{"id":17724,"date":"2015-06-15T06:55:34","date_gmt":"2015-06-15T04:55:34","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=17724"},"modified":"2015-06-14T05:26:54","modified_gmt":"2015-06-14T03:26:54","slug":"die-irrfahrt-der-woche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2015\/06\/15\/die-irrfahrt-der-woche\/","title":{"rendered":"Die Irrfahrt der Woche"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Freitag war ein Schei\u00dftag. Ich war unausgeschlafen und fr\u00fch in die Schicht gestartet, die Ums\u00e4tze sollten sp\u00e4ter auch noch mies werden, aber mit Abstand am meisten hat mich die erste Tour ge\u00e4rgert. Ich hoffe, Ihr habt ein wenig Zeit mitgebracht an diesem Montagmorgen, denn die Fahrt war ziemlich lang \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eingestiegen sind sie mir am Ostbahnhof noch auf der letzten R\u00fccke. Bemerkt hatte ich das etwas ungleiche Paar genau in dem Moment, in dem der Mann mir versehentlich gegens Auto lief. Amtlicher Zustand f\u00fcr 20.30 Uhr, dachte ich mir. Er war jetzt allerdings keineswegs, wie die meisten vermuten werden, irgendein Sp\u00e4tpubertierender, der sich mit dem Alkohol ma\u00dflos versch\u00e4tzt hatte, sondern ein Rentner, der die 70 auf der Lebensuhr ganz sicher schon voll hatte. Angetrunken war er zwar auch, aber man merkte auch deutlich, dass er insgesamt nicht mehr so fit war. Er wirkte in seiner fleckigen Hose etwas heruntergekommen, aber auch ganz nett, wie er sich da hinten auf der R\u00fcckbank zurechtt\u00fcddelte.<br \/>\nNeben mir stieg eine Frau Mitte 50 ein. Breite Statur, kurzrasierte graue Haare, eher der rustikale Typ Mensch. Berliner Schnauze durch und durch und scheinbar auch ein wenig genervt von ihm. Naja, wo die Liebe halt so hinf\u00e4llt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er machte reichlich ungelenk und in nur m\u00e4\u00dfig zusammenh\u00e4ngenden S\u00e4tzen klar, dass es erst einmal in die K\u00f6penicker Stra\u00dfe gehen sollte, unweit des schlesischen Tores. Dort aber solle ich kurz warten. Er wolle was holen, dann zur Bank und zur\u00fcck zum Bahnhof. Da w\u00e4ren sie gerade so nett am Trinken. Na gut. Als wir ankamen, konnte er kaum aussteigen, seine Begleiterin half ihm. Sie steckte mir ihren Ausweis zu, in zwei, drei Minuten w\u00e4ren sie wieder da. Ich wartete also. Eine Hausnummer weiter war ein Polizeieinsatz, ich stand also immerhin nicht alleine bl\u00f6d in zweiter Reihe. Und ich stand eine ganze Weile da. Zwischenzeitlich hatte ich schon Sorge, dass sie nicht wiederkommen w\u00fcrden, aber in der Ausweish\u00fclle der Frau steckten auch noch ein aktuelles Monatsticket der BVG und ein paar weitere Sachen, die definitiv wert waren, wiederzukommen. Au\u00dferdem war die Polizei ja vor Ort \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Uhr waren zu den rund 6 \u20ac Fahrtkosten inzwischen weitere 6 \u20ac Wartezeittarif aufgelaufen, ein bisschen mehr als zwei, drei Minuten so kosten \u2013 aber dann kamen sie. Sie mit verdrehten Augen, er mit einer Gem\u00fctlichkeit, die ihresgleichen sucht. Den Arsch halb aus der Hose h\u00e4ngend zw\u00e4ngte er sich wieder ins Auto und verlangte, dass ich sie beide zum Kotti bringe, Berliner Sparkasse. Na jut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort wurde es dann etwas seltsam. Er gab ihr eine Bankkarte nebst PIN und blieb selbst im Auto. Aber ok, er war halt nicht mehr so fit zu Fu\u00df. Im Auto fing er an rumzuzetern, was sie denn so lange brauche, wobei ich ihn ein wenig beruhigen konnte. Mein Gott, Automaten nerven halt manchmal. In dem Fall aber kam sie zur\u00fcck und sagte, die PIN w\u00e4re falsch. Und sie zitierte exakt die Nummer, die er ihr gegeben hat. Inzwischen erfuhr ich auch, dass es gar nicht seine Bankkarte war, sondern die seiner Frau. Aber OK, ist ja nicht mein Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schimpfte ein bisschen vor sich hin, dass er dann ja auch gleich die 150 \u20ac aus der Wohnung h\u00e4tte mitnehmen k\u00f6nnen. Sie verdrehte wieder nur die Augen und die Fahrt \u2013 inzwischen waren wir bei \u00fcber 20 \u20ac \u2013 sollte wieder in seine Wohnung gehen. Nat\u00fcrlich hab ich mir zu dem Zeitpunkt so langsam Sorgen um meine Kohle gemacht, aber wenn man mal ehrlich ist, hab ich schon seltsamere Fahrten gehabt. Zur\u00fcck in der K\u00f6penicker hielt ich abermals ziemlich bl\u00f6d, dieses mal als Einziger auf weiter Flur. Die n\u00e4chsten 10 Minuten bekam ich folglich ein Best-of an Beleidigungen von Rad- und Autofahrern zu h\u00f6ren. Aber was willste machen, wenn die Kundschaft gehbehindert ist? Mal kurz ums Eck fahren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann kam die Begleiterin wieder raus und meinte:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Er sucht noch seinen Ausweis.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Wozu?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Wee\u00df ick do&#8217;n\u00fcscht!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kam mit ihr ein bisschen ins Gespr\u00e4ch, so langsam wollte ich auch wissen, was hier eigentlich abging. Er lie\u00df sich kreuz und quer durch Kreuzberg fahren, sie beklagt, dass sie schon wieder n\u00fcchtern werden w\u00fcrde \u2026 und sie war nicht einmal seine Frau. H\u00e4?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von ihr hab ich dann erfahren, dass sie den Herrn nur fl\u00fcchtig kennt, ein paarmal beim Trinken getroffen, so wie an dem Abend eben. Beim Trinken h\u00e4tte sich der Kerl dann in die Hose gemacht (&#8222;Gut, dass Sie Ledersitze haben!&#8220;)* und au\u00dferdem noch mehr Geld holen wollen. Seine Frau gab ihm dann die Bankkarte mit. Er hatte in die illustere Runde gefragt, wer ihn begleiten wolle \u2013 aber bis auf sie h\u00e4tten alle abgelehnt. Sie wisse nun auch warum, meinte sie. So eine Odyssee wolle sie sich auch kein zweites Mal mehr antun. Sie war offenbar auch davon ausgegangen, dass es einfach kurz eine f\u00fcnfmin\u00fctige Fahrt ums Eck sein w\u00fcrde \u2013 und dann, zack: n\u00e4chstes Bier!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sie das mit dem Ausweis nochmal anspricht, sage ich ihr, dass sie ihm das besser ausredet. Die Uhr laufe schlie\u00dflich und wirklich brauchen sollte er den Ausweis bei ihrem Stammkiosk ja wohl nicht ernsthaft. Daraufhin hat sie zum einen entgegnet, dass sie ohnehin vermutet, er h\u00e4tte den Ausweis dort gelassen, zum anderen bem\u00e4ngelte sie, dass ich die Uhr ja auch ausmachen k\u00f6nnte, weil: Da sitzt ja keener drin!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab sie noch kurz dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt, was es mit dem Wartezeittarif auf sich hat und dass ich mir auch besseres vorstellen k\u00f6nnte, als darauf zu warten, dass jemand mal kurz seine Wohnung auf den Kopf stellt. Und, das sei positiv angemerkt: Das hat sie verstanden und dann beschlossen, den Typen rauszuholen. Die Uhr stand nun bei 30 \u20ac, mehr als eine Stunde war seit Beginn der Fahrt verstrichen \u2013 und wir waren keinen Kilometer Luftlinie vom Start- und Zielpunkt entfernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich machte ich mir inzwischen Sorgen, aber wenigstens sie schien mir trotz Alkoholisierung zurechnungsf\u00e4hig und auf eine ihr ganz eigene Art auch sympathisch zu sein. Meine Begeisterung hielt sich trotzdem in Grenzen, als sie nach ein paar Minuten wieder alleine rauskam und sagte:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Dit wird n\u00fcscht mehr!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Wie jetzt?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Na, der will ohne seen Ausweis nich&#8216; weg hier!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Das ist ja meinetwegen ok. Aber wer bezahlt mir jetzt bitte die Fahrt?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Na, ick sicher nich&#8216;!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Na dann ist ja alles gekl\u00e4rt! -.-<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie dr\u00fcckte mir noch einen Zettel von ihm in die Hand, der \u2013 so mutma\u00dfe ich mal \u2013 irgendwie ein Versprechen f\u00fcr eine Rechnungsbegleichung sein sollte. Allerdings war das Dokument mit vier Zeilen &#8222;Text&#8220; sowas von komplett unleserlich, da h\u00e4tten sich \u00c4rzte noch eine Scheibe von abschneiden k\u00f6nnen. Ehrlich: Ein Wort habe ich gef\u00fchlt als &#8222;Taxi&#8220; entziffern k\u00f6nnen, der Rest war eine Aneinanderreihung von Kringeln. H\u00e4tte auch Steno oder Arabisch sein k\u00f6nnen. Bei allem Optimismus und gutem Willen war das Ding so wertvoll wie eine Kinderzeichnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sie aber selbst noch zum Ostbahnhof zur\u00fcckwollte, hab ich sie kurzerhand eingeladen und ihr gesagt, dass wir dann eben zur Polizei fahren. Sie fand das nicht unbedingt toll, hat sich aber auch nur so mittelpr\u00e4chtig gewehrt. Ich hab ihr (der Wahrheit entsprechend) auch nochmal gesagt, dass das jetzt nichts pers\u00f6nliches ist und ich von ihr auch gar nicht erwarten w\u00fcrde, dass sie das Geld zahlt (obwohl sie gerne d\u00fcrfe!) und ich sie nur als Zeugin br\u00e4uchte, weil sie den Typen kennt. Es war eine schmale Gratwanderung, denn gepasst hat ihr der Mist nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht. Aber ich hab sie bei ihrem Unmut \u00fcber den Typen gepackt und zudem einfach auf ihr Gerechtigkeitsempfinden gesetzt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ist f\u00fcr Sie schei\u00dfe, ist f\u00fcr mich schei\u00dfe, schon klar. Aber ich hab jetzt anderthalb Stunden Zeit f\u00fcr sie geopfert, da nehmen Sie sich bitte jetzt auch die Zeit f\u00fcr mich!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so sa\u00dfen wir dann 5 Minuten sp\u00e4ter auf dem Polizeirevier und haben uns gemeinsam ein bisschen \u00fcber den Abendverlauf ge\u00e4rgert. Und so ewig es uns auch vorkam: Eigentlich war die Wartezeit kurz. Im B\u00fcro der Beamtin erl\u00e4uterte ich kurz, wie das alles verlaufen war, die Version meiner Begleiterin war genau gleich, nur angereichert durch Wiederholungen und Unwichtigkeiten. Ein kleines Problem war dann doch die Identit\u00e4t des Misset\u00e4ters, denn sie kannte ihn nur als &#8222;Herbert&#8220;. Die Wohnadresse, zu der wir gefahren waren, war auch nicht seine, sondern die seiner &#8222;Frau&#8220;, die aber in Wirklichkeit nur sein Freundin war.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Hilde Schuhmann, so stand&#8217;s ja auch auf der Karte vonner Bank!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein nachnamenloser Herbert also. Na klasse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber was w\u00e4re die Welt ohne herzerweichend bescheuerte Zuf\u00e4lle!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die Beamtin mit hochgezogenen Augenbrauen die Anzeige aufnahm, kam einer ihrer Kollegen rein und meinte, sie solle unbedingt mal auf Wache XY anrufen, das h\u00e4tte vielleicht &#8222;mit der Geschichte hier&#8220; zu tun. W\u00e4hrend ich mit mir selbst Wetten abschloss, ob es dabei auch wirklich um &#8222;meine Geschichte&#8220; gehen k\u00f6nnte, verschwand die Polizistin zum Telefonieren. Und siehe da: Ein gewisser Herbert hatte wohl seinen Ausweis an einem Bahnhofsimbiss liegen lassen und die Cops haben da aus zwei Halbs\u00e4tzen mal eben flugs einen Zusammenhang erschlossen. Fast wie bei Tatort. Ja, schei\u00df doch die Wand an! \ud83d\ude00<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/bd0185a275de4126af3a04845d07df7a\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich: Das kann trotzdem alles im Sand verlaufen. Von <a href=\"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2012\/09\/17\/baecker-hans-1\/\" target=\"_blank\">Hans Baecker<\/a> hab ich auch nie wieder was geh\u00f6rt. Vielleicht ist der Kerl ja dement und mittellos, was wei\u00df ich schon. Seine Bekannte wusste da jedenfalls auch nix. Aber mal davon ausgehend, dass er zahlen wollte und es irgendwie auch kann \u2026 vielleicht wird das ja noch was. Dann w\u00e4ren zwei Stunden Zeitaufwand f\u00fcr am Ende 37,40 \u20ac ja eigentlich doch ganz in Ordnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">*Das war schon lange getrocknet und gerochen hat auch nix. Diesbez\u00fcglich hat mir die Fahrt genau null \u00c4rger gemacht. Einmal abgewischt hab ich hinterher vorsichtshalber aber doch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Freitag war ein Schei\u00dftag. Ich war unausgeschlafen und fr\u00fch in die Schicht gestartet, die Ums\u00e4tze sollten sp\u00e4ter auch noch mies werden, aber mit Abstand am meisten hat mich die erste Tour ge\u00e4rgert. 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