{"id":19241,"date":"2016-10-02T04:50:31","date_gmt":"2016-10-02T02:50:31","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=19241"},"modified":"2016-10-02T04:51:38","modified_gmt":"2016-10-02T02:51:38","slug":"what-the-fuck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2016\/10\/02\/what-the-fuck\/","title":{"rendered":"WHAT THE FUCK?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Was war bisher ihre heftigste Taxifahrt?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sowas oder sowas \u00e4hnliches fragen mich Fahrg\u00e4ste gerne, oft aber auch Journalisten. Und ich schl\u00e4ngele mich gerne um eine eindeutige Aussage herum, oft ist das ja eine Frage der Umst\u00e4nde und gerade Vokabeln wie heftig (aber auch krass, schlimm oder eindrucksvoll) lassen sich ja oft verschieden interpretieren. Was dann aber gestern Abend passiert ist \u2026 ich denke, ich hab jetzt einen Alltime-Favoriten als Antwort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein paar Details muss ich bei der Fahrt weglassen; ich kann aber alle Fragenden beruhigen: Die alles entscheidende Frage hat mein Fahrgast auch nicht beantwortet, n\u00e4mlich die danach, was eigentlich genau passiert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Winker war er das ultimative Von-sehr-gut-auf-hammerschei\u00dfegeil-Event am noch sehr jungen Abend. Ich hatte davor nur eine einzige andere Tour, die jedoch hat mich mal schnell von der Frankfurter Allee bis zum ZOB gesp\u00fclt. War leider alles ein wenig eilig, ich konnte den guten Anfang kaum genie\u00dfen, ein bisschen Ruhe tat gut, ich schlug gleich einen Weg gen Osten ein, schei\u00df auf die Leerkilometer! Und da stand er dann und wollte immerhin mal bis zum Hauptbahnhof. Bezahlte R\u00fcckfahrt, netter junger Kerl, alles easy.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, nix da!<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Tut mir leid, mir geht&#8217;s heute nicht so gut.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Im Sinne von Ich-muss-vorsichtig-fahren?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Nein, passt schon. Aber ich bin, ich werd f\u00fcr lange Zeit in den Knast gehen. Sehr lange Zeit, fuck, mir ist \u00fcbel!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Blogbarkeit war da schon klar. Jetzt mal einfach f\u00fcr sich gesehen. Gef\u00e4ngnis ist eine harte Sache und ich muss ehrlich sagen, ich stehe dem Konzept durchaus kritisch gegen\u00fcber. Vor allem aber isses f\u00fcr mich nat\u00fcrlich ziemlich interessant, mit Leuten zu reden, die damit Erfahrungen machen (mussten). Und obwohl es nat\u00fcrlich seltsam ist, wenn jemand fremdes einem durch die Blume zu verstehen gibt, dass er irgendwas echt schlimmes gemacht hat: Sind nicht eigentlich die unheimlicher, von denen man gar nix wei\u00df?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber gut, er sa\u00df da, wirkte reichlich mitgenommen und es sah alles danach aus, als ob er gerade irgendwie versucht, den letzten Tag vor dem Haftantritt noch sch\u00f6n zu gestalten. Das aber klappte nur so mittel.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Wei\u00dfte, vielleicht muss ich das gerade einfach erz\u00e4hlen, sorry. Aber sagt man nicht, dass Ihr Taxifahrer irgendwie wie Therapeuten seid?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Da ist schon was dran, aber ich sag&#8217;s gleich: Was uns von Therapeuten unterscheidet, ist: Wir k\u00f6nnen nicht so gut helfen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ich hab mein Leben ruiniert, ich werd&#8216; alles neu anfangen m\u00fcssen, es ist alles vorbei!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie gesagt: Obwohl er nicht ein Wort dar\u00fcber verloren hat, was genau passiert ist, kann ich das Gespr\u00e4ch nicht in G\u00e4nze schildern. Ein paar Sachen aber doch. Das \u00dcberraschendste zuerst: Nix da mit Haftantritt! Was vor ihm lag, war das Stellen bei der Polizei. Aber ja, er sei kriminell, h\u00e4tte Freunde in den Knast gebracht, die Familie zerst\u00f6rt und was das eigentlich schlimme war: Er war frisch verliebt und wollte eigentlich ein neues Leben beginnen, spie\u00dfig, mit Kindern, der Druck mache ihn fertig, aber jetzt sei eh alles im Arsch, aus, vorbei, er br\u00e4uchte jetzt nur noch in seine Heimat fahren, die w\u00fcrden dort vermutlich schon am Bahnhof warten. Sieben, acht Jahre, wenn&#8217;s mal gut geht. Alles verloren, futsch, Ende. Er habe nur noch, was er am Leib trage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uff.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Laune war entsprechend. Ihm war kotz\u00fcbel wegen der bevorstehenden Ereignisse, er wusste nicht, ob er lieber noch zwei Stunden in einem Hotel schlafen oder was essen sollte, seine Tr\u00e4nen sind am Armaturenbrett meines Autos runtergeflossen, der Kerl hatte (was, wenn er die Wahrheit gesagt hat, verst\u00e4ndlich war) einen vollst\u00e4ndigen Nervenzusammenbruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und auch wenn er was getan hat, wof\u00fcr er zurecht eine hohe Strafe kriegen wird: So dreckig sollte es Menschen nicht gehen m\u00fcssen. Der Typ war, wenn&#8217;s hoch kommt, 30 Jahre alt, er hat mich ein wenig an einen fr\u00fcheren Mitbewohner erinnert. H\u00e4tte er versucht, mich um einen Preisnachlass zu bitten, w\u00e4re ich skeptisch geworden, aber so wie er da ohne Grund jammerte, wirkte er glaubw\u00fcrdig. Hat seine Fehler eingesehen, leider zu sp\u00e4t, und suchte einen Ausweg. Den aber nat\u00fcrlich weder er noch ich hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war eine der l\u00e4ngsten Viertelstunden meines Lebens. Und seinen Zustand hab ich ja auch hinreichend geschildert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab ihn 800 Meter vor dem Bahnhof drauf hingewiesen, dass wir gleich da seien, einfach um ihm die Chance zu geben, sich den Rotz aus dem Gesicht zu wischen, bevor er aussteigt. Er bat mich, ihm ein Hotel zu suchen, oder nein, was zu Essen. Also nach dem Hotel, also vielleicht, aber \u2026<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Mach Du mal, ich kann nicht mehr klar denken!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab ihn an ein meines Wissens nach eher g\u00fcnstiges Hotel gefahren, mit Sichtkontakt zum Bahnhof.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Hier. Sollte bezahlbar sein. Und Essen: Siehste den Eingang. Drinnen haste alles: Mac, B\u00e4cker, Currywurst, keine 50 Meter entfernt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;OK, hey, danke. Schei\u00dfe, sorry f\u00fcr alles! Was kriegste&#8217;n?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;16,30\u20ac.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kramte ein bisschen in seinen Taschen und zog einen Beutel hervor. Einen kleinen schwarzen M\u00fcllbeutel.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Drogengeld. Braucht keiner, den Dreck.&#8220;,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sagte er mit einer beachtlichen Empathielosigkeit. Er zauberte einen zerknitterten Zwanni aus dem S\u00e4ckchen, reichte ihn mir und meinte, dass das schon ok w\u00e4re. Ich dankte h\u00f6flich und w\u00fcnschte ihm alles den Umst\u00e4nden entsprechend Gute. Und das war ernst gemeint. Beim Aussteigen fielen ihm ein paar Sachen runter, die ihm sichtbar unwichtig waren. Er hob sie dennoch auf und warf sie mir auf den Beifahrersitz:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ach da, kannste auch noch haben. War gut zu reden und is&#8216; ja egal jetzt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist er dann durch eine Horde lachender und feixender Touris ins Hotel gegangen und ich hab die zwei F\u00fcnfziger eingesteckt. Warum auch nicht, jetzt, wo&#8217;s eh egal ist?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/48e9b8a6d04a4710ac7c735f59b860ee\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Was war bisher ihre heftigste Taxifahrt?&#8220; Sowas oder sowas \u00e4hnliches fragen mich Fahrg\u00e4ste gerne, oft aber auch Journalisten. 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