{"id":7547,"date":"2011-01-16T04:11:40","date_gmt":"2011-01-16T03:11:40","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=7547"},"modified":"2011-01-16T04:11:40","modified_gmt":"2011-01-16T03:11:40","slug":"flexibler","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2011\/01\/16\/flexibler\/","title":{"rendered":"Flexibler"},"content":{"rendered":"<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em><em>&#8222;Hier! Anwesend!&#8220;<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">rief ich \u00fcber den Vorplatz des Ostbahnhofes. Kunden sind an meinen  Wagen herangetreten, w\u00e4hrend ich mich mit Kollege Eddy unterhalten habe.  Er stand ein paar Pl\u00e4tze vor mir, deswegen stand ich bei ihm und nicht  er bei mir. Aber der Kunde hat die freie Fahrzeugwahl&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin kurz r\u00fcbergesprungen, da kam er mir schon entgegen. Er war so  um die 30, unterwegs mit seiner Freundin, beide zusammen in etwa das  Unauff\u00e4lligste, was ich in den letzten Wochen gesehen habe.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em><em>&#8222;Hi, ich wollte mal fragen: Kurzstrecke geht ja nicht, wenn wir hier stehen&#8230;&#8220;<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em><em>&#8222;Das ist korrekt.&#8220;<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em><em>&#8222;Wir m\u00fcssten nur bis zur Revaler r\u00fcber, k\u00f6nnten wir da vielleicht einfach einen F\u00fcnfer machen?&#8220;<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em><em>&#8222;Nein.&#8220;<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin meist gar nicht so einsilbig bei dem Thema, aber er war sich  seiner Sache so unsicher, da haben klare Ansagen am Besten funktioniert.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em><em>&#8222;Das kostet eher so 6 bis 7 \u20ac.&#8220;<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">hab ich versucht, ihm dennoch die Angst vor irgendwelchen Monsterbetr\u00e4gen zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em><em>&#8222;Naja, dann ist egal. Wir steigen ein!&#8220;<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Na also. Ist zwar keine lange Tour, aber ganz ehrlich: Mein Auto  stand noch keine 3 Minuten am Bahnhof, da w\u00e4re es ja doppelt  unversch\u00e4mt, \u00fcber die L\u00e4nge der Strecke zu meckern. Unterwegs meinte er  dann:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Du k\u00f6nntest uns ja vielleicht bei 5 \u20ac rauslassen, dann laufen wir den Rest.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Das  kann ich gerne machen, aber das wird dann nur knapp die H\u00e4lfte der  Strecke sein, w\u00e4hrend es mit ein bis zwei Euro mehr bis vor die T\u00fcre  geht.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em><em>&#8222;Du bist sicher Angestellter.&#8220;<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em><em>&#8222;Ja, so sieht es aus.&#8220;<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em><em>&#8222;Ja sorry, ich will ja auch nicht, dass du deinen Chef bescheisst oder so.&#8220;<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em><em>&#8222;Das freut mich, da h\u00e4tten sie auch keine Chance.&#8220;<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em><em>&#8222;Ja, so ist es halt. Ich dachte, ich frag mal. Andere sind da ja ein bisschen flexibler&#8230;&#8220;<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab mir auf die Lippen bei\u00dfen m\u00fcssen f\u00fcr die restlichen 2 Minuten  im Auto. Ich h\u00e4tte ja einiges sagen k\u00f6nnen, aber ich hab gedacht:  Friede sei mit den Unwissenden. Flexibler? Das ist nat\u00fcrlich auch eine  M\u00f6glichkeit, es zu umschreiben. W\u00e4hrend ich mit einer Fahrt unter Tarif  ja nur grob die H\u00e4lfte des entgangenen Geldes vermisse, w\u00fcrde mir als  Selbstst\u00e4ndiger die Kohle ja komplett fehlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin kein Unmensch und ich dr\u00fccke gerne mal ein Auge zu, wenn es  irgendwo angebracht erscheint. Aber wieso sollte ich auf Geld verzichten  und das Vetrauen meiner Chefs untergraben, die mich diesbez\u00fcglich eben  genau null kontrollieren? Die keine Sitzkontakte eingebaut haben, das  Auto nicht via GPS verfolgen? Die es mir erlauben, Privatfahrten zu  machen? Warum sollte ich das tun zu Gunsten irgend eines dahergelaufenen  Kunden, einen der nicht einmal durch besondere Freundlichkeit auff\u00e4llt  oder irgendwie glaubhaft machen kann, dass es f\u00fcr ihn wichtig w\u00e4re?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir  sind ja alle froh, wenn wir mal irgendwo was sparen k\u00f6nnen. Da nehme  ich mich nicht aus, wirklich nicht. Aber ist es echt so, dass man  bei einer Tour f\u00fcr 6 \u20ac im Taxi glaubt, da w\u00e4re viel Spiel nach unten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich  sehe schon, das wird so ein Artikel, bei dem es nachher so aussieht,  ich w\u00fcrde wie viele Kollegen st\u00e4ndig \u00fcber meinen Verdienst jammern \ud83d\ude09<br \/>\nDas wollte ich nun nicht &#8211; wenngleich der Januar gerade echt gemein zu mir ist&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trinkgeld gab es f\u00fcr die Tour nat\u00fcrlich keinen Cent. Meinetwegen. Mir soll es ja recht sein, dass sie ein Taxi und nicht die S-Bahn (eine Station!) genommen haben.\u00a0 6,00 \u20ac sind 6,00 \u20ac! Aber w\u00e4ren sie 400 Meter selbst gelaufen, h\u00e4tten sie mit der Bahn 2,80 \u20ac gezahlt. W\u00e4ren sie 100 Meter gelaufen und h\u00e4tten auf einen Kollegen zum Ranwinken gewartet, h\u00e4tten sie 4,00 \u20ac f\u00fcr die Kurzstrecke gezahlt. Aus irgendeinem mir nicht bekannten Grund war das zu viel Aufwand. Nicht, dass ich 2 \u20ac Aufpreis f\u00fcr 100 Meter f\u00fcr gerechtfertigt halte, aber in Anbetracht der Alternativen w\u00fcsste ich nicht, weswegen ich ihnen h\u00e4tte entgegenkommen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will nicht zu geh\u00e4ssig sein, aber ich hab nicht vor, meine Dienstleistung unter Wert zu verkaufen. Ich verdiene pro Wochenendschicht (und denkt dran: Das sind die guten!) irgendwas zwischen 70 und 100 \u20ac &#8211; wenn ich stur nach Tarif die k\u00fcrzesten Strecken fahre und durchschnittliches Trinkgeld kriege &#8211; daf\u00fcr, dass ich eben nicht in einen Club oder eine Kneipe gehe, daf\u00fcr dass ich mich nicht betrinken kann, sondern den Betrunkenen meine Dienste anbiete, um sie sicher und bequem nach Hause zu bringen. Der Rest der eingenommenen Kohle geht f\u00fcrs Arbeitsmaterial drauf, f\u00fcr die in manchen F\u00e4llen sogar sinnvoll eingesetzten Steuern und Abgaben &#8211; und daf\u00fcr, dass meine Chefs die Organisation des Ganzen \u00fcbernehmen (wof\u00fcr ich mir dann wiederum kein Wochenende frei nehmen muss). Ist das wirklich so viel, dass man sich da noch beschweren muss, wenn man sowieso gleich tanzender- und saufenderweise sein Geld verprassen will?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das frage ich als Mensch, der monatlich Miete f\u00fcr ein Zimmer zahlt, damit meine Kumpels eine kostenlose \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeit haben. Als Mensch, der der Bettlerin vor meinem Supermarkt von der Kohle gelegentlich zwei oder drei Euro zusteckt. Als der, der privat schon so oft Leute auf eigene Kosten von A nach B gebracht hat und gar nicht mehr z\u00e4hlen kann, wie viele Leute er schon irgendwo mal zum Saufen eingeladen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewiss, die ein oder andere Ausnahme w\u00fcrde mich nicht umbringen. Auch meinen Chef nicht. Aber was meint ihr, wie viele Leute meinen, sie seien eine Ausnahme wert? Jetzt hat Torsten erst wieder was geschrieben \u00fcber die Studis, die meinen, <a href=\"http:\/\/www.taxi-blog.de\/wordpress\/fahrgaste\/3769\/gratis-kultur\/\" target=\"_blank\">ein Taxi m\u00fcsse umsonst sein<\/a>, wenn der Fahrer so oder so in die richtige Richtung f\u00e4hrt &#8211; was nat\u00fcrlich Bl\u00f6dsinn ist, weil der Tarif noch h\u00f6her w\u00e4re, wenn wir noch mehr Leerfahrten h\u00e4tten.<br \/>\nUnd Mia ist auf eine der vielen Frauen getroffen, die der Meinung sind, <a href=\"http:\/\/taxistuttgart.wordpress.com\/2011\/01\/15\/dein-freund-und-helfer\/\" target=\"_blank\">Wartezeit zu berechnen, w\u00e4re Abzocke<\/a> &#8211; was im Kern aufs gleiche rauslaufen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz im Ernst: Ich bringe euch gerne ohne Kohle von A nach B. Aber das klappt nur, wenn das drumherum anders ist. Es w\u00fcrde letztlich auch bedeuten, dass ich mich daf\u00fcr aus eurem K\u00fchlschrank ern\u00e4hren m\u00fcsste oder laut schnarchend auf eurem Sofa pennend den Tag verbringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis wir das mal gesamtgesellschaftlich gekl\u00e4rt haben, werde ich wohl nicht umhin kommen, ein paar Euro daf\u00fcr zu nehmen und nicht ganz so flexibel zu sein&#8230;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/4c1382516225476cb0595a823f1bbc34\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Hier! Anwesend!&#8220; rief ich \u00fcber den Vorplatz des Ostbahnhofes. Kunden sind an meinen Wagen herangetreten, w\u00e4hrend ich mich mit Kollege Eddy unterhalten habe. Er stand ein paar Pl\u00e4tze vor mir, deswegen stand ich bei ihm und nicht er bei mir. 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