{"id":5285,"date":"2010-03-18T06:00:47","date_gmt":"2010-03-18T05:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/?p=5285"},"modified":"2012-02-16T03:57:35","modified_gmt":"2012-02-16T01:57:35","slug":"zielgruppen-fail","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2010\/03\/18\/zielgruppen-fail\/","title":{"rendered":"Zielgruppen-Fail"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Berlin 2010. Der Winter war dieses Jahr hart und entbehrungsreich. Zus\u00e4tzlich zu den \u00fcblichen Winter-Depressiven sind in diesem Jahr auch noch gelegentlich Personen verstorben, weil sie die unerbittlich zwei Monate \u00fcberdauernde Eisdecke \u00fcber der Stadt nicht sicher zu \u00fcberqueren wussten. Die Polizei wird bis in den Sommer hinein noch damit besch\u00e4ftigt sein, die \u00dcberreste von Rentnern aus einsamen Wohnungen zu bergen, die verhungert sind, weil sie sich bei minus f\u00fcnfzehn Grad nicht mehr vor die T\u00fcre getraut haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nacht ist einsam, es ist niemand auf der Stra\u00dfe. Dabei n\u00e4hert sich der Kalender unaufhaltsam dem Fr\u00fchlingsanfang. Die Temperaturen sind l\u00e4ngst wieder f\u00fcr ein paar Stunden t\u00e4glich im Plus-Bereich, nur die Nacht ist noch kalt und m\u00f6rderisch. In den einsamen Friedrichshainer Abendstunden wirkt die Welt noch wie schockgefrostet. Keine Fu\u00dfg\u00e4nger weit und breit, und von den wenigen Z\u00fcgen, die den harten Winter trotz der Sparma\u00dfnahmen der Bahn \u00fcberlebt haben, taucht keiner im Osten der Hauptstadt auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fernsehen lehrt uns, dass in so einer Situation gerne lose Dornenb\u00fcsche durch die Pr\u00e4rie kugeln, aber die wenigen Dornenb\u00fcsche in Berlin sind entweder tot oder vom Resteis noch zu schwer zum Kugeln. Ein paar Taxifahrer halten am leblos wirkenden Beton-Gerippe des Bahnhofes ihre Wacht wie die Aasgeier. Stets mit wachem Blick, die Zigarette lose im erschlafften Mundwinkel h\u00e4ngend, verfolgen sie die Reste des Zivilisationsm\u00fclls, der in solch schweren Stunden die Dornenb\u00fcsche ersetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Wissen, jegliche Bewegung w\u00fcrde die Stille j\u00e4h zerreissen, schweigt die Welt sich aus und nur in irgendeinem fahl beleuchteten B\u00fcro sitzt ein einsamer Praktikant in der Duden-Redaktion und \u00e4ndert als vermeintlich letzter \u00dcberlebender den Eintrag zu &#8222;Apokalypse&#8220; in die Vergangenheitsform um.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sich gerade eine Wolke vor den blass anmutenden Mond schiebt, gleitet eine Schiebet\u00fcr des Ostbahnhofs auf, als sei es das selbstverst\u00e4ndlichste der Welt. An diesem M\u00e4rzabend um 22 Uhr. Durch selbige schleift sich alsbald ein etwas kleinw\u00fcchsiger aber nicht schlecht gebauter Mensch s\u00fcdl\u00e4ndischer Herkunft. Der lange schwarze Mantel umweht ihn mystisch, es bleibt ihm nichts als ihn mit den nackten H\u00e4nden an sich zu pressen, um nicht den letzten Funken K\u00f6rperw\u00e4rme zu verlieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Taxifahrer schrecken aus ihrer Lethargie hoch. Manch einer murmelt sein Mantra: &#8222;Komm zu mir, komm zu mir&#8230;&#8220; Weniger actionorientierte Exemplare setzen ihren sorgsam vor dem Spiegel ge\u00fcbten Bruce-Willis-Blick auf und konzentrieren sich ganz auf die Ablehnung einer zu kurzen Fahrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz hinten in der Schlange realisiert Sash, dass er offensichtlich zu viele Thriller liest, weil er erschrocken ist, dass die unheimliche Gestalt sich ihm unverdrossen n\u00e4hert. Sie blickt sich um, scheint Angst zu haben. Was? Was wird dieser traurige Haufen Mensch mir wohl antun wollen, fragt Sash sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Antwort ist grausam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Dunkel der Nacht legt sich f\u00fcr einen Moment tiefer \u00fcber das Auto von Sash, als der Fremde die gespenstisch anmutende und tote Fassade des Bahnhofs mit seinem Schatten schluckt. Die Augen kommen n\u00e4her, sie sehen sich panisch um. Was wird das? Waffen? Was kann man noch tun? Die Nacht w\u00fcrde jeden Schrei verschlucken und der eisige Wind keine Spuren hinterlassen, wenn nun jemand sterben w\u00fcrde. Der Fremde \u00f6ffnet langsam den Mund, blickt Sash an und sagt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ey, &#8218;absch hier neue Sonnenbrille! Will&#8217;sch du kaufen?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nee, sorry!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/b2d30e4c749c49e8bbaa8890a547ad7f\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin 2010. Der Winter war dieses Jahr hart und entbehrungsreich. Zus\u00e4tzlich zu den \u00fcblichen Winter-Depressiven sind in diesem Jahr auch noch gelegentlich Personen verstorben, weil sie die unerbittlich zwei Monate \u00fcberdauernde Eisdecke \u00fcber der Stadt nicht sicher zu \u00fcberqueren wussten. 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