{"id":13709,"date":"2013-06-01T06:34:19","date_gmt":"2013-06-01T04:34:19","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=13709"},"modified":"2013-06-01T19:30:47","modified_gmt":"2013-06-01T17:30:47","slug":"die-jugend-von-heute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2013\/06\/01\/die-jugend-von-heute\/","title":{"rendered":"Die Jugend von heute \u2026"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ach, wie viele wunderbar beschissene Texte fangen mit den Worten &#8222;Die Jugend von heute \u2026&#8220; an? Meist kommt danach viel Geschwurbel von vermeintlichen Werten, die die meisten derer, die o.g. Worte aussprechen, auch allenfalls als Worth\u00fclsen kennen: &#8222;Anstand&#8220;, &#8222;Moral&#8220;, diese Geschichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Geschichte ist nun nicht das ganz gro\u00dfe Glockengel\u00e4ute, ich wollte eher was von gegenseitiger Hilfe erz\u00e4hlen. Angefangen hat alles prima. Ich war kurz an den Ostbahnhof rangefahren, war binnen anderthalb Minuten erster in der Reihe und kaum, dass mein Kollege Herbert aus seinem Auto gekraxelt war, um mich zu begr\u00fc\u00dfen, standen schon vier Jungs vor mir und wollten einsteigen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Fahr mal sch\u00f6n weit weg!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">rief mir Herbert noch hinterher. Ein zweifelsohne ziemlich optimistischer Wunsch zwischen vier Minderj\u00e4hrigen, die wahrscheinlich mangels Ausweis in einen Club nicht reingekommen waren.<br \/>\nWo sie wirklich herkamen, wei\u00df ich nicht. Hat sich zwischen ihrem englisch-deutschen Kauderwelsch selbst f\u00fcr meine ge\u00fcbten Ohren nicht raush\u00f6ren lassen, wahrscheinlich haben sie es also nicht erw\u00e4hnt. Das Fahrtziel jedoch, so wurde mir umgehend erkl\u00e4rt, sei &#8222;kompliziert&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">War es nat\u00fcrlich nicht. Sie wollten einfach der Reihe nach aussteigen \u2013 und ihre Strecke beinhaltete nur einen minimalen Umweg. Dass es \u00fcber Zehlendorf bis nach Kleinmachnow gehen sollte, war jedoch eine \u00dcberraschung. Ich hab die Tour zwar mit &#8222;45 Euro plusminus 5&#8220; deutlich zu hoch angesetzt, aber sowas in der Art hatten sie eingeplant. Ich h\u00e4tte wirklich nie gedacht, dass Herberts Wunsch tats\u00e4chlich so schnell umgesetzt werden w\u00fcrde \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen kurzen Schreckmoment gab es noch \u2013 denn nach einem Kilometer stellte einer der Jungs fest, dass er etwas vergessen hatte. Wir mussten also umkehren. Da das nat\u00fcrlich (mit dem Taxi!!!einself!) horrend teuer sein w\u00fcrde, \u00fcberlegten sie, doch mit Bus und Bahn zu fahren. Mein Einwand, dass die Chose am Ende vielleicht drei Euro kostet, hat sie jedoch gl\u00fccklicherweise beruhigt. F\u00fcr die Tour h\u00e4tte ich beim Warten auch die Uhr angehalten oder gleich einen Festpreis ausgehandelt (Das Ziel lag ja au\u00dferhalb des Pflichtfahrgebietes) \u2013 aber ich wollte mal nicht mit der T\u00fcr ins Haus fallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es hat wirklich nur drei Euro mehr gekostet \u2013 und selbst mit diesem Bonus sollte die Fahrt am Ende mit 36,40 \u20ac deutlich unter dem bleiben, was ich angepeilt hatte. Dennoch nat\u00fcrlich super f\u00fcr mich \u2013 und den Jungs h\u00e4tte ich eigentlich auch ein bisschen mehr Begeisterung gew\u00fcnscht. Die gingen immerhin zwischenzeitlich von einem Fuffi aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber da kommen wir zum Thema: Das Bezahlen. Im Grunde nat\u00fcrlich getrennt \u2013 zumindest zwischen den drei Zehlendorfern und dem einen Kleinmachnesen. Ob das m\u00f6glich w\u00e4re?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Selbstverst\u00e4ndlich. W\u00e4re blo\u00df nett, wenn ihr dann nicht beide mit einem Fuffi zahlt \u2026&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nix dagegen, die 30 \u20ac bis zum Ausstieg des letzten Zehlendorfers mit einem Schein entgegenzunehmen \u2013 aber dann gleich hinterher nochmal 40 \u20ac Wechselgeld rausr\u00fccken \u2026<br \/>\nEs w\u00e4re nat\u00fcrlich gegangen. Eine Einigung unter den Jungs war mir allerdings wenigstens lieber als das und das wollte ich vorsorglich mal ansprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun also ging das gro\u00dfe Rumrechnen los. Ich bin da vielleicht einen etwas sorglosen Umgang mit Geld gew\u00f6hnt, aber f\u00fcr mich war die Sache recht klar:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Uhr st\u00fcnde in Zehlendorf bei ca. 30, der letzte der Dreiergruppe gibt mir einen Fuffi. Ich gebe ihm zwei Zehner raus \u2013 und (da der Ausw\u00e4rtige offenbar nur noch ein paar Euro dabei hatte) der k\u00f6nne sich ja dann einen Schein, leihweise oder gegen sein letztes Cash, einstecken und den Rest der Fahrt locker begleichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tja, denkste!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo k\u00e4men wir auch hin, wenn man am Ende einer pl\u00f6tzlich 10 \u20ac billigeren Taxifahrt \u2013 an deren Ende der Eine im \u00dcbrigen noch Geld gefunden hat, das seine Mutter ihm f\u00fcrs Taxi mitgegeben hat! \u2013 tats\u00e4chlich noch einen Zehner \u00fcbrig h\u00e4tte, um ihn einem Kumpel zu borgen!?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Uhr stand beim Ausstieg des letzten Berliners bei 29,60 \u20ac \u2013 und wenn ich eine Spur fieser w\u00e4re als ich bin, w\u00fcrde ich Euch raten lassen, wie sie das alles gel\u00f6st haben. Aber es ist Samstag und erster Juni \u2013 da mache ich mal eine Ausnahme!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das letzte Kleingeld wurde zusammengesucht, sodass der Zehlendorfer mir 50,60 \u20ac gab, dazu die Bitte, ihm 21 \u20ac wieder auszuh\u00e4ndigen. Den einen Euro gab er dann (leihweise!) an seinen ausw\u00e4rtigen Kumpel weiter, womit der mit gesch\u00e4tzten 8 \u20ac in der Tasche die von mir veranschlagten &#8222;6 Euro irgendwas&#8220; zahlen k\u00f6nnte. Was der dann im Anschluss nat\u00fcrlich auch tat. Er hatte die aufgelaufenen 6,80 \u20ac auch tats\u00e4chlich noch passend. Ich konnte mein Gl\u00fcck kaum fassen! -.-<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zugegeben: Eine Tour, die mit 45 \u20ac angesetzt ist, dann auf 36,40 \u20ac endet, zwei zahlende Parteien beeinhaltet und nicht einmal 10 Cent Trinkgeld abwirft, ist so selten, dass es schon wieder komisch ist. Da werdet ihr von mir keine b\u00f6sen Worte h\u00f6ren. Was einen aber dazu bringt, bei einer Fahrt, bei der bislang 29,60 \u20ac aufgelaufen sind und ein Kumpel noch weiter f\u00e4hrt, nicht einmal 30 hinzulegen (Egal, ob zu Gunsten des Taxifahrers oder des Kumpels), da setzt bei mir der Verstand aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab mit meinem Vater einen gro\u00dfen Mahner in der Familie, der diesen Satz &#8222;Beim Geld h\u00f6rt die Freundschaft auf!&#8220; predigt. Mir ist das nicht unbekannt. Aber auch wenn ich mich gerne mal von einer finanziellen Misere in die n\u00e4chste st\u00fcrze: Die paar Euro, die ich irgendwelchen Leuten mal ausgelegt, geschenkt oder vorgestreckt und dann vergessen hab \u2013 DIE machen, so zahlreich sie sein m\u00f6gen, dabei nichts aus! Denn gl\u00fccklicherweise handhaben das die Leute um mich rum auch so \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also abgesehen von manchen Kunden, wie man sieht. Um die Einstellung beneide ich &#8222;die Jugend von heute&#8220; \u2013 um mal zum Ausgangspunkt zur\u00fcckzukehren \u2013 nicht. Aber nicht, weil das mich irgendwie st\u00f6rt oder ich da irgendwelche Werte verletzt sehen w\u00fcrde. Das hat eher so ein bisschen was von Fremdscham, ganz ehrlich \u2026<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/352363be0c1f441fac5b990751f154b7\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ach, wie viele wunderbar beschissene Texte fangen mit den Worten &#8222;Die Jugend von heute \u2026&#8220; an? Meist kommt danach viel Geschwurbel von vermeintlichen Werten, die die meisten derer, die o.g. Worte aussprechen, auch allenfalls als Worth\u00fclsen kennen: &#8222;Anstand&#8220;, &#8222;Moral&#8220;, diese Geschichten. 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