Umweg

So können unterhaltsame Abschiede am Ziel aussehen:

„So, dann sind wir bei 42,20 €.“

„Das ist ja was. Die Hinfahrt hat aber 42 Komma Null gekostet!“

„Autsch! Da haben sie mich aber erwischt. Ja, ich bin einen Umweg gefahren. Waren wohl 80 Meter oder so…“

@Anise: Ja, es war die Tour. Und nur unter uns: Man schafft das auch für unter 41 €, aber ich höre aus eben diesem Grund gerne auf die Kundschaft 😉
Im Ernst: War eine wirklich heitere Tour. Ich hoffe, die andere Seite bewertet das ähnlich. Ich bin offen für Kritik, falls es nicht so sein sollte.

Festpreis angenommen…

Also, das ging wie folgt:

„Was würd’n das in die Bülower Str. kosten? In Schönberg?“

„Bülowstr. in Schöneberg?“

„Äh ja, genau. Ich hab nämlich nur noch 15 €. Können wir 15 € Festpreis machen?“

„Wohin denn genau in der Bülowstr.“

„Äh, Hotel Aldea, Agon, irgendwie so.“

„Steig ein.“

Vom Matrix aus kenne ich inzwischen den Preis zu einigen Hotels und vor allem Hostels centgenau. Insofern war mir auch bewusst, dass es nicht reichen würde. Allerdings gehört hinter diese Aussage ein kleines Sternchen, denn es würde reichen, wenn ich ihn auf der anderen Straßenseite rauslassen würde. Mit Wenden an der nächsten Wendestelle kommt man auf genau 15,40 €.

Das ist also nun nicht gerade ein riesiges Problem. Viel interessanter (aber durchaus nicht unanstrengend) war hingegen die Tatsache, dass mein Kunde eigentlich gar keinen Bock auf Feilschen hatte und sich selbst ständig dafür schämte, dass er den Rest seines Geldes versoffen hat. Auf halber Strecke hat er dann darum gebeten, doch irgendwo noch an einer Sparkasse anzuhalten, damit er mir noch Trinkgeld geben kann.

Im Grunde niedlich, ich hab ihn dann aber trotzdem einfach vor dem Hotel abgesetzt. Der war schon genug damit gestraft, sein Budget versoffen zu haben 🙂

Der Mike, der Sash und die Einsamkeit

Manchmal wird man wirklich auf eine harte Probe gestellt.

Ich hab sie mitten in Friedrichshain auf der Straße aufgegabelt. Auf dem Weg von nirgendwo nach irgendwo. Sie grinste ein wenig schief, fragte mich, ob es ok sei, dass sie nur eine Kurzstrecke fahren wollte und nannte ihr Fahrtziel. Es war nicht sonderlich weit, nur einmal abbiegen, rein technisch kein Thema.

Sie war schon etwas älter, blond, zierlich und hatte gewaltig einen im Tee.

Sie lallte ein wenig, holte mit den Augen weit aus, wenn sie einen neuen Satz begann, und das tat sie mit einer verblüffenden Frequenz. Aus irgendeinem nichtigen Grund sind wir auf meine 2 Meter Lebendgröße zu sprechen gekommen und da packte sie dann die Erinnerung.

„Weißt du, wissen sie, darf ich du sagen?“

„Klar, kein Thema!“

„“Naja, ich bin ja schon älter, da darf ich das. Du erinnerst mich an Mike.“

Das ist nicht gut, das ist gar nicht gut…

„Weisst du, Mike war ein Freund, den ich vor einem Jahr verloren hab.“

„Das tut mir leid!“

„Und naja, Mike war genau wie du. Der war auch so groß und kräftig und so gut gelaunt.“

Was antwortet man auf sowas? Mir ist nichts eingefallen. In was für einer Beziehung sie zu Mike genau stand, weiss ich bis heute noch nicht, aber getroffen hat es sie offenbar. Das Fahrtziel wurde nochmal ein paar hundert Meter verschoben, für einen letzten Drink in einer anderen Kneipe, und die letzten beiden Minuten wurden seit einiger Zeit die längsten zwei Minuten im Taxi für mich.

„Darf ich noch was sagen?“

fragte sie, als ich am Ziel anhielt.

„Aber selbstverständlich. Hektik lassen wir so spät nicht aufkommen. Ich bin auf der Arbeit, nicht auf der Flucht!“

Ich bin zu gutmütig, verdammt. Ich hab nen wichtigen Termin, ich muss weg, meine Frau ist schwanger, mein Kind stirbt. Aber nee, ich sage, ich habe Zeit 🙁

Und jetzt rast die Zeit bei allen bitte mal zurück zu all den peinlichen Situationen auf dem Pausenhof, im Klassenzimmer, im Schwimmbad, zu den Kindergeburtstagen in die Wohnzimmer von fremden Eltern. Zu jenen Momenten, in denen man man noch gar keine Ahnung hatte, was man eigentlich will, aber das jemand anders unbedingt mitteilen muss. Zu den Momenten, in denen man erstmals feststellt, dass Augen nicht nur zum Raus-, sondern auch zum Reinsehen da sind. Zu Momenten, die meist mit dahergestammelten Satzfragmenten à la „Du, weisst du, ich, ähm, du bist, ich, ich mag dich.“ enden. Oder mit dem anschließendem Wegrennen. Wenn ihr das vor Augen habt, dann könnt ihr euch vielleicht das Rumgedruckse von ihr vorstellen, die Kraft, die sie sichtbar angestrengt aufbringen musste, um folgendes zu sagen:

„Ich, ähm, ich wünsche mir schon lange mal wieder so einen Freund, wie Mike, wie dich!“

Ich glaube, es gibt keinen richtigen Satz in dem Moment. Meiner hat wenigstens funktioniert:

„Das glaube ich ihnen gerne. Wenn Mike so ein guter Mensch war. Aber glauben sie mir: Es gibt einen ganzen Haufen gute Menschen hier draußen.“

„Früher hatte ich viele Freunde wie dich, große, die mich beschützt haben. Es ist komisch. Ich bin jetzt 50, ich weiss ja, dass das nicht mehr so einfach geht.“

„Machen sie sich doch nicht ausgerechnet heute einen Kopf deswegen. Schlafen sie erstmal ihren Rausch aus, und dann sehen sie weiter!“

Ich bin eine Niete im Körbe austeilen. Aber dieses Mal ging es ja ganz gut aus… abgesehen davon, dass es kein Trinkgeld gab. Nach ein paar weiteren Halbsätzen ist sie dann nämlich ausgestiegen, nicht aber ohne ein letztes Kompliment:

„Du siehst wirklich gut aus!“

Jetzt wo ich das schreibe, geht es runter wie Öl, aber in der Erinnerung habe ich es kein bisschen genießen können. Ich war letztlich froh, als sie weg war. Um sie tat es mir leid, aber ja, es gibt sie, diese Momente, in denen es im Taxi einfach zu eng wird. Viel zu eng.

Auch ein Grund…

Was ich haben will „für in die Boyenstr.“? Vom Matrix aus?

„Ich schätze Pi mal Daumen 15 €. Vielleicht auch ein bisschen weniger.“

Kurze Zeit später, Chausseestr. Ecke Boyen:

„Kannst hier halten.“

„Dann sind wir bei 14,80 €.“

„Mach, mach einfach 17. Fürs akkurate Schätzen!“

Manchmal sind die Trinkgeldbegründungen einfach niedlich. Wie langweilig wären die Gespräche in meinem Taxi, wenn auch Männer sich trauen würden, einfach zu sagen: „Mensch, du machst deinen Job aber toll!“

Ruf verteidigt…

Dinge, die man am Ziel selten hört:

„Wow, neuer Rekord!“

Freut mich doch immer wieder. Zugegeben, mir wäre es natürlich recht gewesen, hätte er das gesparte Geld in Trinkgeld umgewandelt. Naja, man kann ja nicht alles haben 😉

Toller Kollege

Ich hab von Fahrgästen ja schon viele Horrorstories über Kollegen gehört, aber was mir neulich ein Kunde erzählt hat, war wirklich arg bedenklich:

„Wir hatten da vorher nen Taxifahrer, dat glaubste nicht! Der war, ich schwör’s dir, rotzebesoffen. Der hat kaum noch ein Wort vernünftig aussprechen können. Und dann ist der mit 90 durch die Stadt gefetzt. Hey, ich hab wirklich auf den Tacho geschaut. Der war mit 90 Sachen unterwegs! Und beim Bezahlen hat der dann, weisste die Fahrt hat 15 € gekostet, auf 20 € 10 € zurückgegeben. Nicht mal das hat der noch hinbekommen. Das war wohl die krasseste Taxifahrt, die ich je hatte…“ *

Was soll man eigentlich machen? So lange sich keiner bequemt, und wenigstens diese Idioten anzeigt (von denen es hoffentlich nicht mehr als 3 im Stadtgebiet gibt), werden wir Taxifahrer unseren Ruf wohl kaum los 🙁

* natürlich nicht zu 100% wortwörtlich wiedergegeben

Best Fail / Western Win

Zwei betrunkene Mädels aus dem Matrix. Zum Best Western Hotel am Spittelmarkt wollten sie. Und was macht Sash? Gurkt einfach mal drauf los und hat im Kopf das Novotel dort direkt ums Eck. Als ich gerade ranfahren wollte, fiel mir plötzlich ein, was sie gesagt hatten:

„Äh sorry? Did you say Best Western?“

Klar, natürlich hatte ich mich nicht verhört, sondern verfahren. Argh! Wo war das verdammte Hotel jetzt? Ach ja, Neue Grün… natürlich ein ziemlicher Umweg, den ich da jetzt fabrizieren müsste. Bin schließlich ressourcenschonend auf der grünen Welle am Ostbahnhof vorbeigeritten und nicht gleich mal hinten über die Köpenicker.

Hat mich geärgert. Also hab ich mich entschuldigt, das Taxameter bei 10,40 € ausgemacht, gesagt, dass wir bei 10 € sind und gehofft, dass ich mein Trinkgeld damit nicht überstrapaziere. Die beiden waren kein bisschen sauer und haben am Ende mit 12 € bezahlt. Puh, danke werte Kundschaft! 🙂

Wie so Wochentage mit zwei drei Matrixtouren sind, hatte ich später noch eine weitere Tour zum selben Hotel. Diesmal war ich ja schlauer. Ein Kollege hat den Rest der verbleibenden Feierwütigen mitgenommen und so kam es dann dazu, dass wir an der Oberbaumbrücke getrennte Wege fuhren. Ich über die Brücke zur Köpenicker, er geradeaus, einen anderen Weg nehmend.

Umgehend meldete sich meine Kundschaft und fragte, weswegen wir nun abbiegen und die anderen nicht.

„Compare the prices…“

habe ich ihnen gesagt, und damit war Ruhe im Karton. Wir sind tatsächlich kurz nach der anderen Taxe angekommen und meine Kundschaft ist gleich aus dem Wagen gesprungen und hat die andere Gruppe gefragt, was die Fahrt gekostet hat. Ich lag mit 9,40 € noch unter dem, was ich eigentlich erwartet hatte.

Dann plötzlich spontaner Jubel auf der Straße, nachts um drei Uhr. Freudestrahlende Grimasse eines jungen Mädchens mit erhobenem Daumen und der Bestätigung:

„You won!!!“

Man kann ja wenigstens versuchen, seine Fehler auszubügeln.

Was mich danach am meisten beschäftigt hat, war der Gedanke, dass sie sich mit meinen ersten Fahrgästen unterhalten und am Ende würden die nie darauf kommen, dass das der gleiche Fahrer war 😉