{"id":14570,"date":"2013-10-10T03:56:43","date_gmt":"2013-10-10T01:56:43","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=14570"},"modified":"2013-10-10T03:56:43","modified_gmt":"2013-10-10T01:56:43","slug":"die-andere-seite","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2013\/10\/10\/die-andere-seite\/","title":{"rendered":"Die andere Seite"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man sich die Nachrichten anschaut, hat man schnell genug von der Welt. Mord und Todschlag allenthalben, und wenn nicht vor der eigenen T\u00fcre, dann irgendwo anders. Man hat das Gef\u00fchl, die Ellenbogengesellschaft ist so langsam auf dem H\u00f6hepunkt angelangt und ohne Stress und Nerverei sei man ohnehin doch der letzte Doofe auf der Welt. Und dann sowas:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Arm kurz vor dem Ostbahnhof in der Stra\u00dfe der Pariser Kommune hochgeschnellt ist, hab ich mich nur bedingt gewundert. Hier war Endstation f\u00fcr Ersatzbusse, die zwischen dort und der Warschauer Stra\u00dfe einmal bl\u00f6d im Kreis fahren mussten. Und nun eine \u00e4ltere Frau, oh nee, Moment mal! Ein Typ in meinem Alter mit zwei Kindern war auch noch dabei.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Sagen Sie, haben Sie zwei Kindersitze?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ja, hab ich.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Wie viel w\u00fcrde das denn kosten, wenn Sie ihn und die Kids zum Hauptbahnhof bringen w\u00fcrden?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ich sag jetzt sicherheitshalber mal 15 \u20ac.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Und danach in&#8217;n Tiergarten?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Im schlimmsten Fall kommen da 20 zusammen, aber wahrscheinlich deutlich weniger.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Das ist ok. Ich hab halt auch nur noch 25 dabei \u2026&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So weit, so gut. Nachdem wir die Kids \u2013 und zudem einen ganzen Berg Gep\u00e4ck \u2013 verstaut hatten, lief die Fahrt wie jede andere. Nette Kundschaft, kein Stress. Erst w\u00e4hrenddessen hab ich so langsam mitgekriegt, was Sache war. Die Frau und der Typ geh\u00f6rten nicht zusammen. Sie hatte ihn mit einer Freundin zusammen aufgelesen. Er kam mit seinen zwei Kids aus Marokko, um seine Freundin, die Mutter der beiden, zu besuchen. In Wolfsburg. Nun hatte sein Flieger drei Stunden Versp\u00e4tung gehabt, was ihn ohnehin seinen Zug verpassen lassen hat. Zu allem \u00dcberfluss war er aber just in Berlin gelandet, als der Schienenersatzverkehr gerade seinen H\u00f6hepunkt erreicht hatte; und das Chaos f\u00fcr einen einzelnen Mann mit quasi null Deutschkenntnissen, einem schlafenden und einem heulenden Kind, sowie drei Koffern ein klitzekleines Bisschen zu viel wurde. Bis zur Warschauer Stra\u00dfe war er wohl gekommen, wusste dann aber absolut nicht weiter. \u00dcberfordert und auf das kleine weinende Kind einredend wurde er dann von den beiden Damen gefunden. Und die beschlossen, dass das ja kein Zustand w\u00e4re. Zun\u00e4chst haben sie dem Dreiergespann den Weg zum Ersatzverkehr gezeigt und ihm beim Tragen geholfen. Als sich die Wege der Freundinnen trennten, beschloss meine jetztige Beifahrerin dann, dass sie ja auch mal ein Taxi nehmen und zwischendurch den fertigen Mann am Hauptbahnhof absetzen lassen k\u00f6nnte. Dem war der Rummel um seine Person zwar vermutlich auch ein bisschen zu viel, aber kaum im Auto, fielen ihm auch hier und da mal die Augen zu. Ein bisschen Entspannung tat ihm sichtlich gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Bahnhof wartete ich dann ein paar Minuten; die resolute Dame lie\u00df es sich nicht nehmen, ihn eigenh\u00e4ndig zum Schalter zu f\u00fchren, wo ihm dann (hoffentlich) weitergeholfen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der weiteren Fahrt zu ihr bedauerte sie, dass es offenbar sonst niemanden interessiert hat, dass der Typ da so verloren war. Als sie anfing, sich bei mir zu bedanken, hab ich trotzdem unterbrechen m\u00fcssen. Ich hatte ja nun wirklich nichts getan, was nicht meiner Arbeit geschuldet war. Ich lie\u00df mich von ihr ja bezahlen und die Tatsache, dass ich meinen Kunden hier und da beim Gep\u00e4ck oder dergleichen behilflich bin, ist nun wirklich eine andere Nummer, als wildfremde Leute auf eigene Kosten durch die Stadt zu begleiten. Am Ende sollte ich dennoch ein gutes Trinkgeld bekommen. Mehr noch hat mich, so kitschig das auch klingen mag, an dem Abend aber gefreut, dass es solche Leute wie die zwei betagten Damen noch gibt. Ja, am Ende hab ich mir gedacht, dass ich es eigentlich in genau solchen Ausnahmef\u00e4llen doch auch mal nicht so genau nehmen sollte mit der Bezahlung.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/a47c6b836762448394356f02ee6bf00d\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man sich die Nachrichten anschaut, hat man schnell genug von der Welt. Mord und Todschlag allenthalben, und wenn nicht vor der eigenen T\u00fcre, dann irgendwo anders. Man hat das Gef\u00fchl, die Ellenbogengesellschaft ist so langsam auf dem H\u00f6hepunkt angelangt und ohne Stress und Nerverei sei man ohnehin doch der letzte Doofe auf der Welt. 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