{"id":7753,"date":"2011-02-28T11:29:41","date_gmt":"2011-02-28T10:29:41","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=7753"},"modified":"2011-03-03T05:22:56","modified_gmt":"2011-03-03T04:22:56","slug":"ich-bin-taxifahrer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2011\/02\/28\/ich-bin-taxifahrer\/","title":{"rendered":"Ich bin Taxifahrer"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Was f\u00fcr eine Weisheit, das sollten ein paar Leser schon bemerkt haben \ud83d\ude09<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe inzwischen angefangen, B\u00fccher von Taxifahrern zu sammeln, weil es interessant ist, zu sehen, wie unterschiedlich die Menschen in diesem Gewerbe \u00fcber ihre Erlebnisse erz\u00e4hlen. Gut, dazu br\u00e4uchte ich nicht zwingend B\u00fccher lesen. Wir sind inzwischen im Jahr 2011 angekommen, wir haben das  Internet und etliche Kollegen von mir bloggen inzwischen. Aber es gab  auch andere Zeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein besonderes Schmuckst\u00fcck hat Ozie mir zu meinem Geburtstag organisiert, ein Buch, das sich wohl nicht mehr so einfach im Handel finden l\u00e4sst:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>Wilhelm Schuster: Ich bin Taxifahrer<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Titel klingt schon so unm\u00f6glich, und der Untertitel<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>Vierzig Jahre hinterm Steuer<br \/>\nErlebnisse aus erster Hand<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">irritiert auch ein wenig. Aber &#8211; und damit kommen wir zum Thema &#8211; das ist eigentlich gar nicht so verwunderlich, denn das Buch wurde 1972 herausgegeben. Da liefen die Uhren noch anders. Und ich meine nicht nur die Taxameter!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man merkt dem Buch das Alter an allen Ecken und Enden an. Der damals sicher seltene Schreibstil mit allerlei Dialekt und Umgangssprache wirkt inzwischen etwas h\u00f6lzern, die Sensation, ein Buch \u00fcbers Taxifahren zu schreiben, will einen kaum mehr hinter dem Ofen vorholen, aber besonders wichtig ist: Es spielt in einer Zeit, in der Taxifahren erkennbar anders war als heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend man heute recht beil\u00e4ufig erw\u00e4hnt, dass es sich um eine Dienstleistung f\u00fcr Kunden handelt, liest man aus Schusters Buch regelm\u00e4\u00dfig heraus, wie sehr damals der Fahrer Herr im Auto war und Kunden gef\u00e4lligst Ruhe zu geben hatten. Sehr sch\u00f6n zum Beispiel die Antwort auf einen Kunden, der ihm hinten am Stand ins Auto steigen wollte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Geht nich, Vadder. Hier l\u00e4uft alles sch\u00f6n der Reihe nach.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte beginnt mit einer Erinnerung an einen get\u00f6teten Kollegen, und man erf\u00e4hrt bereits, dass Schuster zum Zeitpunkt des Schreibens selbst nicht mehr f\u00e4hrt. Zu guter Letzt wird klar, dass er &#8222;zum Kr\u00fcppel geschossen&#8220; wurde, insgesamt eine tragische Rahmenhandlung. Eingebettet in diesen Rahmen findet man dann ein Potpourri der denkenswertesten Fahrten. Wie bei einer 40-j\u00e4hrigen Geschichte nicht anders zu erwarten, finden sich dabei eine Menge Kuriosit\u00e4ten. Diese werden meist schnell erz\u00e4hlt, ohne gro\u00dfen Pathos, ohne sich zu viel mit Details aufzuhalten. Das klingt in der Tat etwas dr\u00f6ge. Man nehme nur den eigentlichen Anfang:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>Ich hei\u00dfe Wilhelm Schuster, bin 60 Jahre alt und von Beruf Taxifahrer. Fast vierzig Jahre lang habe ich auf dem Bock gesessen, davon gut die H\u00e4lfte in eigener Regie, denn ich hatte etwas auf der hohen Kante, und als meine Frau Lisbeth ein kleines Erbteil ausgezahlt bekam, kaufte ich den ersten Wagen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, stilistisch reizt das Buch heute sicher niemanden. Was es aber durch den Inhalt wieder wett macht. Die Geschichten sind zu sch\u00f6n, um nicht erz\u00e4hlt zu werden, und besser, es ist so geschehen als gar nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schuster erz\u00e4hlt beispielsweise von einer bekannten Schauspielerin, die ihn am Stand ausw\u00e4hlt, weil sie den Wagen &#8211; der nur ein geliehenes Auto war &#8211; so toll fand. Mit ihr machte er eine stundenlange \u00dcberlandfahrt, a\u00df und trank Alkohol mit ihr, und alles endete damit, dass das tolle Auto den Geist aufgab, die Diva ihn beschuldigte sie t\u00f6ten zu wollen und er kein Geld bekam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geschichten dieser Art, zu bekloppt um sie sich auszudenken, machen das Buch letztlich dann doch zu einer unterhaltsamen Lekt\u00fcre. So liest man gespannt, wie Schuster einen Prinzen bei sich zu Hause fr\u00fchst\u00fccken l\u00e4sst, einen gesuchten Gewaltt\u00e4ter auf dessen Wunsch zur Polizei f\u00e4hrt, eines Diebstahls beschuldigt wird oder sich selbst von einem Nackten das Taxi klauen l\u00e4sst. Und das alles erstaunlich unaufgeregt, hier und da mit etwas Hamburger Mundart garniert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dazu kommt wie bereits angedeutet der Zeitaspekt. Die ganzen Geschichten spielen zu einer Zeit, in der die Taxen noch alle schwarz waren, das ein oder andere Mal greift Schuster sogar zur\u00fcck in die Zeit des Nationalsozialismus. Die Schilderungen \u00fcber seine Frau &#8211; wie sie beispielsweise seine Hose f\u00fcr einen Empfang mit dem Bundespr\u00e4sidenten herrichtet &#8211; wirken aus heutiger Sicht total antiquiert, und ich war mehr als einmal dabei, den Autor ob mancher Einstellungen beherzt schei\u00dfe zu finden.<br \/>\nSo wettert er gegen Ende, als einige junge Kollegen den Sch\u00fctzen aufgebracht haben, der ihn anschoss, dass er es immer noch nicht verstehen und guthei\u00dfen k\u00f6nne, wenn M\u00e4nner mit langen Haaren herumliefen. Eine v\u00f6llig fremde Welt, aus der das Buch f\u00fcr mich letztlich die Faszination gezogen hat, die es auf mich hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ende darf ich hierbei keinesfalls untergehen lassen. Denn Schuster beendet das Buch mit einer alten Geschichte, als er einen Jungen im Auto hatte, der wohl noch nie mit einem solchen zu tun hatte. Und gibt es ein besseres Ende f\u00fcr ein Buch, das von einem angeschossenen Taxifahrer geschrieben wurde, als dieses:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>Dunnerkiel! Der Reedereiinspektor sah dem Buttje an, da\u00df es ihm fast das Herz brach, nun aussteigen zu m\u00fcssen. Er dr\u00fcckte mir zwei Reichsmark in die Hand und sagte:<br \/>\n&#8222;Fahren Sie ihn man daf\u00fcr noch&#8217;n bi\u00dfchen durch die Stadt.&#8220;<br \/>\n&#8222;Wo soll die Reise denn hingehn?&#8220; fragte ich den L\u00fctten.<br \/>\n&#8222;Bis da, wo Hamburg zu Ende ist!&#8220; rief er.<br \/>\n&#8222;F\u00e4hrt das Auto so weit?&#8220;<br \/>\nEs fuhr.<br \/>\nBarsch und St\u00f6r! Ja, ich w\u00fcrde wohl doch wieder Taxifahrer werden, wenn ich die Wahl h\u00e4tte.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohl nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wilhelm Schuster: Ich bin Taxifahrer<br \/>\n1972 Lichtenberg Verlag, M\u00fcnchen<br \/>\nISBN 3 7852 1132 5<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/c19a9321f9724257b517fbfe49baf0ba\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr eine Weisheit, das sollten ein paar Leser schon bemerkt haben \ud83d\ude09 Ich habe inzwischen angefangen, B\u00fccher von Taxifahrern zu sammeln, weil es interessant ist, zu sehen, wie unterschiedlich die Menschen in diesem Gewerbe \u00fcber ihre Erlebnisse erz\u00e4hlen. Gut, dazu br\u00e4uchte ich nicht zwingend B\u00fccher lesen. Wir sind inzwischen im Jahr 2011 angekommen, wir [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[2623],"tags":[4183],"class_list":["post-7753","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anderes","tag-rezension"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p5LJq5-213","jetpack_likes_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7753","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7753"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7753\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7756,"href":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7753\/revisions\/7756"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7753"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7753"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7753"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}