{"id":19705,"date":"2017-07-01T05:12:35","date_gmt":"2017-07-01T03:12:35","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=19705"},"modified":"2017-07-01T05:18:57","modified_gmt":"2017-07-01T03:18:57","slug":"verhandlungen-mit-dem-zukunfts-ich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2017\/07\/01\/verhandlungen-mit-dem-zukunfts-ich\/","title":{"rendered":"Verhandlungen mit dem Zukunfts-Ich"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sparsamkeit ist eine Tugend, hei\u00dft es. Und ich erkenne das in gewisser Weise an. Es ist hilfreich, einen Notgroschen zu haben und wenn es in der eigenen Macht liegt, den anzusparen, dann ist das Erlernen von Sparsamkeit eine gute Sache. Aber ich will ehrlich sein: Ich war immer ein Kritiker der Theorie, dass Sparsamkeit an sich einen Wert hat. Geld ist Mittel zum Zweck und es gibt Situationen, in denen ich Sparsamkeit hinderlich finde. Zum Beispiel wenn man eigentlich nicht wei\u00df, wozu man Geld hortet, w\u00e4hrend es anderen schlecht geht. Oder das Szenario, an das ich mich aus meiner Jugend erinnere und mir in irgendeiner Gossip-Reportage pr\u00e4sentiert wurde. Es ging um ein Rentnerpaar, das trotz mittlerem Verdienst ein Millionenverm\u00f6gen angeh\u00e4uft hatte. DER Tipp, den sie allen Zuschauern mitgaben, war:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Zwei Blatt Klopapier reichen immer!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und jedes einzelne Mal seit ca. 1996 denke ich bei au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Verdauungst\u00e4tigkeit, dass die beiden Idioten waren. Vermutlich sind sie inzwischen tot und ihre Enkel verprassen die Kohle ohne Sinn und Verstand. Und daf\u00fcr haben sie sich ihr ganzes Leben lang bei jeder Magenverstimmung die eigene Schei\u00dfe von den H\u00e4nden gepuhlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will nicht pro Verschwendungssucht argumentieren und es gibt Gr\u00fcnde, warum ich kein Finanzberater bin. Aber wenn es um einzelne bestimmte Dinge geht, die mir das Leben erheblich erleichtern, Leid abwenden oder vielleicht sogar dem Wohl anderer dienen, habe ich mir einen anderen Gedanken zurechtgelegt. Und der ist:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Dieser Zehner kann nie und nimmer ein existenzbedrohendes Problem sein!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ja, auch ich kenne Situationen, in denen mir ein Zehner gefehlt hat. Aber da ging&#8217;s\u00a0 halt um Probleme, die h\u00f6chstens einen Zehner wert waren. Club-Eintritt, drei Extra-Bier, zwei Schachteln Kippen. \u00c4rgerlich im Moment, aber nicht der Grund f\u00fcr einen Gerichtsvollzieherbesuch oder eine Wohnungsk\u00fcndigung. Wenn sonst alles ok ist, ist dieser Zehner egal*.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann war da dieser Kunde. Nach einem Kneipenbesuch in der Pr\u00e4rie gestrandet hat er mich gefragt, wie viel es bis zu ihm nach Hause kosten w\u00fcrde. War keine kurze Fahrt, es standen gute 30\u20ac zur Debatte. Er hat sich ein Herz gefasst und mir gesagt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ganz ehrlich: Mein Zukunfts-Ich wird mich hassen. Das ist immer pleite. Aber ich glaube, ich muss das jetzt machen. Ich komm&#8216; ja sonst nicht heim.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das war erst der Auftakt. Bei ihm herrschte der Respekt vor meiner Arbeit vor und er hat nicht einmal versucht, den Preis zu dr\u00fccken und zu verhandeln. Ich hab das nat\u00fcrlich dankend angenommen, aber auch sichergestellt, den k\u00fcrzesten Weg zu fahren und mich bem\u00fcht, ihn ernstzunehmen. Ein Azubi kurz vor der Gesellenpr\u00fcfung, ein Handwerker aus \u00dcberzeugung und ein sehr angenehmer Gespr\u00e4chspartner. Das Geld mussten wir erst holen und zudem musste sein Fuffi zuhause am Ende aber &#8222;bitte bitte noch f\u00fcr einen D\u00f6ner&#8220; reichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir kamen auf oben gesagtes zu sprechen und waren einer Meinung. Nat\u00fcrlich waren die 30\u20ac (am Ende mit Fahrt zum D\u00f6ner sogar 35) f\u00fcr ihn happig, aber am n\u00e4chsten Tag unausgeschlafen im Betrieb aufzutauchen ging halt auch gar nicht. Das war ihm die 30\u20ac halt eben doch wert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass der Kunde sich tags drauf oder in der n\u00e4chsten Woche doch ge\u00e4rgert hat, kann ich nicht ausschlie\u00dfen. Am Ende war ich halt trotzdem nur der Taxifahrer. Aber zwischendrin waren wir halt an diesem Punkt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Alter, ehrlich! Mein Zukunfts-Ich, das wird mich f\u00fcr einen Idioten halten!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Glaub&#8216; ich Dir, ehrlich. Und sorry, dass ich da keinen Spielraum habe.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Nee nee, alles cool. Ist ja nur, weil &#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Hey, nur als Aufmunterung: Du bist heute das Zukunfts-Ich von dem Typen, der sich den Partyabend angespart hat, obwohl&#8217;s ein fucking Verzicht war, oder?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Das &#8230; ey, da hast Du auch recht, Alter.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Und jetzt schnell heimkommen ist Dir das wert, oder? \u00dcberleg&#8217;s Dir! N\u00e4chste S-Bahn-Station? F\u00fcr mich kein Ding.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;NEIN, Alter! Ich bin froh, dass ich Dich getroffen hab. Is&#8217;n echt guter Ausklang heute &#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Na dann vergiss halt nicht, das auch deinem Zukunfts-Ich mitzugeben!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Werd&#8216; ich machen, Alter, werd&#8216; ich machen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie jeder Dienstleister komme auch ich mal an den Punkt, Geld nehmen zu m\u00fcssen von Leuten, die es augenscheinlich eher weniger haben. Ich pers\u00f6nlich bin auch f\u00fcr eine weit solidarischere Welt zu haben, aber ich muss meine Miete zahlen und meinen Chefs Geld bringen, damit die ihrerseits Kreditgeber bezahlen, die mein Taxi finanziert haben und die wiederum ihren Aktion\u00e4ren Gewinne schulden. Ich kann da in Aus\u00fcbung meines Jobs wenig tun.<br \/>\nUnd genau deswegen kann ich kaum beschreiben, wie sch\u00f6n es ist, ausgerechnet von solchen Kunden fast nie Beschwerden zu h\u00f6ren. Die, denen eine Taxifahrt finanziell am meisten wehtut, sind oft die, die mir meinen Lohn am meisten g\u00f6nnen. Das l\u00e4sst mich bez\u00fcglich der erw\u00e4hnten solidarischeren Welt am meisten hoffen.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/40375742ff974a1aaedc72a833538241\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><br \/>\n*Ich bin nicht dumm. Ich wei\u00df auch, dass 200 Zehner erschreckende 2.000\u20ac sind. Aber ich habe ja explizit nicht gesagt, dass man jeden Zehner leichtfertig ausgeben sollte, sondern dass ein wohlbegr\u00fcndeter Zehner f\u00fcr sich nie alleine ein Problem ist. Bei ohnehin vorhandener \u00dcberschuldung gilt das selbstverst\u00e4ndlich nicht und es liegt mir fremd, jemanden anzugreifen, bei dem das wirklich so dramatisch ist. Im Gegenteil, ich kenne das und ich w\u00fcrde bei Bedarf auch einen oder zwei Zehner weggeben, um das zu unterstreichen (kurze Mail &#8230;).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sparsamkeit ist eine Tugend, hei\u00dft es. Und ich erkenne das in gewisser Weise an. Es ist hilfreich, einen Notgroschen zu haben und wenn es in der eigenen Macht liegt, den anzusparen, dann ist das Erlernen von Sparsamkeit eine gute Sache. 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