{"id":16287,"date":"2014-08-17T07:06:41","date_gmt":"2014-08-17T05:06:41","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=16287"},"modified":"2014-08-17T05:00:20","modified_gmt":"2014-08-17T03:00:20","slug":"dieses-normal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2014\/08\/17\/dieses-normal\/","title":{"rendered":"Dieses &#8222;Normal&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Wie ist das denn so normal?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Normal stell&#8216; ich mir das ganz locker vor.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ist das normal f\u00fcr Sie?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Normalit\u00e4t ist etwas seltsames, wenn man sie im Taxi zu ergr\u00fcnden sucht. Insbesondere in einer Berliner Nachtschicht. Nat\u00fcrlich ist Taxifahren in vielen Belangen ein normaler Job. In manchen Dingen ist die Normalit\u00e4t da halt etwas stapazierbarer als jetzt vielleicht die eines Flie\u00dfbandarbeiters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Frage wird immer wieder gestellt. Angefangen von den Leuten, die gerade irgend was &#8222;total verr\u00fccktes&#8220; machen und selbstverst\u00e4ndlich absolut NICHT normal sein wollen; bis hin zu jenen, die sich versichern wollen, dass ihre Tour jetzt aber hoffentlich nicht zu sehr aus dem Raster f\u00e4llt. Ob das jetzt die L\u00e4nge der Fahrt, die Uhrzeit, die Themen der Gespr\u00e4che oder das Fahrtziel angeht \u2013 \u00fcberall die Angst oder Hoffnung, normal zu sein.<br \/>\nAber auch im Gewerbe, beim Bloggen \u2013 selbst jetzt bei der unseligen Uber-Diskussion \u2013 \u00fcberall wird erz\u00e4hlt, wie was jetzt &#8222;normalerweise&#8220; ist. Und keine Frage: ich verwende den Begriff auch oft. Ist ja normal. \ud83d\ude09<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meistens ist das ja egal, weil es nur ein dahergesagtes Wort f\u00fcr h\u00e4ufig ist. Traurig finde ich halt, wenn sich eine Rentnerin f\u00fcrchtet, mir die Schicht zu verderben, weil ich sie vom Ostbahnhof mit einem Stapel Gep\u00e4ck bis nach Mahlsdorf bringen muss. Das passiert zwar viel zu selten, ist aber abgesehen vom \u00fcberdurchschnittlichen Verdienst eine ganz normale Fahrt f\u00fcr mich. Ebenso wie um 5 Uhr morgens zwei verknallte Kerle vom Berghain zu Tom&#8217;s Bar zu fahren eine ganz normale Fahrt ist. Die Ausl\u00f6ser f\u00fcr diesen Eintrag waren zwei Jungs, Anfang drei\u00dfig, hackedicht aber lieb. Wegen eines Junggesellenabschieds in Berlin und auf dem Weg in ihr Hotel. F\u00fcr mich v\u00f6llig normal, h\u00e4tte ich den beiden aber nicht sagen d\u00fcrfen. F\u00fcr sie war es n\u00e4mlich der geilste Abend der letzten Jahre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trinkgeld ist von 0,00 bis vielleicht 5,00 \u20ac v\u00f6llig normal. Was aber \u2013 und da kommen wir der Sache n\u00e4her \u2013 nicht hei\u00dft, dass es deswegen uneingeschr\u00e4nkt selbstverst\u00e4ndlich ist. Oder f\u00fcr mich kein Grund, mich zu freuen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, im Dienstleistungsbereich geht die Spanne des &#8222;Normalen&#8220; im Vergleich zu vielen anderen Jobs bis weit vom Durchschnittswert weg. Weil Dienstleister eben auf sehr unterschiedliche Kundschaft sto\u00dfen und zumindest im Taxi beispielsweise auch unsere Arbeitsweise stark \u00e4ndern k\u00f6nnen. Mag die Durchschnittsfahrt im Gewerbe 12 \u20ac bringen, wird ein Flughafenfahrer noch Touren f\u00fcr 40 \u20ac v\u00f6llig normal finden, w\u00e4hrend mein Tagfahrer vielleicht nicht mehr ganz so normal findet, was sich betrunkene M\u00e4dels auf dem Heimweg \u00fcber ihre Freunde erz\u00e4hlen. Ich selbst bekomme schon Probleme, wenn Kunden mich fragen, wie lange ich normal arbeite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe einen Facebooktroll, der mich seit Monaten fragt, wie viel man &#8222;normal&#8220; im Taxi verdient, wann man &#8222;normal&#8220; arbeitet, was einem &#8222;normal&#8220; erlaubt ist und nebenbei nat\u00fcrlich, warum ich ihm darauf nach dreimaligem Klarstellen, warum das schwierig ist, nicht mehr antworte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deswegen sind die meisten Jobblogs meiner Meinung nach Dienstleistungsblogs. Weil unser &#8222;Normal&#8220; manchmal weit in den &#8222;Skurril-Bereich&#8220; der Leser reinragt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ganze hat aber eine weitere Dimension. N\u00e4mlich die, dass es genau das ist, was uns Dienstleistern den Job so schwer macht und unsere eigentliche Qualifikation sein sollte: dass wir Dinge irgendwie &#8222;normal&#8220; handhaben k\u00f6nnen, obwohl viele Menschen da drau\u00dfen das nicht finden. Ich wei\u00df \u2013 und bin stolz drauf \u2013 dass mich als Dienstleister auszeichnet, dass ich mit betrunkenen Jugendlichen, knausrigen Oberlehrern, wehleidigen Rentnern und streitenden P\u00e4rchen umgehen kann. Ohne immer nur das Schlechte zu sehen, ohne die Leute f\u00fcr Dinge verantwortlich zu machen, f\u00fcr die sie nichts k\u00f6nnen. Und letzten Endes auch ohne daran selbst kaputtzugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das ist ein Grund \u2013 und der Hinweis muss immer und immer wieder sein \u2013 warum ich mich hier so in diesen an sich l\u00e4cherlichen Kampf mit Uber st\u00fcrze, obwohl ich selbst immer \u00f6fter lachen muss, wenn ich den Namen h\u00f6re. Im Taxi- und Mietwagen-, aber auch in jedem anderen Dienstleistungsgewerbe hat man zu k\u00e4mpfen. Damit, dass nicht alles normal und geregelt ist. Diese Firma \u2013 oder zumindest ihr Diplomatiegenie an der Spitze \u2013 stuft, was ich und viele Kollegen machen, als \u00fcberfl\u00fcssig ein. Weil das ja auch ohne Regeln hobbym\u00e4\u00dfig f\u00fcr noch weniger Geld erledigt werden k\u00f6nnte. Wie immer an den meist schwammigen und anzweifelbaren Aussagen aus dem Hause Uber ist auch daran zumindest mal so viel richtig, dass man es schlecht als komplett falsch verwerfen kann. Abends an seiner Lieblingsbar die Stammkunden einsacken und heimfahren kann jeder. Seinen Lebensunterhalt mit dem Heimbringen derer zu bestreiten, die in L\u00e4den rumliegen, die aus Gr\u00fcnden niemandes Stammkneipen sind, kann halt nicht jeder. Genauso wie beispielsweise nicht jeder in der Lage ist, mir meine Wut \u00fcber einen unn\u00f6tigen Internetausfall durch Pfusch an der Hotline zu nehmen und das Problem sachlich und schnell zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Normal in der Personenbef\u00f6rderung jeder Art ist es, auch mal auf Fahrten warten zu m\u00fcssen. Oder unliebsame, weil schwierige Fahrten f\u00fcr wenig Geld zu machen. Nicht nur, dass niemand einem die nervigen Kunden ewig vom Hals halten kann. Nein, am Ende brauchen wir die auch noch, um unser Geld zusammenzukriegen. Die Belohnung sind dann Fahrten wie diese:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Winker am Mariannenplatz (halbwegs normal). Sechs Leute, die zuf\u00e4llig ein Gro\u00dfraumtaxi angetroffen haben (schon eher gl\u00fccklich). Meine dritte Winkertour in Folge (Wahnsinn!).<br \/>\nDie Gr\u00f6\u00dfe der Passagiere passte perfekt zu den komplizierten Platzverh\u00e4ltnissen (sehr selten!) und nach etwas Eisbrechen gelang uns eine fl\u00fcssige Konversation (normal) in englisch (ebenso normal).<br \/>\nDie Familie kam aus Israel (normal), war allerdings hier, weil die Mutter in der letzten Sitzreihe hier in Berlin geboren war (in der Kombination eher selten) und sie nun mal auf den Spuren der Vergangenheit wandeln und entfernte Verwandte besuchen wollten. Die eine H\u00e4lfte der Leute war still (normal), der Vater war nach allen vorbereitenden Gespr\u00e4chen ein geradezu anstrengender Berlin-Enthusiast, der bei jedem Haus wissen wollte, was da drin ist und dauernd schwer zu beantwortende Fragen stellte wie &#8222;Wo kann man hier abends noch weggehen?&#8220; (grenzwertig normal). Am Ende kamen wir auf gute 15,80 \u20ac Umsatz (normal), alle waren bester Laune (normal), aber die Mutter gab mir keinen Cent Trinkgeld (bei so einer Tour eher selten). W\u00e4hrend mich der Vater beim Zusammenklappen der Zusatz-Sitze weiter mit Fragen l\u00f6cherte (nicht mehr wirklich normal), kam einer der S\u00f6hne an und steckte mir die 4,20 \u20ac Wechselgeld zu, bei der die Mutter sich offenbar nicht getraut hatte, sie mir zu geben (normal. Quatsch, war so unerwartet nat\u00fcrlich extrem geil!).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was lernen wir daraus? Nur weil das Wort &#8222;normal&#8220; gef\u00fchlte hundert Mal in einem Blogeintrag vorkommt, muss der noch lange nicht normal sein. \ud83d\ude09<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/6a673ebea6ca4279a4fe63fdbcdac0b6\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wie ist das denn so normal?&#8220; &#8222;Normal stell&#8216; ich mir das ganz locker vor.&#8220; &#8222;Ist das normal f\u00fcr Sie?&#8220; Normalit\u00e4t ist etwas seltsames, wenn man sie im Taxi zu ergr\u00fcnden sucht. Insbesondere in einer Berliner Nachtschicht. Nat\u00fcrlich ist Taxifahren in vielen Belangen ein normaler Job. 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