{"id":14861,"date":"2013-12-02T08:05:59","date_gmt":"2013-12-02T06:05:59","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=14861"},"modified":"2013-12-02T07:08:52","modified_gmt":"2013-12-02T05:08:52","slug":"fehlfahrt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2013\/12\/02\/fehlfahrt\/","title":{"rendered":"Fehlfahrt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vorwort:<\/strong><br \/>\nHeute wird es l\u00e4nger, heute wird es unsch\u00f6n. Nun seid Ihr gewarnt. Viel Spa\u00df!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Fehlfahrten&#8220; habe ich sehr selten \u2013 also Fahrten, die am Ende nicht bezahlt werden. Jetzt aber hat es mich am Wochenende mal wieder erwischt und es war zum Kotzen wie eh und je. Und ja, das war die Fahrt, die ich <a title=\"GNIT \u2013 Kalendarisches\" href=\"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2013\/11\/30\/kalendarisches\/\" target=\"_blank\">vor ein paar Tagen so kryptisch erw\u00e4hnt hatte<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Nachhinein bleibt mir die Szene im Ged\u00e4chtnis, wie die Kundin sich vor zwei weiteren Taxiinteressierten vordr\u00e4ngelte, um bei mir einzusteigen. Wie viel gl\u00fccklicher w\u00e4re ich jetzt, im Nachhinein, wohl \u00fcber die andere Kundschaft gewesen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber angefangen hat alles ganz locker. Sie wolle zum N\u00f6ldnerplatz, sagte sie mir. Nicht betrunken, alles im Griff, super. Ich fragte sie, welchen der beiden gleichlangen Wege sie bevorzugen w\u00fcrde, sie w\u00e4hlte den schnelleren und alles war gut. Zumindest bei mir. Bei ihr eher weniger, denn in den folgenden Minuten erz\u00e4hlte sie unter anderem, dass ihr die Wohnung gek\u00fcndigt wurde, und sie nun bei einem Kumpel pennen w\u00fcrde. Was eine Schei\u00dfe, Bedauern usw., das \u00dcbliche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich die N\u00f6ldnerstra\u00dfe befuhr, fragte ich, ob ich links zum Platz abbiegen solle.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Nee, hier geradeaus.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soweit nicht verwunderlich. Erst einen bekannten Platz ansagen, dann in eine der Stra\u00dfen dort wollen \u2013 das machen viele Fahrg\u00e4ste. Als ich nun aber bereits mehr als einen Kilometer am Platz vorbei war, fragte ich nochmal:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Weiter geradeaus?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ja, hmm, nee. N\u00f6ldnerplatz eben. Glaub, wir sind da schon vorbei.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab innerlich ein bisschen geflucht, mir aber gedacht: Bleib ruhig wie sie. Der Umweg scheint sie nicht zu st\u00f6ren, also lass&#8216; gut sein. Ist ja mehr Geld, also was soll&#8217;s? Also hab ich versucht,\u00a0 ihr eine genaue Adresse zu entlocken. Klappte nicht wirklich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Ich kenn&#8216; die nicht genau. Aber ich war ja schon x-mal da. Ich erkenn&#8216; das Haus dann schon.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und auch im weiteren Verlauf klang das alles gut. Sie sagte hier und da mal an, ob ich rechts oder links solle, allerdings auch allzu oft nahezu apathisch, dass ich geradeaus fahren solle. Als wir das zweite Mal nach einem Fehlstich den Platz ansteuerten, klingelten nat\u00fcrlich auch bei mir die Alarmglocken: Diese Fahrt f\u00fchrt nirgends hin! Brech das ab!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber jedes Mal, wenn ich dachte, dass die gute Frau unzurechnungsf\u00e4hig ist, wirkte sie pl\u00f6tzlich wieder aufgeweckt und empathisch und machte klar, wie unangenehm ihr das sei, dass sie das nicht mehr so gut im Kopf hatte. Irgendwann kam sie dann mit der Nummer 4. Das Haus sei wohl die Nummer 4. Welche Stra\u00dfe? N\u00f6ldnerplatz! Aber da gibt es keine H\u00e4user \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also sind wir im Schritttempo die angrenzenden Stra\u00dfen abgefahren. Mal hier lang, mal da lang und im Zweifelsfall immer weiter. Geradeaus nat\u00fcrlich, ist ja klar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4tte die normale Fahrt zum N\u00f6ldnerplatz etwa 11 \u20ac gekostet, standen nun langsam 20 auf dem Taxameter. Zudem war klar, dass allenfalls ihr Kumpel w\u00fcrde zahlen k\u00f6nnen. Wir waren zwischenzeitlich bis zum Bahnhof Lichtenberg und zum Ostkreuz gekommen, \u00fcberall zuerst aufgeregte Freude \u00fcber die richtige Richtung, dann Ern\u00fcchterung. Beim von mir schon fest entschlossen allerletzten Versuch ging es dann auf die andere Seite der S-Bahn. Victoriastadt also \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da gerieten die Erinnerungen der jungen Dame dann allerdings wirklich ins Rotieren und sie lotste mich einen v\u00f6llig haneb\u00fcchenen Weg entlang in die Kaskelstra\u00dfe. Nicht zur Nummer 4, auch nicht zu einem der denkmalgesch\u00fctzten H\u00e4user. Eher so zweistellig und h\u00e4sslich. Aber offenbar richtig. Ob ich mit hochkommen m\u00f6chte, fragte sie mich \u2013 was ich in Ermangelung eines brauchbaren Pfandes annahm. Im heruntergekommenen Treppenhaus erklomm sie Stufe um Stufe, Stockwerk um Stockwerk, vorbei an T\u00fcren mit \u00fcber 10 Paar Schuhen davor. Im vierten Stock dann lag das Ziel, die T\u00fcr war angelehnt. Sie bat mich, eben kurz drau\u00dfen zu warten und ging f\u00fcr eine Minute hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Hoffnung war wieder da. Wir waren hier an einer Wohnung mit Namensschild an der T\u00fcr und drinnen wartete ein offensichtlich gro\u00dfherziger Mensch, der eine Obdachlose bei sich aufnimmt. Also was soll passieren?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Du, des is&#8216; jetzt voll schei\u00dfe: Der Marcel ist nicht da und von dem wollte ich doch das Geld \u2026&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">er\u00f6ffnete sie mir, als sie erneut in der T\u00fcr stand. Aber um einen Plan war sie nicht verlegen:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Komm doch kurz rein und schreib mir deine Nummer auf. Dann bezahle ich das morgen. Echt jetzt!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jaja, und eine der lila Locken vom Weihnachtsmann gibt es als Trinkgeld dazu, schon klar!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber was macht man nicht alles! Ich hatte inzwischen eine Dreiviertelstunde meiner Arbeitszeit verschenkt und zudem w\u00fcrde ich im Gegenzug ja auch ihren Namen notieren k\u00f6nnen. Das wird schon! Think positive!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich betrat die fast unbeleuchtete Altbauwohnung und f\u00fchlte mich mit dem \u00dcbertreten der Schwelle umgehend unwohl. Ich mag Altbauten nicht sonderlich, aber mit fahlem Licht und miserabel zusammengestellter Einrichtung wirkt das auf mich immer gleich wie eine Fabrikhalle oder ein Steinbruch. Beides keine Orte, in denen ich leben k\u00f6nnte.<br \/>\nSie verschwand kurz im nur von einem Fernseher beleuchteten Wohnzimmer, einige beschwichtigende Worte fl\u00fcsternd, kam dann wieder in den Flur und bat mich, die K\u00fcche zu betreten. Rissiges Linoleum am Boden, K\u00fchlschrank aus den 80ern, ansonsten Ordnung und Sauberkeit. Eine einzelne leere Bierflasche auf der Fensterbank. Und das Licht ging nicht an. Die folgenden drei Minuten suchte meine Mitreisende in dem nur vom Flur aus notbeleuchteten Raum nach einem Stift, konnte aber keinen finden. Nicht in diesem K\u00e4stchen, nicht in jener Schublade.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;WAS IS!? WILLSTE JETZT AUCH NOCH DEN K\u00dcHLSCHRANK LEERFRESSEN?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">polterte es in martialischer Lautst\u00e4rke aus dem Wohnzimmer. Stimme, Tonfall und Genuschel lie\u00dfen vor meinem inneren Auge einen voll sympathischen Kerl erscheinen: Zwei Meter gro\u00df, 50 Kilo \u00dcbergewicht, Glatze und 17 Bier intus. Na, was f\u00fcr eine heitere Gesellschaft!<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Nee, ich such nur&#8217;n Stift!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;IM K\u00dcHLSCHRANK, ODER WAS?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Fresse!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letztlich war ich es, der zuf\u00e4llig einen Stift sichtete, und kurz darauf verlangte ich ihren Ausweis.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Hab ich nicht mehr.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Irgendwas anderes?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Nix \u2026&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die Sache gelaufen ist und ich mein Geld nicht sehen w\u00fcrde, war klar. Von ihr konnte ich keinen \u00fcberpr\u00fcfbaren Namen bekommen und die Wohnung geh\u00f6rte ihr ganz offensichtlich auch nicht. Obwohl ich damit drohte \u2013 f\u00fcr den Fall, sie rufe nicht an \u2013 stellte ich es mir erb\u00e4rmlich vor, wie ich tags drauf mit den Cops vor der T\u00fcr st\u00e4nde und irgendein misanthropischer Hool br\u00fcllen w\u00fcrde:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;WAT&#8217;N WEIB? KENNICK N\u00dcSCHT!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine knappe Stunde Arbeits- und Lebenszeit waren das. Zur Entsch\u00e4digung standen 25,80 \u20ac auf dem Taxameter und ich werde sie nie sehen. Denn nat\u00fcrlich hat sich die Frau nicht mehr gemeldet und sie wird es auch nie tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe gestern mit einem Kollegen am Stand gesprochen, der mir ein paar Jahre und damit ein paar Fehlfahrten voraus hat. Er hat mir gesagt, dass er das inzwischen lockerer sehe. Jeder m\u00fcsse mal einstecken und den \u00c4rger sei es eigentlich nicht wert. Und dass er nach M\u00f6glichkeit den Leuten immer folgendes mitgibt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ich kann an der Situation jetzt nichts \u00e4ndern. Ich bin nur ein armer Taxifahrer, der hier nachts auf der Stra\u00dfe versucht, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie bezahlen mich nicht f\u00fcr die Arbeit, die ich erbringe, also hab ich ihnen quasi Geld geschenkt. Stellen Sie sich ruhig bildlich vor, sie haben gerade mein Portemonnaie ge\u00f6ffnet und sich 25 \u20ac rausgenommen. Sehen Sie es als Spende von jemandem, der auch nur versucht, seine Miete zu bezahlen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein wenig theatralisch, wenn Ihr mich fragt. Aber der Kollege f\u00fcgte, erstaunlich regungslos, hinzu:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Und immerhin zweimal bisher hab ich daf\u00fcr ein &#8218;Danke!&#8216; erhalten.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/36cf79a83d304d15aab5be5b0c33a259\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorwort: Heute wird es l\u00e4nger, heute wird es unsch\u00f6n. Nun seid Ihr gewarnt. Viel Spa\u00df! &#8222;Fehlfahrten&#8220; habe ich sehr selten \u2013 also Fahrten, die am Ende nicht bezahlt werden. Jetzt aber hat es mich am Wochenende mal wieder erwischt und es war zum Kotzen wie eh und je. 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