{"id":11456,"date":"2012-07-20T08:15:58","date_gmt":"2012-07-20T06:15:58","guid":{"rendered":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/?p=11456"},"modified":"2012-07-20T01:44:23","modified_gmt":"2012-07-19T23:44:23","slug":"taxifahrer-und-geld","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gestern-nacht-im-taxi.de\/wordpress\/2012\/07\/20\/taxifahrer-und-geld\/","title":{"rendered":"Taxifahrer und Geld \u2026"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es ist traurig. Verdammt traurig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir Taxifahrer verdienen &#8211; und zwar durch die Bank &#8211; alle zu wenig Geld. Das ist so und da gibt es nichts dran zu r\u00fctteln. Ich selbst hab zwar einen ganz passablen Stundenlohn, aber den erkaufe ich mir dadurch, dass ich zu den unlukrativen Zeiten gar nicht fahre. Sprich: Ich arbeite weniger als die meisten Kollegen und verdiene damit auch weniger. Das ist die Crux umsatzbasierter Bezahlung bei wechselhafter Auftragslage: Arbeite ich viel, hab ich am Ende ein mittelm\u00e4\u00dfiges Gehalt und einen schlechten Stundenlohn &#8211; arbeite ich wenig, ist der Stundenlohn zwar akzeptabel, das Gesamtergebnis daf\u00fcr schlecht. Ist ja nicht so, dass ich grundlos auf meine <a title=\"Sashs Amazon-Wunschzettel\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/wishlist\/3KTE6B9QRVODA\" target=\"_blank\">Amazon-Wunschliste<\/a> verlinke oder hier Werbung geschaltet habe. \ud83d\ude09<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dass das W\u00f6rtchen &#8222;gut&#8220; nicht aufgetaucht ist, ist kein Zufall: Wir reden hier immer von Betr\u00e4gen, die pro Stunde einstellig bleiben. Dass ich das so locker sehe, liegt im Wesentlichen an meinem Fatalismus und der Tatsache, dass ich durchs Schreiben inzwischen ein paar Euro zus\u00e4tzlich verdiene. Und beides ist nicht unbedingt eine Option f\u00fcr alle anderen Kollegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer jedoch hat mich letzte Woche ehrlich geschockt, bzw. betroffen gemacht. Er stand vor mir am Ostbahnhof und beschwerte sich \u00fcber Probleme beim Funk. Es ging darum, dass eine Hammertour von \u00fcber 50 \u20ac an einen Kollegen \u00fcber den offenen Kanal abgegeben wurde, der 10 Minuten Anfahrtszeit verk\u00fcndete. Das Problem dabei: Mehrere tausend Taxifahrer haben die Daten f\u00fcr diese (wirklich \u00fcber alle Ma\u00dfen lukrative) Tour mitgeh\u00f6rt und bei der langen Anfahrtszeit ist einfach davon auszugehen, dass sich irgendein &#8222;Kollege&#8220; mit fragw\u00fcrdigem Verhalten zwar nicht meldet, die Tour dennoch nach M\u00f6glichkeit abgreift, wenn er in der N\u00e4he ist, weswegen es &#8211; aus Sicht der Fahrer &#8211; tats\u00e4chlich ein Unding ist, bei so einer Fahrt gleich die Hausnummer und die Zieladresse mitzubenennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ging im \u00dcbrigen um den Funk, den ich auch nutzen k\u00f6nnte \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besagter Kollege regte sich jedenfalls dar\u00fcber auf und meinte immer wieder, er w\u00fcrde gerne zur anderen Zentrale wechseln. Dummerweise erlaubte ihm sein Chef das nicht, bzw. er sagte, das k\u00f6nne er gerne machen, aber aus eigener Tasche bezahlen. Also die Geb\u00fchren f\u00fcr den Funk, soweit ich wei\u00df derzeit rund 150 \u20ac pro Monat. Diesen reichlich obsz\u00f6nen Vorschlag haben wir Kollegen nat\u00fcrlich entsprechend scharf beantwortet. Denn das ist ein Unding! Durch die umsatzbasierte Bezahlung tragen wir Fahrer im Taxigewerbe ohnehin einen erheblichen Teil des unternehmerischen Risikos, wenngleich wir nur angestellt sind. Der Vorteil, angestellt und nicht selbst\u00e4ndig zu sein, ist im Taxigewerbe recht eng beschr\u00e4nkt auf das, was der Chef bietet.<br \/>\nIm Gegensatz zu Selbst\u00e4ndigen treten wir rund die H\u00e4lfte der Einnahmen ab, im Gegenzug haben wir bezahlten Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, das Auto wird uns gestellt, und und und.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und diese Rechnung ist f\u00fcr beide Parteien mitunter eng. Die H\u00e4lfte des Umsatzes ist auf der Fahrerseite meist zu wenig zum Leben, auf der Seite des Chefs bleibt am Ende aber auch nur genug \u00fcbrig, wenn alles passt &#8211; sprich: Wenige Fahrer krank sind, der Umsatz stimmt, etc. Dass es aber zweifelsohne ins Aufgabengebiet der Chefs f\u00e4llt, dem Fahrer eine vern\u00fcnftige Arbeit zu erm\u00f6glichen, das steht au\u00dfer Frage, denn das ist f\u00fcr uns erst mal die Hauptaufgabe eines Chefs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besagter Kollege allerdings jammerte in einem fort: Den gew\u00fcnschten Funk bek\u00e4me er nicht, das\u00a0 Auto sei Schrott \u2026 und er erw\u00e4hnte einige bemerkenswerte M\u00e4ngel an seinem Fahrzeug. Dieses war zwar ein schicker Mercedes, aber so Kleinigkeiten wie eine defekte Klimaanlage, nicht funktionierende Fensterheber etc. w\u00fcrden einfach nicht behoben. Aus Prinzip. Daf\u00fcr w\u00e4re kein Geld da.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir waren nun 3 Kollegen aus 3 unterschiedlichen Betrieben und wir alle haben einstimmig gesagt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ey, schei\u00df auf die Firma! Wechsel zu jemand anders!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und was meint der Kollege:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;W\u00fcrd ick ja, aber die zahlen 50%, das zahlt ja sonst keiner mehr heute! Ansonsten halten die nur die Hand auf, bis auf das Geld h\u00e4lt mich da nix!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zugegeben: Das ist eine Hausnummer! Ich selbst bekomme bei <a title=\"Taxihaus-Berlin\" href=\"http:\/\/www.taxihaus-berlin.de\/\" target=\"_blank\">meinen Chefs<\/a> 45% und war bislang \u00fcberzeugt davon, dass das einer der h\u00f6chsten S\u00e4tze \u00fcberhaupt in Berlin ist &#8211; also zumindes legal und sozialversicherungspflichtig (was ja auch nicht alle so ganz einhalten\u2026). Es gibt Kollegen, die arbeiten f\u00fcr 33% des Umsatzes, so rund um 40-42% liegt wohl der Mittelwert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr als 10% mehr Lohn sind nat\u00fcrlich eine heftige Sache &#8211; aber mal ehrlich: Ist es das wert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist es das wert, dass einen der eigene Chef &#8211; der sich letztlich \u00fcber unsere Arbeit finanziert &#8211; nicht mal ernst nimmt? Nicht mal nach L\u00f6sungen sucht und \u00dcberlegungen anstellt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn ich durch meine Nebenverdienste ein bisschen priviligiert bin, m\u00f6chte ich doch ausrufen:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Schei\u00dfe nein!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sehr Taxifahren auch Spa\u00df macht: es ist Arbeit, Lohnarbeit! Und wenn wir nicht daran kaputt gehen wollen, dann ist es wichtig, dass das wenigstens eine soziale Komponente hat, dass wir trotz beschissenem Lohn nicht nur davon, sondern auch damit leben k\u00f6nnen! Wenn ich glaube, mit einem anderen Funk mehr zu verdienen, dann m\u00f6chte ich das mit meinem Chef besprechen k\u00f6nnen! Wenn es Probleme mit diesem oder jenem gibt, will ich, dass der Chef das angeht und wenn das Auto kaputt ist, dann muss mein Chef das verdammt nochmal reparieren lassen! Nat\u00fcrlich muss es mal Kompromisse geben. Nat\u00fcrlich muss jeder Taxifahrer damit leben, dass mal was unvorhergesehenes kaputt ist und vielleicht auch mal eine Schicht deswegen ausf\u00e4llt. So ist das Leben und die Chefs sind nat\u00fcrlich auch keine G\u00f6tter, die mal eben unmenschliches vollbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber verdammt nochmal, gerade das Taxigewerbe ist ein Bereich, in dem man als Angestellter erstaunlich viele Freiheiten hat. Bzw. haben kann. Manchmal ist das ein schwacher Trost f\u00fcr die mickrigen Einnahmen, das ist wahr. Aber wie \u00e4tzend muss dieser Beruf sein, wenn man sich nicht einmal auf den Termin bei Cheffe freut? Was w\u00fcrden mir 10% mehr Lohn dabei helfen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr 150 \u20ac im Monat sollte man nicht darauf verzichten, mit Cheffe auf Augenh\u00f6he reden zu k\u00f6nnen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Kollege hat mir wieder mal klargemacht, dass es nicht \u00fcberall so ist wie bei uns im Taxihaus und wie froh ich sein kann, meine Chefs trotz nat\u00fcrlich \u00fcberwiegend gesch\u00e4ftlicher Beziehung als Freunde und Ansprechpartner zu betrachten. Ich jedenfalls m\u00f6chte mit dem Kollegen nicht tauschen. Und ich w\u00fcrd&#8217;s auch nicht f\u00fcr 55% tun! Traurig, dass es mehr als genug Leute gibt, bei denen es eng genug ist, dass sie da keine Wahl sehen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/20b6f31ac47441938cf3b7e7ff7eb0c7\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist traurig. Verdammt traurig. 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