{"id":7624,"date":"2011-02-02T00:08:44","date_gmt":"2011-02-01T23:08:44","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=7624"},"modified":"2011-02-02T11:55:33","modified_gmt":"2011-02-02T10:55:33","slug":"der-grose-berliner-taxi-murks","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2011\/02\/02\/der-grose-berliner-taxi-murks\/","title":{"rendered":"Der gro\u00dfe Berliner Taxi-Murks"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In den letzten Tagen des kalten Januars 2011 trafen sich die zwei Journalisten L\u00f6bker und Schultz. Mir ist nicht bekannt, wie dieses Treffen zustande gekommen ist, das verheerende Ergebnis dieser Zusammenkunft l\u00e4sst sich jedoch seit einigen Tagen <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/regional\/berlin\/aktuell\/2011\/01\/28\/grosser-berliner-taxi-test\/branche-in-der-kritik.html\" target=\"_blank\">im Netz nachlesen<\/a>. Im Verlauf ihres Beisammenseins entdeckten sie einen unglaublichen Skandal. Und das nicht irgendwo. Im Taxigewerbe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Taxigewerbe wird betrogen und abgezockt. Eine Wonne f\u00fcr Enth\u00fcllungs-Journalisten jeglicher Couleur!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausgerechnet der Branchenverband TVB, der Taxi-Verband Berlin, l\u00e4sst unglaubliches verlauten:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;&#8230;dass  jeder zweite Euro schwarz verdient wird, Fahrer St\u00fctze vom Amt  kassieren, heimlich arbeiten. Absichtliche Umwege nehmen, die Fahrg\u00e4ste  Geld kosten. Trinkgeld nicht versteuert wird.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das in Berlin!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber sie beide w\u00fcrden das alles aufdecken, publik machen, die Leute endlich wachr\u00fctteln! Und so kam es, dass sie einen perfiden Plan ausheckten. Ein Test! Sie w\u00fcrden einen Test machen. Mit Taxifahrern! Das hatte es bestimmt noch nicht gegeben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst trafen sie eine Entscheidung, die so brilliant wie auch einfach ist, dass man sich als Leser fragt, wieso man da nicht selber drauf gekommen ist: Sie w\u00fcrden Taxi fahren. Und zwar oft! Sie w\u00fcrden diese betr\u00fcgerischen Taxifahrer mit Geld k\u00f6dern und sie danach vorf\u00fchren. Hervorragend!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Plan nahm irgendwann konkrete Formen an, es sollten 18 Fahrten werden. Nicht mehr und nicht weniger. Die beiden \u00fcberlegten sich ein paar Fahrtziele und t\u00fcftelten an den Stolpersteinen herum. Kurze Strecken mussten unbedingt dabei sein, schlie\u00dflich ist ja bekannt, dass Taxifahrer bei kurzen Strecken gerne mal schlecht gelaunt sind. Damit das auch wirklich eintrifft, wurden diese Fahrten ausschlie\u00dflich von Bahnh\u00f6fen mit l\u00e4ngeren Taxischlangen gefahren. Die Idee war so gut und so underground, dass sie wahrscheinlich in Gedanken G\u00fcnter Wallraff rehabilitierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Stelle m\u00f6chte ich mich gerne pers\u00f6nlich beim  Axel-Springer-Verlag daf\u00fcr bedanken, dass sie insgesamt 255,10 \u20ac in  unser Gewerbe investiert haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Rest der Fahrten wurden sie etwas ungeduldig, sie unterteilten sie willk\u00fcrlich in Nacht- und Normalfahrten, auch wenn es von der Sache her keinen Unterschied machen w\u00fcrde. Eine Strecke musste wahrscheinlich aus Zeitgr\u00fcnden doppelt gefahren werden, aber durch ein bisschen Kreativit\u00e4t bei der Suche nach Stra\u00dfennamen konnte man das auch unter den Tisch kehren. Insgesamt 285 Minuten verbrachten sie im Taxi. Als sie feststellten, dass das quasi 5 Stunden und damit schon mindestens die H\u00e4lfte einer ganzen Schicht f\u00fcr einen Taxifahrer w\u00e4re, wussten sie auch, dass das gro\u00df war. Ganz gro\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sie nannten ihr Werk<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der gro\u00dfe Berliner TAXI-Test<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hut ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So stelle ich mir jedenfalls die Entstehungsgeschichte des &#8222;TAXI-Test&#8220; vor. Und damit kommen wir zum eigentlichen Problem: Der angek\u00fcndigte gro\u00dfe Test ist eine Karikatur seiner selbst. Abgesehen davon, dass wie bei solchen Tests \u00fcblich nicht einmal ansatzweise repr\u00e4sentative Daten erhoben worden sind, ist auch kaum belegt worden, was am Anfang des Textes bef\u00fcrchtet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlimmer noch: Das Machwerk strotzt nur so vor inhaltlichen Fehlern und l\u00e4sst nicht einmal irgendwelche Kriterien erkennen, nach denen getestet wurde. Im Grunde haben hier zwei Bild-Reporter in meiner Meinung nach ziemlich kargen S\u00e4tzen ihre Taxierlebnisse niedergeschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schauen wir uns doch mal eben die Fakten an. Eine Zahl, die bei allen Fahrten genannt wird, ist die Strecke. Da stellt man gleich bei der ersten von den 6 Routen fest, dass sie nat\u00fcrlich nicht 1,7 sondern 1,2 Kilometer lang ist. Das h\u00e4tte im \u00dcbrigen ein simpler Abgleich mit dem Berliner Taxitarif ergeben, den man bei einem &#8222;TAXI-Test&#8220; ja wohl erwarten kann. Die Kr\u00f6nung ist dann die letzte Strecke zum Flughafen, bei der im Gegenzug mal eben ein Drittel der Strecke irgendwo im Nichts verschwunden ist. Ein Haufen irritierter Taxifahrer \u00fcberlegt sich inzwischen n\u00e4mlich, wie man die 20km-Strecke auf 13,8 verk\u00fcrzen kann.<br \/>\nDann zeigt ein Foto Herrn L\u00f6bker beim Einstieg in ein Taxi am Potsdamer Platz. Wer err\u00e4t, von welchem gro\u00dfen Berliner Platz keine der genannten Touren gefahren wurde?<br \/>\nMehr im Argen liegt allerdings bei der 3. &#8222;Normalfahrt&#8220; auf der ersten Strecke. Da stehen angeblich 15,50 \u20ac auf der Uhr. Das zeugt von einer enormen Unkenntnis des Berliner Tarifs, der ohne Zuschl\u00e4ge seit nunmehr anderthalb Jahren nicht zu einem ungeraden 10ct-Betrag f\u00fchren kann, da das Taxameter in 20ct-Schritten z\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die inhaltlichen Fehler sind aber nur die Spitze des Eisberges und lassen allenfalls erahnen, mit welcher Sorgfalt hier &#8222;getestet&#8220; wurde. Wenn als einzige Kriterien Strecke und Zeit herhalten m\u00fcssen, sollten wenigstens diese Daten plausibel sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was nun aber das Hauptproblem gewesen sein muss: Auf alle relevanten Fragen lieferten die Fahrten keine Antwort. Auch die Vorw\u00fcrfe wurden nur unzureichend best\u00e4tigt.<br \/>\nZwei Fahrer haben das Taxameter nicht angeschaltet. Das ist ein schwerer Versto\u00df, best\u00e4tigt aber bei weitem nicht die vermuteten 50% schwarz erwirtschaftetes Geld.<br \/>\nZwei Meckerer haben sie gefunden, gut.<br \/>\nOb jemand komplett schwarz arbeitet, konnten sie nat\u00fcrlich nicht mal eben kurz herausfinden, und besonders absurd wird es dann bei den Umwegen:<br \/>\nEinen wirklich bedeutenden Umweg ist anscheinend keiner gefahren, also wird flugs Boto T\u00f6pfer vom Taxi-Verband Berlin zitiert, der sich (als vermeintlich einzige Branchenvertretung) auch noch dar\u00fcber wundert, dass kein Fahrer eine zu lange Strecke gew\u00e4hlt hat. Ich habe am Abend des 1. Februar eine Mail an den TVB geschickt, in der ich die Frage stelle, ob das Zitat in dieser Form korrekt ist.<br \/>\nZuletzt stellt sich noch die Frage nach dem Versteuern der Trinkgelder. Zum einen m\u00fcssen zumindest die Angestellten Trinkgelder gar nicht versteuern, zum anderen fehlt im Verlauf des tollen &#8222;TAXI-Test&#8220; jeglicher Hinweis darauf, ob die Journalisten \u00fcberhaupt welches gegeben haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben also eine These vom miesen Taxigewerbe und eine mehr als d\u00fcrftige Teilbest\u00e4tigung. Und nun?<br \/>\nSchreiben die Bildlinge einfach mal ein paar S\u00e4tze zu den Fahrten. Oftmals wird dabei der Gespr\u00e4chsinhalt wiedergegeben, wichtige Fakten lassen sich nur bei einzelnen Fahrten erahnen, niemals aber vern\u00fcnftig vergleichen. Am Besten l\u00e4sst sich das an der letzten und l\u00e4ngsten Fahrt von der Sonntagstra\u00dfe zum Flughafen Sch\u00f6nefeld verdeutlichen:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;1. Fahrt: Cengiz T. (42) plaudert viel. Er ist seit 18 Jahren in Deutschland, hat  in der T\u00fcrkei Betriebswirtschaft studiert. \u201eLeider wurde der Abschluss  hier nicht anerkannt. Mit dem Taxi-Job ern\u00e4hre ich meine Frau und zwei  T\u00f6chter.\u201c H\u00e4lt das Lenkrad sicher mit beiden H\u00e4nden. Dauer: 27 Min.,  Preis: 31,20 Euro.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hat Familie, einen t\u00fcrkischen Abschluss und h\u00e4lt das Lenkrad sicher. \u00c4h, ja.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;2. Fahrt: Der freundliche Fahrer (Foto links, seit 31 Jahren im Job, ohne Navi)  nimmt den Koffer in Empfang, legt ihn in den Kofferraum. Dauer: 29 Min.,  Preis: 30,60 Euro.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Preis und Fahrtzeit sind also fast identisch, der Fahrer ist freundlich. War Cengiz auch nett und hat beim Gep\u00e4ck geholfen? Wer wei\u00df? Und ist das fehlende Navi nun gut oder schlecht? Bei einer anderen Fahrt wurde das fehlen eines Navis n\u00e4mlich bem\u00e4ngelt. Das Foto vom Fahrer existiert \u00fcbrigens nicht bei bild.de.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;3. Fahrt: Der unerfahrene Fahrer (seit August 2010 im Job) l\u00e4sst sein Navi aus,  f\u00e4hrt zun\u00e4chst in eine Sackgasse. Sucht dann den richtigen Weg in einem  Stadtplan raus. Er telefoniert gleich zweimal \u00fcber Lautsprecher mit  seiner Freundin, die auch noch maulig ist. Immerhin hilft er beim  Gep\u00e4ck. Dauer: 41 Min., Preis: 29 Euro.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So, hier ist wohl einiges schief gelaufen. Die Fahrt dauert wesentlich l\u00e4nger und &#8211; Moment mal! &#8211; ist die mit Abstand g\u00fcnstigste der drei. Trotz Verfahren ist der Weg fast 2 Kilometer k\u00fcrzer als der von Cengiz. Aber wird daraus ein Fazit gezogen? Ist der bessere Preis vielleicht das Gemaule der Freundin wert? Keine Ahnung, denn das sind die letzten S\u00e4tze dieses gro\u00dfen Taxi-Tests, er endet mit den Worten &#8222;Preis: 29 Euro.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es bleiben also durchaus einige Fragen offen nach dem Lesen. Zum Beispiel w\u00fcrde ich gerne wissen, was aus Hijazi M. geworden ist. Der ist die Tour schwarz gefahren, hat die Verkehrsregeln missachtet und schien auch sonst nicht gerade ser\u00f6s zu sein. Wurde hier eine Anzeige erstattet, eine Beschwerde formuliert, oder war das nun alles nur Unterhaltung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte noch anmerken, dass bild.de meiner Meinung nach einmal mehr unterschwellig Stimmung gegen die nicht-deutschen Kollegen machen m\u00f6chte. Wer die Namen der Fahrer durchliest, st\u00f6\u00dft auf 9 Namen, davon 7 t\u00fcrkische, einen arabischen und einen ivorischen. Die anderen 9 hei\u00dfen &#8222;Fahrer&#8220;, &#8222;netter Fahrer&#8220;, &#8222;Uriger Berliner&#8220; usw.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ergebnis ist klar: Taxifahrer sind schlimm, das Gegenteil beweisen sie nicht wirklich und waren das nicht alles Ausl\u00e4nder?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zum gro\u00dfen &#8222;TAXI-Test&#8220; m\u00f6chte ich mit einem Fazit schlie\u00dfen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses pseudojournalistische Geschwurbel ist nutzloses F\u00fcllmaterial f\u00fcr die Seite bild.de, das bez\u00fcglich der leider tats\u00e4chlich vorhandenen Probleme im Taxigewerbe nichts erkl\u00e4rt, nichts testet und nichts \u00e4ndern wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Das ganze hab ich \u00fcberhaupt nur <a href=\"http:\/\/cab-log.blogspot.com\/2011\/02\/groer-berliner-boulevard-taxi-test.html\" target=\"_blank\">via Klaus<\/a> gefunden)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/08756890bd1748b8b8a7f43df9db0802\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen des kalten Januars 2011 trafen sich die zwei Journalisten L\u00f6bker und Schultz. 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