{"id":15636,"date":"2014-04-23T15:00:56","date_gmt":"2014-04-23T13:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=15636"},"modified":"2014-04-22T23:37:16","modified_gmt":"2014-04-22T21:37:16","slug":"will-ichs-wissen-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2014\/04\/23\/will-ichs-wissen-2\/","title":{"rendered":"Will ich&#8217;s wissen? (2)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Da stand ich also. Mitten in einem Industriegebiet, der Regen wurde st\u00e4rker und meine Kundin war um&#8217;s Eck. Abgehauen? Ich glaubte nicht daran. Sicher, dass sie offenbar kein Geld zum Bezahlen dabei hatte, davon war auszugehen. Aber sie w\u00fcrde ja kaum heulend und br\u00fcllend am Telefon h\u00e4ngen und durch den Regen stromern, wenn sie sich nur gerne mal umsonst von A nach B (noch dazu ein \u00e4u\u00dferst uneinladendes B) h\u00e4tte bringen lassen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich gerade ein paar Meter vorfahren wollte, um mal einen Blick ums Eck zu werfen, gab es ein Lebenszeichen von ihr. Nicht das beruhigendste, aber immerhin: eine Autoalarmanlage heulte auf und die Nische, in der sie verschwunden war, strahlte gelb-blinkend rhythmisch auf. Das war mir dann ehrlich gesagt zu sehr Tatort-Klischee, um es noch bedrohlich zu finden. \ud83d\ude42<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend es aus der Nische hupte und blinkte, nahm ich in anderer Richtung, in 300 Metern Entfernung, eine Bewegung war. Eine trostlos m\u00fcde Gestalt schleifte sich \u00fcber den schlecht asphaltierten Boden in meine Richtung. Nicht ganz zombiehaft, aber doch ausreichend \u00e4hnlich, um mich zu am\u00fcsieren. Die Alarmanlage erlosch, startete kurz darauf erneut und erlosch wieder. Der Zombie kam immer n\u00e4her. Ich stand inzwischen neben dem Auto und hab eine geraucht. Wenn schon versteckte Kamera, dann will ich wenigstens cool r\u00fcberkommen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst tippelte ein Waschb\u00e4r von rechts nach links \u00fcber die Stra\u00dfe. Der R\u00fccken krankhaft krumm, aber die Reaktion blitzschnell, als ich versonnen zweimal aufs Autodach trommelte. Und schon war er wieder weg! Der Zombie entpuppte sich beim N\u00e4herkommen schnell als desinteressierter Hausmeister, ganz offensichtlichen das Vorbild f\u00fcr Scruffy aus Futurama. Als er dann letztlich kraftlos an mir vorbeischlurft, trafen sich unsere Blicke kurz und beide sagten sinngem\u00e4\u00df:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Na, Du hast Dir ja auch &#8217;ne bescheuerte Lokalit\u00e4t zum Arbeiten ausgesucht heute!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz darauf stapfte meine inzwischen klatschnasse Kundin wieder auf mich zu, offensichtlich unzufrieden. Ich \u00f6ffnete ihr vorsorglich die T\u00fcre und sie nahm die Einstiegsm\u00f6glichkeit dankbar an. Ich selbst habe Kundschaft, die noch nicht bezahlt hat, ja auch lieber im Auto als irgendwo in einem Hinterhof.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Soll es noch wo anders hingehen?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">fl\u00fcstere ich geradezu.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ja, aba ei&#8216; Moment no&#8216;!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiterhin schluchzte sie vor sich hin und telefonierte. Ich wusste nicht, ob ich \u00fcberhaupt Interesse daran h\u00e4tte, herauszufinden, was Sache war. Da sie aber mit M\u00fche versuchte, sich mir gegen\u00fcber normal zu verhalten, war ich inzwischen sicher, dass mir kein Ungemach drohte. An ihrer Stelle w\u00e4re mir vermutlich so langsam komisch vorgekommen, dass der Taxifahrer so ruhig bleibt. Aber f\u00fcr mich war das nur logisch: Zum einen hatte ich sicher 10 Minuten Wartezeit verschenkt, sah aber die M\u00f6glichkeit, f\u00fcr die Anschlussfahrt die Uhr mit Einstiegspreis und teureren ersten Kilometern wieder starten und den Verlust so amortisieren zu k\u00f6nnen. Zum anderen war ein ordnungsgem\u00e4\u00dfes Ende der Tour \u00fcberall wahrscheinlicher als hier in diesem trostlosen Hinterhof, der von der Zivilisation so weit entfernt schien wie der Mond, der in diesem Moment hinter dicken Regenwolken gar nix zu melden hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es dauerte noch rund drei Minuten. Ich sa\u00df auf dem Fahrersitz, die Kundin direkt hinter mir. Ihr Gesicht im Innenspiegel erkennbar verheult und von ihrem Smartphone-Display erleuchtet, wenn sie nicht gerade telefonierte. Der Motor summte leise und der eklige Nieselregen pl\u00e4tscherte uninspiriert lautlos aufs Autodach. Gelegentlich schaltete ich den Scheibenwischer ein, einfach um diesen seltsamen Moment dramaturgisch wertvoller zu gestalten.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;OK, wi&#8216; gehe&#8216; zu&#8217;\u00fcck.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Zur\u00fcck? Wieder zur Torstra\u00dfe?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ja.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor ich meine Zustimmung \u00e4u\u00dfern konnte, hatte meine rechte Hand das Taxameter wieder eingeschaltet. Sehr gut, so eine zuverl\u00e4ssige rechte Hand zu haben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die Kundin abermals telefonierte, hochaufgeregt und immer wieder mit Phasen des Weinens, fuhr ich recht stumm gen Innenstadt zur\u00fcck. Mir war klar, dass ich gerade eine Nebenrolle in irgendeinem gr\u00f6\u00dferen Drama spielte und dass das eine der Fahrten sein w\u00fcrde, die niemand je sch\u00e4tzen zu lernen w\u00fcrde: Hinfahrt, erfolglos irgendwas versuchen, R\u00fcckfahrt. Am Ende sollten es 28,60 \u20ac Taxifahrt f\u00fcr ganz offensichtlich nix und wieder nix sein. Im Gegensatz zu so vielen Touren, bei denen man als Fahrer helfen kann oder Leute gl\u00fccklich machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich war die Frage der Bezahlung immer noch offen. Dementsprechend h\u00e4tte ich angespannt sein k\u00f6nnen. Wie <a title=\"GNIT \u2013 Geduldprobe (1) ff.\" href=\"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2013\/06\/24\/geduldprobe-1\/\" target=\"_blank\">bei der letzten Fehlfahrt<\/a> z.B.<br \/>\nAber um ehrlich zu sein: Ich war es nicht. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte ich mich aufgeregt, h\u00e4tte ich das Geld nicht bekommen. Und nat\u00fcrlich w\u00e4re die gute halbe Schicht eine beschissene halbe Schicht geworden. Aber mir war das egal. Vollkommen. Vielleicht eine unterbewusste Blockade \u2013 ICH w\u00e4re es immerhin nicht, der die Nacht flennend durch Berlin rennt. MEIN Tag w\u00e4re immer noch besser als ihrer, selbst wenn sie mich jetzt abzockt \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was f\u00fcr ein Drama sich da zwischen Mitte und Lichtenberg letzten Sonntag abgespielt hat, wei\u00df ich immer noch nicht. Ich will&#8217;s vielleicht wirklich nicht wissen. Das Ende f\u00fcr mich jedoch war unspektakul\u00e4r. Ich hielt, wo mir gehei\u00dfen wurde, und meine Kundin z\u00fcckte mit einer beachtlichen Selbstverst\u00e4ndlichkeit ihr Portemonnaie, als ich bei 14,60 \u20ac die Uhr das zweite Mal an diesem Abend stoppte. Insgesamt 28,60 \u20ac, hier sind 30, stimmt so. Mein Tagessoll war damit erf\u00fcllt, und das sogar recht fr\u00fch. Nur tanken musste ich immer noch. Aber irgendwas ist ja immer \u2026<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/a5c06ece400a4a929ba64f2045bae286\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da stand ich also. Mitten in einem Industriegebiet, der Regen wurde st\u00e4rker und meine Kundin war um&#8217;s Eck. Abgehauen? Ich glaubte nicht daran. Sicher, dass sie offenbar kein Geld zum Bezahlen dabei hatte, davon war auszugehen. 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