{"id":9843,"date":"2011-12-16T09:09:53","date_gmt":"2011-12-16T07:09:53","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=9843"},"modified":"2011-12-15T20:49:08","modified_gmt":"2011-12-15T18:49:08","slug":"mohammeds-einladungsholzchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2011\/12\/16\/mohammeds-einladungsholzchen\/","title":{"rendered":"Mohammeds Einladungsh\u00f6lzchen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Jeder macht mal Dummheiten. Jeder. Und weil dieses jeder jeden miteinschlie\u00dft, mache ich auch keine Ausnahme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt beim Taxifahren ein paar wenige Grundregeln, \u00fcber die man eigentlich nicht nachdenken muss:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man nimmt keine Drogen bei der Arbeit, man bescheisst seine Fahrg\u00e4ste nicht und man l\u00e4sst sich selbst nicht bescheissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich war es das schon. Punkt 1 habe ich bisher zu 100% umgesetzt, Punkt 2 mit ein paar versehentlichen Ausnahmen auch, diese Geschichte f\u00e4llt unter Punkt 3. Meine Kollegen werden mich steinigen, wenn sie diese Geschichte lesen und meine Chefs h\u00e4tten eine Grundlage, mich rauszuschmei\u00dfen. Das werden sie aber nicht tun, was euer Gl\u00fcck ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Worum geht es?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe einen Fahrgast bef\u00f6rdert, der mir von vornherein gesagt hat, dass er mich nicht bezahlen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hat auch noch eine Menge anderer Dinge gesagt und genau davon handelt diese Geschichte. Sie ist schon ewig her, es m\u00fcsste im Sommer vor anderthalb Jahren gewesen sein. Ich stand auf der letzten R\u00fccke am Ostbahnhof und habe mich mit ein paar Kollegen unterhalten. Es war noch hell drau\u00dfen, alles in allem ein stinknormaler Arbeitstag. Unsere Augen blieben pl\u00f6tzlich alle an einem Mann h\u00e4ngen, der aus dem Nebeneingang des Bahnhofs trat. Ein reichlich beleibter arabisch aussehener Typ, der einfach nur nach Klischee-Scheich aussah. Sehr klischeem\u00e4\u00dfig war auch sein Angebot:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Ich gebe dir eine Billion Euro, wenn du mich zur Botschaft von [Verrate ich nicht!] bringst!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schwierigste am Erz\u00e4hlen dieser Geschichte ist, glaubhaft zu machen, dass ich die Fahrt nicht angenommen habe, weil ich dem Typen das geglaubt habe. Mir war durchaus bewusst, dass eine Billion Euro nicht nur ein leicht obsz\u00f6ner Betrag f\u00fcr eine Taxifahrt w\u00e4re, sondern vor allem auch so viel Geld, dass es keine Einzelperson auf diesem Planeten gibt, die derart viel auch nur besitzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Problem an der Sache war jedenfalls, dass ausgerechnet dieser gro\u00dfz\u00fcgige Scheich weder Geld dabei hatte, noch im Besitz einer Bankkarte war. Eine Rechnungsfahrt mit einem unbekannten Fahrgast: Definitiv etwas, das ich eigentlich nie machen w\u00fcrde! In diesem Fall habe ich es getan, einfach weil der Typ zum einen wahnsinnig sympathisch war, zum anderen weil er so absurde Sachen von sich gegeben hat, dass mir klar war, das w\u00fcrde bloggenswert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind dann losgefahren und er hat mich weiterhin mit seiner Billion Euro bedroht. Recht bald wurde es dann aber etwas ruhiger um das Thema und er tischte mir derart fantastische Geschichten auf, dass ich aus dem Lachen bald nicht mehr herauskam.\u00a0 Er faselte von geheimen Missionen und seinem Vater, alles in allem h\u00e4tte man einen James-Bond-Film aus seinen Geschichten extrahieren k\u00f6nnen. Im Nachhinein betrachtet war der Typ wahrscheinlich psychisch krank. Er hat die Geschichten geglaubt, die er erz\u00e4hlt hat &#8211; so viel traue ich mir an Menschenkenntnis zu. Ich hab leider inzwischen vergessen, was genau der Inhalt war, aber er hat meine k\u00fchnsten Erwartungen \u00fcbertroffen. Dass er nicht unterwegs anhalten wollte, um die Kanzlerin zu entf\u00fchren, war so ziemlich alles.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Hauptthema ist aber irgendwie doch die Fahrt gewesen, er hat mich geradezu einzulullen versucht mit Komplimenten, dass ich nicht so rassistisch sei wie meine Kollegen, die ihn sicher nie gefahren h\u00e4tten, bla keks. Am Ende wurde es geradezu r\u00fchrend, denn da erz\u00e4hlte er mir dann, dass er mich deswegen auf seine Hochzeit einladen w\u00fcrde. Er nannte mir das Datum und bedeutete mir, ich k\u00f6nne gerne meine Frau mitbringen. Er nannte \u00e4u\u00dferst pr\u00e4zise ein Hotel in Dubai, wo er feiern w\u00fcrde und \u00fcberreichte mir 3 Zahnstocher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf meinen irritierten Blick hin antwortete er, dass das schon ok sei so, ich d\u00fcrfe neben meiner Frau gerne noch einen Freund mitbringen. Diese &#8222;H\u00f6lzer&#8220; seien Einladungen und der Sicherheitsdienst w\u00fcrde uns ohne Komplikationen durchlassen, wenn wir sie vorzeigen. Ehrensache! Und er freue sich schon auf unser Wiedersehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein bisschen Hoffnung, mein Geld noch zu sehen, hatte ich an diesem Punkt irgendwie dennoch. Also habe ich ihn am Ende gebeten, mir seinen Ausweis zu reichen, damit ich mir die Daten notieren k\u00f6nne. Das hat er auch anstandslos gemacht, nicht allerdings ohne mich darauf hinzuweisen, dass Yussuf &#8211; der Name stand in seinem Ausweis &#8211; eigentlich nicht richtig w\u00e4re und nur ein Zugest\u00e4ndnis an die deutschen Beh\u00f6rden, die Mohammed nicht anerkennen w\u00fcrden, den Namen, den er inzwischen angenommen h\u00e4tte. Er unterschrieb einen handschriftlich von mir erstellten Schuldschein, allerdings nicht ohne auch hier noch einmal drunterzuschreiben, dass der Fahrpreis nicht 16,20 \u20ac war, sondern eine Billion Euro. Meinen Namen und meine Bankverbindung nahm er auch entgegen und versprach, die Billion binnen einer Woche zu \u00fcberweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er dankte mir warmherzig und ist in Richtung Botschaft verschwunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr k\u00f6nnt euch nicht vorstellen, wie gro\u00df das &#8222;WTF???&#8220; war, das zweifelsohne direkt in meinen Augen ablesbar war. Es war eine der geilsten Touren meines Lebens und sicher auch eine der geilsten Stories f\u00fcr den Blog. Mein Gef\u00fchl war aber letztlich doch eher, dass ich mich habe ausnutzen lassen, bzw. einen Fehler gemacht habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die n\u00e4chsten Tage habe ich meinen Kontostand regelm\u00e4\u00dfig gecheckt. Nicht wegen der Billion &#8211; ich bin mir sicher, dass ich dann von der Sparkasse auch einen netten Anruf bekommen h\u00e4tte. Nein, ich wollte nur sehen, ob die 16 Euro eingehen. Das taten sie nie. Zumindest bis heute nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe seinen Namen gegoogelt und ihn hier und da in ein paar arabischen Foren gefunden, in denen allerdings kein Deutsch gesprochen wurde. Ich haderte stark mit mir und am Monatsende hab ich die Fahrt aus eigener Tasche bezahlt und mehr oder minder beschlossen, es gut sein zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ein Fazit angeht, habe ich wie schon erw\u00e4hnt eine ambivalente Haltung: Nat\u00fcrlich war es rechtlich nicht ok und nach wie vor kann ich nicht ausschlie\u00dfen, dass der Typ mir nicht vielleicht doch nur was vorgespielt hat. Allerdings glaube ich das nicht und war auf der anderen Seite tats\u00e4chlich mehrere Tage beeindruckt von ihm und seinen obskuren Geschichten, sodass ich doch sagen kann, es hat sich (irgendwie) auch f\u00fcr mich gelohnt. Wie der Zufall es so will, habe ich vor ein paar Wochen beim Umr\u00e4umen meines Zimmers das alte B\u00fcchlein weggeschmissen, in dem der Schuldschein war. Mehr als seinen Vornamen habe ich also inzwischen auch nicht mehr und damit ist die Sache wohl endg\u00fcltig erledigt. Sei es drum. Ich hoffe, <del>Yussuf<\/del> Mohammed weiss das Ganze auch noch zu sch\u00e4tzen&#8230;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/ae65ab0648624f098d97d667141fea7d\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder macht mal Dummheiten. Jeder. Und weil dieses jeder jeden miteinschlie\u00dft, mache ich auch keine Ausnahme. Es gibt beim Taxifahren ein paar wenige Grundregeln, \u00fcber die man eigentlich nicht nachdenken muss: Man nimmt keine Drogen bei der Arbeit, man bescheisst seine Fahrg\u00e4ste nicht und man l\u00e4sst sich selbst nicht bescheissen. Eigentlich war es das schon. 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