{"id":19928,"date":"2017-11-05T05:55:47","date_gmt":"2017-11-05T03:55:47","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=19928"},"modified":"2017-11-05T06:47:06","modified_gmt":"2017-11-05T04:47:06","slug":"totalausfall","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2017\/11\/05\/totalausfall\/","title":{"rendered":"Totalausfall"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte meine Kundin schon gesehen, da ahnte sie noch nicht einmal, dass es mich gibt. Sie tanzte auf der anderen Seite der Hauptstra\u00dfe mitten auf der Fahrspur herum und war drauf und dran, dem n\u00e4chtlichen Karlshorst einen Stau zu bescheren, weil sie die Autos hinter ihr nicht interessierten. Ganz offensichtlich bereits v\u00f6llig hin\u00fcber. Dass die Fahrt mir kein Geld bringen w\u00fcrde, war dieses Mal von Anfang an eine m\u00f6gliche Option, aber das war kein Grund, nicht zu wenden. Es gibt schon eine Menge gute Gr\u00fcnde, nachts nicht alleine besoffen durch Berlin zu torkeln &#8211; aber wenn man das dann auch noch auf die Fahrbahn verlegt, wird&#8217;s tendenziell suizidal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Autos vor mir schl\u00e4ngelten sich hupend an ihr vorbei, ich hab am Stra\u00dfenrand angehalten, obwohl nicht ganz sicher war, ob sie eben wirklich gewunken hatte. Aber sie stieg zielsicher ein und nannte mir einen U-Bahnhof als Zieladresse.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Aba nur bis zum Bahnhof!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Kein Problem.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie versuchte mir dann noch etwas wirr zu erkl\u00e4ren, weswegen man als &#8222;Bitch&#8220; gilt, wenn man sich ein Taxi bis vor die Haust\u00fcre nimmt. Ich hab&#8217;s nicht verstanden und auch keinen Wert drauf gelegt. Ich sah durchaus einige Schwierigkeiten, als ich mir vorstellte, wie sie vom Bahnhof heimkommt, aber soweit waren wir noch nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn zun\u00e4chst einmal musste sie Dennis anbr\u00fcllen. Bzw. das Handy, auf dem Dennis anrief. Als sie ranging, erkl\u00e4rte sie lautstark, es sei alles ok, sie sei &#8222;im Taxi mit so &#8217;nem komischen Typen&#8220;. Ich hab kein Problem damit, von Besoffenen als komischer Typ wahrgenommen zu werden, aber im Kopf hatte ich nat\u00fcrlich eher, dass Dennis ihr Freund ist und das jetzt ziemlich missverst\u00e4ndlich r\u00fcberkam.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ja nee, ich bin voll. Ich geb dir mal den komischen Typen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so hielt ich dann das Telefon mit Dennis in der Hand.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Hi, ich bin der Taxifahrer. Ich bring sie jetzt zum Bahnhof XY. Sie hat mir gesagt, ich soll sie dorthin bringen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ja, bring sie mal in die L\u00fcnschw\u00fcnschstra\u00dfe.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Die was?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ach, irgendwas mit L da ums Eck, da wohnt sie.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab auf die Karte geschielt. Eindeutig war das leider nicht. Einige Stra\u00dfen mit L. Aber erst einmal sollte ich ja eh zum Bahnhof. 100 Meter vorher br\u00fcllte sie mir dann eine Adresse ins Ohr, die ich leider \u00e4hnlich gut verstand wie die Ansage von Dennis. Es sagte mir gar nix und das Navi konnte ich auch vergessen, denn ob man die Stra\u00dfe mit U oder O oder OU schreibt, war nicht aus ihr rauszukriegen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Egal. Zeig ich Dir! N\u00e4chste Stra\u00dfe wenden!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcrzen wir das ab: Wir sind dann fast zwei Kilometer zur\u00fcck in die Richtung gefahren, aus der wir gekommen waren. Dort fand ich die Stra\u00dfe schnell auf der Karte und die Nummer 27 war dann kein Problem mehr. Aber da ging&#8217;s erst los. Sie kraxelte etwas unbeholfen aus dem Auto und meinte, Sandra zahle das.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">0.o<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also wie gesagt: Dass ich kein Geld sehe &#8211; ok. Aber die Ansage hat selbst mich noch verwirrt. Wer zur H\u00f6lle war jetzt Sandra? Aber die Kundin torkelte schon Richtung Hauseingang. Ich hab erst einmal keine Eile gehabt, denn mir lag jetzt erst einmal daran, ihr Handy aus dem Fu\u00dfraum zu fischen, das sie zwei Minuten zuvor unter gro\u00dfem Gejammer fallengelassen, inzwischen aber v\u00f6llig vergessen hatte. Da es in einer \u00fcppigen Klapph\u00fclle steckte, h\u00e4tte es mich zudem nicht gewundert, wenn dort noch Geldscheine im Gegenwert der Fahrt zu finden gewesen w\u00e4ren. Aber so einfach war es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend sie nach ihrem Schl\u00fcssel nestelte, bin ich langsam hinterher und hab sie darauf hingewiesen, dass ich einerseits keine Sandra kenne und trotzdem das Geld f\u00fcr die Fahrt haben wolle und zudem hier ein Telefon h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Boah, etwa meines?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr eine Sekunde lang hatte ich dar\u00fcber nachgedacht, es als so eine Art unfreiwilliges Pfand einzubehalten, aber wie sie nun dastand und es f\u00fcr einen irren Zaubertrick hielt, dass ich ihr Telefon hatte &#8230; ich will ehrlich sein: Die war so hin\u00fcber, ich konnte ihr nicht b\u00f6se sein. Sie bestand aber darauf, dass Sandra doch schon was gezahlt h\u00e4tte und dass Sandra &#8222;selbstverst\u00e4ndlich!&#8220; die sei, mit der sie eingestiegen war. Und w\u00e4hrend ich noch dabei war, ihr zu erkl\u00e4ren, dass ich sie alleine aufgegabelt hatte, dr\u00fcckte sie mir ihren Schl\u00fcsselbund in die Hand:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Kanns Du mal machen? Ich bin voll!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich, deutlich zu wenig voll f\u00fcr das, was ich hier tat, konnte allerdings auch nur wenig ausrichten, weil die Schl\u00fcssel nicht passten.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;WAAS, aber das ist doch die 27?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Vergewisserung, dass die Nummer stimmt, dr\u00fcckte sie einmal 50% der Klingeln des Mehrfamilienhauses und verk\u00fcndete dann, dass sie jetzt ganz dringend kotzen m\u00fcsste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aktion mit den Klingeln hat mich weniger ge\u00e4rgert als sonst, denn meine Kundin war deutlich j\u00fcnger als ich, ich hatte also durchaus auch noch ein wenig die Hoffnung (bzw. Bef\u00fcrchtung), dass ich im Verlauf des Bezahlvorgangs vielleicht ihre Eltern oder diverse Mitbewohner kennenlernen w\u00fcrde. Ich hab die verst\u00f6rten Rufe aus der Gegensprechanlage dennoch verhallen lassen, weil meine Kundin beim beeindruckenden Versuch, mehr als zwei Liter Cocktails direkt neben der Klingeltafel loszuwerden, umgefallen war. Nicht schlimm, sie hatte sich davor schon hingehockt, aber ihre nun doch mehr als bodennahe Haltung lie\u00df mich instinktiv Hilfe anbieten:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Soll ich hochhelfen?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;NEIN!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deswegen fragt man vorher.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;\u00c4h &#8230; vielleicht doch?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deswegen fragt man \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum, dass ich sie mit einem beherzten Griff unter die Achseln wieder in der Senkrechten hatte, \u00f6ffnete eine Nachbarin die T\u00fcr und fragte, was los sei. Ich hab versucht, das ganze mit zwei S\u00e4tzen klarzustellen, selbstverst\u00e4ndlich nebst Entschuldigung.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Sie haben mich wachgeklingelt!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verteidigungsreflexe meiner Kundin sa\u00dfen noch:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ich nicht. Wenn dann er!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also hab ich noch zwei, drei S\u00e4tze dranh\u00e4ngen m\u00fcssen. Aber die Nachbarin war nett und hat versucht, die Situation zu \u00fcberblicken. Die Kundin behauptete, Geld in der Wohnung zu haben, ich hab versucht, glaubhaft zu versichern, dass das wirklich alles ist, weswegen ich hier bin und ich war super erfreut, als die Nachbarin angeboten hat, mitzukommen. Leider machte sie dann doch vor der Wohnungst\u00fcr kehrt, ich h\u00e4tte ja nix gegen Zeugen gehabt. Allerdings gab&#8217;s da wirklich nix mehr zu kl\u00e4ren, denn kaum dass die Wohnungst\u00fcr hinter uns ins Schlo\u00df fiel und ich noch einmal den Fahrpreis nannte und dass ich deswegen hier sei, erkl\u00e4rte die Kundin folgendes:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ja nee, wo soll ich denn hier Geld haben? Also da m\u00fcssteste bis morgen warten.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab &#8211; obgleich wie gesagt nicht \u00fcberrascht &#8211; ern\u00fcchtert angemerkt, dass ich den schweren Verdacht h\u00e4tte, dass ihrerseits morgen vermutlich keine Erinnerung mehr an diese Posse \u00fcbrig w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ach was, ach was! Ich will doch nicht unfair sein. Ich hab deine Daten!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;\u00c4h &#8230; nein!?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Na dann schreib mal auf! Morgen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Haben Sie einen Zettel?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz im Ernst: Die eine Minute jetzt war nat\u00fcrlich verschenkt, aber was wei\u00df ich schon, wozu ein solcher Zettel beim morgigen Erwachen f\u00fchren k\u00f6nnte. Vielleicht hilft&#8217;s ja wenigstens bei der Erkenntnis, dass sie im Vollsuff jemanden in ihre Wohnung gelassen hat, was mir ehrlich gesagt an ihrer Stelle r\u00fcckblickend ziemlich spooky vorkommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und w\u00e4re ich gegangen, h\u00e4tte ich mich auch um die letzte Pointe des Abends gebracht, denn obwohl ich an dieser Stelle mal klarmachen muss, dass wir uns in einer kleinen aber sehr feinen, ordentlichen und sauberen Wohnung befunden haben, kam sie nach meiner Frage nach einem Zettel ungelogen mit einer K\u00fcchenrolle zur\u00fcck und hat auf meine Skepsis hin gesagt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ja, sorry. Ich hab nicht so oft Besuch.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier im Bezirk wird heute also eine junge Dame mit einem M\u00f6rderkater aufwachen und meine Handynummer auf ihrer K\u00fcchenrolle finden. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde ich mich \u00fcber den Anruf, bzw. die 22,70\u20ac sehr freuen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass das am Ende auch einfach nur derma\u00dfen lustig und absurd f\u00fcr mich war: Ich werde trotz Wissens \u00fcber Name und Adresse nie tun, was sie mir abschlie\u00dfend angeboten hat:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Wei\u00dft ja, wo ich wohne. Kannst jederzeit klingeln. Jederzeit, klar!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist mir v\u00f6llig egal, wie diese Geschichte bez\u00fcglich meiner Kohle endet. Ich hoffe blo\u00df, dass sie in dem Zustand nie an die falschen Leute ger\u00e4t.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/2a0f35a30236454ea3f5b53c8c4fc353\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte meine Kundin schon gesehen, da ahnte sie noch nicht einmal, dass es mich gibt. 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