{"id":19967,"date":"2017-12-03T07:33:46","date_gmt":"2017-12-03T05:33:46","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=19967"},"modified":"2017-12-03T07:52:50","modified_gmt":"2017-12-03T05:52:50","slug":"bitte-nur-nach-hause","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2017\/12\/03\/bitte-nur-nach-hause\/","title":{"rendered":"Bitte nur nach Hause &#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Retter in der Not ist man als Taxifahrer schon gelegentlich. Nett aber ist das nicht immer. Insbesondere, wenn es mal wieder &#8222;Kollegen&#8220; waren, die den ganzen Schei\u00df erst ausgel\u00f6st haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war eigentlich auf dem Weg nach Hause. Und damit fast erfolgreich, denn ich fuhr am Bahnhof Marzahn an die Ampel und die war sogar gr\u00fcn. Ich wollte schon in meine Heimatstra\u00dfe abbiegen, da sah ich ein zaghaftes Winken 50 Meter geradeaus. Und so ist das Spiel eben: Die Fackel war noch an, also bin ich kurz r\u00fcber. Eine junge Frau, Party-Outfit und ziemlich durch den Wind. Sie stieg heulend ein und flehte mich an, sie zu einer Haltestelle in Hellersdorf zu bringen. Ich hab das selbstverst\u00e4ndlich bejaht und der Tr\u00e4nen wegen nachgefragt, ob ich sonst irgendwie helfen k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, nur nach Hause. Sie wiederholte den Haltestellennamen mehrfach und entschuldigte sich f\u00fcrs Weinen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Bringen Sie mich bitte einfach nur nach Hause. Der andere Taxifahrer hat mich hier abgesetzt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BITTE WAS?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ja, nat\u00fcrlich. Eine junge Frau will nach Hause und der Taxifahrer wusste angeblich den Weg. Einen trotz der ordentlichen L\u00e4nge der Tour deutlich teureren. So zumindest meine Vermutung. Das Dumme war nur: Die Frau kannte sich aus und wusste den richtigen Weg. Auf ihre Frage, warum sie jetzt auf die Landsberger fahren, soll der Kollege irgendwas im Sinne von &#8222;Halt die Klappe, das passt schon so!&#8220; gesagt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df, was jetzt kommt. Ich h\u00e4tte auch sp\u00e4testens da die Nummer notiert, vermutlich auch die Firmenadresse. Aber ich wei\u00df auch wo die Daten stehen und au\u00dferdem h\u00e4tte ich da keine Panikattacke bekommen wie die Kundin. Die im \u00dcbrigen auch nicht sprichw\u00f6rtlich Panik hatte, sondern richtig. Also echt, nicht wegdiskutierbar. Sie sagte mir, sie sei schon mal \u00fcberfallen worden und die Situation, dass der Typ jetzt nicht dahin fahren wollte, wo sie sagte und sie sich zunehmend weniger auskannte, hat sie \u00fcberfordert. Erst am Eastgate hat sie ihn \u00fcberhaupt \u00fcberreden k\u00f6nnen, sie rauszulassen. Und da stand sie dann, nachdem der Fahrer &#8222;sich sein Geld genommen hat&#8220; bei Minusgraden am menschenleeren Bahnhof in der Pr\u00e4rie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Egal, wie sich dieses oder jenes Detail jetzt vielleicht genau gestaltet hat: Dass der &#8222;Kollege&#8220; da v\u00f6llig versagt hat, da steht meine Meinung fest. Selbst wenn Sie sich bei der Ansage der Route etwas vertan haben sollte: Seine war definitiv falsch! Im Sinne von Kilometerweit falsch! Au\u00dferdem: Wenn die Kunden einen Umweg wollen: Sie haben das Recht, den Weg zu w\u00e4hlen! Ob sein Tonfall nun nur so mittel unfreundlich oder arschlochm\u00e4\u00dfig war: Ich finde beides daneben! Mich haben meine vielen &#8222;Wenn ich hier lang und dann hinten bei XY durchfahre ist das etwas k\u00fcrzer&#8220; nie umgebracht und auch noch niemanden ver\u00e4ngstigt. Und zum Thema ver\u00e4ngstigt: Wenn sich wer sichtbar unwohl f\u00fchlt, fragt man verdammt nochmal nach und bietet L\u00f6sungen an!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier mal eine Formulierungshilfe:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ach, Sie wollten \u00fcber die XY-Stra\u00dfe fahren? Ich dachte, diese Route w\u00e4re k\u00fcrzer, aber wenn Sie wollen, dann fahre ich jetzt blablabla &#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind fucking Taxifahrer, wer wenn nicht wir kann dr\u00fcber reden, warum wir wohin fahren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Naja, am Ende hab ich die Gute &#8222;nur nach Hause&#8220; gebracht. Es war in gewisser Weise anstrengend, weil sie noch sichtbar Angst hatte, aber auch das ist eigentlich eine echte Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Wenn ich im Folgenden kurz ein paar Dinge aufz\u00e4hle, die ich gemacht habe, dann nicht, um mich selbst zu loben, sondern zum einen um das zur Diskussion zu stellen f\u00fcr Leute mit Angstst\u00f6rungen oder Traumata, zum anderen um unerfahrenen Kollegen, die sich nur nicht trauen, was an die Hand zu geben:<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li>Ich hab verst\u00e4ndlich und in ihren Worten gesagt, dass ich sie selbstverst\u00e4ndlich heimbringe.<\/li>\n<li>Ich habe zu verstehen gegeben, dass ich den Weg kenne, habe ihr Wegmarken genannt, die sie kennen m\u00fcsste, um ihr zu erkl\u00e4ren, warum ich wohin fahre. (An der Stelle kann man nat\u00fcrlich auch das Navi programmieren und keinesfalls vom Weg abweichen, egal wie bl\u00f6d der ist!)<\/li>\n<li>Ich hab sie ernst genommen und gesagt, dass ich verstehe, warum es ihr gerade schlecht geht.<\/li>\n<li>Ich habe mich deutlich von solchen &#8222;Kollegen&#8220; distanziert und zudem klar gemacht, dass ihr Anliegen heim gebracht zu werden, v\u00f6llig normal ist und dass der Fehler nicht bei ihr lag.<\/li>\n<li>Ich hab selbstverst\u00e4ndlich ruhig und gelassen reagiert und (obwohl ich zwischendrin Dinge erfragt habe) einfach konsequent mit &#8222;Das ist kein Problem&#8220; o.\u00e4. geantwortet.<\/li>\n<li>Mit meinem Blick f\u00fcr Kleinigkeiten hab ich z.B. am Ende, als sie mich noch bis vor die T\u00fcr gelotst hat, immer schnell ihre Anweisungen best\u00e4tigt, extra fr\u00fch den Blinker gesetzt usw., um zu vermitteln, dass ich wirklich das mache, was sie ansagt.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben sogar, obwohl es ihr am Ende immer noch schei\u00dfe ging und sie zwei Minuten zitternd ihren Schl\u00fcssel gesucht hat, einiges gekl\u00e4rt. Von so Sachen wie der Bezahlung (Sie h\u00e4tte ja kein Geld mehr haben k\u00f6nnen) \u00fcber den &#8222;Kollegen&#8220; (der leider wirklich nicht ermittelbar sein wird) bis hin zu Ideen, wie man das n\u00e4chstes Mal anders machen k\u00f6nnte (Aber ganz ganz wichtig: Ich hab keinen lehrerhaften Vortrag wie jetzt hier gehalten, sondern klargestellt, dass das jetzt kein Vorwurf, sondern nur eine Idee f\u00fcr sp\u00e4ter ist).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie angedeutet: Ich hab da nix &#8222;fixen&#8220; k\u00f6nnen. Panik ist eine ernste Sache, die nicht mit einem &#8222;Hab dich nicht so!&#8220; geheilt werden kann. Ob mit oder ohne traumatischen Hintergrund. Und eigentlich war ich am Ende ohnehin nur ein anderer Taxifahrer, zum Gl\u00fcck wohl ein an diesem Abend eher \u00fcberdurchschnittlicher. Trotzdem hat sie am Ende der Fahrt nach einer Viertelstunde immer noch geheult und ich wusste, dass mein Wunsch, sie m\u00f6ge noch eine wenigstens halbwegs gute Nacht haben, vermutlich f\u00fcr&#8217;n Arsch war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber um nicht ganz so traurig zu enden und au\u00dferdem weil ich schei\u00dfe stolz darauf bin, m\u00f6chte ich noch anf\u00fcgen, wie sie sich verabschiedet hat:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Danke! Du bist super! Bleib so, bitte. Bring Du die jungen M\u00e4dels heim, ok?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abgemacht. \ud83d\ude42<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/8855db5321c24357854a6eeeb354dd8b\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Retter in der Not ist man als Taxifahrer schon gelegentlich. Nett aber ist das nicht immer. 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