{"id":7687,"date":"2011-02-14T13:14:15","date_gmt":"2011-02-14T12:14:15","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=7687"},"modified":"2011-02-14T13:14:15","modified_gmt":"2011-02-14T12:14:15","slug":"mindestlohn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2011\/02\/14\/mindestlohn\/","title":{"rendered":"Mindestlohn"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Taxifahren ist ja nun wirklich ein interessanter Beruf, und er h\u00e4lt f\u00fcr die dort angestellten einiges an Absurdit\u00e4ten und \u00dcberraschungen bereit. Ein besonders kurioser Fall hat sich neulich ergeben, als ich vier franz\u00f6sische Puff-Besucher im Auto hatte, die mich nicht nur ermutigt haben, mich mehr ihrer Heimatsprache zu widmen (ja, sie meinten tats\u00e4chlich die Sprache!), sondern es auch bedauerten, dass es hier keinen Mindestlohn f\u00fcr Taxifahrer g\u00e4be, so angenehm und nett wie ich und meine Kollegen doch bisher gewesen seien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Balsam f\u00fcr die Seele. Zufriedene Kunden mit Wertsch\u00e4tzung f\u00fcrs Gewerbe. Ich hoffe, ihr Umgang mit den Prostituierten ist \u00e4hnlich!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber dann das Wort: Mindestlohn!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will ehrlich sein: Ich hab mich um das Thema immer herumgedr\u00fcckt. Ich habe nach wie vor nur teilweise Ahnung von der Struktur des Gewerbes in dem ich arbeite (vor allem in anderen Orten!), und zudem \u00fcbersteigt die Thematik in manchen Punkten meine Kompetenz bez\u00fcglich \u00f6konomischer Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber einen unbedarften, naiven Blick auf die Geschichte m\u00f6chte ich doch irgendwann mal werfen &#8211; also warum nicht heute? Ich stehe dem Thema auch nach allen \u00dcberlegungen immer noch ambivalent gegen\u00fcber, lasse euch aber gerne an meinen \u00dcberlegungen teilhaben. \u00dcber fundierte Kritik w\u00e4re ich dieses Mal im \u00dcbrigen besonders froh, ich kann mir vorstellen, dass ich einiges vergessen habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derzeit werde ich &#8211; wie die meisten Taxifahrer in Berlin &#8211; ausschlie\u00dflich nach Umsatz bezahlt. Eine Stunde ohne Kunden bedeutet f\u00fcr mich &#8211; brutto wie netto &#8211; einen Verdienst von 0,00 \u20ac. Ich verfluche nat\u00fcrlich die schlechten Januarschichten, bei denen ich nach 10 Stunden m\u00fchsam 80 \u20ac Umsatz zusammengekratzt habe und damit mit 3,60 \u20ac brutto pro Stunde in den Morgenstunden nach Hause schleiche. Gut, immerhin plus Trinkgeld, im Normalfall dann nochmal 40 ct pro Arbeitsstunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vorstellung, garantiert 7,50 \u20ac &#8211; oder gar 8 oder 10 \u20ac zu bekommen, reizt mich wie sie jeden Arbeitnehmer reizt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Problem ist die Struktur des derzeitigen Gewerbes. Der Gesamtumsatz der etwa 12.000 Taxifahrer in Berlin ist erst einmal nicht von uns abh\u00e4ngig. Es lie\u00dfe sich sicher durch drehen an der Tarif-Preisschraube oder Werbung etwas bewegen, aber alleine durch die Einf\u00fchrung eines Mindestlohnes w\u00fcrde sich der Umsatz nicht erh\u00f6hen. Dazu ist es schlicht und ergreifend n\u00f6tig, dass mehr Leute Taxi fahren.<br \/>\nNun ist es so, dass die Taxifahrer in Berlin mit Sicherheit weniger pro Stunde verdienen als ein angemessener Mindestlohn fordern w\u00fcrde. Das liegt auch \u00fcberwiegend gar nicht an irgendwelchen ausbeuterischen Chefs, die Margen sind in dem Gewerbe einfach nicht endlos hoch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die daraus folgende Logik ist im Prinzip simpel: Der erreichbare Umsatz wird unter zu vielen Beteiligten gesplittet &#8211; es sind zu viele Taxen auf der Stra\u00dfe. Dar\u00fcber darf gestritten werden, aber letztlich m\u00fcsste bei gleich bleibender Kundenzahl entweder die Zahl der Taxen ab-, und damit die Wartezeit der Kunden zunehmen &#8211; oder pro Kunde mehr Geld gezahlt werden. Was f\u00fcr den Kunden nat\u00fcrlich die Wahl zwischen Pest und Cholera ist, k\u00f6nnte man aus unserer Sicht so zusammenfassen: Wir verkaufen unsere Dienstleistung auf unsere eigenen Kosten zu g\u00fcnstig, eine Verbesserung f\u00fcr uns schadet zwingend dem Kunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicher nicht immer merkbar. Ob das Taxi nun 5 oder 6 Minuten zum Kunden braucht, interessiert nicht wirklich &#8211; ich m\u00f6chte es nur anmerken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nat\u00fcrlich w\u00e4re ein Mindestlohn prinzipiell durchsetzbar. Und w\u00fcnschenswert. Ich hoffe nicht, dass es ernstlich eine Mehrheit da draussen gibt, die der Meinung ist, es w\u00e4re ok, f\u00fcr 5 \u20ac pro Stunde einen Vollzeitjob zu machen &#8211; einen Vollzeitjob also, mit dem niemand eine Familie ern\u00e4hren k\u00f6nnte. Der Nachteil in unseren Kreisen w\u00e4re aber auch ganz deutlich: Es w\u00fcrden Arbeitspl\u00e4tze wegfallen!<br \/>\nEhrlich: Ich finde es besser, wenige &#8222;gut&#8220; bezahlte Arbeitspl\u00e4tze zu haben, als etliche schlecht bezahlte. Viele gute wird indes auch Ver.di nicht herbeizaubern k\u00f6nnen, so sehr wir uns alle das w\u00fcnschen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr uns Fahrer erg\u00e4be sich mit Einf\u00fchrung eines Mindestlohnes ein sehr zwiesp\u00e4ltiges Bild:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum einen w\u00fcrde unsere Arbeitszeit endlich einen Wert bekommen. Das klingt seltsam, aber solange wir umsatzbasiert bezahlt werden, hat sie den nat\u00fcrlich nicht. Meinem Chef ist es bisher egal, ob ich eine oder zehn Stunden f\u00fcr 10 \u20ac Umsatz arbeite. Mein Lohn betr\u00e4gt in beiden F\u00e4llen 4,50 \u20ac brutto. Wenn ich aber einen Mindestlohn kriegen m\u00fcsste, h\u00e4tte er nat\u00fcrlich ein Interesse daran, meine Arbeitszeit produktiv zu gestalten. Und da sind wir beim zweiten Punkt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum anderen w\u00fcrde n\u00e4mlich unsere Freiheit w\u00e4hrend der Arbeit darunter leiden. Ob das schlimm ist, muss jeder f\u00fcr sich selbst beantworten &#8211; aber nat\u00fcrlich w\u00e4re es pl\u00f6tzlich ein wirtschaftliches Risiko f\u00fcr den Chef, wenn der Fahrer lieber eine ruhige Kugel schiebt und damit am Ende nur 10 \u20ac pro Stunde einf\u00e4hrt. Im \u00dcbrigen etwas, das einem nicht nur durch Faulheit passieren kann, sondern auch mal durch Pech, die falsche Wahl der Halte etc.<br \/>\nUnd wenn ich in 3 Stunden nur 5 \u20ac Umsatz gemacht habe, dann ist es ja nur zu verst\u00e4ndlich, dass mein Chef wissen m\u00f6chte, was ich bitte gemacht habe &#8211; immerhin m\u00fcsste er mir daf\u00fcr ja pl\u00f6tzlich mehr Geld zahlen, als er erh\u00e4lt&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr uns w\u00fcrde sich also der Verdienst mit ziemlicher Sicherheit erh\u00f6hen, daf\u00fcr kann davon ausgegangen werden, dass wir auch einen Mindestumsatz erbringen m\u00fcssten, bzw. gewisse Einschr\u00e4nkungen in unserer Bewegungsfreiheit hinnehmen. Das mag bei einem freien Job wie Taxifahren Jammern auf hohem Niveau sein, aber ich mache den Job auch eher der Freiheiten, weniger des guten Verdienstes wegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es droht aber auch noch Ungemach von ganz anderer Seite. Zum Beispiel die Selbstst\u00e4ndigen. Von selbstst\u00e4ndigen Unternehmern l\u00e4sst sich kein Mindestlohn einfordern. Die stellen aber einen nicht unbedeutenden Anteil an Taxifahrern. In Berlin verteilen sich beispielsweise 12.000 Fahrer auf 5.000 Unternehmen. Dass da viele Unternehmen aus nur einem Fahrer bestehen, kann man sich denken &#8211; genaue Zahlen habe ich allerdings auch nicht. Fakt ist aber, dass Selbstst\u00e4ndige einige &#8222;Vorteile&#8220; haben. Nicht nur, dass ihr Lohn schlecht reglementiert werden kann: Auch ihre Arbeitszeit ist frei. Im Gegensatz zu Angestellten unterliegen sie keiner Beschr\u00e4nkung der Arbeitszeit, sie k\u00f6nnten theoretisch jeden Tag 24 Stunden fahren. Das ist insbesondere deswegen interessant, weil im Falle eines Mindestlohns die Schwarzarbeiter der Branche sich sicher darauf verlegen w\u00fcrden, statt wie bisher die Ums\u00e4tze, nun eher die Arbeitszeiten kleinzurechnen. Die Selbstst\u00e4ndigkeit w\u00e4re hier ein Ausweg, und wahrscheinlich w\u00fcrden sich sogar sehr lukrative Wege der Scheinselbstst\u00e4ndigkeit finden lassen, um letztlich Fahrer unter dem gesetzlichen Lohn fahren zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insbesondere, wenn wegen des Mindestlohnes das Modell der umsatzabh\u00e4ngigen Bezahlung zugunsten eines Stundenlohnes fl\u00e4chendeckend eingef\u00fchrt werden w\u00fcrde, w\u00fcrde dies auch die Fahrer dazu ermutigen, hier und da mal besser illegal ohne Uhr zu fahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Endeffekt w\u00fcrde das bedeuten, dass das System mit einem Mindestlohn nur funktionieren w\u00fcrde, wenn &#8211; mal rein kapitalistisch gesprochen &#8211; eine schnelle Auslese einsetzt. Entweder die Unternehmen w\u00fcrden ziemlich rigoros jeden Fahrer feuern, der zu wenig Stundenumsatz bringt &#8211; oder die Unternehmen, die das nicht tun, w\u00fcrden recht schnell von der Bildfl\u00e4che verschwinden, weil sie pleite sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Selektionsprozess zu Ungunsten der ehrlichen Unternehmer ausf\u00e4llt, ist nicht allzu gering, da schon jetzt Schwarzarbeit ein riesiges Thema in der Branche ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Worauf will ich hinaus?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Naja, wie ich sagte: Ich habe eine ambivalente Meinung!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum einen w\u00e4re ein Mindestlohn nat\u00fcrlich klasse, denn sobald man den Job macht, um vielleicht mehr als sich selbst halbwegs zu versorgen, verdient man da bisher zu wenig. Das zu \u00e4ndern ist eigentlich dringend notwendig, und langfristig liegt sicher eine enorme Chance darin, dass nicht jeder Idiot Taxifahrer werden kann, weil auch die Chefs sich entscheiden m\u00fcssten f\u00fcr die Leute, die ihren Job gut machen, vielleicht Stammkunden binden etc.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum anderen w\u00fcrde eine pl\u00f6tzliche Umsetzung auch Probleme bereiten. Es k\u00f6nnte sein, dass sich die Schwarzarbeit sogar noch mehr durchsetzt als bisher, dass unseri\u00f6se Kollegen in die Selbstst\u00e4ndigkeit fl\u00fcchten, und somit nicht nur das Ziel verfehlt w\u00e4re, sondern sogar Nachteile geschaffen w\u00fcrden. Ganz abgesehen davon, dass wir Fahrer wesentlich weniger Freiheiten h\u00e4tten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun stehe ich auf Freiheit mindestens genauso sehr wie auf ordentliche Entlohnung meiner Arbeit. Deswegen w\u00fcrde ich an dieser Stelle ein unverbindliches Fazit bevorzugen: Gerne ein Mindestlohn, aber bitte nur, wenn man sich gleichzeitig um die anderen Probleme des Gewerbes k\u00fcmmert!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/4cfc4a1478524c1486a407e13bdb59e3\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Taxifahren ist ja nun wirklich ein interessanter Beruf, und er h\u00e4lt f\u00fcr die dort angestellten einiges an Absurdit\u00e4ten und \u00dcberraschungen bereit. 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