{"id":13449,"date":"2013-04-13T05:39:37","date_gmt":"2013-04-13T03:39:37","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=13449"},"modified":"2013-04-13T21:08:03","modified_gmt":"2013-04-13T19:08:03","slug":"journalist-was-soll-das-werden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2013\/04\/13\/journalist-was-soll-das-werden\/","title":{"rendered":"Journalist, was soll das werden?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Tagesspiegel hatte gestern ein besonderes Schmankerl auf seiner Online-Pr\u00e4senz zu bieten. Unter dem sch\u00f6nen Titel &#8222;<a title=\"Tagesspiegel - Kutscher, was soll das werden?\" href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/desorientierte-taxifahrer-in-berlin-kutscher-was-soll-das-werden\/8060832.html\" target=\"_blank\">Kutscher, was soll das werden?<\/a>&#8220; (Nebentitel &#8222;Desorientierte Taxifahrer in Berlin&#8220;) echauffiert sich eine offensichtlich gerne anonym bleiben wollende Journalistin* \u00fcber eine Taxifahrerin, der das Fahrtziel nichts sagte und die daraufhin ein Navigationssystem zu Hilfe nahm. Die Route des Navis war dank Stau und Baustellen wohl alles andere als optimal. So weit, so \u00e4rgerlich nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein bisschen kurios w\u00fcrde ich das nennen, was dann folgt. Um es zusammenzufassen: Die Journalistin \u00e4rgert sich dar\u00fcber, dass wir Taxifahrer immer weniger w\u00fcssten und dass wir das doch eigentlich gerade jetzt anders halten m\u00fcssten, wo doch unser Beruf dank Car-Sharing usw. ohnehin immer mehr in die Ecke gedr\u00e4ngt w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Grundthese finde ich eigentlich ganz ok. Nat\u00fcrlich \u2013 das hab ich zum Anlass diverser &#8222;Taxitests&#8220; ja auch immer wieder gesagt \u2013 steigt und f\u00e4llt die Qualit\u00e4t einer Taxifahrt mit dem Fahrer. Ortskenntnis, Professionalit\u00e4t, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft \u2013 all das macht den Unterschied zwischen einer fantastischen und einer grottigen Taxifahrt aus. Weit mehr als das die Automarke z.B. vermag. Wieso man aber am Punkt der Nutzung eines Navigationssystems ansetzen muss, verschlie\u00dft sich mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin auch froh um jede Tour, bei der ich das Navi nicht brauche, hier und da schalte ich es aber sogar dann mal ein. Das Drama f\u00e4ngt schon damit an, dass auch die werte Journalistin als Kundin im Taxi das Recht hat, den Weg zu bestimmen. Von diesem Recht Gebrauch gemacht hat sie offensichtlich nicht. Und tut sie das nicht, ist ihre Fahrerin schon gesetzlich an den k\u00fcrzesten Weg gebunden. Gerade f\u00fcr solche F\u00e4lle sind Navis super! Man kennt die Adresse nicht wirklich, wei\u00df nicht, ob man da von hinten oder vorne besser rankommt. Daf\u00fcr gibt es die Teile. Pi mal Daumen nach Wei\u00dfensee w\u00e4re die Fahrerin ziemlich sicher auch so gekommen. Nat\u00fcrlich w\u00e4re der Optimalfall gewesen, dass sie sich besser ausgekannt h\u00e4tte und schnell noch eingeworfen h\u00e4tte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Die Hauptstra\u00dfe w\u00e4re zwar k\u00fcrzer, aber wegen der Baustellen ist es hinten rum schneller. Kostet halt 80 Cent mehr.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist toll, sowas \u2013 so w\u00fcnsche ich mir meine Fahrten auch immer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber genauso w\u00fcrde ich mir von Journalisten auch immer die Recherche w\u00fcnschen, die ganz offensichtlich wie bei uns die Ortskenntnis eines der Hauptqualit\u00e4tsmerkmale ist. Dadurch, dass ich im Taxigewerbe inzwischen einiges an Wissen gesammelt hab, sch\u00fcttele ich immer wieder den Kopf und frage mich, wieso die Journalisten so ein einfaches Thema so grottenfalsch wiedergeben. Dabei sind die Fehler oft verzeihlich. Haben sie doch enormen Zeitdruck, werden schlecht bezahlt und haben einfach nicht die M\u00f6glichkeit, sich wegen eines Artikels \u00fcbers Taxifahren in die Materie richtig tief einzuarbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun, das ist mit der Ortskenntnis aber nicht anders. Berlin hat eine Fl\u00e4che von 891 km\u00b2. Auf dieser Fl\u00e4che liegen unz\u00e4hlige vermeintlich wichtige Punkte. Weit mehr, als sie ein Mensch erfassen, geschweige denn abspeichern k\u00f6nnte. Zumal sich vieles permanent \u00e4ndert. Stra\u00dfennamen vielleicht nicht so oft, bei Club- und Hotelnamen ist die Fluktuation aber beispielsweise legend\u00e4r. Ich neige jetzt auch dazu, zu sagen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Naja, aber hallo: Wei\u00dfensee, die Hauptstra\u00dfen \u2026 von Friedrichshain aus? Das sollte man aber doch wissen \u2026&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend das aber f\u00fcr die werte Journalistin vielleicht der Nabel der Welt ist, so k\u00f6nnte die besagte Taxifahrerin ihr haupts\u00e4chliches Arbeitsgebiet in Zehlendorf haben. Das w\u00e4re dann zwanzig Kilometer entfernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war vor ein paar Stunden mal wieder in Spandau. Das ist \u2013 manche Berliner wird&#8217;s \u00fcberraschen \u2013 noch Berlin. Den gesamten Bezirk sehe ich inzwischen allerh\u00f6chstens zweimal j\u00e4hrlich. Als Taxifahrer, bei dem das zum Pflichtfahrgebiet geh\u00f6rt \u2026<br \/>\nWenn wir jetzt noch vom &#8222;normalen&#8220; Fahrer ausgehen, der diesen Job Vollzeit macht, sagen wir 55 Stunden die Woche \u2013 dann kommt der vielleicht in derselben Zeit viermal nach Spandau. (Oder, wenn er eher im Westen unterwegs ist nach Treptow-K\u00f6penick)<br \/>\nSpandau hat aber 100 km\u00b2, sicher 1000 Stra\u00dfen und wahrscheinlich 300 bis 500 f\u00fcr eventuelle Kundschaft interessante Adressen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wann, so meine Frage an die Journalistin, sollen wir uns die Ortskunde daf\u00fcr aneignen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke, ich spreche f\u00fcr alle halbwegs an ihrem Job interessierte Kollegen, dass wir uns bem\u00fchen, unsere Arbeit gut zu machen. Aber ebenso wie man als Journalist heute wohl kaum noch umhinkommt, wenigstens ein Handy zu benutzen, eine eMail-Adresse zu haben oder mal in der Wikipedia was nachzusehen, haben auch wir nicht immer alles ohne Hilfsmittel im Blick. Und Taxifahren besteht ebensowenig daraus, einfach alle Stra\u00dfen in Wei\u00dfensee zu kennen, wie Journalismus nur daraus besteht, 26 Buchstaben halbwegs sinnvoll aneinanderzureihen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bundeskanzleramt \u2013 eines der Beispiele im Text \u2013 hab ich ehrlich gesagt noch nie anfahren m\u00fcssen. Da wei\u00df ich, wo es liegt. Immerhin. Bei der ein oder anderen Botschaft muss ich schon passen. Und sonderlich unwichtig w\u00fcrde ich diese Adressen nicht nennen. Aber hey, ich kenn die Preise von einigen Bordellen, ich kenne vielleicht einen guten Club f\u00fcr elektronische Musik in ihrer N\u00e4he, wei\u00df, dass in Marzahn diese oder jene Stra\u00dfe gesperrt ist, kann von mir zu Hause bis zum Sitz ihrer Zeitung alle Stra\u00dfennamen und Richtungswechsel runterbeten, kann betrunkene Kerle zum Benehmen ermahnen, trauernde Frauen tr\u00f6sten. Ich kann den Fahrpreis im Vorfeld auf vielleicht einen Euro genau im Kopf ausrechnen, kenne alle 95 Stadtteile und tausende von Stra\u00dfen. Das alles gerade mal f\u00fcnf Jahre, nachdem ich nach Berlin gezogen bin und zum Vorzugspreis von lumpigen acht Euro pro Stunde, wenn&#8217;s mal ein halbwegs guter Tag ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu ihrer Adresse, sehr geehrte namenlose Journalistin, w\u00fcrde ich aber vermutlich das Navi anschalten. Denn wer wei\u00df, was morgen in der Zeitung steht, wenn ich mich ausgerechnet in Wei\u00dfensee vertun sollte und der Fahrpreis etwas zu hoch ausf\u00e4llt \u2026<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/ca6fa678663744f692f6b31695c4976c\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">*Ist nicht b\u00f6se gemeint, aber ich hab den Namen zwischen all der Werbung und dem sonstigen Ged\u00f6ns auf der Seite nicht gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nachtrag<\/strong>: Inzwischen hat die Autorin einen Namen. Das war zum Zeitpunkt des Entstehens meines Artikels definitiv nicht der Fall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nachtrag 2<\/strong>: Bernd <a title=\"taxiblog-dresden.de \u2013 Ich bin K\u00fcnstler!\" href=\"http:\/\/www.taxiblog-dresden.de\/?p=1711\" target=\"_blank\">ist in seinem Taxiblog auch noch eine bissige Bemerkung zum Thema losgeworden<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>PS: Danke an die vielen Hinweisgeber!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tagesspiegel hatte gestern ein besonderes Schmankerl auf seiner Online-Pr\u00e4senz zu bieten. Unter dem sch\u00f6nen Titel &#8222;Kutscher, was soll das werden?&#8220; (Nebentitel &#8222;Desorientierte Taxifahrer in Berlin&#8220;) echauffiert sich eine offensichtlich gerne anonym bleiben wollende Journalistin* \u00fcber eine Taxifahrerin, der das Fahrtziel nichts sagte und die daraufhin ein Navigationssystem zu Hilfe nahm. 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