tönen gelobt wurde. Ganz so einfach ist das halt nicht …

Diese Gelassenheit in der Nachtschicht

Ich bin ja froh, nachts zu arbeiten. Und ich bin das, obwohl mir im Taxigewerbe die Gegenseite im Grunde fremd ist. Ja, für eine Lesertour bin ich mal tagsüber gefahren, aber eigentlich halte ich mich da raus. Kein Berufsverkehr, keine eiligen Termine – das sind im Grunde meine besten Argumente für die Nachtschicht.

Nun ist es aber so, dass dank der Baustellen auf der Warschauer auch mal nachts Stau ist. Da bin ich mit einer Kundin auch prompt reingeraten, aber das war ehrlich gesagt wunderbar. Natürlich ist Stau scheiße. Aber dieses Mal hat er einfach eine sonst sehr kurze Fahrt angenehm verlängert. Sicher, dank der Wartezeitunterdrückung hat mir das kein Geld gebracht – aber die nette Frau hatte so viele Fragen zum Taxigewerbe; und die konnte ich nur durch diese Zusatzzeit beantworten.

Die Fahrt war toll, das Trinkgeld gut, aber am meisten gefreut hat mich am Ende ihr Fazit:

„Da hatte ich ja Glück, dass das länger gedauert hat. Es war ein so nettes Gespräch mit Ihnen und ich hab so viele Dinge gelernt, die ich bisher nicht wusste. Ich bin so froh, dass ich heute Taxi gefahren bin und das war vermutlich die beste Fahrt meines Lebens, ich danke Ihnen von Herzen dafür!“

Es klingt immer kitschig, wenn man sagt, dass man den Job (auch) der Kunden wegen gerne macht. Aber so ein Feedback ist echt mehr Wert als ein Euro mehr auf dem Konto, ganz ehrlich!

Ich glaube, meine Schulter hatte heute Sex im Taxi …

Und eigentlich habe ich immer noch keine Ahnung, was genau los war.

Eingeladen hab ich sie, da war ich schon fast auf dem Weg zur Firma. Der Abend lief erst schlecht, dann gut, und so langsam hatte ich meine Zeit abgesessen und die nötige Kohle im Sack. Aber dann: Winker. Na gut, alles mitnehmen, warten kann ich auch morgen wieder!

Die beiden waren sehr sehr betrunken und außerdem Schotten. Mein Englisch loben konnten sie ganz gut, das eigene war aber schon des Alkohols wegen kaum mehr verständlich. Die Straßenangabe war so schwammig, dass ich von der Allee der Kosmonauten bis zur Littenstraße bei jedem Versuch etwas neues herausgehört habe. Aber es sollte unweit des „Nollnoplaas“ sein, von dort könnten Sie es mir zeigen. Und nach einer dreiminütigen Vergewisserung, dass es der Nollendorf- und nicht der Nöldnerplatz war, konnte es auch schon losgehen. Ein guter Zwanni, von so mitten in Friedrichshain – nicht ganz meine Richtung, aber Geld ist Geld.

Während er eher müde vor sich hinbrabbelte, fand die junge Dame allerdings offenbar Gefallen an dem Taxifahrer, der sie sicher heimbringt, wo sie doch keine Ahnung hätten, wo sie wären. Das gipfelte in dem Wunsch, ich solle doch einfach dahin fahren, wo ich wolle, sie würde einfach mitkommen. Was grundsätzlich eine nette Idee war, aber ich glaube, sie hätte sich ziemlich verarscht gefühlt, wenn ich sie im Hinterhof meiner Firma in Niederschöneweide rausgelassen hätte. 😉

Aber natürlich war das so nicht gemeint. Sie lehnte sich zum Reden stets so vor, dass sie mir fast direkt ins Ohr flüsterte und legte mir die Hand auf die Schulter. Damit kann ich inzwischen ganz gut leben, am Anfang hat mich das noch erschreckt. So wirklich üblich ist Körperkontakt dann ja nun auch nicht zwischen Fahrern und Kunden im Taxi. Soweit hätte ich das mit allen Komplimenten, die sie mir machte, auch noch als weitgehend normal abgetan. Man klopft einem Kumpel ja auch mal auf die Schulter, ne?

Dann aber hat sie damit angefangen, mich zu massieren. Ich will jetzt nicht behaupten, dass das grundsätzlich einfach in Ordnung ist, aber ich hab nunmal auch meine Vorlieben und die Tatsachen, dass sie nett war und wir uns gut verstanden, haben mich das dann doch durchaus genießen lassen. Hey, eine Schultermassage während der Arbeit … andere bezahlen für sowas!

Etwas irritiert hab ich dann allerdings zur Kenntnis genommen, dass die gute Frau zum einen nur noch schwer geradeaus reden konnte – und dieses Mal weder ihres Akzents noch des Alkohols wegen, sondern weil sie leise aber doch hörbar gestöhnt hat – und zum anderen meine Schulter indes angepackt hat, wie man normalerweise fremde Schultern wirklich nicht anpackt. Ich kenne den Unterschied zwischen Massage und Festkrallen – und das war letzteres. Wobei es, das muss ich auch zugeben, immerhin dazu geführt hat, dass meine linke Schulter nun derart unverkrampft ist, dass ich merke, wie verspannt die rechte ist …
Was immer da zwischen der jungen Dame und meiner linken Schulter vorgefallen ist: Es hat beiden Seiten gefallen. Und nur um das festzuhalten: Es geht hier nicht um eine flüchtige Berührung, der Spaß hat ein paar Minuten angehalten.

Am Ende habe ich die beiden mangels näherer Zielinfos am Nollendorfplatz rausgelassen. Ihr Begleiter meinte, er wisse schon, wo sie nun lang müssten. Sie hat mir mich anschmachtend irgendwelche Unanständigkeiten ins Ohr geflüstert, die ich aber ganz ehrlich nicht mehr verstanden habe. Alkohol und so. Dann gab es von ihm (!) fast einen Fünfer Trinkgeld und ich darf mich jetzt mit der Frage beschäftigen, was da eigentlich genau passiert ist.

Nicht wirklich hilfreich dabei war, dass ich beim Abstellen des Autos auf ihrem Sitzplatz eine Dose Vaseline gefunden habe.

Immer wenn man denkt, man hat schon alles erlebt …

Eine der besten Fragen zu Beginn

Dank unzähligen Taxibloggern inklusive mir ist die Frage „Sind Sie frei?“ in einem begrenzten Kreis ja inzwischen zu einer eher lustig konnotierten Kontaktaufnahme mit dem Taxifahrer geworden. Schließlich sind nur die wenigsten Berufsgruppen mit einem eigenen Lichtzeichen für den Beschäftigungszustand ausgestattet.

Eine der selteneren Variationen hatte ich die Tage am Sisyphos. Ich stand da in froher Erwartung einer Tour von Clubheimkehrern. Natürlich gerne nicht nur für 6,80 € zum Ostkreuz, sondern lieber für einen Zwanni nach Prenzl’berg. Aber es war noch zu früh, es kamen nur Leute an. Schon wieder raus wollte keiner. Ich überlegte schon, ob ich wieder wegfahren sollte, da stoppte vor mir ein Auto und der Beifahrer stieg aus. Und er fragte mich:

„Na, haste Bock?“

Obwohl ich immer mal wieder die Befürchtung hab, damit irgendetwas zuzustimmen, auf das ich ganz sicher keinen Bock habe, hab ich ihn mit freundlicher Geste einsteigen lassen.

Es ging nicht zum Ostkreuz und auch nicht nach Prenzlauer Berg. Es ging nach Lankwitz, nochmal ein knapper Zehner mehr. Zumal mit einem ausgesucht freundlichen Fahrgast (im Übrigen Busfahrer bei der BVG, um einmal mehr ein Klischee zu zersägen), mit dem ich mich äußerst angenehm über unsere Jobs, Berlin und unsere jeweiligen Wohnlagen inklusive Themen wie Gentrifizierung und Löhne unterhalten habe. Die Fahrt endete mit einer von ihm ausgegebenen Zigarette vor seiner Wohnung und den bestmöglichen gegenseitigen Wünschen.

Wer bitte sollte auf sowas keinen Bock haben?

Ich bin qualifiziert. Für Betrunkene.

Es war eine mehr als nur heitere Fahrt. Auch wenn ungefähr jeder zweite Satz „Entschuldigung, ich bin … wie sagt man heute? … rotzevoll!“ oder ähnlich lautete. Sie gehörte definitiv zu den mittelschweren Fällen in der Nacht, ich hatte zumindest mal keine größeren Sorgen bei ihr. Sie hat mich über meinen Job ausgefragt, damit nebenbei auch über das hier: Schreiben, Bloggen usw.

Dass ich ein Buch geschrieben habe, hat sie erschreckend euphorisch aufgefasst, das Googeln danach gelang allerdings auch nicht mehr so wirklich. Naja, sowas kann an einem Wochenende schon mal passieren. Sie wäre ja, erzählte sie, Headhunter. Sie vermittle gute Leute an Unternehmen. Und da sie mich spontan sympathisch fand, hatte sie offenbar eine dieser unsagbar überzeugenden Betrunkenenideen, nämlich mich zu vermitteln. In einen besseren Job. Das freilich erwähnte sie nicht einmal, da hat sich viel alleine in ihrem Kopf abgespielt. Alleine bei zwei Fragen wurde ich involviert:

Ob ich a) überhaupt einen Job wolle und b) eigentlich auch Softwareentwicklung könne.

Immerhin war ihr nach der Verneinung beider Fragen auch bewusst, dass das vielleicht schwierig werden könnte. Aber hey, ich nehme das mal als Kompliment! 😀

Eingewandertenboni

Über die Fahrt lässt sich wenig sagen. Meine Kundin stieg am Ostbahnhof ein, und hatte eine dieser leicht unterdurchschnittlichen Touren im Angebot, die viele Fahrer sagen lassen, dass der Ostbahnhof eine doofe Halte ist. Einmal zum Görlitzer Bahnhof, siebenirgendwas, bitte, danke, tschüss.

Ich hab sie wie die meisten gefragt, ob sie eine lange Reise hatte, was sie damit beantwortete, dass sie aus Stuttgart kommen würde. Ich höre da ja erstmal immer geduldig zu und oute mich nicht vorschnell, aber in dem Fall isses dann irgendwann passiert. Und das Ergebnis:

„Na, mached se amol Zehn. Mir Schwoaba missed doch z’sammahalda!“

Ich sollte mir mehr Identitäten und Dialekte zulegen. Es scheint sich zu lohnen … 😉

Vorgeplante Gespräche im Taxi

Der Kunde erklärte schnell, dass er öfter genau diese Strecke fährt. Das hätte ich nie angezweifelt, aber der Rest der Fahrt bestätigte das nochmal besonders eindrucksvoll. Er schien sich seine komplette Lebensgeschichte auf diese 10 Minuten zurechtgelegt zu haben, fast hatte ich den Eindruck, dass er an bestimmten Hausecken aufs jeweils nächste Thema umsprang. Beziehungsstatus, Beruf, Alter, vorherige Berufe, Verkehr, bisherige Autos, aktuelle Verletzungen, hier können Sie halten.

Zack, fertig. Mehr als kurzes „Aha“, „stimmt wohl“ oder „O je“ konnte ich gar nicht anbringen. Als ich den Preis nannte, winkte er ab und meinte, er kenne ihn. Und er gebe immer denselben Betrag. Der entpuppte sich dann als einer, der fast 30% Trinkgeld beinhaltete und wurde ebenso fast eintrainiert abgetan mit:

„War eine angenehme Fahrt mit Ihnen und ein nettes Gespräch.“

Und Abgang.

Ich saß erst etwas verdattert da, aber rückblickend betrachtet war das nahe an der perfekten Tour. 🙂