{"id":18382,"date":"2015-12-20T07:20:34","date_gmt":"2015-12-20T05:20:34","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=18382"},"modified":"2015-12-20T06:47:22","modified_gmt":"2015-12-20T04:47:22","slug":"ich-will-einen-contenance-nobelpreis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2015\/12\/20\/ich-will-einen-contenance-nobelpreis\/","title":{"rendered":"Ich will einen Contenance-Nobelpreis!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kleiner Hinweis: Nicht direkt nach dem Fr\u00fchst\u00fcck lesen. Echt jetz&#8216;, Junge!<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Na scheene Schei\u00dfe, was wird&#8217;n des jetz?&#8220;,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">fragte der Kollege hinter mir eloquent, als sich die beiden Frauen zu meinem Taxi begaben. Ich mag derartige Verbalakrobatik nicht unbedingt, aber der Kollege hat mir die Frage im Gro\u00dfen und Ganzen durchaus vorweg genommen. Denn sagen wir es mal so: Betrunken sein ist ja das eine \u2013 aber wenn jemand schon ewig drau\u00dfen sa\u00df und beim Aufstehen dreimal umkippt und danach zum Taxi l\u00e4uft \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich hatte meinen netten Tag. Ich hatte noch anderthalb Stunden vor mir, es war eh mies gelaufen und wenn ich einer Betrunkenen noch kurz helfen k\u00f6nnte \u2026 sei&#8217;s drum. Kaum, dass die Spezialpatientin hinter mir sa\u00df und schwer st\u00f6hnend atmete, stieg auch ihre offenbar halbwegs n\u00fcchterne Freundin ein und entschuldigte sich, dass die andere &#8222;leider etwas arg angetrunken&#8220; sei.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Na, solang wir&#8217;s schaffen, soll&#8217;s mir egal sein \u2026&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ach ja, das hoff&#8216; ich ja auch \u2026&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Na, sch\u00f6ne Schei\u00dfe!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch dazu \u00fcber 5 Kilometer Fahrtweg \u2013 und die junge Dame sah wirklich kein bisschen gut aus. Die Haare waren schwei\u00dfverklebt, ihre Gesichtsfarbe w\u00e4re mit &#8222;reinwei\u00df&#8220; noch \u00fcbertrieben farbenfroh umschrieben und zu guter Letzt begann sie unmittelbar nach Fahrtbeginn damit, ihren Kopf hin- und herzuwerfen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ach, sie sind der erste Taxifahrer, der uns mitgenommen hat. Ich danke ihnen vielmals!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, warum wohl war ich der erste? Das war nicht mehr leicht angetrunken, das war heftig. Nach vielleicht f\u00fcnfhundert Metern fing sie schon zu zappeln an und mit geschlossenem Mund &#8222;Mhhhmmmmm, mhhhmmmmm!&#8220; zu rufen. Da hab ich kurz meine einzige T\u00fcte <a href=\"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2015\/08\/26\/grid-it-haelt-was-es-verspricht\/\" target=\"_blank\">von der Sonnenblende<\/a> gepfl\u00fcckt und sie nach hinten gereicht. Und gleichzeitig gebremst. Noch bevor ich stand, sp\u00fcrte ich Fl\u00fcssigkeit meinen Nacken herunterlaufen. Nicht viel, ein paar Tropfen nur \u2013 aber seien wir mal ehrlich: Was macht das schon f\u00fcr einen Unterschied?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich also raus, T\u00fcre auf, und die Kundin sprudelte dankbar auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab manchmal Angst vor mir selbst. Ich lebe ein friedliches Leben in einem eigentlich harmlosen Job, ich kenne wirkliche Gefahrensituationen kaum. Aber wenn ich das hochskaliere, was ich in ekligen Momenten oder nervenaufreibenden Verkehrssituationen mache, dann antworte ich vermutlich auf k\u00f6rperliche Angriffe seelenruhig mit den Worten &#8222;Naja, das ist jetzt deine Meinung \u2026&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn w\u00e4hrend die Freundin panisch ums Auto gewuselt ist und mir Stein und Bein schwor, wie leid ihr das alles tun w\u00fcrde und dass sie ja auch schon lange nicht mehr weiter w\u00fcsste und und und \u2026 bin ich gem\u00fctlich zum Kofferraum, hab mir mit der K\u00fcchenrolle den Nacken abgetupft, hab meine Jacke ausgezogen, auch die abgewischt \u2026<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott, Ich zahl Ihnen die Reinigung!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2026 und mich mit den verbleibenden Bl\u00e4ttern daran gemacht, die Siffe hinten vom Fahrersitz zu wischen, ganz ungeachtet der Trulla, die mir weiterhin vor die F\u00fc\u00dfe auf die l\u00e4ngst zu Boden gefallene T\u00fcte gereihert hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was kein Ding war. Ehrlich. Wisch und weg \u2013 wie in &#8217;ner bescheuerten K\u00fcchenrollenwerbung. 20 Sekunden Zeitaufwand und die Uhr lief eh weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend das H\u00e4ufchen Elend halbwegs malerisch aus dem Fond hing und F\u00e4den bis zum Asphalt zog, sah mich die Freundin ratlos an und plapperte w\u00e4hrenddessen panisch umher. Sie bezahle alles, sie wisse nun auch nicht weiter, sie verstehe mich ja, so ginge das ja nicht, das sei alles furchtbar, das w\u00e4re das erste Mal seit Jahren, wir, ich , aber \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ruhte tief in mir. Darin, dass das so nix werden w\u00fcrde, war sie mit mir einig. Aber einen Krankenwagen \u2026 wegen sowas \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, ich wei\u00df doch auch nicht. Madame Auslaufmodell hatte sich inzwischen zur\u00fcckgelehnt und das Bewusstsein so langsam g\u00e4nzlich hinter sich gelassen. Ich hab entsprechend gesagt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ja, alles doof jetzt. Nat\u00fcrlich: Wenn Sie jetzt einen Krankenwagen rufen, werden die wenig begeistert sein. Wegen &#8217;nur sowas&#8216; anger\u00fcckt zu kommen. Mein Problem ist: Wir k\u00f6nnen die Fahrt jetzt fortsetzen. Vergessen wir mal das bisherige Tralala \u2013 aber wenn wir alle 500 Meter so eine Aktion haben, dann kotzt sie mir im Laufe der Fahrt das ganze Auto und mich noch dazu voll. Da k\u00f6nnen wir beide dann auch schrubben wie wir wollen, da kommen im g\u00fcnstigsten Fall 200 \u20ac bei rum. Mal ganz abgesehen davon, dass ich am Ende der Ungeeignetste bin, um einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, ob das nicht doch so langsam ernsthaft gef\u00e4hrlich ist bei ihr.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Sie meinen also \u2026 Krankenwagen?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab z\u00f6gernd genickt und gesagt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Eigentlich wei\u00df ich es nicht. Aber f\u00fcr in meinem Auto transportf\u00e4hig halte ich sie nicht. Also was sonst?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab diesbez\u00fcglich ja v\u00f6lliges Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Rettungskr\u00e4fte \u2013 nat\u00fcrlich ist es wichtiger, einen Schlaganfallpatienten schnell ins Krankenhaus zu bringen anstatt einer \u00fcbereifrigen Schnapsdrossel. Ein bisschen sauer war ich dennoch, als die wirklich aufopferungsvolle Helferin am Telefon zusammengefaltet und abgewimmelt wurde:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ja, sie sind ja eh schon im Taxi, da k\u00f6nnen sie ja gleich ins Krankenhaus fahren!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dementsprechend eine kleine Bitte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Liebe wirklich sehr gesch\u00e4tzte Rettungsdienstler: Mal abgesehen davon, dass ich mein Geld im Falle von Zwischenf\u00e4llen wie Erbrechen nicht einfach von der Krankenkasse \u00fcberwiesen bekomme: Meine medizinische Ausbildung als Taxifahrer ist vergleichbar mit der einer mittelschweren Seekuh: Mag sein, dass ich vor Jahren mal einen Erste-Hilfe-Kurs aus der Ferne gesehen hab, aber korrektes Handling bei Alkoholvergiftungen ist leider wirklich nicht mein Fachgebiet. Und ich bin in so einer Situation alleine und muss zudem fahren! Es war meine Fahrer-R\u00fcckenlehne, gegen die getrommelt und gekotzt wurde, ich hatte da keine Trennwand und keinen Assistenten vor Ort \u2013 sowas geht auf Kosten der Verkehrssicherheit und damit potenziell der Gesundheit von nicht nur der einen Patientin. Nat\u00fcrlich entscheiden wir Taxifahrer vielleicht mal falsch in Anbetracht der Grauzone zwischen unseren Zust\u00e4ndigkeitsbereichen \u2013 aber bitte tut das nicht einfach ab und lasst uns ggf. zusammenarbeiten!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Naja, nun standen wir da. Ich hab wirklich sehr schweren Herzens und leicht nassen Nackens zugestimmt, dass ich bis zum n\u00e4chsten Krankenhaus weiterfahren w\u00fcrde. Die Patienten wehrte sich nach einer Weile gegen das Krankenhaus, nur um dann umgehend wieder anzufangen zu kotzen, woraufhin ich statt links zur Notaufnahme recht schnell rechts an den Stra\u00dfenrand fahren musste. Ich hab dabei gl\u00fccklicherweise meine Reflexe und die Stra\u00dfenverkehrsordnung irgendwie in Einklang bringen k\u00f6nnen. Vier Bl\u00e4tter mehr b\u00fc\u00dfte die K\u00fcchenrolle dabei ein, das aber sollte es dann gewesen sein: Die v\u00f6llig verzweifelte Freundin hat beschlossen, die Patientin nun r\u00fcber zur Notaufnahme zu schleifen. Obwohl ich nichts auf der Welt weniger wollte als das, hab ich angeboten, sie kurz r\u00fcber zu fahren. Waren runde 400 Meter. Mein Tag war eh gelaufen, ich hatte Kotze im Nacken, also bitte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hat abgelehnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegenzug hab ich abgelehnt, jetzt irgendwie einen Aufstand ums Geld zu machen. Zum einen wollte ich ohnehin heim. Eine Stunde hin oder her. Zum anderen war das Auto schon wieder sauber. Also wirklich sauber. Abgesehen vom eigenen Pulli hatte die Auswurfspezialistin keinerlei Textilien oder sonstwie schwierige Materialen verunreinigt. OK, meine Klamotten. Aber da hab ich gro\u00dfz\u00fcgig einen F\u00fcnfer f\u00fcr die vorgezogene W\u00e4sche erbeten und auch erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Vergleich zu besagter Freundin (die bezahlt hat und noch nicht einmal wusste, wo sie in der Nacht w\u00fcrde schlafen k\u00f6nnen) ging es mir am Ende doch recht gut. Und der v\u00f6llig weggetretenen Verursacherin des Ganzen h\u00e4tte ich mit keiner erdenklichen Strafe einen sinnvollen Denkzettel mitgeben k\u00f6nnen. War halt ein beschissenes Ende f\u00fcr eine beschissene Schicht. Sowas kommt vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt, wo ich das schreibe, sind die Klamotten in der W\u00e4sche und ich bin frisch geduscht. Ich will jetzt nat\u00fcrlich niemanden daran hindern, mir die in der so verlorenen n\u00e4chsten Stunde vermutlich verdienten 20 \u20ac via Paypal zu \u00fcberweisen, aber wenn ich ehrlich sein will: Ich bin mit mir im Reinen, was die Sache angeht, ich hatte schon schlimmere Kotzertouren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/8b1decbeda1f49b69bab256b3141f69e\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">PS:<br \/>\nKeine Ahnung, woher meine Ekeltoleranz bez\u00fcglich Kotzern kommt. Bei anderen Dingen bin ich wesentlich d\u00fcnnh\u00e4utiger. Aber mich freut&#8217;s, das erleichtert mir das Leben in solchen Situationen sehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleiner Hinweis: Nicht direkt nach dem Fr\u00fchst\u00fcck lesen. 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