{"id":3686,"date":"2009-09-27T15:50:28","date_gmt":"2009-09-27T13:50:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/?p=3686"},"modified":"2009-09-27T15:50:28","modified_gmt":"2009-09-27T13:50:28","slug":"schlag-fertig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2009\/09\/27\/schlag-fertig\/","title":{"rendered":"Schlag. Fertig&#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Man muss als Taxifahrer ein dickes Fell haben. Von R\u00fccken und Bauch kann ich das von mir behaupten, und im seelischen Bereich kann ich mir doch immerhin attestieren, dass mich pers\u00f6nliche Beleidigungen meist weniger kratzen, als ich es hier kundtue.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei anderen Dingen ist es oftmals so, dass ich nicht gleich die Ohren auf Durchzug stellen kann. Also prinzipiell bin ich ein sehr pragmatischer Mensch. Ich w\u00fcrde mir zutrauen, Menschen den Tod eines Angeh\u00f6rigen n\u00e4herzubringen, und danach lecker essen zu gehen. W\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs allerdings Schema F abzuspulen ist nicht mein Ding. Folglich hatte ich heute ein wenig zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am fr\u00fchen Morgen kehrte ich gerade aus K\u00f6penick zur\u00fcck und fuhr dabei meinem Kollegen J. \u00fcber den Weg. Wir verabredeten uns an einer Ampel f\u00fcr den Ostbahnhof, aber eigentlich ist das egal, denn kurz darauf wurde ich rangewunken.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Bringen sie mich nach [StehtgeradenochimOrtskundekatalog]?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Frau, ein paar Jahre \u00e4lter als ich.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Na klar, sehr gerne doch!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das waren so ziemlich die letzten unbeschwerten Worte f\u00fcr die n\u00e4chste halbe Stunde. Sie war ziemlich fertig mit den Nerven, und das hatte nat\u00fcrlich auch einen Grund. Sie war das erste Mal seit l\u00e4ngerem offenbar ausgegangen und ihr Abend in der Disco endete damit, dass sie von einer &#8222;Tussi&#8220; nur um des Stresses wegen zusammengeschlagen wurde. Die Verletzungen schienen sich im Rahmen diverser Prellungen zu bewegen &#8211; \u00e4u\u00dferlich war ihr zumindest in der Dunkelheit der Nacht nichts anzumerken. Keine Platzwunden im Gesicht, nichts auff\u00e4lliges. Ich h\u00e4tte es nicht bemerkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie so oft wenn es um Gewalt geht, waren die k\u00f6rperlichen Auswirkungen auch nicht das Schlimmste. Dass sie geschlagen wurde, machte sie nicht ann\u00e4hernd so fertig wie die Tatsache, dass sie sich &#8211; trotz besserer Vors\u00e4tze &#8211; nicht hat wehren k\u00f6nnen und zuletzt &#8222;voll peinlich&#8220; auch noch in Tr\u00e4nen ausgebrochen ist. Dieses miese Gef\u00fchl, dass jemand sich durchsetzen konnte, dessen \u00dcberzeugungskraft bei Null liegt, dessen soziale Kompetenz bei der von Feldsalat liegt, dessen Tritte einfach ein paar Joule Energie zu viel hatten. Das war das Problem. Und dann auch noch alles, als sie &#8222;einmal&#8220; versucht hat, &#8222;aus dem Dorf rauszukommen&#8220;&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wenn sie die ganze Zeit nur dort bliebe, w\u00fcrde sie das doch &#8222;auch umbringen&#8220;&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hat die meiste Zeit geweint, und wenn sie nicht erw\u00e4hnt h\u00e4tte, dass ihr Mann zu Hause ist, dann h\u00e4tte ich wahrscheinlich versucht, sie zu einem Arztbesuch zu \u00fcberreden. Aber ich war auch froh, dass ich diese Ausflucht hatte, es nicht tun zu m\u00fcssen. Ich bin vielleicht nicht schlecht im Tr\u00f6sten, aber ich kannte die Frau nicht einmal. Mir anzuma\u00dfen, derart in ihr Leben einzugreifen, w\u00e4re wirklich nicht mein Ding gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin viel zu wenige wirklich aufbauende S\u00e4tze losgeworden, weil mir immer wieder ein Klo\u00df im Hals stecken blieb, wenn einmal mehr klar war, wie sehr sie diese Dem\u00fctigung mitnimmt. Was will man sagen als 2-Meter-Mann, der seit der Grundschule keine Pr\u00fcgeleien mehr hatte, weil sich niemand getraut hat? Nat\u00fcrlich kenne auch ich solche Situationen, aber die meisten sind lange her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr k\u00f6nnt mir glauben, dass das an und f\u00fcr sich schon reicht, um das ganze als die schlimmste Tour des Abends abzutun. Aber als sich dann folgendes Gespr\u00e4ch ergeben hat, war ich innerlich wirklich kurz vor dem Ausrasten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Aber sie bringen mich doch nach Hause, oder?&#8220;<br \/>\n&#8222;Selbstverst\u00e4ndlich. Wieso denn auch nicht?&#8220;<br \/>\n&#8222;Naja, der Taxifahrer vorher hat mich rausgeschmissen!&#8220;<br \/>\n&#8222;Wie, der hat sie rausgeschmissen?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja, der wollte mich nicht mitnehmen und hat mich wieder rausgeschmissen&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;\u00c4hm, und weswegen?&#8220;<br \/>\n&#8222;Keine Ahung. Ich glaub, der hat mich nicht verstanden, und gedacht, ich sei betrunken&#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir ist mehr als nur bewusst, dass das keine angenehme Tour ist. Und dass der ein oder andere nicht mit so viel Feinf\u00fchligkeit ausgestattet ist&#8230; vielleicht noch in Ordnung&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber welches verfickte Arschloch wohnt mit mir in meiner Stadt, nennt sich &#8222;Kollege&#8220; und schmeisst in den fr\u00fchen Morgenstunden eine heulende Frau aus dem Auto, ohne nach einer L\u00f6sung zu suchen? Geht&#8217;s noch? Dieser Kollege kann sich sicher sein, dass ich ihm diese Form der Hilflosigkeit eindrucksvoll vermitteln werde, sollte ich je rausfinden, wer er ist &#8211; das ist aber mal ganz klar!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir Taxifahrer sind mit Sicherheit nicht verpflichtet, einen Psychiater zu ersetzen. Wir k\u00f6nnen uns auch nicht alles antun und irgendwo hat die Hilfsbereitschaft auch ein Ende &#8211; das ist klar. Aber es will mir nicht in den Kopf gehen, wie man eine fertige hilflose Person aus dem Auto schmei\u00dfen kann. Und wenn die Hilfe beinhaltet, dass man auf ein paar beschissene Zehner Umsatz verzichtet: DAS IST NICHT DRIN! ENDE! Keine Diskussion!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab sie dann vor der Haust\u00fcre abgesetzt, und ich schw\u00f6re, als ich von ihr den Satz<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;&#8230;und jetzt darf ich die Blessuren auch noch meinem Mann erkl\u00e4ren, na klasse&#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">geh\u00f6rt habe, h\u00e4tte ich sie ungeachtet aller Umst\u00e4nde, die dagegen sprechen k\u00f6nnten, am liebsten doch wieder eingepackt und irgendwo anders hingefahren. Und gleichzeitig h\u00e4tte ich ihr das nicht antun k\u00f6nnen. Schei\u00df Situation, echt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der anderen Seite hat sie zuletzt einen wesentlich besseren Eindruck gemacht und mir aufrichtig und ehrlich ihren Dank ausgedr\u00fcckt. Dass ich zuletzt auch noch um die 7 \u20ac Trinkgeld bekommen habe, schreibe ich nur, weil ich hoffe, dass dieses Arschloch von Pseudo-Kollege hier mal zuf\u00e4llig landet. Und all das &#8222;nur&#8220; mit geduldigem Zuh\u00f6ren, dem Reichen eines Taschentuches und &#8211; mein Chef m\u00f6ge mir verzeihen &#8211; der Erlaubnis, im Auto eine Zigarette zu rauchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist es doch allemal wert gewesen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man muss als Taxifahrer ein dickes Fell haben. Von R\u00fccken und Bauch kann ich das von mir behaupten, und im seelischen Bereich kann ich mir doch immerhin attestieren, dass mich pers\u00f6nliche Beleidigungen meist weniger kratzen, als ich es hier kundtue. 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