{"id":8406,"date":"2011-06-13T02:43:45","date_gmt":"2011-06-13T01:43:45","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=8406"},"modified":"2011-06-12T21:26:40","modified_gmt":"2011-06-12T20:26:40","slug":"ich-wills-nicht-wissen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2011\/06\/13\/ich-wills-nicht-wissen\/","title":{"rendered":"Ich will&#8217;s nicht wissen&#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Man kommt nicht umhin, sich gelegentlich Gedanken zu machen \u00fcber seine Kundschaft. Das ist mitunter sogar sehr angenehm. Da sitzen dann gl\u00fccklich turtelnde P\u00e4rchen im Auto oder Rentner die im Casino gewonnen haben. Manch einer schw\u00e4rmt von seinen Kindern oder freut sich, dass er ein anstrengendes &#8211; aber erfolgreiches! &#8211; Gesch\u00e4ftstreffen hinter sich hat.<br \/>\nDen Gegenpol bilden die eher traurigen Gestalten, die von Trennungen, Streit, Arbeitslosigkeit und Stress berichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beides auf einmal gibt es selten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derletzt enterte eine resolute junge Frau mein Gef\u00e4hrt und w\u00fcnschte sich aus dem Stra\u00dfenkatalog ein Ziel in einiger Entfernung weit im S\u00fcdosten der Stadt. Mir sagte die Adresse zun\u00e4chst nichts, aber sie kl\u00e4rte mich auf, dass man am Besten das Adlergestell hinunterf\u00fchre, ansonsten zeigt sie mir gerne, wo ich dann lang muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gang rein, Taxameter an, los geht&#8217;s!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stimmung an Bord war locker. Ich hatte bereits eine brauchbare Schicht hinter mir, sie eine l\u00e4ngere Reise. Plauder, laber, quatsch. Dann klingelte das Telefon. Ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich und dann ging es los:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ey, wat? Nerv nich! Ey du, ich komm jetz nach Hause. Wat bis du? Wo?\u00a0 Ey, ich bin im Taxi. Ja genau, mit meinem Liebhaber!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Moooment! Als einzige anwesende Person, ungl\u00fccklicherweise auch noch m\u00e4nnlich, hab ich erst mal schlucken m\u00fcssen. Nicht, dass der am anderen Ende das nachher noch f\u00fcr bare M\u00fcnze nimmt. Auf der anderen Seite &#8211; Blick in den R\u00fcckspiegel &#8211; gar keine schlechte Idee! Darf halt meine Freundin nicht mitkriegen. Dann m\u00fcssten wir&#8230;<br \/>\nAber das Telefonat war beendet. Ziemlich aprupt. Von ihr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter Auftritt des Telefons: Dingelingeling!<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ey wat? Pass blo\u00df auf du! Ich komm jetz nach Hause. Und dann kannst du dich sowieso mal warm anziehen! Ja, wie? Nix wie! Dann fliegen deine Sachen vom Balkon und dann verpiss dich, du Drecks-Junkie! Ja, halt&#8217;s Maul!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wow! Klare Ansage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer jetzt davon ausgeht, dass das irgendeine Auswirkung auf das Gespr\u00e4ch im Taxi hatte, der wird unweigerlich entt\u00e4uscht. Denn ihre Stimme war mir gegen\u00fcber sofort wieder auf Normalniveau und die mehr oder minder muntere Plauderei \u00fcbers Wetter und ihre mehrw\u00f6chige Abwesenheit ging einfach weiter. In einem einzigen Nebensatz auf der recht langen Tour erw\u00e4hnte sie, dass es halt &#8222;nicht sonderlich toll&#8220; w\u00e4re, wenn man heimkommt, und es gleich Stress gibt. Da konnte ich ihr nur beipflichten und verwarf die Umsetzung der Liebhaber-Geschichte wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab da lief die Fahrt auch wirklich angenehm. Wir unterhielten uns \u00fcber dies und das, wohlwei\u00dflich mit wenig Tiefgang, aber wenigstens ohne das nahezu obligatorische eiserne Schweigen nach solchen Ausbr\u00fcchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit 21,20 \u20ac auf der Uhr erreichten wir das Ziel, und wie eigentlich zu erwarten war, l\u00fcmmelte vor dem besagten Hauseingang eine wenig vertrauenserweckende Person herum.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Boah, wat will denn der Vogel jetz hier?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">entfuhr es meiner Kundin, woraufhin sie sich schnell ans Bezahlen machte und \u00e4u\u00dferst gro\u00dfz\u00fcgig auf 25 \u20ac aufrundete. Noch w\u00e4hrend ich das Geld entgegen nahm, \u00f6ffnete der &#8222;Vogel&#8220; die Beifahrert\u00fcre und fragte mich:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Wo haste sie denn aufjegabelt?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;\u00c4hm, wieso wollen sie das bitte wissen?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Na, von wo haste se denn herjebracht? Wieviel haste gekriegt? N&#8216; Zehner?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend er auf die in meiner Hand befindlichen Scheine stierte, steckte ich sie schnellstm\u00f6glich ein und sagte ihm, dass ich ihm die Frage nicht beantworten werde, und er das gef\u00e4lligst mit ihr zu kl\u00e4ren h\u00e4tte. Ich hab zwar durchaus bef\u00fcrchtet, mal kurz unbezahlte \u00dcberstunden f\u00fcr den zust\u00e4ndigen Sozialarbeiter zu \u00fcbernehmen, aber so wie sich mein Fahrgast am Telefon geriert hatte, vermutete ich, dass eine Einmischung unn\u00f6tig w\u00e4re. In der Tat:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ick will doch nur det wissen. Kommste vom Hauptbahnhof? Oder vom Ostbahnhof? Is doch meene Frau hier!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Tut mir leid, aber dann k\u00f6nnen sie sie das ja auch selbst fragen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00fcberaus stimmgewaltige Hilfe von der R\u00fcckbank lie\u00df nicht auf sich warten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Ey, h\u00f6rste wohl uff! Des geht dich gar n\u00fcscht an! H\u00f6r mal auf, mein&#8216; Taxifahrer hier anzumachen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich selbst bekam noch ein freundliches &#8222;Sch\u00f6nen Abend noch!&#8220;, darauf wird der interessierte Kerl wohl vergeblich gewartet haben in dieser Nacht. Sicher w\u00fcrde mich der Ausgang der Geschichte eigentlich interessieren, aber ich hielt einen taktischen R\u00fcckzug doch f\u00fcr das Beste, um mir die Laune nicht auch noch zu verderben.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/b5eee4f59df5416bb2a99317c5b1f1cd\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kommt nicht umhin, sich gelegentlich Gedanken zu machen \u00fcber seine Kundschaft. Das ist mitunter sogar sehr angenehm. Da sitzen dann gl\u00fccklich turtelnde P\u00e4rchen im Auto oder Rentner die im Casino gewonnen haben. 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