{"id":16640,"date":"2014-09-17T11:13:04","date_gmt":"2014-09-17T09:13:04","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=16640"},"modified":"2014-09-17T06:45:17","modified_gmt":"2014-09-17T04:45:17","slug":"der-harte-achtzehnte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2014\/09\/17\/der-harte-achtzehnte\/","title":{"rendered":"Der harte Achtzehnte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Dass das mitgeschleifte Elend noch ein Mensch war, war schwer zu erkennen. Ich sch\u00e4tze, dass selbst eingefleischte Mediziner dem an den Taxistand geschleiften Kerl keine allzu hohe \u00dcberlebenschance mehr attestiert h\u00e4tten. Aber als Taxifahrer hat man halt auch so seine Erfahrungen \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab die Tour kein Bisschen gerne angenommen. Der von zwei Helfern angeschleifte Typ war wirklich v\u00f6llig sturzbesoffen. Konnte nicht alleine stehen, die Augen \u00f6ffnen oder sich koordiniert bewegen. Weit mehr als ein Drink zu viel. Aber was willste machen? Haben nicht auch Leute, die sich beim Alkohol versch\u00e4tzt haben, ein Anrecht darauf, heimgebracht zu werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die drei Kollegen vor mir war klar: nein!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch ich haderte mit dem Gedanken der Ablehnung, aber eine zweite abgelehnte Tour in nur 5 Jahren h\u00e4tte mir meine Statistik dann doch arg versaut. Weit mehr ausschlaggebend war dann aber der leider nicht immer anwesende gute Freund des Opfers, der augenscheinlich n\u00fcchtern, anbei verst\u00e4ndnisvoll und liebenswert versichert hat, dass das schon klappen w\u00fcrde und das alles ja zudem nicht so geplant war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will den unbotm\u00e4\u00dfigen Alkoholkonsum nicht sch\u00f6nreden, aber zumindest in der Rolle jenes Freundes war ich auch schon und zudem bin ich Fahrer des \u00f6ffentlichen Personennahverkehrs und hab auch meine Ehre. Wenn da wer in Not ist und mich anfragt, dann will ich den auch sicher zu Hause wissen, wenn ich gem\u00fctlich Feierabend mache!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fahrtziel lag nat\u00fcrlich nicht direkt ums Eck, sondern gut 7 km entfernt. Insofern half es leider nur bedingt, dass das Spiel 3 km lang problemlos gut ging. Ich hatte meine Ansprache gehalten, dass es h\u00e4sslich wird, wenn er ins Auto kotzt \u2013 und etwa 4 Sekunden vor seinem Versuch aus dem Fenster zu kotzen habe ich auch gesagt, dass er alles tun sollte, blo\u00df nicht versuchen, aus dem Fenster zu kotzen. Nun ja.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sprudelte der Fahrgast also vor sich hin, der gute Freund war entsetzt und ich entsprechend unbegeistert. Der junge Mann hat sich sichtbar M\u00fche gegeben, aber das half nat\u00fcrlich wenig. Zwischen innen und au\u00dfen liegt die Scheibe und was da reinl\u00e4uft \u2026<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Schei\u00dfe! Und was kostet jetzt so eine Reinigung in dem Fall?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">fragte mich der gute Freund mit Brille und Kurzhaarfrisur.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Hier, nimm&#8216; das Papier!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">hab ich geantwortet. Denn was &#8222;das in so einem Fall&#8220; kostet, kann keiner sagen. Wenn ich es alleine putzen muss und nichts allzu dramatisches passiert, dann kostet das 200 \u20ac. Ein netter Kollege hat aber vor Gericht auch schon mal 1.600 \u20ac erstritten. Da ging es zwar auch um kompliziertere Probleme (L\u00fcftung, Radio etc.), dennoch sollte man das im Hinterkopf behalten, wenn einem im Taxi schlecht wird. Anhalten ist IMMER die bessere Option! Und jeder Taxifahrer mit Verstand kommt der Bitte auch nach.<br \/>\nIn dem Fall aber waren wir schnell. W\u00e4hrend unser Opfer auf dem Gehsteig kotzend umhertorkelte, haben sein Freund und ich umgehend die Scheibe in Angriff genommen und das Schlimmste verhindert. Und schei\u00dfegal, ob mich die Kollegen deswegen f\u00fcr bekloppt halten: in so einem Fall kostet das bei mir das, was auf der Uhr steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5 Minuten Putzen waren ausreichend, danach war das Auto wieder sauber und wohlriechend. So lange das so ist: Wayne?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun war die Frage, wie es weitergehen sollte. Das Geld der Fahrg\u00e4ste war knapp, mein Vertrauen hin\u00fcber \u2013 und bei der Problematik, wie der Kerl heimkommt, waren wir nicht wirklich weiter. Also ja, 3 Kilometer, aber das hilft auch nicht viel, wenn der Kunde nur mit M\u00fche und Not 5 Meter bis zur n\u00e4chsten Hauswand schafft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab im Auto noch eine T\u00fcte gefunden, die unsere gemeinsame Entscheidung dann beeinflusst hat. Der Kotzer selbst schwor, sie sich immer vors Gesicht zu halten \u2013 und der Freund schwor, das zu \u00fcberwachen. Das hat die n\u00e4chsten 3 Kilometer nicht unstressig gemacht, da dem Kerl immer noch schlecht war \u2013 aber ich hatte Hoffnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und einmal mehr: ohne den begleitenden Freund h\u00e4tte ich die Tour abgebrochen. Der n\u00e4mlich wusste nicht nur, diese \u00dcberwachung ernsthaft durchzuf\u00fchren, er war auch \u00fcber alle Ma\u00dfen dankbar und hat zudem wohlwollend meine Arbeit wie auch meinen Einsatz kommentiert. Es war ihm peinlich, ganz offensichtlich. Aber er konnte seinen Kumpel ja nicht h\u00e4ngenlassen. Und das verstehe ich durchaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach weiteren 3 km kam es aber trotzdem zu einem erneuten Stopp. Unser Spezialkandidat hatte nicht nur in die T\u00fcte gereihert, sondern seinen Auftrag, selbige vor den Mund zu halten, auch dahingehend \u00fcbererf\u00fcllt, als er auch nur durch selbige atmete. Dass er folglich noch mehr kotzte und zudem einen Ausweg suchte, kann ich eigentloch gut verstehen. Ich fuhr also abermals rechts ran und der Spezialkunde setzte sich ins Geb\u00fcsch. Ehrlich. Er sa\u00df in der Hocke da und reiherte weiter in die T\u00fcte. Warum auch immer er sie auch dort so wichtig nahm \u2026<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Der 18. Geburtstag ist echt der mieseste von allen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">brachte er zwischendurch raus, dann pl\u00e4tscherte es wieder ins geduldige Plastik. Ach je, der wird sich wundern, wenn er noch \u00e4lter wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da wir nur noch rund einen Kilometer vom Ziel entfernt waren, stellte sich die Frage, ob ich \u00fcberhaupt weiterfahren sollte. Zumal die Finanzen der Fahrg\u00e4ste langsam knapp wurden. Zuletzt habe ich aber auch das noch gemacht. Der erleichterte Freund \u00fcberzog mich mit Dankesworten und sch\u00fcttete den Restinhalt seines Portemonnaies in meines. Was am Ende auch kaum mehr als 2 \u20ac Trinkgeld waren, ich aber in Anbetracht der Lage zu sch\u00e4tzen wusste. F\u00fcr mich war die Aktion damit zu Ende und es ist nicht mehr mein Problem, wie es weiterging. Reichlich Wasser vor dem Einschlafen und eine Aspirin habe ich vorher schon empfohlen. Hoffen wir das Beste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie die Kollegen h\u00e4tte ich die Jungs nicht mitnehmen m\u00fcssen. Und ich hab mir unterwegs oft genug gew\u00fcnscht, ich h\u00e4tte es nicht getan. Jetzt aber bin ich froh dar\u00fcber, es doch gemacht zu haben. Obwohl ich die 12 \u20ac, die ich damit verdient habe, sicher ein paar Minuten sp\u00e4ter leichter h\u00e4tte verdienen k\u00f6nnen. Und da geht es nicht darum, der Arsch vom Dienst zu sein; ehrlich nicht. Manchmal ist es auch einfach sch\u00f6n, jemandem geholfen zu haben mit der Arbeit, die man (mehr oder weniger) sowieso erbracht h\u00e4tte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/a0d733071a7f45a3bb9fcd0f62fb4576\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass das mitgeschleifte Elend noch ein Mensch war, war schwer zu erkennen. Ich sch\u00e4tze, dass selbst eingefleischte Mediziner dem an den Taxistand geschleiften Kerl keine allzu hohe \u00dcberlebenschance mehr attestiert h\u00e4tten. Aber als Taxifahrer hat man halt auch so seine Erfahrungen \u2026 Ich hab die Tour kein Bisschen gerne angenommen. 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