{"id":14728,"date":"2013-11-08T08:15:55","date_gmt":"2013-11-08T06:15:55","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=14728"},"modified":"2013-11-08T06:39:27","modified_gmt":"2013-11-08T04:39:27","slug":"ein-sehr-spates-erstes-mal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2013\/11\/08\/ein-sehr-spates-erstes-mal\/","title":{"rendered":"Ein sehr sp\u00e4tes erstes Mal"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Man sagt ja gerne vom Zeichnen, es sei die Kunst des Weglassens. Manche sagen das auch \u00fcbers Schreiben. Vielleicht trifft es in gewisser Hinsicht auf die meisten K\u00fcnste zu. Was dann ein Hinweis darauf w\u00e4re, dass Taxifahren keine Kunst ist. Viel weglassen kann man da nicht, damit es besser wird \u2013 manche Kollegen erproben das seit Jahrzehnten anhand des Beispiels der Manieren recht ausgiebig und die Ergebnisse sind verheerend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch und gerade in Sachen Ortskunde trifft das zu. Als Taxifahrer tut man gut daran, einfach alles zu kennen. Wirklich alles. Ob es einem nachher bei der Wegfindung, der Fahrgastunterhaltung oder beim Zwischenstopp f\u00fcr eine Mahlzeit hilft: Mehr Wissen schadet von der Sache her nie*.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Arbeit w\u00e4re es einfach nur cool, sagen zu k\u00f6nnen:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Aha, das Dorint-Hotel. Hoffentlich nicht Zimmer 206. Da st\u00f6rt die Wand vor dem Fenster und der Wasserhahn tropft. A prospos Tropfen: Wenn sie den Haupteingang nicht mittig durchqueren, treffen sie die besonders dicken Tropfen vom Fenstersims der 102 nicht, wenn Andrea wieder mit Blumengie\u00dfen dran ist \u2026&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Realit\u00e4t, *h\u00fcstel*, ist da manchmal ein bisschen anders. \ud83d\ude09<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Adresse, die mir der Kunde ansagte, war gar kein Problem. Das Borchardt, ein immerhin im Ortskundekatalog stehendes Restaurant, definitiv eine der Locations, die nicht zu kennen knapp am Kapital-Fail als Taxifahrer vorbeischrammt. Zu den Top-100-Adressen in der Stadt kann man es wahrscheinlich z\u00e4hlen. Das war also nicht das Ding, obgleich sich der Kunde immerhin erfreut zeigte, dass ich keine Nachfrage hatte. Mir ist dann auf dem Weg dorthin aber aufgefallen, dass ich tats\u00e4chlich noch nie in den nunmehr 4 Jahren und 11 Monaten dahin gefahren war. Also direkt, um jemanden vor der T\u00fcre abzuladen. Und binnen f\u00fcnf Jahren gegenseitiger Nichtbeachtung hat sich der Schlingel von Restaurant doch in meinem Kopf tats\u00e4chlich um fast einen ganzen Block verschoben \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Beginn verst\u00f6rend stammelnder Einschub]<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das kann ich \u2013 etwas unbeholfen, aber in Ans\u00e4tzen \u2013 sogar erkl\u00e4ren: Ich habe geistig verschiedene Kartenausschnitte vor Augen, wenn Kunden eine Zieladresse nennen. Gr\u00f6bere, genauere, manche mit dem Fokus auf eine bestimmte Ecke, manche aus der Perspektive der Stra\u00dfe, auf der ich meistens dort vorbeikomme. <a title=\"GNIT \u2013 Kartografisches Ged\u00e4chtnis?\" href=\"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2012\/02\/23\/kartografisches-gedachtnis\/\" target=\"_blank\">Denken in Karten<\/a> \u2013 eine Geschichte f\u00fcr sich, ganz ehrlich! Da mein Ged\u00e4chtnis aber eben alles andere als perfekt ist, passen die einzelnen Ausschnitte mitunter nicht zusammen. So habe ich die Friedrichstra\u00dfe als wichtige Nord-S\u00fcd-Strecke fix im Kopf. Und das Borchardt liegt \u00f6stlich davon in der franz\u00f6sischen Stra\u00dfe. Viel \u00f6fter in der Ecke fahre ich allerdings \u00fcber die Charlottenstra\u00dfe \u2013 eine weiter \u00f6stlich \u2013 an den Gendarmenmarkt heran, schon alleine weil die Friedrichstra\u00dfe immer gesperrt ist. Friedrichstra\u00dfe und Borchardt sind Ortskundewissen vom Lernen, meine Routen durch die Charlottenstra\u00dfe Praxiserfahrungen. Und geistig hab ich das Borchardt bei mir jetzt einfach \u00f6stlich der Charlottenstra\u00dfe platziert, weil diese gerade &#8222;meine wichtige Nord-S\u00fcd-Strecke&#8220;** da ist. Dumm nur, dass das Restaurant zwischen Charlotten- und Friedrichstra\u00dfe liegt \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Ende verst\u00f6rend stammelnder Einschub]<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie dem auch sei: Am Ende hab ich dann doch nach DEM Borchardt Ausschau gehalten, weil ich es zu fr\u00fch erwartet hatte. Daf\u00fcr bin ich ja jetzt hingefahren: das schl\u00e4gt sich alles nieder! \ud83d\ude00<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber gut, ich hab mir meine Verunsicherung nur unwesentlich anmerken lassen. Und der Kunde war auch cool. Dass ich bei der Ecke unsicher war, keine Ahnung, ob er es bemerkt hat. Dass ich f\u00fcrchtete, er wolle seine (mit gutem Trinkgeld) auf 16,00 \u20ac lautende Rechnung mit einem F\u00fcnfziger bezahlen, schien er jedoch zu erahnen. Er kramte ein wenig in den Jackentaschen und verk\u00fcndete spannungsaufbauend:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Aber jetzt \u2026 jetzt! Warten Sie, gleich. Passen Sie auf! HIER, bittesch\u00f6n!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drei F\u00fcnfer und eine Euro-M\u00fcnze. Hach, so h\u00e4tte ich Borchardt-Kundschaft gar nicht eingesch\u00e4tzt. \ud83d\ude42<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/54490cd50b3c40af87c320130b9b50a6\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">*Das T\u00fcckische ist, dass sich Wissen irgendwie nicht grenzenlos ansammeln l\u00e4sst. Zumindest nicht ohne dazugeh\u00f6riges Krankheitsbild mit nicht gerade weniger Stress \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">**Falls Kollegen sich wundern: Die meisten Fahrten in die Ecke hatte ich gef\u00fchlt aus Richtung Osten zum Sofitel in der Charlottenstra\u00dfe. Wahrscheinlich hat jeder von uns dort eine andere Hauptroute, also nicht wundern. \ud83d\ude09<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man sagt ja gerne vom Zeichnen, es sei die Kunst des Weglassens. Manche sagen das auch \u00fcbers Schreiben. Vielleicht trifft es in gewisser Hinsicht auf die meisten K\u00fcnste zu. Was dann ein Hinweis darauf w\u00e4re, dass Taxifahren keine Kunst ist. 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