{"id":8996,"date":"2011-08-16T05:46:33","date_gmt":"2011-08-16T03:46:33","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=8996"},"modified":"2011-08-15T12:26:39","modified_gmt":"2011-08-15T10:26:39","slug":"kommst-du-mit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2011\/08\/16\/kommst-du-mit\/","title":{"rendered":"Kommst du mit?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Fahrten, die sind f\u00fcr Taxifahrer entweder besonders stressig oder besonders nett. In meinem Universum sind die meisten davon einfach nett. Der Grund daf\u00fcr ist simpel: Zum einen mache ich diesen Job mit fast all seinen Widrigkeiten gerne. Da bin ich ein Optimist. Ist kein Kunde da, freue ich mich, dass ich Zeit zum Lesen habe. Ist ein Kunde da, freue ich mich \u00fcber das Geld. Ist die Fahrt nur kurz, freue ich mich, dass ich gleich wieder frei bin. Macht der Kunde Stress, freue ich mich, dass ich was zu bloggen habe&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nehme nunmal gerne die Vorteile wahr und abgesehen davon, dass ich sicher nicht das finanzielle Maximum aus dem Job raushole, hat das erstmal keine negativen Auswirkungen. Eine Tour vom vergangenen Wochenende k\u00f6nnte als Vorzeigebeispiel dienen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stand in dritter Position am Ostbahnhof, als sich eine junge Frau durch mein Beifahrerfenster lehnt. Noch bevor ich irgendwas in die Richtung unternahm, war es mir erst einmal peinlich, dass ich in ihren Ausschnitt sehen w\u00fcrde. Selbsterf\u00fcllende Prophezeihung nennt man das wohl.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Hi!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Hallo!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;\u00c4hm!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Oh, haben sie Gep\u00e4ck?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sa\u00df immer noch im Wagen und schielte an Gesicht und Schultern vorbei auf ihren R\u00fccken, konnte die Ma\u00dfe des Rucksacks aber nicht einsch\u00e4tzen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Nee, aber puh!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass das kurios wird, lies sich unschwer erahnen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;F\u00e4hrste mich bis Ecke Gr\u00fcnberger?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Klar.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">OK, h\u00e4tte eine der \u00fcblichen pseudopeinlichen Kurzstrecken-Anfragen werden k\u00f6nnen. Wurde es aber nicht. Sie schwang sich freudig und mit einem \u00dcberma\u00df an Energie ins Auto. Betrunken. Und zwar ziemlich!<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Das is, das is gut. Weil wenn weil ich hier&#8230; ich verkack das gerade alles!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Was denn?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ich muss zur Ecke Gr\u00fcnberger und da wohn ich. Wie wir das mit deinem Geld machen, m\u00fcssen wir mal sehen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da greift oben genanntes: Nur eine kurze Strecke, also bin ich bald wieder frei. Sollte es \u00c4rger geben, hab ich was zum Bloggen und zudem: Kurze Strecke, wenig Geld, wenig potenzieller Verlust! Also alles super! \ud83d\ude42<br \/>\nSie bem\u00e4ngelte es zwar, dass ich ihren Zustand komisch fand, verhedderte sich allerdings meist zwischen den Aussagen, dass sie mir f\u00fcr meine Hilfe &#8222;alles auf der Welt&#8220; geben w\u00fcrde und dass &#8222;wir das mit dem Geld mal kl\u00e4ren&#8220; m\u00fcssten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An ihrer sp\u00e4ter und nach &#8211; f\u00fcr den kurzen Weg &#8211; relativ langer Diskussion ermittelten Adresse nannte ich dann den Fahrtpreis und sie bemerkte treffsicher:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ich bin in Taxi, oder? Schei\u00dfe ey, ist das krass!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das hat aber keine gro\u00dfe Rolle gespielt, schlie\u00dflich wollte sie mich ohnehin bezahlen \ud83d\ude42<br \/>\nGeldbeutel war nicht vorhanden, folglich auch kein vern\u00fcnftiges Pfand oder so. Aber die L\u00f6sung war offensichtlich:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Kommst du mit?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Na klar.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich parkte das Auto f\u00fcr eine Tour von 6,40 \u20ac mitten auf der Stra\u00dfe im Boxhagener Kiez, zweifelsohne locker 15 \u20ac Ordnungsgeld wert. Aber nee, das wollte ich jetzt sehen! Sie stolzierte voran, \u00f6ffnete die Haust\u00fcr mit einem beherzten Tritt und nach einem langen Flur, der Berlins umfangreichste Tag-Sammlung beinhaltete, gingen wir zum Hinterhaus, wo sie zun\u00e4chst in einer dunklen T\u00fcr verschwand, um mir Sekunden sp\u00e4ter Licht anzumachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Weg die etwa 3 Stockwerke hoch verbrachte sie mit gelegentlichen Nachfragen, wer ich eigentlich sei und einem formsch\u00f6nen Flug auf die Schnauze. Tat ihr auch alles furchtbar leid und au\u00dferdem war sie dankbar, dass ich ja so nett sei. Na dann&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An ihrer Wohnung angekommen schloss sie erstaunlich fehlerfrei auf. Ich verharrte im Hausflur, bzw. auf der T\u00fcrschwelle. Die Tatsache, dass sie mir Geld schuldete, h\u00e4tte ich sicher als Berechtigung zum Eintritt in die Wohnung sehen k\u00f6nnen, aber ich weiss die Privatsph\u00e4re in meiner eigenen zu sehr zu sch\u00e4tzen, um ihr wegen 6,40 \u20ac auf die Pelle zu r\u00fccken. Unn\u00f6tig.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Komm rein!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich betrat eine dieser typischen liebensw\u00fcrdig chaotischen WG-Wohnungen. Abgeratzt bis zum Geht-nicht-mehr, aber auf urige Weise sehr gem\u00fctlich. Eine Wohnung, wie man sie vor den Eltern verstecken muss, vor den Freunden aber damit prahlt. Nun standen wir beide in ihrer K\u00fcche, ein paar Fliegen schwirrten um die 4 verlorenen Tomaten in einer Discounter-Pappbox auf dem Herd, und sie fragte mich abermals, wer ich eigentlich sei und vor allem, weswegen ich hier bin. Wahrscheinlich h\u00e4tte ich sagen k\u00f6nnen, wir h\u00e4tten uns im Club kennengelernt und w\u00e4ren zum V\u00f6geln hier. Die drei Gr\u00fcnde, die dagegensprachen waren zweifelsohne: Meine Freundin, die mir auch nicht alles durchgehen l\u00e4sst, mein Auto im Parkverbot und sowas \u00e4hnliches wie Moral.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab ihr also gesagt, dass ich der Taxifahrer bin und noch ein wenig Geld bekommen w\u00fcrde. Sie \u00f6ffnete ihre Hand, legte dabei ein paar M\u00fcnzen frei und fragte, wie viel es sei.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;6,40 \u20ac.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Und&#8230; und warum hab ich die dir nicht gleich gegeben?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich das mal w\u00fcsste \ud83d\ude42<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Und was krieg ich jetzt von dir?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Leider nichts. Das Geld ist f\u00fcr die Fahrt hierher gewesen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein bisschen betr\u00fcbt dr\u00fcckte sie mir 6,50 \u20ac in die Hand und umarmte mich.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Weisst du, du bist ganz sch\u00f6n nett.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ich versuche mein Bestes.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein nettes Grinsen und dann schnell weg!<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Warte warte, ich mach dir das Licht an!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so standen wir dann im Treppenhaus und sie forderte mich auf, sie nochmals zu umarmen. Ich hab ja auch Grenzen. Aber warum nicht? Ist ja dann doch ganz nett \ud83d\ude42<br \/>\nNach einer dritten Umarmung und einem Kuss hab ich mich dann aber gel\u00f6st und ihr von ein paar Stufen weiter unten noch eine gute Nacht gew\u00fcnscht. Sie hatte sich noch nicht so recht mit unserer v\u00f6llig \u00fcberraschenden Trennung abgefunden, streckte sich theatralisch\u00a0 mir hinterher und wiederholte, wie verdammt nett ich doch sei. Damit das nicht noch ausartet, bin ich aber wirklich los und hab mein Auto aus dem Parkverbot befreit, bevor die Cops es registriert hatten. Puh!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch wenn es nur 10 Cent Trinkgeld waren. Verkraftbar w\u00e4re das ja auch noch gewesen \ud83d\ude42<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/622b41b6371e4101882f1924a8208a64\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Fahrten, die sind f\u00fcr Taxifahrer entweder besonders stressig oder besonders nett. In meinem Universum sind die meisten davon einfach nett. Der Grund daf\u00fcr ist simpel: Zum einen mache ich diesen Job mit fast all seinen Widrigkeiten gerne. Da bin ich ein Optimist. 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