Service Taxifahrt

Wenn wir Taxifahrer unsere Tarife verteidigen, dann fällt meist irgendwann auch mal der Begriff „Service“. Ein großer Unterschied zu anderen öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Service, den wir bieten. Im Gegensatz zum Tarif sind die Regeln beim Service allerdings nicht so genau festgelegt. Natürlich gibt es auch Fahrer, die unter Service verstehen, zum Abschied nicht die Hand zu reichen, mit der sie sich am Hintern kratzen. Mit einem bisschen optimistischen Restglauben vermute ich dieses Verhalten aber nur bei einem kleineren Teil der Kutscherschaft.

Ich hatte neulich eine ziemlich klassische Tour, bei der ich am Ende wirklich zufrieden war, einfach, weil ich einem ziemlich verzweifelten Menschen weiterhelfen konnte. Der Mensch war ein hochgewachsener Pariser, der Hautfarbe nach afrikanischer Abstammung. Deutsch hat er nicht gesprochen, glücklicherweise jedoch ein ziemlich gutes Englisch. So waren wir schonmal nicht auf mein Französisch angewiesen, was das längere Gespräch zwischen uns deutlich vereinfacht hat 🙂

Neben seinen 2 monströsen Koffern führte er noch einen Schmierzettel bei sich, auf dem kreuz und quer jede Menge scheinbar ungeordnete Zahlen und Buchstaben standen. Er drehte das Blatt im DINA4-Format mehrmals in unterschiedliche Richtungen, bis er mir zu guter Letzt das Blatt unter die Nase hielt, den Daumen unter einer Buchstabenfolge: Finowstr. 10.*

„Great. No Problem. But: Which one?“

„Here!!!“

stieß er hervor und hielt mir das Blatt nochmal vor die Nase. Es verging eine Weile, bis er mir geglaubt hat, dass es diese Straße tatsächlich zweimal gibt und diese beiden auch tatsächlich in völlig unterschiedlicher Richtung vom Ostbahnhof aus liegen. Dann fragte er mich, ob ich ein Telefon hätte. Nun durfte ich erfahren, dass ein paar der kryptischen Nummern Telefonnummern waren. Bereits bei der dritten hob jemand ab.

Das Problem war gleich geklärt und zur Sicherheit nannte mir der nette Kerl am anderen Ende auch nicht nur den Namen, bei dem wir klingeln sollten, sondern ermahnte mich nochmal:

„Die in Neukölln! Nicht verwechseln!“

Was für ein Scherzkeks! Warum habe ich wohl als Taxifahrer bei ihm angerufen?

Die Fahrt selbst stellte mich nun vor keine große Herausforderung mehr, mein Fahrgast war auch ein eher schweigsamer Genosse. Dass er das erste Mal in Berlin war, war lange klar. An der Adresse angekommen habe ich ihm den Koffer vor die Haustüre gewuchtet und auf sein fragendes Gesicht hin auch noch den passenden Klingelknopf gedrückt.

Finanziell war die Fahrt nicht so der Bringer. Ich hab einen glatten Zehner kassiert und das war auch der Betrag, der auf dem Taxameter stand. Irgendwie war ich aber einfach froh, dass er nicht bei einem weniger geduldigen Kollegen gelandet war…

Und mal ganz ehrlich: Ein Zehner für Zielfindung, telefonische Abklärung, 4 Kilometer Fahrt und Hilfe beim Klingeln und Koffertragen ist doch echt nicht schlimm, oder?

*Hausnummer geändert…

Unangeschnallt im Taxi

Anschnallen im Taxi ist Pflicht. Da führt kein Weg dran vorbei. Zumindest, wenn man Fahrgast ist. Ich selbst als Taxifahrer darf unangeschnallt fahren, so lange ich Personen befördere. Ironischerweise wird das mit der Sicherheit begründet: Ich könne so leichter vor Taxiräubern fliehen. Ohne Kundschaft hingegen gelten für mich dieselben Regeln wie für alle anderen Autofahrer, zumindest bezüglich der Gurtpflicht.

Vermutlich wegen der Ausnahmeerlaubnis für den Fahrer piept mein Auto nicht wie blöde, wenn jemand unangeschnallt mitfährt. In der letzten Sitzreihe sind wahrscheinlich ohnehin nie Sensoren angebracht worden. Das stellt einen manchmal vor Probleme. Natürlich achte ich darauf, dass sich die Leute anschnallen, mache ihnen die Gurte zugänglich, helfe auch gerne, wenn es gewünscht wird. Aber auf der anderen Seite kletter ich natürlich nicht vor, während und nach einer Tour über alle Fahrgäste rüber, um zu überprüfen, ob sie der auch schriftlich und zweisprachig vorhandenen Aufforderung nachkommen.

Allzu sorglosen Umgang à la

„Ich schnall mich jetzt einfach mal nicht an!“

dulde ich nicht, aber wahrscheinlich haben es schon einige Leute geschafft, bei mir unangeschnallt mitzufahren. Das ist für mich ehrlich gesagt ein erschreckender Gedanke, denn natürlich bedeutet das in einem vollbesetzten Wagen eine zusätzliche Lebensgefahr für alle, inklusive mir. Mir geht das ganze Geschacher um die Gurtpflicht ohnehin auf den Zeiger, denn sobald man sich mal an Sicherheitsgurte gewöhnt hat, belästigen sie einen kein Bisschen, der Sicherheitsgewinn hingegen ist so immens, dass man sich zumindest von mir einfach Trottel nennen lassen muss, wenn man ohne besondere Gründe darauf verzichtet.

Allerdings ist es leider auch ein erschreckendes Zeugnis für die deutsche Bevölkerung, dass man das als Pflicht einführen musste. Und für die Bürokratie, dass es es eine so absurde Regelung geworden ist – siehe meinen Artikel zu Kindersitzen im Taxi…

Im Grunde habe ich nichts gegen leichtsinnige Selbsttötungen, ich wäre als Unbeteiligter nur gerne außen vor.

Nun hatte ich am Wochenende allerdings zwei Leute an Bord, die sich nicht angeschnallt haben. Bewusst und mit meiner Erlaubnis. Legal war das zwar keinesfalls, allerdings hab ich sonst keine großen Möglichkeiten gesehen. Außer sie wegzuschicken. Das wiederum wollte ich nicht nur des miesen Geschäfts wegen nicht, sondern zudem, weil sie verdammt sympathisch waren.

Mich haben sie mitten aus der Schlange herausgepickt und ihre Wahl damit begründet, beim Kollegen nicht reinzupassen. Ich schielte kurz nach der E-Klasse und dann wieder nach den Fahrgästen. Zwei Männer, beide vielleicht 50 Jahre alt und von Ausmaßen, die mich vermuten ließen, sie äßen schmale Hansel wie mich oder die Wildecker Herzbuben zum Frühstück. Täglich. Beide waren locker zwei Meter lang und wenn ich meine eigene Masse mal als Rechengrundlage nehme, vermute ich Gewichte jenseits der 200 kg. Bei beiden. Dafür haben sie sich relativ elegant auf die beiden rechten Sitze des Zafiras fallen lassen, der auch umgehend ein paar Zentimeter Bodenfreiheit einbüßte.

Die beiden hatten auch keineswegs etwas dagegen, sich anzuschnallen, allerdings bestätigte sich die erste Vermutung meines neuen Beifahrers:

„Wahrscheinlich ist der Gurt aber eh zu kurz…“

Keiner der beiden hätte hinters Lenkrad des Wagens gepasst, obwohl selbst ich mit einigen Kilo Übergewicht noch locker 15 bis 20 cm Platz dahinter habe. Wegen der mangelnden Gurte leicht besorgt, allerdings beruhigt ob dem Gedanken, dass man auch mit diesem Gewicht wenigstens 50 werden kann, hab ich die beiden dann in ihr Hotel gebracht. Dabei sind die beiden durchgehend durch amüsante Unterhaltung und eine überragende Ortskenntnis aufgefallen. Auch wenn das Trinkgeld nur mäßig war, hätte ich im Nachhinein ungerne auf die Tour verzichtet. Und was für eine Alternative hatten sie schon bei ausfallenden S-Bahnen?

PS:
Auch wenn wahrscheinlich so ziemlich jeder Übergewichtige im Laufe der Jahre deutlich mehr abkann, als die meisten Leute sich erträumen könnten, würde ich doch darum bitten, dass die Kommentare hier nicht für blödes Dicken-Bashing genutzt werden. Denn die wenigen niveauvollen Witze über Übergewicht kennen wir schon alle, wir machen sie nämlich selbst… 😉

Schwarze Schafe

Ein bisschen klischeemäßig war die Tour vom Ostbahnhof zum BKA dann schon. Also bei Leuten in Polizeiuniform, die zum Bundeskriminalamt wollen, ist einfach kein Funken Kreativität mehr zu erkennen 😉

Ich hab den Textbaustein-Bastelkit in meinem Gehirn angeschmissen, was der Fahrt einen lockeren Start gab:

„BKA? Das kriegen wir hin. Wäre sonst ja auch eher nicht so gut, oder?“

„Wie meinen sie das?“

„Naja, wenn ich sie da nicht hinbringen könnte, würde ich wohl den falschen Beruf ausüben.“

„Haha! Kann sein…“

Das Schwierige an diesem Eröffnungszug ist, dass man recht schnell bei den schwarzen Schafen der Branche landet, die eine solche Fahrt dann eben nicht zur Zufriedenheit der Kunden durchziehen. Aber glücklicherweise war mein Fahrgast diesbezüglich doch eher unbeleckt:

„Also ich hab eigentlich immer nur gute Erfahrungen gemacht. Ich kann nichts gegen ihren Berufsstand sagen.“

Das konnte ich nun nicht unbedingt zurückgeben. Meiner sehr subjektiven Erfahrung nach arbeitet die Polizei irgendwie immer gegen mich. Im einfachsten Fall durch ein wenig Inkompetenz, in komplizierteren Zusammenhängen dann doch eher organisiert. Aber das war nicht Thema während der kurzen Fahrt. Ich hab diplomatisch den Kopf aus der Schlinge gezogen und gemeint:

„Das freut mich doch zu hören. Schließlich behält man die schwarzen Schafe doch wesentlich eher im Kopf. Und es ist ja keine Lüge, dass es die gibt.“

Und dann hat er einen einfachen Satz gesagt, der mich doch sehr erfreut hat:

„Da haben sie allerdings Recht! Die gibt es bei uns ja auch zur Genüge.“

Das hat mir gegenüber so direkt noch keiner aus dem Verein eingestanden.

Maritim-Fail

Es gibt so Fahrten zum Aufregen. Gelegentlich ist das auf die Kundschaft zurückzuführen, manchmal allerdings auf sich selbst.

Als ich neulich an meinen Bahnhof herangegurkt bin, ergab es sich, dass die Wartezeit nur sehr kurz war, da ein entfernt bekannter Kollege seine E-Klasse am Stand zum Stehen brachte und mich und den Kollegen, mit dem ich gerade redete, fragte:

„Kann einer von euch fünfe nehmen?“

„Jepp, ich.“

„Ich hab hier gerade’n Auftrag angenommen, Pariser Kommune. Jetzt sind die aber zu fünft…“

„Kein Problem, wo genau?“

„Nummer 16, die stehen schon an der Straße, sind Vietnamesen.“

Ich dachte mir, dass das eine Konstellation ist, die man kaum verfehlen kann. die Hausnummern kenne ich jetzt ja auch nicht auswendig. Denkste! Aber der Kollge ist mir ohnehin hinterhergefahren und hat mich gleich zu ihnen gelotst. War schon dunkel, Baustelle, bla… man kriegt ja nicht alles mit! Aber sehr nett vom Kollegen, war ja offenbar nicht seine Schuld, er hätte es ja auch auf sich beruhen lassen können. Er ist mit ausgestiegen, hat den Leuten erklärt, dass ich sie jetzt fahren werde, alles gar kein Thema.

„Wo darf’s denn hingehen?“

„Friedrichstraße.“

„OK, wo da genau?“

„Hotel Maritim.“

Es ist jetzt nicht so, dass ich das toll finde, aber ich bin tatsächlich in 3 Jahren niemals am Maritim gewesen. Dafür hatte ich eine Menge Zeit, den Ortskundekatalog wieder zu vergessen… so ungefähr wusste ich zwar schon Bescheid, aber da gerade Busse den Eingang verdeckt haben, bin ich mal eiskalt an einem der bekanntesten Hotels der Stadt vorbeigegurkt 🙁

Und was macht meine Kundschaft?

Die hat mir satte 2,50 € Trinkgeld gegeben und mich gefragt, ob ich sie am nächsten Mittag nicht auch fahren könne – es wäre so nett mit mir gewesen…

Man baut solchen Mist ja nicht täglich, aber ich denke trotzdem manchmal mit Sorge daran, dass es auch bei mir mal die Fahrt geben wird, wo der Kunde ohnehin schon ein Arschloch ist und sich in so einem Fall dann zu Recht bitter beschwert 🙁

Zueinander gefunden

Die Kundschaft ist ja nach wie vor unberechenbar. Manch mies gelaunte Misanthropen wollen vom Flughafen nur einen Kilometer weiter und am anderen Ende der Skala stehen Kunden wie mein Winker letztes Wochenende.

Ich hätte ihn beinahe übersehen, als er mich im dunkelsten Schatten des Boxhagener Platzes direkt an der Grünberger Straße heranwinken wollte. Ein gut gelaunter Mitdreißiger, wie so viele in letzter Zeit auf dem Rückweg vom Feiern, dass sich auf dem Rückweg von der Weihnachtsfeier noch ergeben hat. Ohne die Miene zu verziehen meinte er:

„Ich würde gerne nach Kleinmachnow.“

Das sind so die Momente, wo man gerne nochmal einen Schluck Tee in den Mund nehmen würde, einfach um ihn prustend an die Scheibe zu spucken. Runde 40 Euro, einfach mal eben so. Noch dazu zu einem Zeitpunkt, an dem kaum was los war in der Stadt. Nochmal zur Erinnerung: Die durchschnittliche Tour in Berlin liegt eher so um die 11 Euro…

Er hat mir eine Route vorgeschlagen, mit der ich eigentlich nicht so ganz glücklich war: Skalitzer, dann den T-Damm runter und auf die Autobahn. Man spart einiges an Weg, wenn man gleich über Schöneberg fährt und nur die letzten Kilometer Autobahn bis nach Steglitz nimmt. Und es ist quasi genauso schnell. Zumindestens nachts um ein Uhr.

Aber er versicherte mir, dass die Route so in Ordnung sei und dann folgte auch gleich ein erstaunlich häufiger Satz:

„Wissen se, ich bin ja damals, ’91 auch in Berlin Taxi gefahren…“

Ich bin zwar überzeugt davon, dass viele sich solchen Schwachsinn nur ausdenken, um Bonuspunkte bei uns Fahrern zu sammeln. Bei ihm entsprach es offensichtlich der Wahrheit, denn obwohl er eine etwas längere Route gewählt hat, haben wir uns anschließend ziemlich ausführlich über den Job unterhalten. Für immer mit der Fahrt verbinden werde ich das Autobahnkreuz Schöneberg, denn dort meinte er, als ich nach Steglitz abbiegen wollte:

„Fahrn ’se mal besser gradeaus. Dann nehmen wir die Avus, dann dauert das nicht so lange…“

Das ist ein Umweg, der sich in ganzzahligen Kilometern messen lässt und neben der an sich schon angenehmen Fahrt meinen Umsatz sicher nochmal einen Fünfer hochgeschraubt hat an diesem Abend. Seinen Erzählungen nach war es bereits die dritte Taxifahrt über 30 Euro an dem Abend, unschwer zu erkennen, dass er inzwischen einen lukrativeren Brötchenerwerb hatte 😉

Am Ziel angelangt wollte er eine Quittung und rundete die 49 € auf 53 auf. Dann stockte er und meinte:

„Ach nee, machen wir 54, hab ich gerade passend da…“

Diese für mich als Fahrer vorbildliche Tour endete mit gegenseitigem Dank, von seiner Seite in die selten schönen folgenden Worte eingekleidet:

„Ich freue mich, dass wir zueinander gefunden haben.“

DAS konnte ich nur sehr ehrlich erwidern.

Du machst die Ansagen!

Gerade noch schreibe ich übers Gelassensein im Straßenverkehr – und schon ertappe ich mich dabei, sauer zu sein. Manchmal kann man aber auch nicht anders. Aber in dem Fall geht es auch nicht um einen Leichtsinnsfehler beim Bremsen oder Spurwechsel, sondern um absichtliches Arschloch-Verhalten. Und dazu natürlich von Kollegen…

So ausgelatscht das Thema an und für sich auch ist – es will nicht in meinen Kopf, dass Kollegen kurze Fahrten ablehnen!

Natürlich kenne ich den Grund: Wir Taxifahrer verdienen teilweise lächerlich wenig Geld und eine kurze Tour nach einer gewissen Wartezeit senkt den Schnitt. Zum einen ist es natürlich schade, dass wir nicht mehr verdienen, zum anderen aber ist doch nicht der Kunde schuld, der mit uns fährt! Schuld an der Misere im Taxigewerbe ist die Tatsache, dass wir zu wenige Kunden haben. Und wenn man ehrlich sein will: Auch zu wenige, die kurze Strecken fahren – denn kurze Touren bringen pro Zeit und pro Kilometer wesentlich mehr Geld als die langen Fahrten. Was uns eigentlich einschränkt im Verdienst sind die langen Wartezeiten dazwischen!

Oder will hier einer der Kollegen mal erläutern, weswegen er 5 € für zu wenig Geld hält, wenn es ihn 5 Minuten Arbeit und (mit Rückfahrt!) nur zweieinhalb Kilometer Weg kostet?

Aber kommen wir zur wirklich sehr reizenden und lohnenden Tour:

Die Fahrgäste sprachen mich am Ostbahnhof an, ob ich sie in die Lebuser Straße bringen würde. Die liegt wohlwollend anderthalb Kilometer entfernt und ist mit einmal Abbiegen zu erreichen. Sie waren sich der Sache auch bewusst und meinten:

„Tut uns ja leid, dass es so kurz ist! Wir würden auch laufen, aber wir wissen nicht einmal in welche Richtung…“

Denn nicht einmal diesen Gefallen hat ihnen das Arschloch getan, das sie kurz vorher aus dem Taxi geschmissen hat, nachdem sie ihr Fahrtziel genannt haben. Es waren Touristen, zu Besuch eines Konzertes wegen – und durchaus spendabel, wenn ich das mal sagen darf. Am Stand baten sie mich, doch bitte noch fertig zu rauchen – weswegen wir uns überhaupt so detailliert unterhalten konnten. Sie waren wohl schon ein Weilchen da – ich hab den entsprechenden Kollegen nie gesehen – aber dennoch stand ich in erster Position, nach 2 (!) Minuten Wartezeit. Und Kollegen haben mir später berichtet, dass es davor nicht schlechter aussah an meinem Lieblingsbahnhof…

„Aber du nimmst uns mit? Ja? Du musst nicht!“

„Doch, ich muss! Aber ich nehme sie sehr gerne mit!“

„Nee nee, du machst die Ansagen!“

„Das mit dem Machen von Ansagen fällt bei meiner derzeitigen Stimme schwer, aber auch sonst stehe ich da nicht drauf…“

„Wir wissen aber wirklich nicht, wo das ist – du kannst also ruhig auch eine kleine Rundfahrt…“

Es ist deprimierend zu sehen, was netten Kunden nötig erscheint, um in dieser schönen Stadt ein Taxi zu einer nahegelegenen Adresse zu bekommen…

Nach zweiminütiger (beidseitiger) Raucherpause sind wir ins Auto gestiegen, woraufhin ich sie zielstrebig ans Ziel brachte. Da sie die Nummer erst später genannt haben, mussten wir sogar kurz umdrehen. Ihre Reaktion darauf war Freude, weil die Fahrt so etwas länger dauerte… DAS MUSS MAN SICH MAL VORSTELLEN! Das waren die absoluten Lieblingskunden jedes verdammten Fahrers auf diesem Planeten!

Aber – und dafür danke ich den Arschlöchern unter den Kollegen eigennützigerweise dann doch – es hat sich am Ende ja ausgezahlt für mich. Es standen 5,80 € auf der Uhr und die Ansage des einen lautete:

„Gib dem Taxifahrer auf jeden Fall einen Zehner!“

Und so haben sie es auch getan. Widerwillig übernahm ich einmal mehr die Schadensbegrenzung für all die Pisser mit hellelfenbeinfarbenen Gefährten und hab angefügt:

„Vielen Dank und ich hoffe, dass sie nicht noch weitere schlechte Erfahrungen hier sammeln müssen.“

Antwort:

„Schlechte Erfahrungen? Hey, es war eine verdammt gute Erfahrung, dass wir sie als Fahrer hatten! Vielen Dank!“

Dabei hab ich einfach nur meinen Job gemacht. Ohne irgendwelche Extras, und einen „Umweg“ bin ich quasi auch noch gefahren. Keine 8 Minuten später hatte ich meine nächste Tour. Die hat überdurchschnittliche 13 € gebracht. Weniger übrigens als die kurze zuvor, wenn man mal den Nettoverdienst rechnet…

Mohammeds Einladungshölzchen

Jeder macht mal Dummheiten. Jeder. Und weil dieses jeder jeden miteinschließt, mache ich auch keine Ausnahme.

Es gibt beim Taxifahren ein paar wenige Grundregeln, über die man eigentlich nicht nachdenken muss:

Man nimmt keine Drogen bei der Arbeit, man bescheisst seine Fahrgäste nicht und man lässt sich selbst nicht bescheissen.

Eigentlich war es das schon. Punkt 1 habe ich bisher zu 100% umgesetzt, Punkt 2 mit ein paar versehentlichen Ausnahmen auch, diese Geschichte fällt unter Punkt 3. Meine Kollegen werden mich steinigen, wenn sie diese Geschichte lesen und meine Chefs hätten eine Grundlage, mich rauszuschmeißen. Das werden sie aber nicht tun, was euer Glück ist.

Worum geht es?

Ich habe einen Fahrgast befördert, der mir von vornherein gesagt hat, dass er mich nicht bezahlen kann.

Er hat auch noch eine Menge anderer Dinge gesagt und genau davon handelt diese Geschichte. Sie ist schon ewig her, es müsste im Sommer vor anderthalb Jahren gewesen sein. Ich stand auf der letzten Rücke am Ostbahnhof und habe mich mit ein paar Kollegen unterhalten. Es war noch hell draußen, alles in allem ein stinknormaler Arbeitstag. Unsere Augen blieben plötzlich alle an einem Mann hängen, der aus dem Nebeneingang des Bahnhofs trat. Ein reichlich beleibter arabisch aussehener Typ, der einfach nur nach Klischee-Scheich aussah. Sehr klischeemäßig war auch sein Angebot:

„Ich gebe dir eine Billion Euro, wenn du mich zur Botschaft von [Verrate ich nicht!] bringst!“

Das Schwierigste am Erzählen dieser Geschichte ist, glaubhaft zu machen, dass ich die Fahrt nicht angenommen habe, weil ich dem Typen das geglaubt habe. Mir war durchaus bewusst, dass eine Billion Euro nicht nur ein leicht obszöner Betrag für eine Taxifahrt wäre, sondern vor allem auch so viel Geld, dass es keine Einzelperson auf diesem Planeten gibt, die derart viel auch nur besitzt.

Das Problem an der Sache war jedenfalls, dass ausgerechnet dieser großzügige Scheich weder Geld dabei hatte, noch im Besitz einer Bankkarte war. Eine Rechnungsfahrt mit einem unbekannten Fahrgast: Definitiv etwas, das ich eigentlich nie machen würde! In diesem Fall habe ich es getan, einfach weil der Typ zum einen wahnsinnig sympathisch war, zum anderen weil er so absurde Sachen von sich gegeben hat, dass mir klar war, das würde bloggenswert werden.

Wir sind dann losgefahren und er hat mich weiterhin mit seiner Billion Euro bedroht. Recht bald wurde es dann aber etwas ruhiger um das Thema und er tischte mir derart fantastische Geschichten auf, dass ich aus dem Lachen bald nicht mehr herauskam.  Er faselte von geheimen Missionen und seinem Vater, alles in allem hätte man einen James-Bond-Film aus seinen Geschichten extrahieren können. Im Nachhinein betrachtet war der Typ wahrscheinlich psychisch krank. Er hat die Geschichten geglaubt, die er erzählt hat – so viel traue ich mir an Menschenkenntnis zu. Ich hab leider inzwischen vergessen, was genau der Inhalt war, aber er hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen. Dass er nicht unterwegs anhalten wollte, um die Kanzlerin zu entführen, war so ziemlich alles.

Das Hauptthema ist aber irgendwie doch die Fahrt gewesen, er hat mich geradezu einzulullen versucht mit Komplimenten, dass ich nicht so rassistisch sei wie meine Kollegen, die ihn sicher nie gefahren hätten, bla keks. Am Ende wurde es geradezu rührend, denn da erzählte er mir dann, dass er mich deswegen auf seine Hochzeit einladen würde. Er nannte mir das Datum und bedeutete mir, ich könne gerne meine Frau mitbringen. Er nannte äußerst präzise ein Hotel in Dubai, wo er feiern würde und überreichte mir 3 Zahnstocher.

Auf meinen irritierten Blick hin antwortete er, dass das schon ok sei so, ich dürfe neben meiner Frau gerne noch einen Freund mitbringen. Diese „Hölzer“ seien Einladungen und der Sicherheitsdienst würde uns ohne Komplikationen durchlassen, wenn wir sie vorzeigen. Ehrensache! Und er freue sich schon auf unser Wiedersehen.

Ein bisschen Hoffnung, mein Geld noch zu sehen, hatte ich an diesem Punkt irgendwie dennoch. Also habe ich ihn am Ende gebeten, mir seinen Ausweis zu reichen, damit ich mir die Daten notieren könne. Das hat er auch anstandslos gemacht, nicht allerdings ohne mich darauf hinzuweisen, dass Yussuf – der Name stand in seinem Ausweis – eigentlich nicht richtig wäre und nur ein Zugeständnis an die deutschen Behörden, die Mohammed nicht anerkennen würden, den Namen, den er inzwischen angenommen hätte. Er unterschrieb einen handschriftlich von mir erstellten Schuldschein, allerdings nicht ohne auch hier noch einmal drunterzuschreiben, dass der Fahrpreis nicht 16,20 € war, sondern eine Billion Euro. Meinen Namen und meine Bankverbindung nahm er auch entgegen und versprach, die Billion binnen einer Woche zu überweisen.

Er dankte mir warmherzig und ist in Richtung Botschaft verschwunden.

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie groß das „WTF???“ war, das zweifelsohne direkt in meinen Augen ablesbar war. Es war eine der geilsten Touren meines Lebens und sicher auch eine der geilsten Stories für den Blog. Mein Gefühl war aber letztlich doch eher, dass ich mich habe ausnutzen lassen, bzw. einen Fehler gemacht habe.

Die nächsten Tage habe ich meinen Kontostand regelmäßig gecheckt. Nicht wegen der Billion – ich bin mir sicher, dass ich dann von der Sparkasse auch einen netten Anruf bekommen hätte. Nein, ich wollte nur sehen, ob die 16 Euro eingehen. Das taten sie nie. Zumindest bis heute nicht.

Ich habe seinen Namen gegoogelt und ihn hier und da in ein paar arabischen Foren gefunden, in denen allerdings kein Deutsch gesprochen wurde. Ich haderte stark mit mir und am Monatsende hab ich die Fahrt aus eigener Tasche bezahlt und mehr oder minder beschlossen, es gut sein zu lassen.

Was ein Fazit angeht, habe ich wie schon erwähnt eine ambivalente Haltung: Natürlich war es rechtlich nicht ok und nach wie vor kann ich nicht ausschließen, dass der Typ mir nicht vielleicht doch nur was vorgespielt hat. Allerdings glaube ich das nicht und war auf der anderen Seite tatsächlich mehrere Tage beeindruckt von ihm und seinen obskuren Geschichten, sodass ich doch sagen kann, es hat sich (irgendwie) auch für mich gelohnt. Wie der Zufall es so will, habe ich vor ein paar Wochen beim Umräumen meines Zimmers das alte Büchlein weggeschmissen, in dem der Schuldschein war. Mehr als seinen Vornamen habe ich also inzwischen auch nicht mehr und damit ist die Sache wohl endgültig erledigt. Sei es drum. Ich hoffe, Yussuf Mohammed weiss das Ganze auch noch zu schätzen…