{"id":7196,"date":"2010-11-05T05:19:06","date_gmt":"2010-11-05T04:19:06","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=7196"},"modified":"2010-11-05T05:24:11","modified_gmt":"2010-11-05T04:24:11","slug":"nicht-gesehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2010\/11\/05\/nicht-gesehen\/","title":{"rendered":"Nicht gesehen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Und da stand ich am Ostbahnhof und wartete seit gef\u00fchlten 2 Stunden. W\u00e4hrend ich meinen Blick zwischen der mitgebrachten Lekt\u00fcre, dem rechten Au\u00dfenspiegel und der Ausgangst\u00fcr des Bahnhofsgeb\u00e4udes schweifen lasse, \u00f6ffnet sich pl\u00f6tzlich die T\u00fcr hinten links. Da mich das zweifelsohne sichtbar \u00fcberrascht, greife ich zur Beschwichtigungsschiene:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Oh, tut mir leid. Ich hatte sie gar nicht gesehen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt gen\u00fcgend Kunden, die keinerlei Hilfe beim Einladen oder Einsteigen brauchen, aber nat\u00fcrlich helfe ich gegebenenfalls. Allerdings &#8211; auch wenn es vielleicht das Klischee vom faulen Kutscher bedient &#8211; vertiefe ich mich bisweilen durchaus ins Lesen, da eine Wartezeit in st\u00e4ndiger Erwartungshaltung anstrengender sein kann, als eine Tour mit schlecht gelaunten Kunden.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Kein Problem. Ich wollte ja auch nicht hier vor allen Leuten&#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">erwidert mir die Pointe offenlassend die Stimme einer jungen Frau, von der ich nach dem erschreckten Umdrehen gerade noch das Gesicht wahrnehme. Na denn. Alles bestens!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie w\u00fcnschte sich einen Stra\u00dfennamen, nannte aber den Stadtteil gleich dazu. Ob ich wisse, wo das sei?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Naja, zugegeben: Mit der Stra\u00dfe haben sie mich erwischt. Aber die Richtung ist ja erstmal klar. Ich w\u00fcrde mich freuen, wenn sie mir die Stra\u00dfe zeigen k\u00f6nnten, ansonsten nehme ich einfach das Navi.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Nein nein! Zeige ich ihnen. Aber manche kennen den Stadtteil gar nicht.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Das meinen sie nicht ernst, oder?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Doch, und nach der Arbeit hab ich keinen Bock, das jedes Mal zu erkl\u00e4ren&#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Nur keine Sorge, ich weiss schon, wo es langgeht. Sie k\u00f6nnen sich einfach entspannen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sagte mir zu, mir die Stra\u00dfe zu zeigen, aber ich hab nebenbei das Navi programmiert, falls sie doch m\u00fcde wird, es sich anders \u00fcberlegt&#8230; und wie zum Teufel kann man den Stadtteil als Taxifahrer nicht kennen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber gut, es ist eine gute Tour, 17 bis 20 \u20ac, ich bin erst einmal zufrieden und versuche es mit Smalltalk:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Wenn sie gerade von der Arbeit kommen, lassen sie mich raten: Gastronomie?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das klappt immer und ist ein hervorragender Einstieg ins Gespr\u00e4ch. Unsere Kundschaft ist dann nahezu dieselbe, selbst gute und schlechte Tage h\u00e4ngen voneinander ab, denn nicht zuletzt speist sich der Pool meiner Kunden aus der enormen Anzahl derer, die sich Abends einen hinter die Binde kippen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;\u00c4h&#8230; nein.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fuck! Fettn\u00e4pfchen! Aber egal. Ich Profi, Gespr\u00e4ch noch nicht beendet! Ich \u00fcbergehe die peinliche Realit\u00e4t mit gewohnter L\u00e4ssigkeit:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;H\u00e4tte ja sein k\u00f6nnen. Wissen sie, die meisten, die w\u00e4hrend meiner Arbeitszeit Feierabend haben, arbeiten in der Gastronomie.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Satz kann man gechillt aufs Wetter umschwenken oder auf die Sch\u00f6nheit der Stadt bei Nacht. Auf die Bahnverbindungen, die die Taxifahrt n\u00f6tig machen und auf peinliche Menschen, die einem \u00fcber den Weg gelaufen sind. Ein Freundschaftsangebot meinerseits. Das Du-musst-es-nicht-sagen, das im Preis nat\u00fcrlich genauso inbegriffen ist wie das Du-darfst-mir-alles-erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hat es nicht genutzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Wenn sie mich gesehen h\u00e4tten, w\u00fcrden sie nicht denken, ich arbeite in der Gastronomie&#8230; nein, ich arbeite im Nachtgewerbe.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein &#8222;Ach so&#8220; war nicht gek\u00fcnstelt. Wenngleich das Sex-Gesch\u00e4ft f\u00fcr mich als langweiligen monogamen, dennoch aber nat\u00fcrlich an K\u00f6rperlichkeiten interessierten Menschen zwar gleicherma\u00dfen extrem unverst\u00e4ndlich und irgendwie faszinierend ist, so hab ich im Umgang mit den Beteiligten (Prostituierte, Freier, T\u00e4nzerinnen, sexuell anders orientierten Menschen) ja durchaus eine lockere Routine entwickelt. Die Protagonisten dieser Szenerie sind Kunden wie alle anderen auch. Im Grunde liegt unser Gewerbe in enger Nachbarschaft, ist miteinander verwoben, und da es dort oft um gr\u00f6\u00dfere Summen geht, mangelt es meist nicht an Trinkgeld.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da es ihr aber trotz der (wahrscheinlich gef\u00fchlt notwendigen) Offenheit scheinbar nicht sonderlich wohl war, so geoutet zu sein, hab ich es einfach bei offensivem Desinteresse belassen. Nach diesem einen Satz nahm sie das auch dankbar an, und der Rest der Unterhaltung drehte sich mehr um ihren Stadtteil, die Routenansage und das Bezahlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sie nun die ganze Zeit hinter mir sa\u00df und ich somit nicht sehen konnte, fragte ich mich aber dennoch, wie ihre Ansage gemeint war. Als sie dann ausstieg, wurde es mir dann doch recht schnell bewusst. Wer Anfang November untenrum nur einen String tr\u00e4gt, wundert sich nat\u00fcrlich nicht zu Unrecht \u00fcber die Frage nach der Gastronomie als Broterwerb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Memo an mich f\u00fcr die Zukunft: Erst gucken, dann quatschen! \ud83d\ude42<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/57c5d98cc22c4aa2a3d53f4a41a67191\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und da stand ich am Ostbahnhof und wartete seit gef\u00fchlten 2 Stunden. W\u00e4hrend ich meinen Blick zwischen der mitgebrachten Lekt\u00fcre, dem rechten Au\u00dfenspiegel und der Ausgangst\u00fcr des Bahnhofsgeb\u00e4udes schweifen lasse, \u00f6ffnet sich pl\u00f6tzlich die T\u00fcr hinten links. Da mich das zweifelsohne sichtbar \u00fcberrascht, greife ich zur Beschwichtigungsschiene: &#8222;Oh, tut mir leid. 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