{"id":13749,"date":"2013-06-08T02:59:20","date_gmt":"2013-06-08T00:59:20","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=13749"},"modified":"2013-06-08T03:07:43","modified_gmt":"2013-06-08T01:07:43","slug":"temperamento-germano","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2013\/06\/08\/temperamento-germano\/","title":{"rendered":"Temperamento germano"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als ich ins Licht trat, wollte ich meinen Augen kaum glauben:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Eine Hauptstra\u00dfe? Ehrlich? Was soll der Schei\u00df denn jetzt?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Welt hatte sich eindeutig gegen mich verschworen, denn an dieser verfickten Stelle sollte der Bahnhof zum Umsteigen sein. Ich schwitzte, mein Reisegep\u00e4ck hing mir schwer auf der Schulter und die Schmerzen in meinem Bein waren kurz vor der finalen Stufe &#8222;unertr\u00e4glich&#8220;.<br \/>\nBis vor f\u00fcnf Minuten war die Sache noch einfach dumm gewesen, jetzt wuchs mir das alles \u00fcber den Kopf. F\u00fcnf Tage zuvor war ich in Berlin aufgebrochen, das Ziel war zun\u00e4chst ein Kaff im Rems-Murr-Kreis, danach ging es mit 20 Kids und 5 weiteren Betreuern nach Nordspanien. Eine Freizeit. Die Anreise kostete mich irgendwas um die 30 Stunden. Anstatt nun zwei Wochen Spiel und Spa\u00df mit den Kindern zu genie\u00dfen und eine sch\u00f6ne Zeit zu haben, hatte ich mich bereits am ersten Nachmittag am Strand verletzt.<br \/>\nNachdem die ungef\u00e4hr 105-j\u00e4hrige \u00c4rztin am Campingplatz vor Ort mich aufgemuntert und via Behelfsdolmetscher (der gerne so \u00e4hnliche Worte wie Jacke und Hamsterk\u00e4fig verwechselte) eine Zerrung diagnostiziert hatte, wusste ich nun, ein paar Tage sp\u00e4ter, dass das Wadenbein durch war. Sauberer Bruch, soweit kein Problem \u2013 sagte zumindest der deutsche Arzt des Nachbarortes, nachdem er mich zweimal ger\u00f6ngt hatte:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Wir m\u00fcssen nochmal. Da hatte ich, hihi, wohl die Dosis zu niedrig eingestellt und sie sind ja schon etwas kr\u00e4ftiger gebaut \u2026&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sauber der Bruch auch war \u2013 und so angenehm die futuristisch anmutende verstellbare Schiene sein sollte: Ich h\u00e4tte vielleicht voraussehen k\u00f6nnen, dass es sich mit einem gebrochenen Bein und zwanzig Kilogramm Gep\u00e4ck nicht wirklich komfortabel durch die spanische Mittagshitze laufen lassen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da die Freizeit haupts\u00e4chlich aus sportlichen Aktivit\u00e4ten bestand und ich zudem schon bei den rund 200 Metern zum n\u00e4chsten Klo jedes Mal H\u00f6llenqualen litt, war mir ein fr\u00fchzeitiger Heimflug organisiert worden. Am Tag des Barcelona-Ausfluges von ebendort. Nachdem ich mich von der Gruppe getrennt hatte, sollte ich laut Linienplan mit einmal Umsteigen zum Flughafen kommen. Zeit hatte ich ungef\u00e4hr sieben Stunden, da war die Planung gro\u00dfz\u00fcgig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ja, da stand ich nun. Mitten in der Stadt auf irgendeinem Prachtboulevard, auf den ich gelangt war, nachdem ich versucht hatte, der spanischen Beschilderung zum Gleis der Flughafenlinie zu folgen. Meter um Meter bin ich einem endlosen Tunnel ins erl\u00f6sende Licht gefolgt, nur um am Ende festzustellen, dass ich mich zwar tot f\u00fchlte, aber immer noch in Barcelona war. Und zwar offensichtlich weit entfernt von meinem Gleis. Wo ich stand, deutete nichts auch nur auf die Existenz eines schienengef\u00fchrten Verkehrsmittels hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also beschloss ich, mich an die stra\u00dfengebundenen zu halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich winkte das n\u00e4chstbeste Taxi heran und wurde mit einem unwahrscheinlich lauten und enthusiastischen Wortschwall auf Spanisch empfangen. Ich wollte eigentlich schnell einwerfen, dass ich nur deutsch und englisch spreche, aber ich musste mir den Monolog erst einmal anh\u00f6ren, bis ich unterbrechen konnte. Mein Gegen\u00fcber war eine zierliche kleine Frau mit langen schwarzen Locken, eher groben Gesichtsz\u00fcgen und einem gesch\u00e4tzten Alter von etwa 40 Jahren. Meinen Einwand, ich w\u00e4re leider nur ein Tourist aus Deutschland und k\u00f6nne allenfalls auf Englisch kommunizieren, beantwortete sie mit einem weiteren Monolog, der sich nach nur ungef\u00e4hr anderthalb Minuten tats\u00e4chlich als etwas entpuppte, das sie f\u00fcr Englisch hielt. Aber was h\u00e4tte ich erwarten sollen? Ich war ehrlich gesagt verdammt froh, dass sie mich \u00fcberhaupt verstand. Meine Spanischkenntnisse waren zwar nach dem Studium des Linienplans zwar um 20% umfangreicher, was aber lediglich hie\u00df, dass ich nun au\u00dfer &#8222;dos cervezas por favor&#8220; auch &#8222;aeropuerto&#8220; sagen konnte. Wobei ersteres bei der Frau sicher auch lustig geworden w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gemeinsam haben wir mein Gep\u00e4ck in den Kofferraum ihres runtergerockten 124er-Mercedes gewuchtet, danach hab ich auf einem leicht ins gr\u00e4uliche abdriftenden Fellbezug auf dem Beifahrersitz Platz genommen. Meine Fahrerin hat mir extra den Sitz weitestm\u00f6glich zur\u00fcckgestellt, damit ich mit m\u00f6glichst ausgestrecktem Bein sitzen konnte. Im Grunde konnte ich sowohl sitzen als auch stehen \u2013 geschmerzt hat vor allem das An- und Abwinkeln im jeweiligen Moment.<br \/>\nIch erkl\u00e4rte ihr, warum und dass ich zum Flughafen wollte, was sie mit enthusiastischen S\u00e4tzen quittierte, die ich allenfalls zur H\u00e4lfte verstehen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber \u2013 und das muss man wirklich sagen \u2013 sie war nett und zuvorkommend. Aber eben auch sehr gespr\u00e4chig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass sie das &#8222;temperamento germano&#8220; zu sch\u00e4tzen w\u00fcsste und deutsche Autofahrer bewunderte, war allenfalls halbironisch gemeint. Denn beim Fahrstil orientierte sie sich alsbald an deutschen Autobahndr\u00e4nglern der schlimmsten Sorte. Dass ich mehrere Stunden Zeit hatte, wusste sie \u2013 zumindest hatte sie vorgegeben, mich zu verstehen. An der Sache ge\u00e4ndert hat das nichts. Hoffe ich zumindest. Denn sollte das, was mir in den folgenden 25 Minuten passiert ist, die harmlosere Variante sein, dann Hut ab vor allen, die den Normalbetrieb \u00fcberlebt haben!<br \/>\nDank des dichten Verkehrs war es kaum m\u00f6glich, schneller als 100 km\/h zu fahren, das jedoch tat sie konsequent. Ich hab, damals selbst auf dem Weg zum Taxifahrer, pl\u00f6tzlich einige erweiterte Kenntnisse \u00fcber die Fahrphysik von Autos kennengelernt. Zum Beispiel wusste ich nicht, dass sich Spurwechsel auch t\u00e4tigen lassen, wenn die auf der zu erreichenden Spur vorhandenen L\u00fccken zweifellos kleiner sind als das Auto, das man in sie hineinquetscht. Und bez\u00fcglich Multitaskingf\u00e4higkeit lag die Dame auch weit vorn, immerhin beherrschte sie es, gleichzeitig zu hupen, zu dr\u00e4ngeln, w\u00e4hrenddessen zu bremsen und mir eine Zigarette anzubieten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin kein schreckhafter Beifahrer, aber w\u00e4hrend der vielleicht knapp zwanzigmin\u00fctigen Fahrt hab ich das Bodenblech auf der Suche nach einer Bremse soweit durchgetreten, wie es nur ging. Was die gute Frau nicht davon abbrachte, mir nebenbei und den Blick von der Stra\u00dfe nehmend zu berichten, wie sehr sie an den Deutschen sch\u00e4tzen w\u00fcrde, dass die so zivilisiert fahren w\u00fcrden. Nee, is&#8216; klar!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abgesehen von der ein oder anderen Nahtoderfahrung hab ich die Fahrt aber in guter Erinnerung. Die Fahrerin half mir, wo es nur ging, war nett und bem\u00fcht und die 19 \u20ac, die das alles kostete, schienen zumindest mal nicht allzu \u00fcberteuert zu sein. Ob ich damit richtig liege, wei\u00df ich ehrlich gesagt bis heute nicht, da ich ja nicht einmal wei\u00df, wo ich sie rangewunken habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den Flug musste ich wie eingangs erw\u00e4hnt ewig warten, erschwert durch die Tatsache, dass ich \u2013 das wird sicher eigene Bl\u00f6dheit gewesen sein, das ist mir klar! \u2013 in all den Stunden keine Uhr gefunden habe. Dass ich meinen Sitzplatz wegen meines geschienten Beines wechseln musste, mutete irgendwie absurd an, im Ged\u00e4chtnis behalten habe ich aber eher den ph\u00e4nomenalen Start von Barcelona aus: Der Blick auf Meer und K\u00fcste, wenn das Flugzeug die erste Schleife fliegt, ist unbezahlbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Berlin landete ich kaum anderthalb Stunden sp\u00e4ter in Tegel. Von dort aus hab ich kein Taxi genommen, sondern den Bus. Wahrscheinlich, weil es mir sicherer vorkam. Ein gebrochenes Bein war schlimm, sterben wollte ich dennoch lieber erst sp\u00e4ter \u2026<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/206597b8bbd34ecc8f979c0ff03ce6c2\" width=\"1\" height=\"1\" \/><br \/>\nPS: Ich hab die Tage viel um die Ohren und arbeite ausnahmsweise trotz Wochenende nicht. Nicht ohne Grund hab ich jetzt eine Geschichte von 2008 geschrieben. Wird die Tage also etwas ruhiger. Aber keine Panik: Ich komme wieder! \ud83d\ude42<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich ins Licht trat, wollte ich meinen Augen kaum glauben: &#8222;Eine Hauptstra\u00dfe? Ehrlich? Was soll der Schei\u00df denn jetzt?&#8220; Die Welt hatte sich eindeutig gegen mich verschworen, denn an dieser verfickten Stelle sollte der Bahnhof zum Umsteigen sein. 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