New York, New York!

Die Stadt, in der Nachts scheinbar nur Taxis und Stretch-Limos unterwegs sind, hab ich ja ein wenig in mein Herz geschlossen, nachdem ich vor nunmehr 12 Jahren dort war. Dementsprechend unterhalte ich mich auch gerne mit Fahrgästen von dort. Das hat einen netten Nebeneffekt: Die Trinkgelder steigen signifikant.

Der New Yorker, den ich vor einigen Tagen im Taxi hatte, meinte es offenbar besonders gut mir mir und legte auf die 12,20 € am Ende glatte 7,80 € drauf.

Dafür ein dickes „Thank you!“ in die Stadt, in der 90%  aller Fotos Hochformat haben!

Ein heute eher schwer zu reproduzierendes Bild. Quelle: Sash

Angewandter Optimismus

Nachdem ich mich gestern mal ein bisschen über die Zustände bei uns im Taxigewerbe ausgelassen habe, kann ich heute gleich damit aufwarten, wie man trotzdem nicht vom doch meist recht lustigen Pfad des Lebens abkommt. Aber bevor ich das mache, möchte ich mal den Lesern danken, die diesen Monat über meinen Amazon-Link eingekauft haben! Da kamen dieses Mal recht schnell ein paar Euro zusammen, danke!

Aber gut, weg von mir, hin zu meiner Fahrgästin. Als ich sie aufgegabelt habe, war noch fast April, dem Wetter nach sogar fast Februar. Ein kaltes und matschiges Regenwetter hatte Berlin in seinem Griff und sie hat mich an der Frankfurter Allee rangewunken. Durchnässt bis auf die (in diesem Falle ausnahmsweise ein unbestätigtes Gerücht) Unterwäsche stand sie da und wirkte, als würde sie die letzte verbleibende Kraft aufwenden, um den Arm ein paar Zentimeter zu heben. Ihre langen braunen Haare klebten an Kopf und Klamotten und an diesem Tag habe ich eindeutig bereut, dass ich dem Hitchhiker nicht brav folge und immer ein Handtuch dabei habe.

(A prospos: Übermorgen, 25. Mai, ist wieder Towel-Day! Wenigstens da will ich alle mit Handtuch sehen. Ich nehme meines wie immer mit!)

Wie ein begossener Pudel, gleichsam mit Rehaugen (kommt daher das Wort Püree?) sah sie mich an und fragte ernsthaft, ob sie einsteigen dürfe.

„Ja selbstverständlich, warum auch nicht?“

„Ich bin doch so …“

„Und ich hab nicht ohne Grund Ledersitze! Jetzt kommen Sie rein! Ich dreh die Heizung ein bisschen hoch, ok?“

„Würden Sie mich auch bis nach Steglitz bringen?“

Äh, nee! Das nun sicher nicht. Ich bringe meine Fahrgäste natürlich nie an ihr Ziel, wo kämen wir da hin? Noch dazu ein Ziel im Pflichtfahrgebiet. Völlig absurd!

Da brauchte jemand aber dringend mal ein bisschen Ego-Politur!

Übers miese Wetter scherzend sind wir recht schnell ins Gespräch gekommen und der Heizung wegen auch schnell miteinander warm geworden. Sag ich jetzt zumindest mal so, hört sich nämlich irgendwie logisch an.
Und so wie die Situation gleich von Beginn an aussah, war sie auch. Natürlich stand die engagierte, erfolgreiche und attraktive junge Frau nicht einfach so zum Spaß im Regen und hatte keine Ahnung davon, dass direkt ums Eck auch ein Taxistand gewesen wäre: sie hatte das natürlich nicht geplant. Während sie ihr Büro hütete und dort ihrer Arbeit nachging, hat ein bislang unbekannter Fahrer eines LKW’s ihr Auto einmal längs der Fahrerseite aufgeschrammt und beinahe der Fahruntauglichkeit zugeführt. Und zudem Fahrerflucht begangen. Deswegen stand sie nach einem langen Arbeitstag auf der Straße, durfte sich erst eine Weile mit den Cops auseinandersetzen, Formulare ausfüllen und anschließend ihre Kiste noch zur Werkstatt stottern lassen.

„Dass einem das den Tag vermiesen kann, glaube ich gerne!“

„Ach, wenn es das schon gewesen wäre …“

„Wieso? Noch mehr Ärger?“

„Ich hatte eigentlich den einzig freien Abend diese Woche, um mal mit meinem Umzug voranzukommen …“

„Hm, der ist jetzt natürlich eher vorbei.“

„Ja, und ein Auto dafür hab ich auch nicht …“

„Na das ist ja wirklich eine blöde Situation. Eilt es mit dem Umzug?“

„Wie man es nimmt. Mein Mann hat mich rausgeworfen …“

Nennt mich ein Weichei, aber ich war ja kurz davor, ihr anzubieten, mit dem Taxi beim Umzug zu helfen. So viel Pech kann doch ein Mensch in so kurzer Zeit gar nicht haben, oder?

Das Schöne aber war, dass sie  tatsächlich – wie man immer so schnulzig sagt – das Lachen nicht verlernt hat. Sie hat statt Herumdrückens auf der zweifelsohne prall gefüllten Tränendrüse ihren Optimismus durchscheinen lassen und die Sorgen beiseite gewischt mit ihrer Hoffnung auf einen Neuanfang und der Bemerkung, dass wohl jeder mal irgendwann so ein paar beschissene Momente in seinem Leben hat. Davon hätte sich nicht nur diese Kundin damals eine Scheibe abschneiden können, auch ich selbst konnte nur eine gewisse Bewunderung empfinden, da ich ja auch zu den Leuten gehöre, die bereits rumnölen, wenn ich beim Fernsehen wider Erwarten den Kanal wechseln muss.

Am Ende, nach kurzzeitiger Verwirrung, in welche Richtung der Zielstraße nun ihre neue Wohnung lag, ist sie angekommen und ich habe mir, wie ich es manchmal tue, eingeredet, ihr irgendwie tatsächlich geholfen zu haben an diesem wahrscheinlich blödesten Abend seit Ewigkeiten. Für mich war es zudem lukrativ und Touren wie diese werden immer der Grund sein, weswegen ich meinen Job liebe.

Guter Abschluss

Schon bei der vorherigen Tour hab ich den Abstellplatz meines Autos beinahe gestreift. Nicht nur die Sehnsucht nach dem Feierabend war groß, auch die Zeit schritt langsam voran. Ebenso die Müdigkeit. Von Pankow zurück nach Lichtenberg, möglichst viel durch kaum bewohntes Gebiet! Noch eine Tour musste an diesem Morgen eigentlich nicht … huch, da winkt einer!

Der Geldbeutel ist manchmal doch stärker als man selbst.

Ein etwas plüschig dreinguckender Endvierziger mit Halbglatze bedeutete mir mit einem freundlichen Sammelsurium an Gesten, dass ich ihm doch bitte den Beifahrersitz zurückstellen solle. Gegestet, getan und los ging es:

„In die WTF-wo-soll-die-denn-sein-Straße bitte.“

Meine Gedanken kreisten: Jetzt kommt’s gleich! Charlottenburg, Steglitz, Frohnau, Adlershof …

„Das is hier ganz um’s Eck, fast an der Indira-Gandhi-Str.!“

„Oh, super!“

Ungelogen, die Tour lag also direkt auf dem Heimweg. Da nimmt man ein paar Euro doch gerne noch mit. Zu arg viel Kommunikation war der Mensch nicht mehr fähig – obwohl nüchtern – er hat sich nur gefreut, dass wir uns „hier draußen“ getroffen hätten und ließ sich gleich an der Hauptstraße absetzen. Kurz war gar kein Ausdruck für die Tour, gerade einmal 5,20 € sind zusammengekommen. Als ich ihm diese Summe verkündete, wich der plüschige Blick kurz einer tiefen Sorgenfalte, ich stelle mir so den Blick eines Duracel-Häschens vor, wenn es merkt, dass die Batterie trotz allem nicht endlos Saft gibt. Ihm schien der Preis aber entweder zu niedrig oder zu krumm, keine Ahnung. Jedenfalls zückte er mit leichtem Unbehagen einen Fuffi.

Am Schichtende hab ich mit sowas ja mal gar kein Problem. Aber wie üblich folgte das Schönste erst noch:

„Machste zehne!“

Elstern im Taxi

Zugegeben, was Diebstähle angeht, muss man im Taxi eine dicke Haut haben. Mir sind im Taxi Handy und Kamera, ein Rucksack und derletzt sogar die Kofferraummatte und die Reinigungsmittel geklaut worden. Ist natürlich kein Spaß, aber man muss das ja nicht zu einem Wettbewerb machen…

Mir ist jedenfalls vor einiger Zeit völlig überraschend ein Kunde ins Auto gesprungen, als ich gerade einen anderen abgesetzt habe. Er wollte zwar völlig entgegen meiner Richtung nach Steglitz, aber natürlich hab ich mich gefreut. Der Fahrpreis lag bei knapp 12 €. Er hatte mir gleich gesagt, dass er nicht genug Geld dabei habe, aber von seinem Kumpel in dem Restaurant den Rest holen würde. Als wir ankamen, drückte er mir gleich seine verbleibenden 8 Euronen in die Hand und fragte, ob er jetzt kurz reinspringen könnte.

Normalerweise bin ich beim Pfand rigoros. Solange nicht bezahlt ist, verlässt niemand das Auto, wenn er nicht sein Handy, seinen Ausweis oder wenigstens seine Freundin im Auto liegen lässt. Aber irgendwie war mir danach. Der Typ war schlicht total sympathisch, außerdem wäre der Verlust höchstens bei 4 € gelegen. Warum auch immer, ich hab ihm vertraut.

Er ist dann wie ein geölter Blitz in einem China-Restaurant verschwunden, während ich mir eine Kippe angesteckt habe. Kurz darauf kam er wieder raus, hatte 7 € dabei und gab sie mir mit einem Lächeln. Ich hab mich artig bedankt, aber ihm lag noch was auf der Zunge:

„Hey, danke, dass Du mich hast reingehen lassen ohne Pfand.“

„Ist eine Ausnahme gewesen, ich verlange sonst immer eines!“

„Aber ich war doch da im Laden!?“

„Ja, aber weiß ich, ob es da einen Hinterausgang gibt? Was manche Leute für 4 € machen, glaubst Du gar nicht!“

„OK, stimmt natürlich. Aber ein Freund von mir hat neulich sein iPhone als Pfand dagelassen und als er wieder rauskam, war das Taxi weg…“

Jetzt mal Tacheles, lieber „Kollege“ mit dem neuen iPhone:

Wegen Flachpfeifen wie dir haben wir alle immer irgendwie Stress mit dem Pfand. Wegen solchen Pissern wie dir vertrauen uns die Kunden nicht – obwohl das nicht gerade unwichtig ist in einem Job, der manches Mal einiges an Vertrauen erfordert. Wegen Intelligenzverweigerern wie dir verdienen wir alle weniger Geld, weil manche Kunden uns per se für Abzocker halten. Wegen dummdreisten Knallchargen wie dir röchelt das Taxigewerbe und ausgerechnet Spinner wie du meckern dann auch noch über die blöden Kunden. Und all das für ein neues iPhone? Na vielen Dank, du Amöbengehirn!

Fünf. Und. Zwanzig. Tausend.

Nein, die Überschrift hat leider nix mit meinem Verdienst zu tun. Ich wünschte es mir sicher mal, aber in der Regel lasse ich sogar Fahrgäste einfach aussteigen, die mal eben 100.000 € mit sich durch die Gegend schleppen…

Aber es ging wirklich nicht ums Geld, sondern um ISO-Werte. Mein Fahrgast stieg mir am Berghain ein, wollte kurz nach Hause und anschließend zurück. Das passiert bisweilen, meist sind es Clubgänger mit Geldsorgen. Er jedoch berichtete mir, dass er gar nicht so ein x-beliebiger Besucher wäre, sondern der Einzige, der im Berghain auch offiziell fotografieren dürfte.

Ich erfuhr von ihm, dass es im Berghain ungern gesehen wäre, wenn fotografiert würde. Im Grunde nicht weiter verwunderlich, ist der Club doch auch überregional bekannt für mehr oder minder wilde Orgien. Und das – wenn ich das meinem Fahrgast glauben darf – ist auch der Grund, weswegen man dort keine Fotos schießen darf oder sollte: Die Leute sollen tun und lassen können, was sie wollen, ohne dabei Sorgen zu haben.

Er aber ist wohl mit den Inhabern bekannt gewesen und hatte nun nach langer Abstinenz mal wieder vor, Fotos zu machen. Der Grund: Er hatte eine neue Kamera. Eine nagelneue Canon, die eine Empfindlichkeit von ISO 25.000 hat…

Im Gegensatz zum oben verlinkten Cello mit wesentlich mehr Wert hätte ich lieber dieses Schmuckstück entwendet!

Denn als Nachtschichtler hat man es schwer mit Fotos. Ich würde gerne mehr fotografieren, aber ich kann ja schon von Glück reden, dass meine Digicam es bis ISO 1600 schafft. Bilder von bewegten Objekten bei Nacht sind dennoch schwierig festzuhalten. Kameras, die in der Nacht gute (nicht verrauschte) Fotos machen, sind selten. Sein Teil wäre mir zwar zu groß gewesen, aber ich hab mitfühlen können, wieso es ihm jeden einzelnen der 2.000 € wert war…

Er hat dann während der Fahrt einfach so ein paar „Schnappschüsse“ aus dem fahrenden Taxi heraus geschossen… verdammt, ja: Ich bin neidisch!

In die Gensinger

Aus der Reihe „Wenn Fahrten besser sind, als man denkt“:

Die beiden alten Leutchen sind mir am Ostbahnhof nach durchaus ermüdender Wartezeit ins Auto gestiegen. Sie müssten „nach Friedrichsfelde in die Gensinger, kennen sie?“

„Selbstverständlich.“

So ein bisschen Ortskunde schleicht sich nach drei Jahren Taxifahren dann ja doch ein 😉

Ich hab mich gefreut, wenigstens mal keine kurze Tour nach der Warterei! Ans Ende von Lichtenberg, knapp 15 €. Das ist doch mal was!

Die Fahrt verlief ganz wie erwartet ruhig. Ich hab mich insbesondere mit ihr ein Bisschen über Berlin unterhalten und die Tatsache, dass ich „erst vor kurzem“ zugezogen bin. Die beiden selbst waren Einheimische, grob seit Beginn des letzten Jahrhunderts in der Stadt. Mir wurde erzählt davon, wie das hier früher alles ausgesehen hat, welche Supermärkte bald schließen und wie schön ihr Ausflug nach Bautzen doch war, von dem sie eben zurückgekommen sind. Ein wenig dröge vielleicht, aber immerhin lukrativ und zweifelsohne eine nette Tour.

Und dann standen wir da vor der Tür und die beiden verabschiedeten sich. Voneinander.

„Ach, geht es denn jetzt noch weiter?“

„Jaja, ich muss doch noch nach Köpenick!“

begann der alte und nicht mehr sonderlich gut hörende Mann zu erzählen. Am Ende erwies sich die Tour mit 30 € als quasi oberste Grenze dessen, was man innerhalb des Stadtgebietes noch eben so zusammenfahren kann. Damit haben sie mir nicht nur die Stunde, sondern quasi die komplette Schicht gerettet. Die Unterhaltung mit ihm war dank seiner Schwerhörigkeit zwar nicht ganz einfach, aber wir haben es letztlich beide mit guter Laune hinbekommen.

Ich weiß, dass das nicht sonderlich spannend ist, aber ich wollte unbedingt mal wieder erwähnen, wie das Geschäft einfach gleichermaßen überraschend wie auch vorhersehbar sein kann. Ich hab immer wieder gerne Spaß mit betrunkenen Partygängern und lustigen Ereignissen, manchmal aber ist man einfach froh, dass es auch Touren wie diese gibt: Einfach, entspannend und dennoch lukrativ.

Kuriose Geber

Da bin ich am Berghain mal schön mitten aus der Reihe weggekommen. Fünf Franzosen hatten in meiner 1925 zielsicher ein Großraumtaxi gesehen und ich war froh um die schnelle Tour. Fahrtziel sollte das Kotbusser Tor sein, ich überschlug den Preis inklusive Zuschlag auf etwa 9 €.

Die komplette Fahrt über verbrachten wir mit der Suche nach einem passenden Radiosender, das übliche bei frühmorgendlichen Clubtouren. Mir war zwar vorher klar, dass sich das Gesuche für die dreieinhalb Minuten Fahrt kaum lohnen würde, aber wenn die Kinderchen spielen wollen, sollen sie das doch tun 😉

Ähnlich wie bei Spaniern und Italienern grassieren im Kollegenkreis eine Menge Vorurteile über die Trinkgeldfaulheit von Franzosen. Meiner Erfahrung nach ein bisschen aus der Luft gegriffen, aber diese Truppe machte dem Klischee alle Ehre. 5 Leute und kein Trinkgeld bei 9,30 € Gesamtfahrpreis. Ein bisschen bitter, insbesondere da das eine Tour ist, bei der sich im Vergleich zu den anderen öffentlichen Verkehrsmitteln eine halbe Stunde Zeit, 500 Meter Fußweg und ein paar Euro gespart haben. Aber gut, man meckert nicht. Ich hab dem Zahlmeister die 70 Cent Rückgeld gegeben und mich ans Umklappen der Rückbank gemacht. Anders kommt der in der letzten Reihe kaum raus – und wenn es schon kein Trinkgeld gibt, wollte ich gleich zweimal nicht einen blinden Passagier für die restliche Nacht haben 😉

Nun aber fielen die Vorurteile fein säuberlich in sich zusammen. Kaum dass ich den letzten Hansel befreit hatte, kramte er in seiner Hosentasche, reichte mir einen Zweier und bedankte sich für die nette Fahrt. Als ich mich dann wieder ins Auto gesetzt habe, sprang einer der anderen an mein Fenster und drückte mir 50 Cent in die Hand mit einem freundlichen Lächeln. Ich hätte an dieser Stelle losfahren wollen, aber die Beifahrertüre stand noch offen. Ich lehnte mich also hinüber, um die Tür zu schließen. Auf dieser Seite des Wagens stand noch der junge Kerl, der mich bezahlt hatte, und offenbar dachte er angestrengt über etwas nach. Dann wandte er sich mir zu und entschuldigte sich für seine Unverschämtheit und gab mir die 70 Cent Wechselgeld zurück. Die Tür hat er dann auch noch zugemacht.

Äh… wow?

Also meiner bescheidenen Meinung nach dürften alle Touren so laufen 😀