Freunde

Ich bin ja einer der Menschen, der noch nie Probleme hatte, in einen Club zu kommen. Das liegt in erster Linie daran, dass ich in meinem Leben bisher erst in vielleicht 6 bis 8 Lokalitäten war, die sowas wie ein Club sein könnten. Bei manchen bin ich auf der Klassenfahrtsschiene mittels Gruppenticket hinter den knapp bekleideten Damen hindurchgeschlüpft, der Rest waren entweder Läden mit befreundeten Türstehern oder Clubs, in die sonst niemand gehen wollte.

Eines jedoch hatte ich nie: Das Problem, dass mich meine Freunde haben stehen lassen. Verdammt, die Leute, die ich als Freunde bezeichne, haben sich die Möglichkeit eines kostenlosen Metallica-Konzerts entgehen lassen, als dieser verfickte Security-Futzi beim Blindman’s Ball in Stuttgart von all den geschnorrten Eintrittskarten fremder Leute ausgerechnet meine bemängeln musste.

Nicht so mein Kunde. Voll wie ein Öl-Tanker vor der Havarie hangelte er sich an imaginären Stangen durch die Luft am Ostbahnhof auf mein Taxi zu. Er wollte wissen, was eine Fahrt nach Mariendorf kosten würde und stellte fest, dass sein Portemonnaie bei allen erdenklichen Antworten nach Auftanken schreit.

Alles Routine. Ich hab ihm den Preis genannt, er mir eine Bank, zu der wir fahren könnten. Die wenigen Sätze, die er rausgebracht hat, waren allesamt nicht gerade Hochsprache. Er wäre in den Club als einziger nicht reingekommen – weil er zu betrunken sei. Diese Einschätzung war so verkehrt wohl nicht.
Seine Kumpels haben sich allerdings nicht darum gekümmert, irgendwie ist sogar einer der Leute mit seinem Ausweis reingekommen. Ja, und jetzt wären sie alle am Feiern, und er sitzt hier blöd rum. Ab nach Hause! Scheiß Abend!

Wenn ich was halbwegs passabel auf die Reihe kriege, dann ist es jedoch zuhören. Und nicht nur das: Manchmal verstehe ich sogar, was die total betrunkenen Kerle so sagen. Ich kann nur sagen, dass der richtige Spruch an der richtigen Stelle auch mal Wunder bewirken kann.

So änderte sich der Abend für ihn doch noch. Nüchtern ist der Typ nicht mehr geworden, wahrscheinlich war er am übernächsten Tag noch nicht wieder arbeitsfähig. Aber für seine Fahrt stand ein Fünfer weniger auf der Uhr als sonst und er hat sich mit guter Laune an einem anderen Club absetzen lassen, wo er wusste, er kommt rein. Da hat er sich wohl noch mit ein paar anderen Leuten getroffen und wahrscheinlich sogar noch weitergetrunken. Der Kollege, der ihn von dort dann mitgenommen hat, war dann zwar glücklicherweise jemand anders – für mich war das Ende doch irgendwie heiter.

Und dass ein Fünfer weniger auf der Uhr steht, heißt ja nicht, dass ich einen Fünfer weniger bekommen hätte…

Da wo ihr herkommt…

…möchte ich gerne mal Taxi fahren!

Es war eine dieser schaurig langweiligen Ostbahnhof-Nächte. Es war kalt, matschig und ruhig. Aber nur bis zu diesem Moment. Eine bunt aus allen Klischees zusammengewürfelte Truppe aus englischsprachigen Touris von 17 bis 22 stand plötzlich an meinem Wagen und es quakte im Chor:

„Five? Five? Five? Five? Five?“

Manchmal nervt es auch mit den Großraumtaxen. Eigentlich freue ich mich ja, mal eben mit 30 Sekunden Arbeitsaufwand 1,50 € oder 3,00 € extra zu verdienen, aber es gibt auch Tage, da hab ich eigentlich keinen Bock drauf.
Ich bin zwar nicht so drauf wie mancher Kollege, der die Sitze kategorisch nie ausklappt und nur 4 Leute mitnimmt, aber ich denke gelegentlich drüber nach. Gerade bei den jugendlichen Großgruppen kann man immer nur hoffen, dass sich nicht der mit dem größten Hang zu Vandalismus und Kleptomanie nach ganz hinten setzt, wo man als Fahrer wirklich gar nichts mehr mitbekommt.

Glücklicherweise sind meine negativen Erfahrungen gering und meine Laune meist gut genug, um die Bedenken beiseite zu wischen. An den 1,50 € lag es sicher nicht, dass ich die Truppe mitgenommen habe. Ganz ehrlich: Ich hab auch überhaupt nichts schlimmes erwartet, sie sahen eigentlich von Beginn an recht nett aus.

„Tell us, what would it cost from here to the Generator Hostel?“

„Hmm, with 5 persons maybe 11 €.“

„Each?“

„Of course not!“

Keine Frage, ich würde es insbesondere bei kurzen Fahrten oft genießen, wenn ich den Fahrpreis mit der Kundenanzahl multiplizieren könnte, aber es wäre zugegebenermaßen auch eine üble Abzocke.

Dass ich am Stand Begeisterung erfahre, wenn ich den Preis nenne, kommt schon mal vor. Auch lautstark. Wie diese Jungs sich gefreut haben, war allerdings fast schon unglaubwürdig. Ich hatte schlagartig das Gefühl, der coolste Deutsche des Planeten zu sein und mir alles erlauben zu können. Stattdessen hab ich vorsorglich (bevor was zu Bruch geht) die Begeisterung gedämpft und ihnen klargemacht, dass wir hier keine Mondpreise verlangen und man sich das Taxifahren ja auch leisten können sollte. Wobei mir natürlich hätte bewusst sein müssen, dass sich bisher kein Kollege erdreistet hat, Fahrgästen derart sozialverträgliche Worte zukommen zu lassen.

Auch wenn ich die Sache mit dem Tarif klargestellt habe, waren die Jungs offenbar davon überzeugt, ich hätte ihnen irgend einen geilen Spezialpreis gemacht. Vielleicht sind sie ja auch einen Tag zuvor an einen Fahrer geraten, der leider genau das getan hat. Wer weiss?

Als ich an der Kreuzung Storkower Ecke Landsberger stand und davor schon einiges von Hunger vernommen hatte, fragte ich kurz an, ob ich sie jetzt am Hostel rauslassen soll, oder gleich beim Döner oder Burger King. Sie waren zum einen verblüfft über die Nachfrage, zum anderen darüber, dass wir schon da waren und entschieden sich für den Burger King.

Also dann. 10,30 €.

„Here is a 10er, and then take this!„

meinte einer der 5, während er mir rund 3 € in die Hand schüttete. Löbliche Geste, ich hab mich freundlichst bedankt und den hinteren Reihen verkündet, dass ich ihnen raushelfe. Zum einen ist ja hinten links so oder so die Kindersicherung drin, zum anderen ist die allerletzte Sitzreihe wirklich blöd zu verlassen, wenn man keine Hilfe hat.

Als ich die Türe geöffnet hatte, schälte sich ein hochgewachsener Schwarzafrikaner mit dicker Brille und schüchternem Blick aus dem Sitz und drückte mir noch einen Euro zusätzlich in die Hand:

„Hey Guy, that was really a nice ride!“

3,90 € gab es insgesamt Trinkgeld. Von einer dieser klischeehaften Jugendbanden. Nehmt dies, ihr Kundenberater mit den Horrorgeschichten! 😉

Kalle!

„Jetz steig hier ein, ick zahl ditt ja ooch. Als wenn ick keen Jeld für ne Taxe hätte…“

Das kann ja lecker werden. Die Gegend ist eine der letzten Gegenden in Berlin, wo ich Wert auf Einsteiger lege, und nun scheint sich das personifizierte Intelligenz-Prekariat in mein Auto zu ergießen, nur weil diese doofe Ampel rot ist.

Ja, ich gebe es zu: So in etwa habe ich gedacht, als Kalle bei mir eingestiegen ist.

Er war genau so, wie man sich das Leben der HartzIV-ler in all den „Doku-Soaps“ ansehen kann, er wirkte wie gescriptet, fast schon übertrieben. Zu laut, zu grob, zu ungepflegt, zu angetrunken…

Aber es offenbarte sich einmal mehr, dass ein bisschen Hinterherhinken noch keinen schlechten Menschen ausmacht.

Zu Beginn dachte ich noch, Kalle hätte sich eine polnische Prostituierte ins Auto gezerrt, alsbald war aber klar, dass dem nicht der Fall war. Nein, bei weitem nicht. In irgendeiner Form ist eine Party bei ihnen mächtig schief gegangen. Kalles Angetraute scheint wohl für eine Menge Stunk verantwortlich gewesen zu sein, und die nicht deutsch sprechende Begleitung war wohl ihre beste Freundin und am Boden zerstört.

Und Kalle wollte nichts weiter, als sie unbeschadet nach Hause zu bringen.

Er stellte mir gleich in Aussicht, dass es wieder zurückgeht, nachdem wir sie abgesetzt haben, und so kam es dann auch. Dabei war die Tour mit 17 € oneway schon gar kein schlechter Griff für mich.

Am Zwischenziel hielten wir an, Kalle wollte unbedingt sicherstellen, dass seine Bekannte von ihrem Freund auch reingelassen wird – sprich: dass er da ist – und zu diesem Zwecke befahl er eine Zigarettenpause.

Er legte mir gleich einen Fuffi aufs Armaturenbrett, um mir klar zu machen, dass er nicht abhauen werde. Er betonte, dass ich das Taxameter ja laufen lassen sollte – was ich gerne getan habe, aber im Falle einer beidseitigen Zigarettenpause durchaus auch mal eine Ausnahme mache…

Dass er so oft betonte, er habe das Geld ja, hatte auch einen handfesten Grund: Er wollte zunächst bei einem Kollegen von mir einsteigen, dieser hat ihn wohl jedoch recht rüde gefragt, ob er überhaupt Kohle hätte, sonst bräuchte er gar nicht erst einsteigen.

Naja… ganz so übel sah Kalle dann doch nicht aus.

Naja, jedenfalls hatte ich so eine eigentlich relaxte 30€-Tour mit einem aufgekratzten Kalle, der ständig betonte, dass er Probleme habe, von denen ich gar nichts wissen will, und natürlich dass es für ihn eine Selbstverständlichkeit ist, für eine Dienstleistung wie Taxifahren zu bezahlen.

Nicht unanstrengend, aber in Ordnung. Und lukrativ.

Kalle hat mich noch nach meiner Nummer gefragt, und ich hab sie ihm gegeben. Für den Fall aller Fälle. Normalerweise melden sie sich nicht wieder. Normalerweise verlaufen solche Touren aber auch anders.

Furioses Ende

„Das Glück ist mit den Tüchtigen“

lautet ein Sprichwort, das wie kein anderes seine Falschheit oft zur Schau stellt. Ich hatte es dennoch im Kopf, als ich in einer nicht so spannenden Nacht etliche Umwege gefahren bin, um dann an einem Club zwei Leute aufzunehmen, die mir umgehend ein Fahrtziel ganz im Süden der Stadt nannten, was eine gute 25€-Tour zu werden versprach.

Die beiden Fahrgäste waren zwar im gleichen Alter, gute Freunde, beide recht nett – aber der Zustand der beiden hätte unterschiedlicher nicht sein können. Während mein Beifahrer guter Laune war und ziemlich fit wirkte, war der Kumpel hinter ihm kurz vor dem Einpennen und heftig alkoholisiert.

Sie wollten noch was zu Essen besorgen, ich sollte also kurz vor dem Ziel noch an einen Burgerladen ranfahren. Der quirlige Typ vorne beschäftigte mich mit Erzählungen, während ich vom hinteren gerade noch mitbekam, dass sein Kopf an der Seitenscheibe entlangrutschte und eine Schleimspur aus Haargel an selbiger hinterließ. Im Übrigen kein Einzelfall: Die Scheibe an der Fahrertüre reinige ich ungefähr drei- bis viermal seltener als die Scheiben, hinter denen meine Fahrgäste sitzen…

Während ich nach einer Strecke von rund 5 Kilometern mit dem einen darüber sinnierte, wo sich besagter Burgerladen befindet, kippte der Hintermann vornüber und hing in bester Kotzer-Pose im Gurt.

Sowohl ich als auch der Kumpel waren deswegen besorgt und haben ihn eindringlich ermahnt, ja Bescheid zu sagen, wenn es ihm nicht gut gehe, und wir jederzeit halten könnten. Und wie wir zwei gerade beratschlagen, dass es wohl besser sei, erst den Übervollen abzuladen und dann was zu essen holen, nahm ich aus dem Augenwinkel wahr, wie selbiger nach dem Türgriff fingerte.

Wir standen noch an einer Ampel, mittlere Spur zwar – aber kein Auto weit und breit. Er konnte also gefahrlos aussteigen.

(Jetzt wird es eklig, Absatz wenn nötig überlesen)

Zeitgleich mit dem Öffnen der Tür würgte der plötzlich ziemlich bewegungsfreudige junge Mann aber schon, und ich muss ihn wenigstens für seine Beherrschung loben, denn noch während er im Wagen saß, blubberte ihm der Auswurf im Mund und drückte sich tröpfchen- und bröckchenweise aus selbigem hinaus. Er aber konzentrierte sich – in heller Panik – auf den Türöffnungsvorgang und schaffte es in gewisser Weise den Mund synchron zur Tür zu bewegen und seinen Mageninhalt komplett außerhalb des Autos loszuwerden. Vielleicht ein oder zwei Tröpfchen am Vordersitz, aber sonst sehr kunstvoll.

(Weiterlesen, er hat es hinter sich!)

Noch bevor er das Auto verließ, um nach seinem Kumpel zu sehen und die hintere Tür zu schließen, drückte mir der Fitte sein Bedauern aus. Entgegen aller Verkehrsregeln hab ich das Auto an die Fußgängerampel manövriert, um die beiden nicht aus den Augen zu lassen. Der Mageninhaltsentleerte hatte sich einhergehend mit dem Verlust des sicher teuer bezahlten Alkohols direkt auf eine angrenzende Wiese geschmissen und sein Freund wusste nicht so recht, ob er sich nun besser bei mir entschuldigt oder seinem Freund hilft.

Mir ging es richtig gut!

Ich war einfach froh, dass ich keine Kotze im Auto hatte, und was schlimmeres als 10 Minuten auf einen Krankenwagen warten, konnte eigentlich nicht mehr passieren. Ich bin also relaxt-beschwingt ausgestiegen, hab die Küchenrolle um 10 Blatt gekürzt und hab dem am Boden liegenden Spuckvogel die Hälfte davon zum Abwischen überreicht.

„Danke Mann!“

„Ist doch kein Ding!“

Mit dem Rest bin ich zum Auto zurück und hab mich nach Verschmutzungen umgesehen. Nix! Gar nix! Kein Tropfen weit und breit! Ich hab also eher präventiv den Türgriff abgewischt und mich an die Beseitigung der Schleimspur an der Scheibe gemacht, während die Dankesworte des Freundes auf mich einprasselten. Wenn er das gewusst hätte, wären sie mit der Bahn gefahren (wie habe ich mir das vorzustellen?) und toll, dass ich da so gelassen bin, danke, boah muss das scheiße sein für mich, bla bla.

Ich hab ihn darauf hingewiesen, dass mir nun wirklich kein Schaden entstanden ist und er sich lieber Sorgen machen sollte, was mit seinem Kumpel ist. Der hatte sich nämlich offenbar entschlossen, eine Runde im Gras zu pennen. Bei 3°C wohlbemerkt.

Ich hab ihm vorgeschlagen, einen Krankenwagen zu holen, er hat aber abgelehnt und gemeint, er ruft seine Freundin an, die solle doch vorbeikommen und sie abholen. Die Idee fand ich gut und ich war überzeugt davon, dass der Auswurfkönig zweifelsohne nach dieser Aktion sehr rasch genesen würde. Sein Kumpel war definitiv fit, es war nicht notwendig, beide zwingend im Auge zu behalten. Was ich aber natürlich angeboten habe.

Überhaupt: Ich hab den Kumpel nicht eingehend angesehen nach der Kotzerei, der Wunsch, die Fahrt nicht fortzusetzen, kam erstmal nicht von mir. Ich hab zwar bei der Erwähnung der Planänderungen durchaus Bedenken angemeldet, aber es gibt ja immer Möglichkeiten.

Aber mein zurechnungsfähiger Fahrgast war bereits am Planen, Betüddeln und nebenher immer noch damit beschäftigt, sich zu bedanken und mir allerlei Beileid dafür auszusprechen, dass ich gerade seit 5 Minuten im Halteverbot mein Auto sauber mache und die Uhr fleißig mitläuft. Er hat mir angeboten, ich könne gehen, wenn ich wollte und mir beim Bezahlen noch ein nettes Trinkgeld überlassen.

„Kann ich dich vielleicht anrufen, wenn es in 10 Minuten wieder ok sein sollte?“

„Äh? Das ist vielleicht ein wenig blöd!“

Ich wollte die Weiterfahrt nun keineswegs kategorisch ausschließen, aber wenn ich jetzt wieder Richtung Innenstadt gurke, dann fahr ich doch nicht gleich wieder zurück. Hier warten wäre ja ok gewesen (Zugegeben: Natürlich hätte ich mir das bezahlen lassen), aber wir waren an einer wirklich viel befahrenen Kreuzung direkt vor den Toren einer unlängst geschlossenen großen Verkehrseinrichtung. Im Zweifelsfall doch noch ein Taxi zu bekommen, wäre wahrlich kein Problem gewesen.

Ohne weitere Nachfragen hat er mich dann freundlich verabschiedet und mir nochmal gedankt. Dabei war sein Abend definitiv schlimmer als meiner…

Orientierungssinn

Orientierungssinn ist mir bislang nicht als sonderlich nützlich beim Taxifahren aufgefallen. Grundsätzlich ist es zwar in fremden Gefilden angenehm zu wissen, in welche Himmelsrichtung man sich gerade bewegt, bei einer Tour allerdings wäre es vermessen, nach dem Trial-and-Error-Prinzip zu arbeiten. Da sucht man mittels Stadtplan oder Navi lieber gleich die richtige Straße, die nicht kurz vor dem Ziel noch einen Bogen macht, den man nicht erwartet.

Aber schaden kann es natürlich nicht, sich ein wenig im Raum orientieren zu können.

Ein Kunde, den ich dank einiger Straßensperrungen auf einem etwas kruden (aber inzwischen einstudierten) Umweg zur Friedrichstraße gebracht habe, beteuerte, einen so schlechten Orientierungssinn zu haben, dass er diesen Job garantiert nicht machen könne.

„Das Haus da zum Beispiel!“

meinte er und deutete auf das Springer-Hochhaus, das drei Blocks von seinem Wohnort entfernt liegt.

„Das Haus kann ich von meinem Balkon aus sehen. Aber wenn ich vor der Haustüre stehe, weiß ich nicht, wie ich da hinkomme…“

Also wenn es nach mir geht, könnte er immer ein Taxi nehmen 🙂

Der Hammer!

„Bringste uns an die x-Straße? Da an die Kreuzung mit der y-Straße?“

„Das kriegen wir hin.“

„Wieviel kostet das?“

„Ich weiss nicht, ob wir es mit einem Zehner schaffen. Bisschen mehr vielleicht…“

„Machste ’n Zehner?“

„Nö.“

Dazu ein Grinsen, und da haben sie ihre Anfrage schon selbst nicht mehr ernst genommen. Da die beiden mich unbedingt noch aufrauchen lassen wollten, haben wir uns am Stand noch kurz eine Diskussion darüber gegeben, warum Festpreise nicht in Ordnung sind und wie reich meine Chefs wahrscheinlich sein müssen bei dem enormen Startpreis von 3,20 €.

Auf dem Gebiet schlägt mich so schnell keiner mehr beim Diskutieren, und seltsamerweise mussten sie eingestehen, dass sie beim Bäcker auch 20 Cent fürs Brötchen zahlen, obwohl der Weizen nur rund 1 Cent wert ist. Dass zu meiner Arbeit auch Wartezeit und Anfahrt gehören, sowie das Bereithalten eines mehr oder minder funktionstüchtigen Autos, ist wie immer argwöhnisch in Frage gestellt worden. Als ob es selbstverständlich sei, dass jemand am Samstagmorgen mit einem Taxi in der Gegend rumsteht, ohne Geld dafür zu wollen…

Glücklicherweise waren sie aber gar nicht so stressig und immerhin guter Laune, so dass es eigentlich Spaß gemacht hat. Ich hätte sie eiskalt stehen lassen, und das sogar mit einem Grinsen, denn es war eine gute Samstagsschicht gewesen. Ich hatte davor in nur 4 Stunden 170 € Umsatz gemacht und mir fehlten nur noch 15 € zu meinem Schichtziel. Auf die beiden war ich als erster am Ostbahnhof wahrlich nicht angewiesen.

Unterwegs habe ich sie an der zweiten Kreuzung gleich gefragt, ob es ok ist, wenn ich geradeaus fahre, anstatt gleich rechts abzubiegen. Sie glaubten mir, dass es wirklich kürzer ist, sind aber 2 Straßen weiter gleich ins Lamentieren gekommen:

„DAS ist jetzt aber definitiv ein Umweg!“

„Nein, das ist genau der Trick bei der Route. Der kleine Haken ist nicht zu vermeiden. Dafür kann ich anschließend geradeaus durchfahren.“

„Aber auf dem Hinweg sind wir ganz anders gefahren…“

„Ihr seid schon mit dem Taxi hergefahren? Na dann können wir doch vergleichen. Wie viel hat es denn gekostet.“

„11,20 €.“

Ein bisschen Hin und Her später war klar, dass der Fahrtpreis 10,20 € war, und der Kumpel noch einen Euro Trinkgeld spendiert hat. Na denn…

Der Rest der Fahrtstrecke war dann wirklich unspektakulär, weil ich nur dem Straßenverlauf folgen musste.

Zwischenrein fragte der eine mich an der Ampel noch, ob mein Motor tatsächlich noch laufen würde – er sei so leise. Das war wahrscheinlich das schönste Kompliment, das mein Auto die letzten 100.000 km bekommen hat und zeigt zugleich, was für absurde Vorstellungen manche Leute von Taxen haben. Nur weil das Auto ein bisschen modifiziert ist, glauben Menschen an geheimnisvolle Motorausschalter oder an Super-Heizungen. Mein Navi mit der inzwischen sagenumwoben alten CD von 2006 soll angeblich auch besser sein als alle aktuellen tragbaren Modelle und es wurden sogar schon Vermutungen geäußert, der Motor meiner alten Möhre soll stärker sein als vergleichbare Serienmodelle, weil ich ja bis zu 6 Leute mitnehmen könne.

Egal, letztlich sind wir natürlich heil angekommen, und das hat zu folgendem Dialog geführt:

„Wahnsinn! Du hast es unter 10 € geschafft! Du bist der Hammer!“

„Tja…“

hab ich nur gesagt und bei 9,20 € das Taxameter ausgemacht. Der Kumpel sprach einen Satz, für den ich sehr dankbar bin:

„Und du Depp wolltest 10 geben! Haha!“

Die 10 hab ich natürlich trotzdem bekommen. Bleibt nur die Frage, warum ich damit weniger Trinkgeld hab als der Kollege… *grummel*

Du bis’n ehrlicher Kerl…

Der letzte Monat war bitter, ich könnte gerade ein paar Euro extra vertragen. Nicht, dass ich ernstlich dran geglaubt hätte, aber prima reingelaufen wäre mir eine Viererfahrt zum Puff meiner Wahl oder ein abenteuerlicher Trunkenbold mit einem „Behalt den Fuffi“-Trinkgeld durchaus.

Ein Kandidat für zweiteres hat mich in Treptow entdeckt. Ich hab ihn zwar vorher gesehen, aber da Wochenende war, sah ich mich ausnahmsweise nicht sofort genötigt, den Mittvierziger mit dem ungestümen Ausfallschritt auf mich aufmerksam zu machen. Aber die Ampel war rot, ich stand da so rum und Fahrten ablehnen tue ich dann ja auch nicht. Seine Bewegungen waren auf ganz eigene Art durchaus grazil, und sein Aussehen können alle erahnen, die ebenso gerne wie ich Dr. House bei der Patientenfürsorge sehen und sich an einen gewissen Detective Michael Tritter aus Staffel 3 erinnern.

Gleich vorneweg: Er war netter und wurde ohne Thermometer im Hintern von mir entlassen.

„Wo darf es denn hingehen?“

„Köpenick.“

Als er dann fast eingeschlafen war, hab ich kurz nachgehakt:

„Wohin denn genau?“

„Bisteirgendwannmalgewesenstraße.“

„Haben sie jetzt vielleicht noch eine Hausnummer?“

„Drölf.“

Und weg war er. Aber gut, ich hatte Ortsteil, Straße, Hausnummer. Das reicht im Prinzip, um meinem Job angemessen nachzugehen, und wenn der Kerl was nötig hatte, dann Schlaf! Nach einem halben Kilometer hab ich ihn nochmal aufgeweckt, um ihn an die Anschnallpflicht zu erinnern, weil er reichlich unförmig auf der Rückbank in sich zusammengefallen ist – und so etwa bei Kilometer 3 ist er meiner Bitte dann endgültig nachgekommen. Die weitere Fahrt war Kinderfasching. Ich hätte wahrscheinlich über das Rollfeld des Aéroport Paris-Charles-de-Gaulle nach Köpenick fahren können und er hätte es nicht gemerkt. Ich bin dagegen gemütlich den Anweisungen des Navis hinterhergegurkt, bzw. ich hab es angemacht, als ich nach Köpenick eingeflogen bin. Das Taxameter wollte sich nicht überreden lassen, über die 20,00 € rauszuspringen, was mir mit Blick aufs Trinkgeld weh getan hat, aber auf der anderen Seite wäre es reichlich unverschämt gewesen, über eine Minute dumm in der Gegend rumzustehen, um auf 20,20 € zu warten 😉

Ich hab die Uhr also ausgemacht und ihn angestoßen. Er ist – glücklicherweise – auch gleich aufgewacht und war natürlich völlig konfus. Ich hab ihm beruhigend erklärt, wo wir sind, mich vergewissert, dass wir auch am richtigen Ort sind und ihm den zu zahlenden Betrag genannt. Die folgenden 5 Minuten lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Ich sagte ihm, wie viel es kostet, er holt seinen Tabakbeutel raus. er kramt darin rum, stellt fest, dass es nicht sein Geldbeutel ist, steckt ihn ein, sucht seinen Geldbeutel ein paar Sekunden lang. Dann fragt er, wie viel es kostet, lächelt mich an und sagt:

„Nicht böse sein. Bitte! Ich bin doch sternhagel… wie viel kriegste?“

Daraufhin holt er seinen Tabakbeutel raus, kramt darin rum, stellt fest, dass es nicht sein Geldbeutel ist… ich denke, ihr könnt euch vorstellen, dass man das in 5 Minuten ein paar mal durchkauen kann.

Auf das etwa achte

„Nicht böse sein!“

hab ich wie immer geantwortet, dass ich das natürlich nicht bin, aber angefügt, dass ich jetzt dennoch aussteige, um wenigstens eine rauchen zu können. Bei der Gelegenheit bin ich natürlich ganz zufällig bis zu seiner Tür hinten rechts gegangen, hab sie aufgemacht und meine Hilfe angeboten.

Die zu leisten fiel gar nicht schwer, da ich schnell sah, dass sein Geldbeutel am ungünstigst zu erreichenden Platz lag: Unter seiner rechten Schuhsohle. Ich hab ihn hervorgezaubert und ein ungläubiges Lächeln geerntet, als ich ihm das gesuchte Teil unter die Nase gehalten habe. Er war froh, glücklich und fragte natürlich:

„Was kriegste denn jetzt?“

Ich hab geantwortet:

„Immer noch 20 €. Aber nach der zehnten Nachfrage erhöhe ich auf 25…“

Ach, da hat er lachen müssen.

Mit angestrengtem Gesichtsausdruck (Beobachtet mal Dreijährige beim Kacken!) hat er einen Geldschein aus dem Portemonnaie gezogen, ihn prüfend gegens Licht gehalten und mir in die Hand gedrückt:

„Hier haste mal einen Zehner…“

„Sehr gut, die Hälfte ist geschafft!“

Dann folgte wieder eine einminütige autistisch anmutende Suchphase, an deren Ende er mir einen zweiten, ebenso sorgfältig geprüften Schein zuschusterte:

„Hier is‘ noch ein Zehner…“

Das war natürlich ein Fuffi. Ich hab ernstlich mit mir ringen müssen, aber ich kann es einfach nicht. Geht nicht!

„Hey, das is’n Fuffi!“

Ein „Is mir doch egal“ und ich hätte das Ding wahrscheinlich eingesteckt. Er hatte auch noch reichlich davon zur Auswahl, fast schon erstaunlich, dass er davor einen Zehner gefunden hat. Aber man ist ja… lassen wir es den Kunden sagen:

„Mensch, du bis’n ehrlicher Kerl! Hehe. Hättest mich ja richtig übel verarschen können jetzt! Ich bin ja voll wie…“

„Ist schon ok. Also jetzt kriegen sie erstmal den Zehner…“

„Wieviel kriegstn du jetzt?“

„…und dann kriegen sie noch 30, Moment, hier: 30 €!“

„Wat? Ich krieg noch was zurück! Wahnsinn!“

Man kann auch drauf rumhacken 🙁

Naja, eine Zigarette gab es noch als Trinkgeld, und kaum eine Viertelstunde nach Fahrtende war ich auch schon wieder frei. Ich sollte das mit dem Uhranhalten einfach nicht machen…